Wie kommt das Gefühl in die Musik?

8. Oktober 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

Die fünf Säulen der Kommunikation in der Musik: „Die Kunst der Balgführung“

Eine fünf​teilige philosophische Betrachtung mit praktischen Übungen für das atmende Akkordeon von Carmen Hey (Akkordeonpoetin, Autorin & Creative Coach). — Musik ist internationale Kommunikation ohne Worte. Jeder kann sie verstehen. Die Sprache der Musik ist das Gefühl. Es erzeugt die Tiefe in den Melodien und bringt sie in entsprechende Schwingung. Die Ausdrucksweise des Interpreten ist vergleichbar mit der eines Erzählers, dessen Kunstfertigkeit darin besteht, Ohren und Herzen zu öffnen.

Workshopübersicht

Teil 1: Gefühlvolle Stimm(z)ungen
Teil 2: Das atmende Akkordeon
Teil 3: Klang – geheimnisvolles Güte-​Siegel
Teil 4: Über die Schönheit des persönlichen Stils
Teil 5: Innen Gefühl – außen Musik

3

Die Autorin

Carmen Hey: Expertin für Ausdruckskraft und Gefühl in der Musik
Ihr Motto: „ … sich spielend entfalten!“
Ort: lebt und arbeitet in Berlin
Instrumente: Martinelli und Gadji
Das Besondere: Kunst der Balgführung und ­Entwicklung von Lernprogrammen

Beruf und Berufung: Seit vielen Jahren hilft Carmen Hey Menschen dabei, ihren Fähigkeiten zu vertrauen und dem inneren Ruf des Herzens zu folgen. Für sie ist es wesentlich und ganz selbstverständlich, zu wachsen und flexibel zu sein. Zuerst den Blick auf das Eigene zu richten und sich fortwährend weiterzuentwickeln, gehört aus ihrer Sicht zum Besten, was man für sich und andere tun kann. Carmen Hey arbeitet als Akkordeonistin in der internationalen Musik-, Studio-, Film- und Eventbranche. Sie gründete 2001 in Berlin ihre eigene Akkordeonschule „Creative Atelier für Musik und Lebenskunst“. Hier bietet sie Kurse, Creative Coaching und Workshops an. Sie ist als Komponistin (Weltmusik/Jazz) tätig und schreibt Akkordeon-​Workbooks sowie Essays zum Thema Kreativität und Inspiration in der Musik.

Teil 1

Gefühlvolle Stimm(z)ungen

Ich bin!

Körper

Haltung, Bewegung, Kontakt, Gestik, Mimik

Wie es gelingt, dass selbst gespielte Musik berührt

In diesem Essay geht es darum, die Ausdruckskraft zu betrachten. Es geht um die Frage, wie Klang und Gefühl in Musik hinein- und vor allem aus ihr wieder herauskommenen. Was ist wichtig, um die Fülle an Tonqualitäten richtig zum Ausdruck zu bringen? Was hat es auf sich mit der Kunst der Spannung? Und wie ist es möglich, persönliche Gefühle durch Musik erfahrbar zu machen?

„Mit allen Sinnen Freude!“

___STEADY_PAYWALL___

Dynamisch und flexibel

Akkordeon, Quetschkommode, Harmonika und Squeeze Box. In vielen Welten zu Hause. Macht glücklich, weil am Herzen gespielt. Ist aufregend, dynamisch, atmend und flexibel. Bringt Spannung und Schwung in jedes Event. Transportiert Bewegendes, im Rhythmus der Zeit.

Tönen, Luftholen, Pulsieren, Vibrieren. Das Akkordeon scheint prädestiniert zu sein, Frust und Lust des Lebens stimmungsvoll zu begleiten, es mit lachenden und weinenden Melodien auszuschmücken. Ein lebensfrohes, unangepasstes, freches und auch feinsinniges Instrument. Melodiös, harmonisch oder auch diatonisch. Es kann die unterschiedlichsten Stimmungen durch die freischwingenden Stimmzungen zum Ausdruck bringen. Es kann weich und zart klingen – oder stark und wild. Der Ton strömt aus ihm heraus, wie der Atem aus der Lunge. Ein und aus. Hin und her. Mit gut geführtem Balg und einer bewusst eingesetzten Körperspannung wird musikalischer Ausdruck geformt. Wie mit dem Bogenstrich bei einem Cello oder bei einer Geige kann mithilfe des Balges Spannung und Entspannung in die Töne gebracht werden, oder genauso wie ein Sänger sein Zwerchfell einsetzt, um helle oder dunkle Töne zu stützen, zu stabilisieren. Für Akkordeonspieler ist es also essenziell, eine spannende Balgführung zu haben. Wie viel Volumen wird gebraucht? Welche Akzente sollen gesetzt werden? Wo braucht es große Dynamik und wo klingt ein Ton sanft aus?

„Von innen nach außen!“

Welche Stimmung, also welches Gefühl du nun ausdrücken möchtest, hängt jedoch nicht alleine von der erlernten Spieltechnik ab. Die Kunst besteht vor allem darin, sich einzulassen – auf das Gefühl! Es geht darum, Musik zunächst in dir selbst zu fühlen, ihr zuzuhören, um sie dann liebevoll an dein Instrument zu übergeben. Erlebter Klang.

Fundierte Basis-​Note – Erste Reflexion

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie authentischer Ausdruck eigentlich entsteht? Beobachte und fühle dich ein. Die nächsten Fragen lasse einmal durch dein Herz schwingen. Beachte dabei deine Reaktionen und Gefühle mit liebevoller Aufmerksamkeit:

Ist dein Spiel blühend und saftig oder klingt es wie trockene Strohblumen? Wen oder was ahmst du nach? Wie welcher Interpret möchtest du klingen? Bist du manchmal frustriert und hättest gerne ein schöneres Ergebnis? Hört man dir gerne zu? Hörst du dir denn auch selbst gerne zu und magst du deine Töne? Wie klingt deine Musik, ist sie authentisch? Was meinst du, stimmt deine Empfindung mit deinem Spielen überein?
Wer Lust am „Gärtnern“ in der Musik hat und sich gerne den eigenen kreativen Impulsen hingibt, wird es rasch herausfinden. Experimentiere und lerne! Mit Saatgut, Harke, Gießkanne, Schaufel, Gummistiefeln und frischer Erde gewappnet, kann das Abenteuer der Ergründung deiner persönlichen Ausdrucksfähigkeit starten. Wer seine Pflänzchen selbst zieht und ihnen voller Freude beim Wachsen zusieht, bunte, stimmungsvolle Blumen-​Rabatten anlegt, interessante Musik-​Bouquets zusammenstellt, blühende Melodien zaubert, vorzugsweise selbst gepflückte Sträuße bindet, ist rasch im Besitz großer Lebensweisheit.

„Das universelle Geschenk der eigenen schöpferischen Kreativität“

Jeder besitzt sie und kann sie nutzen. Wer von sich gibt, bekommt zurück! Erschaffe also Resonanz. Bringe dich ins Spiel. Zeige etwas von deiner Einzigartigkeit und Schönheit. Schenke Musik-​Blumen aus deinem Garten, aus deiner individuellen Kollektion. Sei besonders. Sei einzigartig. Und vor allem – sei stolz auf dich! Jeder trägt ein großartiges Potenzial in sich. Es stimmt nicht, dass es nur einige wenige schaffen werden, etwas Besonderes zu werden und zu sein! Glaube diesen Worten nicht, sondern verbinde dich mit dieser Kraft und verschenke dich großzügig. Beobachte dann, was geschieht.

Angestrengte Kopf-​Note – Zweite Reflexion

Ah … der Verstand! Da ist er ja! Er zweifelt erst einmal, überlegt, recherchiert, sucht, gleicht ab, übersetzt, vergleicht, wertet aus, sortiert, ist sich sicher, will mehr, kann weiter, möchte wissen, analysiert, studiert, boykottiert, blockiert, weiß es besser, kennt sich aus, kopiert, imitiert, parodiert, nimmt die Gegenposition ein, ist Schwertkämpfer, Statistiker und wird immer übervorteilt von Positionen, Rang, super Handicaps. Und hat er recht?! Der Kopf läuft so gerne voraus, als Kundschafter, der widerspricht, als Chef, Master oder Ego.

Weniger als Botschafter. Noch weniger als Wegweiser hin zu Gabe, Talent und Geschenk. Sein Plan ist es jedenfalls nicht, die inneren Schätze zu teilen. Hingabe? Wertfreiheit? Absichtslosigkeit? Fehlanzeige!
Der Mensch besitzt von Natur aus leider keinen „Ort“-Sinn. Er fühlt sich deshalb oft etwas verloren in fremden Gedanken und Gefühlen, die weit weg von ihm selbst sind. Das bedeutet, dass der Geist sich in einer orientierungslosen Unruhe befindet und ständig den Ort der Wahrnehmung wechseln möchte. Die Gedanken und Gefühle tauchen auf, verschwinden wieder. Oder springen von einer Sache zur anderen. Ruhelos. Heimatlos. Hin und her zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Hätte-​, Sollte-​ und Könnte-​Interpretationen. Es ist so, als wüsste er nicht, wo er sich seelisch gerade befindet. Wer und wo er ist. Er ist orientierungslos und sucht dann angestrengt nach Halt. Das ist der Grund, warum es so unendlich viele Stimmungen gibt, denen wir täglich immer wieder ausgeliefert sind.
Dies sind Augenblicke, in denen wir sehr gut auf uns achten sollten. Denn nun sind wir nicht mehr mit uns selbst verbunden – als hätten wir uns losgerissen und kämen uns abhanden, als seien wir abgetrennt vom Wesentlichen. Das ist gefährlich, denn nun können andere über unser Befinden entscheiden, es ausgleichen, es zurückholen oder es für sich nutzen …
Tipp: Mit Achtsamkeit bringst du dich ganz leicht wieder zurück zu dir. Dein inneres Gleichgewicht pendelt sich neu ein und stellt die innige Verbindung wieder her – zu deinem authentischen Wesen! Du bist jetzt wieder mit deiner natürlichen Intuition verbunden und hast Zugang zu authentischer Ausdrucksmöglichkeit.

Blühende Herz-​Note – Dritte Reflexion

Jetzt. In diesem Augenblick. In dieser Gegenwart. Kuckuck! Da bist du ja! Jetzt genau bist du authentisch und besonders. Immer wenn du dich von einer festen Idee lösen kannst und in eine weiche, flexible Grundhaltung kommst, geschieht Magisches: Du beginnst zu blühen, zu duften und zu strahlen.

Willkommen, authentisches Lebensgefühl! Da sprudelt es aus der Quelle und schwappt über vor Lebensfreude. Es strömt und fließt. Du bist dir nah und bist ganz du selbst. Du kannst dich jetzt wieder auf dich verlassen. Verweile im Augenblick und schenke dir selbst Achtsamkeit. Nimm dich wahr, wo und wie du gerade bist. Beobachte dich und spüre den Frieden in dir. Einklang. Du bist angekommen bei dir selbst, bist stark mit dir selbst verbunden und deine Musik leuchtet nun in allen Farben. Jeder künstlerische, musische oder persönliche Ausdruck, der aus solch einer tiefen Verbundenheit entspringt, ist berauschend und schön! Große Musiker und Künstler sind in enger Verbindung mit sich – in ihrem Wesen treu verankert und so voller Kraft und Liebe.

„Aufrichtig gespielte Musik ist immer schön und anziehend!“

Nimm dir gleich noch einmal einen Moment für dich und halte inne: Spüre den Wind und die Stärke deiner momentanen Stimmung. Siehst du deine Herznoten erblühen, da du jetzt weißt, wie du mit dem Wind umzugehen hast? Fühlst du es? Die Töne in der Musik sind jetzt genau dieser verlängerte Gefühlsstrom, der aus dir heraus erklingt – wenn du es zulassen kannst, dass dein Körper mit dem inneren Wind schwingt. Gib dich ganz hin, dem aufkommenden Wind in dir, der die fruchtbaren Samen der Früchte weiterträgt. Denn als Gärtner weißt du, dass du der Natur und dir selbst vertrauen kannst. Sie reguliert und gestaltet. Sonne, Wind, Regen, Stürme, Mond und Sterne. Alles zu seiner Zeit. Sei deine Natur, deine Wesensart. Erzeuge deine Blumen und Früchte auf deine Weise.

Authentischer Klang – Vierte Reflexion

Kopiere nicht, sei wie und wer du bist. Individuelle Vielfalt ist interessant und anziehend! Zu viel Gleiches wäre eintönig. Du bist etwas Besonderes. Eine außergewöhnliche Tonblume, eine erfrischende Klangfarbe, eine einzigartige Duftkomposition, eine Seele mit Bedeutung. Verstecke dich nicht. Denke nicht darüber nach, ob du musikalisch bist. Lasse die Stimmen in dir nicht zu, die dir einreden wollen, du seist unmusikalisch. Tue einfach und hab Freude an deinem Tun. Du kannst nicht wissen, auf welch fruchtbaren Boden deine Töne fallen. Oder welches Herz du einmal berühren wirst.

Es ist so wertvoll und wichtig für alle Menschen, dass du deinen Platz einnimmst, um deinen „Wert“ weißt und ihn der Welt zeigst. Keine Blume käme auf die Idee, sich zu verstecken, wenn sie gerade dabei ist zu wachsen und zu blühen, wenn sie dabei ist, aus dem Samen hinauszukommen, dem Sonnenlicht zu folgen. Sie jammert nicht, sie zögert nicht. Sie tut an ihrem Ort, was sie am besten kann. Diese Blume zu sein!

Freude im Herzen – Quintessenz

Damit dein Akkordeonspiel dynamisch und gefühlvoll klingt, verbinde dich mit deinem Herzen. Es organisiert für dich das richtige Gefühl zur richtigen Zeit. Vertraue darauf! Was auch immer du ausdrücken möchtest, es kommt zu dir, wenn du es rufst. Wenn du dir selbst nah bist, wirst du immer den richtigen Weg finden, mit deinen Möglichkeiten deine Vorstellungen zu realisieren. Was in diesem Augenblick da ist, das ist perfekt. Mehr muss nicht sein. Das, was du jetzt abrufen kannst, ist das, was du hast. Authentisch. Echt. Gib von deinem Klang, gib von deinem Erleben in vollen Zügen! Und freue dich schon mal auf Resonanz. Sie kommt mit Sicherheit.

„Deine Musik entfaltet sich und strömt hinaus, als duftende Essenz deiner selbst.“

Versprühe sie mit deinem Akkordeon wie erfrischenden Frühlingsduft. Dein Instrument füllt sich mit Lebensfreude, saugt sich voll mit den Gefühlen und Empfindungen deines Herzens. Die Musik schwingt – erst in dir, in deinem Körper, in deiner Seele. Dann schwingt, singt und klingt sie weiter und weiter in die Welt hinaus. Und bleibt irgendwo hängen, in einem aufmerksamen Ohr. Oder bei einem großen Publikum, das dich liebt für dein Echt​sein. Jetzt weißt du um das Geheimnis authentischer Musik. Der Zauber beseelter Klänge lässt niemanden unberührt! Die Töne ziehen hinaus mit dem Wind. Ist dein Ton stimmig, ehrlich, klangvoll und authentisch, dann trägt ihn der Wind, wie ein Geschenk, von dir zu mir. Und genau so entsteht etwas sehr Kostbares: Freude!

Das nachfolgende Notenbeispiel Poème d’Amour – Jazz Valse ist eine lyrische Melodie in swingender Bewegung.

Weitere Beiträge zu diesem Thema…

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.