1. Dezember 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

Sveta Kundish & Patrick Farrell: New Yiddish Song

Text: Ramona Kozma, Fotos: Manuel Miethe, Shendl Copitman-Kovnatsky, Bringfried Seifert

Im Jahr 2013 standen sie zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Seit 2017 treten sie regelmäßig mit einer ganzen Reihe verschiedener Programme auf, darunter Swing, jiddische Theaterlieder, liturgische Musik, Volkslieder und Eigenkompositionen. Im Frühjahr 2022 erscheint ihr erstes Album. Ihr musikalisches Zusammenspiel von Akkordeon und Gesang harmoniert geradezu perfekt. So verwundert es nicht weiter, dass sie auch privat ein Paar sind.

Im Videointerview Mitte Oktober erzählen Patrick Farrell und Sveta Kundish von ihrer künstlerischen Zusammenarbeit, von aktuellen Projekten, den Besonderheiten des Akkordeons, der jiddischen Kultur und ihrer Wahlheimat Berlin.

Foto: Manuel Miethe

Sie kommen aus verschiedenen Welten und bringen ihre vielfältigen musikalischen Backgrounds mit in die Musik ein: Patrick Farrell, geboren in den USA, ist Akkordeonist, Komponist und Bandleader. Er begleitete mehrere Tanz- und Theaterproduktionen in den USA als musikalischer Leiter, spielte in Jazz- und Neue-​Musik-​Formationen und war an etlichen Albumproduktionen beteiligt. Sveta Kundish, geboren in der Ukraine, später aufgewachsen in Israel, studierte Musikwissenschaften in Tel Aviv, klassischen Gesang in Wien sowie jüdische Liturgie und kantorale Musik in Berlin. Seit 2018 ist sie offiziell als Niedersachsens erste weibliche Kantorin tätig.

Kennengelernt haben sich die beiden Weltenwanderer in Deutschland. Heute leben sie gemeinsam in Berlin. Das Gespräch wurde in Englisch geführt.
Den beiden Künstlern fällt es schwer, ihrer Musik ein Label zu verpassen. „Wir nennen es New Yiddish Song“, so Farrell, „damit die Zuhörer eine Vorstellung davon bekommen können, was sie erwartet. Aber hinterher sind sie doch meistens sehr überrascht.“
Die Überraschung mag darin liegen, dass die Musik des Duos etwas ganz Eigenes darstellt. „Es ist nicht nur ein Stil. Es sind viele verschiedene Einflüsse“, erklärt Kundish. „Auf meiner Seite zum Beispiel Klassik, russische Volksmusik und die Singer-​Songwriter-​Tradition.“ „Wir wollen Musik machen, die persönlich, wahr und ehrlich ist“, betont Farrell. „Und wenn du das machst, tauchen all die Einflüsse, die dein Leben geprägt haben, darin auf. Wir sind Menschen des 21. Jahrhunderts und Musiker des 21. Jahrhunderts. Und wir beide haben bereits viele verschiedene Arten von Musik gehört und gespielt.“ Der rote Faden, der sich jedoch durch alles hindurchziehe, sei die jiddische Sprache und die „Yiddish Song Tradition“.

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„Wir wollen Musik machen, die persönlich, wahr und ehrlich ist.“

 

Farrell

Es begann mit Liebesgedichten

Neben ihrem umfangreichen Repertoire an jiddischen Liedern, von traditionell bis modern, stellen die Eigenkompositionen von Patrick Farrell einen besonderen Teil ihres Programms dar. Diese basieren auf der Vertonung von jiddischen Gedichten. „Zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, spricht dich etwas in einer bestimmten Weise an. Ich war verliebt in Patrick, also schickte ich ihm Liebesgedichte“, erzählt Kundish den Beginn dieser Entwicklung. „Später schickte er mir einige Gedichtzyklen, damit ich sie lese.“ Auf die Frage nach ihren Auswahlkriterien für die Gedichte erklärt Farrell, dass nicht jedes Gedicht in einen Song verwandelt werden kann. Daher setzen sie ihren Fokus nicht auf ein Thema, auf eine bestimmte Zeit oder auf einen Poeten. „Wir suchen nach Gedichten, die man in die Welt hinaussingen will und die gut gesungen werden können. Sie dürfen nicht zu lange oder komplizierte Wörter haben. Manchmal findest du einen inspirierenden Poeten, liest alle seine Gedichte, findest aber lange nichts, bis da dieses eine Gedicht ist, das sich eignet“, so Farrell. „Oder du stößt auf einen Dichter und kannst fast jedes seiner Gedichte singen“, ergänzt Kundish.

So erging es den beiden mit der jiddischen Dichterin Bertha Kling, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Bronx in New York City lebte und dort nicht nur selbst Poetin wurde, sondern auch so etwas wie ein offenes Haus führte, das sich zum Treffpunkt für junge Intellektuelle und Künstler entwickelte.
In ihrem aktuellen Projekt beschäftigen sich Farrell und Kundish mit einem Gedichtzyklus, der unter dem Titel Gebet erschienen sind. Alle Gedichte dieses Zyklus seien großartig, von großer poetischer Kraft und zugleich sehr unterschiedlich. Es sind Gebete in jiddischer Sprache. Somit passen sie auch gut zu der Kantoren-​Tätigkeit, die Sveta Kundish ausübt. „Es ist ein spannendes Feld für uns. Wir haben beim Stückeschreiben an eine Art moderne Liturgie gedacht“, beschreibt Farrell den Kompositionsprozess. Dies ist ein weiteres Auswahlkriterium für die beiden: ein Gedicht zu finden, das zu ihrer musikalischen Ästhetik passt, zu einer Idee, die sie verwirklichen wollen.

Im Frühjahr 2022 erscheint ihr erstes gemeinsames Album, aufgenommen in Berlin, Wien und Washington D.C. unter Mitwirkung vieler musikalischer Freunde.

Foto: Manuel Miethe

„Das Einzige, was ich ­versuche nicht zu tun, ist, mich selbst einzuschränken!“

 

Farrell

Auf dem Yiddish Summer Weimar 2019 lauschen Farrell und Kundish einer alten Wax-Zylinder-Aufnahme.

Foto: Shendl Copitman-Kovnatsky

Vom Gedicht zum Lied

Der Charakter einer Eigenkomposition hängt dann wieder stark vom jeweiligen Gedicht ab. „Manche Gedichte fühlen sich für mich an, als seien sie Volkslieder. Also will ich dazu ein Volkslied schreiben. Andere fühlen sich an wie ein Kunstlied. Also will ich dazu ein klassisches Kunstlied schreiben. Das Einzige, was ich versuche nicht zu tun, ist, mich selbst einzuschränken“, erläutert Farrell.

Beim Komponieren können viele verschiedene musikalische Prägungen auftauchen. „Ich habe viel Reggae Music gehört – wirklich sehr viel Reggae Music. Ich liebe Reggae Music und liebe den Bass. Ich schreibe nicht etwa extra einen jiddischen Song, der ein ­Reggae Song sein soll, vielmehr habe ich diese Idee einer coolen Basslinie verinnerlicht. Und manchmal braucht ein Stück einfach eine richtig gute Basslinie. Vermutlich würde das keiner im Publikum merken, aber ich weiß: Das ist ein Einfluss, der vom Reggae-​Hören kommt.“ Dies sei nur ein kleines Beispiel. Daneben seien auch viele andere Elemente relevant und wirksam: zum Beispiel seine klassische Ausbildung und damit sein Verständnis von klassischen Harmonien, Kompositionen und Formen; aber auch der Gebrauch der „amerikanischen Songform“ und Einflüsse aus dem traditionellen Jazz.

Akkordeon und Stimme bilden ein gutes Paar

Da Patrick Farrell nicht nur Akkordeon, sondern auch Piano und Blechblasinstrumente wie Euphonium, Posaune und Trompete spielt, kann er die Charakteristika dieser verschiedenen Instrumente gut miteinander vergleichen. „Eine besondere Eigenschaft des Akkordeons ist das lange Halten („Sustain“) des Tons. Du kannst damit die Stimme besser imitieren, als du es mit einem Piano oder mit einer Orgel kannst, weil du eine direkte Kontrolle über alle Aspekte des Sounds hast, wie zum Beispiel Dynamik oder Tremolo. Ich experimentiere zum Beispiel damit, den Ton direkt hereinkommen zu lassen und erst am Ende ein leichtes Vibrato hinzuzufügen. Eine Technik, die Sveta beim jiddischen Gesang anwendet und die ich sehr schön finde.“ Das Merkmal des gehaltenen Tons sei es auch, welches das Akkordeon als sehr gutes Begleitinstrument für die Stimme auszeichne. Kundish findet das passende Bild dazu: „Es bildet eine Art Kissen für die Stimme.“ Im Kontrast dazu habe das Piano, wenn man eine Note anschlägt, immer einen perkussiven Sound, selbst mit dem Pedal. Trotzdem gäbe es auch Songs, für die sich das Piano besser eigne, so Farrell.
Die Möglichkeit, verschiedene Tonalitäten auf ruhige, sanfte Art an- und ausklingen zu lassen, gefällt Farrell beim Akkordeon generell. Sie eigne sich aber auch speziell zur Gesangsbegleitung. „Ich denke mir meinen Part dann eher als Holzbläsersatz. Oder ich versuche, das Akkordeon so weit wie möglich wie eine Orgel klingen zu lassen. Besonders bei liturgischer Musik.“ Dafür nutzt er neben den Registern in der linken Hand auch das passende Voicing, mit tiefen Bässen und hohen Tönen auf der Diskantseite, um einen räumlich breiten Klang zu erzeugen.

Im Zusammenspiel von Gesang und Akkordeon hat außerdem die gemeinsame Phrasierung eine große Bedeutung. „Es ist nicht so, dass wir zusammen atmen können. Wir müssen zusammen atmen. Ich time Balgwechsel und -führung absolut mit Svetas Atmung“, erklärt Farrell.
Es gibt auch Momente, in denen sie einfach „nur“ Tanzmusik spielen wollen. Auch das sei mit dem Akkordeon möglich, ebenso wie sämtliche Abstufungen dazwischen. „Die Technologie des Akkordeons erlaubt es uns, all diese verschiedenen Dinge zu tun.“
Die Flexibilität dieses Instruments zusammen mit einer so fantastischen Sängerin, die all diese verschiedenen Klangfarben beherrsche, mache es ihnen einfach, sagt Farrell. „Wir brauchen niemanden sonst. Nur uns beide.“

„Manchmal fühlt es sich an, als würden wir gemeinsam singen. Es sind dann nicht Stimme und Akkordeon. Es sind zwei Stimmen zusammen.“

 

Kundish

Foto: Bringfried Seifert

„Das Akkordeon ist definitiv mein Zuhause. Und das seit vielen Jahren.“

Farrell

Gesang, Tanz, Sprache und Liturgie – das gehört alles zur jiddischen Kultur

Mit Sveta Kundish hat Farrell eine Partnerin gefunden, die nicht nur fantastisch singt, sondern die sich auch intensiv mit den Hintergründen der jüdischen und jiddischen Tradition auseinandersetzt. „Wenn Sveta etwas verstehen will, dann geht sie den ganzen Weg“, äußert Farrell anerkennend. „Sie ist sehr, sehr geduldig und arbeitet wirklich hart, bis sie jede Nuance versteht.“

„Ich tauchte tiefer und tiefer in die Welt des jiddischen Liedes ein, bis der Punkt kam, an dem ich merkte, dass ich die jiddischen Lieder nie ganz verstehen werde, wenn ich nicht mehr über Liturgie und die Religion lerne.“ So beschreibt Kundish ihren beruflichen und persönlichen Weg. Die einzelnen Bereiche wie Musik, Sprache und Religion der in Europa – und später vor allem in Osteuropa – über Jahrhunderte praktizierten jiddischen Kultur (also der Kultur der Jiddisch sprechenden Juden) lassen sich, da sind sich beide einig, nicht voneinander trennen.

Mit dem Erzählkonzert Motiks Tonband über Sveta Kundishs familiäre Wurzeln entwickelten die beiden auch ein sehr persönliches Programm. Es begann mit dem Fund von Tonbändern aus den 1970er- und 1980er-​Jahren. Sie stammten von ihrem Großvater, der eine Leidenschaft für Musik und Platten besaß und traditioneller Sänger war. Von einem Bekannten wurde Kundish gefragt, ob sie von ihrer Familie, dem Leben im Shtetl Owrutsch in der Ukraine und der Auswanderung nach Israel erzählen wolle. „Es ist die Geschichte einer Familie, die überlebt hat“, sagt Farrell. Sie bilde damit einen positiven Gegenpol zu den vielen traurigen Schicksalen europäischer Juden im 20. Jahrhundert. Die Erzählung wird verwoben mit Liedern in Jiddisch, Hebräisch und Russisch, die das Duo live vorträgt oder mithilfe der Tonbandaufnahmen aus der Vergangenheit holt.

Das Duo tritt international auf, wie hier in Chis¸ina˘u (Moldawien).

Berlin als neues Zentrum für jiddische Kultur

Dass die beiden Musiker sich ausgerechnet in Deutschland kennenlernten und nun hier leben, ist nicht ganz zufällig. Gibt es in Deutschland doch eine große Zahl an Festivals zu den Themen Klezmer und jüdische Musik. Eines der renommiertesten Festivals für jiddische Kultur in Europa ist der von Alan Bern ins Leben gerufene Yiddish Summer Weimar. Hier treffen sich jährlich Musiker aus der ganzen Welt, um in Workshops, Jam-​Sessions und Konzerten zusammenzukommen. Auch Kundish und Farrell sind hier als Workshopleiter aktiv. Aber der Yiddish Summer ist mehr als ein Festival und die Klezmer- und Jiddisch-​Community mehr als eine Musikszene. „Es ist eine Kultur, die uns anspricht. Es ist unsere Familie. Eine Kultur, aus der Svetas Familie stammt. Meine Familie stammt nicht aus dieser Kultur, aber ich bin ein Teil davon geworden“, reflektiert Farrell und erzählt weiter: „Wenn du in diese Kultur, Szene oder Community involviert bist, ist es eine leichte Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, denn es ist einer von vielleicht zwei oder drei Orten in Europa, wo sehr viele Menschen aufeinandertreffen, die eine aktive, lebendige jiddische Kultur leben und gestalten.“

Sich tief und intensiv mit Traditionen und kulturellen Wurzeln zu beschäftigen, um dann daraus etwas Neues, Eigenes und Zeitgemäßes zu entwickeln: Vielleicht kann man das als Quintessenz des künstlerischen und privaten Weges sehen, den dieses herausragende Duo zusammen bestreitet.

Album-​Veröffentlichung im Frühjahr 2022:

Sveta Kundish & Patrick Farrell, Nem mayn vort, 12 Eigenkompositionen zu jiddischen Gedichten von Rivka Basman Ben-​Hayim, Celia Dropkin und Avrom Reyzen; Danzone record label.

Mehr Infos: www.pattysounds.com

Homepage: www.pattysounds.com/sveta-kundish–patrick-farrell-de.html

Nachhören:

Eigenkomposition Ver hot gezen, mit einem Text von Rivka Basman Ben-​Hayim. Live am 3. Oktober 2019, P.A.N.D.A. Kulturplatform Berlin: www.youtube.com/watch?v=lzh3MlS7Dlc

Wohnzimmerkonzert am 3. Juni 2020 bei und mit Daniel Kahn im Rahmen des Forums Yiddish Song: Step Forverts:

www.youtube.com/watch?v=FvjnZVvzL7k

Mentshn-​Fresser (1916 Yiddish Pandemic Ballad) feat. Sveta Kundish & Daniel Kahn
www.youtube.com/watch?v=RaYmQNgCtnQ

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