„Wie das Akkordeon zu mir kam“ 

16. Juni 2021

Lesezeit: 4 Minute(n)

… ein Sammler berichtet

Eine große Begeisterung war es sofort, die Toni Schwall als Junge fürs Akkordeon entwickelte, damals, in den 1940er-Jahren. Bis heute widmet er dem Sammeln, Reparieren und Spielen gerne seine Zeit – selbst wenn er „zwischenzeitlich“ einige Jahrzehnte als Ingenieur und Lehrer tätig war.

Ich bin 1936 geboren. In Mayen besuchte ich vier Jahre lang die Volksschule. Durch die häufigen Fliegerangriffe fielen aber viele Unterrichtstage aus. Die letzten Kriegswochen verbrachten meine Mutter, mein Bruder und ich bei der Familie einer Tante auf dem Land. Dort hatte ich einen fünfzehnjährigen Cousin, der richtig gut Harmonika spielen konnte. Sein Spiel begeisterte mich. Es gab eine alte Harmonika, auf der ich meine ersten Spielversuche unternahm. Als wir nach Hause zurückkehrten, durfte ich sie leihweise mitnehmen. Aber nach wenigen Tagen erschien die Tante bei uns und nahm die Harmonika wieder mit. Sie sagte, ihre jüngste Tochter wolle darauf spielen. Wir hatten kein Geld, um ein eigenes Instrument zu kaufen. So habe ich mir an den Schaufenstern von Läden, wo Akkordeons und Harmonikas ausgestellt waren, die Nase platt gedrückt. Die Idee, ein eigenes Akkordeon zu kaufen, rückten aber immerhin näher.

So ging es los: Toni Schwall 1954 mit einem seiner ersten Akkordeons

Meine Mutter bestellte zu Weihnachten 1949 im Versandhandel ein Akkordeon mit 12 Bässen für 140 DM. Geliefert wurde statt dessen ein Modell mit 32 Bässen, das aber 50 DM teuerer war. Der Aufpreis wurde über zehn Monatsraten zu je 5 DM abgestottert. Ich war glücklich mit meinem Weihnachtsgeschenk und übte fleißig unter Zuhilfenahme einer Spielanleitung. Bald aber kam ich an meine Grenzen und so nahm ich zu einer moderaten Stundengebühr Unterricht bei einem Musiklehrer. Mit ihm war ich noch lange Jahre bis zu dessen Tod befreundet. Bald hatte ich die Spielmöglichkeiten auf dem kleinen Akkordeon ausgeschöpft. Ein größeres Akkordeon sollte gekauft werden, aber woher das Geld dafür nehmen?

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Vater hatte für meinen Bruder und mich geerbtes Geld auf gesperrten Konten angelegt, die erst bei Volljährigkeit zugänglich sein sollten. Nach Darlegung unserer finanziellen Notlage beim Amtsgericht wurde von meinem Konto die Freigabe eines bestimmten Betrags für den Kauf eines großen Akkordeons bewilligt. Ich erhielt eine Atlantik IIIP und konnte mich musikalisch weiterbilden. Ich übte viel. Da ich in meiner Kindheit und Jugend nicht einfach zu erziehen war, freute sich meine Mutter über jede meiner Übungsphasen am Akkordeon. Sie sagte oft: „Wenn er Akkordeon übt, macht er keine Dummheiten.“
Ich besuchte das Gymnasium in Mayen. Dort hatten wir einen Schulchor, der geleitet wurde vom städtischen Musikdirektor. In einer der Unterrichtsstunden fragte er uns, wer ein Musikinstrument spiele. Meine Mitschüler berichteten über ihr Klavierspiel, Geigenspiel, Flötenspiel und dergleichen mehr. Ich teilte frohgemut mit, dass ich Akkordeon spiele. Aber seine Reaktion war niederschmetternd. Er verdammte das Akkordeon auf die übelste Art. Kurze Zeit darauf mussten wir einzeln vorsingen, denn er suchte Verstärkung für den Schulchor. Als ich an der Reihe war, übte ich Rache für seine abfälligen Äußerungen über das Akkordeon und sang absichtlich falsch. So hatte ich mir außerdem zwei Freistunden in der Woche beschert, denn der Chorgesang fand immer samstags in der fünften und sechsten Stunde statt.
Später sah ich auf Flohmärkten oft Akkordeons, die ich mir früher gewünscht hatte, aber nie kaufen konnte. Ich kaufte zwei heruntergekommene Instrumente und versuchte, sie wieder instand zu setzen. Durch meine inzwischen abgeschlossene handwerkliche Ausbildung war ich imstande, vieles zu reparieren.
Nach der mittleren Reife hatte ich das Gymnasium verlassen und zuerst eine Lehre als Kfz-​Mechaniker gemacht. Dann studierte ich von 1957 bis 1960 an den Vereinigten Technischen Lehranstalten Koblenz (später Fachhochschule Koblenz) Maschinenbau mit dem Abschluss Dipl.-Ing. (FH). Nach drei Jahren Berufstätigkeit als Ingenieur wechselte ich an die Berufsbildende Schule und unterrichtete dort die Fächer Metalltechnik, Mathematik und Physik. Ein Aufbaustudium schloss ich an der Universität Kaiserslautern 1975 mit Examen ab.

Übersicht über eine nun schon etwa 200 Modelle umfassende Sammlung.

Toni Schwall mit einem seiner Sammlerstücke, hier ein Modell von Alceste.

Spezielle Fachkenntnisse über die Reparatur von Akkordeons hatte ich allerdings zunächst einmal nicht. Einwöchige Reparaturkurse bei der Firma Hohner in den Jahren 1987 bis 1990 unter der Leitung von Herrn Wolf Linde versetzten mich aufbauend auf meine handwerkliche Ausbildung dann in die Lage, Akkordeons sachgerecht zu reparieren und zu überarbeiten. 1996 ging ich als Studiendirektor in den Ruhestand. Meine Liebe gilt weiterhin den Handharmonika-​Instrumenten, von denen ich über die Jahre so viele gesammelt habe und die ich Zug um Zug instandsetze.
Aus meiner Sammelleidenschaft und der Freude an der Überarbeitung der Instrumente entstand meine heute etwa 200 Modelle umfassende Sammlung. Die Akkordeons und Harmonikas befinden sich nach Überarbeitung zu einem großen Teil in einem optisch und technisch einwandfreien Zustand. Darüber hinaus besitze ich eine große Sammlung von Akkordeonnoten und ein Archiv mit etwa 300 Fachbüchern und Aufsätzen über Handharmonika-​Instrumente, etwa zu Geschichte, Instrumententechnik und Instrumentenkunde. Für verschiedene Publikationen habe ich selbst über verschiedene Fachthemen in diesem Bereich geschrieben.

Fachbücher des Autors

Die Akkordeonstimmung: Ein Wegweiser durch Theorie und Praxis
Handharmonika-​Instrumente Teil 1: Instrumentenkunde
Handharmonika-​Instrumente Teil 2: Instrumententechnik und Reparaturkunde Handharmonika-​Instrumente Teil 3: Baupläne für einen Stimmtisch
Handharmonika-​Instrumente Teil 4: Beiträge zur Instrumententechnik, Akustik und Stimmpraxis
Handharmonika-​Instrumente Teil 5: Nützliche Arbeitshilfen für die Akkordeonwerkstatt, Bauanleitungen und Baupläne

Website: www.toni-​schwall-​akkordeon.de

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