Darf ich mich vorstellen?!: Darja Goldberg

24. Juni 2021

Lesezeit: 7 Minute(n)

Darja Goldberg

Ich weiß, ich bin noch Studentin ...

Hallo liebes akkordeon.online Team,

Mein Name ist Darja Goldberg, in der Akkordeon-Szene nennt man mich Dascha.

warum nennt man mich Dascha?

Für den Namen Darja wird in Russland im vertrauten Verhältnis eine Art Spitzname oder Kosename verwendet – Dascha. Genauso wie für Maria = Mascha gesagt wird oder für Alex = Sascha,  für Jacob = Jascha, etc.

Sehr früh spielte ich schon in Orchestern. Meine Lehrerin, die auch die Orchester leitete, kündigte mich stets als Dascha an, weil sie mich nur mit diesem Namen kannte. Da ich normalerweise nur im familiären oder im russisch-sprachigen Umfeld Dascha genannt werde, war es anfangs für mich etwas ungewohnt, von deutsch-sprachigen Menschen ‚Dascha‘ genannt zu werden.

In der Schule und in anderen deutschsprachigen Gesellschaften war ich immer Darja.
Meine Akkordeon-Lehrerin, die auch die Kontakte zu den 1./2. Orchester-Mitspielern hatte, kündigte mich auch dort als Dascha an, weshalb alle anderen mich nicht anders kennen gelernt haben.

Irgendwann ging ich ins ALJO-BaWü. Das Sommerorchester besuchte ich mit zwei Akkordeonfreunden, die mich mich auch Dascha riefen. Deshalb wurde auch hier der Name sehr schnell integriert. Es ist ja häufig so, dass sich so etwas – auch Namen – schnell rumspricht.
Nicht so spannend die Geschichte, aber so war es.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Dascha, auch uns gefällt der Name😊.

Fotos: Michael Kutzera

 

über mich:

Ich studiere zurzeit Akkordeon und Musik-Theorie in Darmstadt und korrepetiere die Opernschule am Klavier. Da ich Probleme mit meiner HF Lehrerin habe (und deswegen nicht zu ihrem Unterricht gehe), besuchte ich alle möglichen Kurse, um so viel es geht, vom Musikstudium mitzunehmen.

Leider hat ein Hochschulwechsel nicht funktioniert, deshalb gebe ich mein Bestes, alles Wissen mitzunehmen, was in Darmstadt angeboten wird.

An der Akademie für Tonkunst gibt es einen sehr guten Bach-Spezialisten für Gitarre, Professor Tilman Hoppstock. Er bietet ein Bachseminar hauptsächlich für Gitarrist:innen an. Mir war bekannt, dass er sehr viel weiß; er ist DER Bachexperte in der Gitarrenwelt. Deshalb dachte ich: „Nutze die Chance –  Bach ist Bach – egal ob auf Gitarre, Cello oder Akkordeon. Musik ist und bleibt Musik.“

Es ist wirklich interessant, die Interpretationswelt der Gitarrist:innen kennen zu lernen. Wir analysierten Bachs Lauten- & Cello-Werke, hörten dazu mehrere Gitarrenaufnahmen von verschiedenen Interpreten, manchmal auch welche für Cello oder Klavier. Ein großer Unterschied zwischen der Gitarre (bzw. den anderen Instrumenten) und dem Akkordeon ist, dass bei der Gitarre der Ton verklingt, am Akkordeon nicht. Er bleibt bestehen, solange der Balg reicht. So kam dem Professor eines Tages die Idee, mich die Lauten/ Gitarrenwerke auf dem Akkordeon vorspielen zu lassen, um die Harmonien, die auf der Gitarre verloren gehen, in Bachs Werken nochmal neu zu hören. Erst war es ein Stück, dann noch ein zweites. Es war eine unglaubliche Bereicherung, so viele schöne Harmonien, die sich verstecken, neu zu entdecken.

Irgendwann meinte der Lehrer zum Spaß: „Warum lernst du nicht die ganze Suite?“

– naja… warum nicht?

Und so kam die Idee, eine Lauten-Suite von Bach zu lernen, die wir sowieso zurzeit im Bach-Seminar analysierten: BWV 996. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Stücken, die noch keiner kennt. Normalerweise studieren Akkordeonist:innen Präludien und Fugen für Klavier, Inventionen von Bach für ihr Repertoire.

Diesen Weg wollte ich möglichst vermeiden. (Wieso soll ich das spielen, was schon alle spielen?) Aber mit der Lauten-Suite in e-moll BWV 996 ging der Schritt in (m)eine neue Richtung, wofür ich bis heute dem Dozenten unglaublich dankbar bin. Letztendlich habe ich vor zwei Jahren die Suite in meiner Zwischenprüfung gespielt.

Ich besuchte  auch einen Meisterkurs bei einem Gitarrendozenten (Professor Thomas Müller-Pering aus Weimar), weil zufällig ein Gitarrist abgesagt hatte. Inzwischen habe ich während der Pandemiezeit angefangen, aufzunehmen. Unter anderem ist auch die Aufnahme der Lauten-Suite BWV 996 entstanden.

Wenn Ihr mögt, hört gerne rein.

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Es hat, denke ich, noch niemand dieses Stück auf Akkordeon übertragen.

Ich weiß, ich bin noch Studentin und habe noch vieles zu lernen, aber vielleicht sagt euch meine Interpretation zu.

Statement

Oft frage ich mich, warum Musik?

Warum hast du dich dafür entschieden?

Aber jedes Mal erinnere ich mich an meine Motivation  (es mag kitschig klingen) –  aber mit Musik können Dinge ausgedrückt werden, wo Sprache ihre Grenzen hat.

Alle gemeinsam lauschen wir einer Melodie, welche einen Moment zur Ewigkeit verwandeln kann. Es werden neue Sphären geschaffen, wenn man sich darauf einlässt. Das ist das Besondere an der Musik. Wir hören derselben Musik zu, aber die Gedanken und Bilder im Kopf sind bei allen verschieden.

Mir ist es wichtig, die Herzen der Menschen aller Kulturen und Sprachen der ganzen Welt zu erreichen, ihnen Musik näher zu bringen, die sie sonst nicht gehört hätten. Ich möchte in den dunkelsten Tag ein Leuchten bringen, Kraft schenken oder woanders  die Augen öffnen, Menschen zum Nachdenken bringen, auf Probleme und Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, denen Trost schenken, die verzweifelt sind.

Für all diese verschiedenen Möglichkeiten ist das Akkordeon sehr geeignet. Es ist ein transportables und flexibles Instrument, mit dem problemlos überall und jederzeit gespielt werden kann – egal ob vor 5 oder 5000 Menschen. Mir ist es wichtig, jedes Herz, alle Menschen zu bewegen, alle zu erreichen, wenn ich kann.

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Dank Corona habe ich mir ein Aufnahmegerät angeschafft. Ohne dieses wäre ich bestimmt 10-mal „gestorben“. Wenn man nicht regelmäßig übt, vergessen Kopf und Körper das gelernte Stück und man muss Zeit damit verbringen, es wieder-zu-erlernen. Für Musiker:innen ist es besonders wichtig, Material zu sammeln. Da es wegen Corona noch weniger Möglichkeiten gab, vorzuspielen und musikalisch aktiv zu sein, habe ich endlich den Schritt getan, den ich schon lange gehen wollte.  Die Arbeit irgendwie festzuhalten, aufzunehmen, um etwas zu haben, zu zeigen, dass man etwas erarbeitet hat… das hat mich immer beschäftigt… was ist, wenn ich heute nicht so spiele, wie ich es wirklich kann…

Bildende Künstler:innen haben wachsende Mappen mit Werken, ob sie wollen oder nicht. Die besten davon werden immer erhalten bleiben. Wir Musiker leben für den Moment. Umso magischer ist es, unsere Kunst festzuhalten, aber am magischsten ist es, sie mit den anwesenden Personen zu teilen. Mir ist es besonders wichtig, in Beziehung mit den Zuhörern zu stehen. Nicht kurz vorspielen – Applaus –  fertig, sondern ihnen etwas mitzugeben, mit ihnen einen Kontakt aufzubauen, einen Moment, einen neuen Gedanken oder eine lang vergessene Erinnerung (wieder)-zuschenken. Deshalb schreibe ich manchmal, wenn es passt, ein paar Worte zu meinen Aufnahmen.

Zum 08. März habe ich nach langer Suche eine Komponistin entdeckt und ein Stück von ihr aufgenommen.

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Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau so etwas schreiben kann. Sie kennt alle geschickten Tricks des Komponistenhandwerks.

Saint-Saens über Mel Bonis‘ Klavierquintett B-moll auf einer privaten Uraufführung.

Mélanie Hélène Bonis aka Mel Bonis  (1858-1937) ist eine von vielen Komponistinnen, die ihre Werke unter einem männlichen Pseudonymen veröffentlichten musste, um von der Gesellschaft gehört werden zu können.

Trotz ihrer Auszeichnungen und hervorragender Leistungen erhielt sie zu ihrer Zeit wenig Beachtung. Ihre kompositorischen Werke wurden kaum gespielt und verlegt.

Von ihrer Familie erhielt sie weder Unterstützung noch Interesse an ihrer Leidenschaft. Dank des Einsatzes eines Freundes der Familie, wird der Komponist César Franck auf die junge Frau aufmerksam, bei dem sie (mit widerwilliger Erlaubnis der Familie) eine musikalische Ausbildung am Konservatorium in Paris beginnt. 1883 wird sie dem Studium entrissen. Ihre Eltern drängen sie dazu, einen 22 Jahre älteren Herrn mit 5 Kindern zu heiraten. Als überzeugte Katholikin sieht sie es als ihre Pflicht an, sich dem Wunsch ihrer Eltern zu fügen, eine gute Ehefrau und (Stief-)Mutter zu sein.

Trotz des Studienabbruchs, behält sie den Kontakt zu MusikerfreundInnen, wodurch sie ihrer Leidenschaft folgen kann. Sie führt ein Doppelleben: Das alltägliche Leben einer Familienmutter und das Leben einer Künstlerin, in welchem auch ein heimliches Kind zur Welt kommt.

Mel Bonis  war Zeitgenossin von Debussy, Saent-Saens, César Franck, Erik Satie; aber sie bleibt  unbekannt, trotz ihrer hervorragenden Leistungen.

Das nur, weil sie eine Frau war.

Ein Beispiel von viel zu vielen, dass – auch heute noch – das patriarchalische Denken in der Gesellschaft fortbesteht.

Es darf nicht sein, dass Menschen nur auf einen Faktor, den sie nicht beeinflussen können, reduziert und dadurch verurteilt und benachteiligt werden.

Frohen Frauentag!

Ich nehme auch Musik von Filmen auf, die mir gefallen und zu denen mir Worte einfallen, die ich gerne mit der Welt teilen möchte, um Menschen zum Nachdenken anzuregen
wie z.B. zu einem wunderschönen Stück aus dem Ghibli-studio, nausicäa

(ich denke, es hat noch niemand ein Akkordeon-Cover gemacht)

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Im Ghibli-Film Nausicäa ist ein Großteil der Erde vom „Meer der Fäulnis“ bedeckt, einem riesigen, giftigen Pilzwald, der sich ständig ausdehnt und auch die letzten der von den wenigen noch lebenden Menschen bewohnten Landstriche zu überwuchern droht. Der Wald entstand nach den „Sieben Tagen des Feuers“, einem großen Krieg.

Nausicaä ist die Prinzessin des „Tals der Winde“, hat ein besonderes Gespür für den Umgang mit Tieren und der Natur und untersucht die Pflanzen des Pilzwaldes, um das Menschenleben zu bewahren. In ihrem geheimen Garten züchtet sie die ‚giftigen‘ Dschungelpflanzen, die dort kein Gift versprühen. So wird ihr klar, dass das Gift auf den überall von Menschen verseuchten Erdboden zurückgeht. Also hat der Wald, sich mit dem Gift nur selbst schützen wollen, um den Parasiten (den Menschen) fern zu halten.

Was geschieht auf unserem Planeten?

Die Umwelt leidet mit jedem steigenden technischen Fortschritt. Es folgen große Umweltkatastrophen, neue Krankheiten. Auch das Coronavirus? Wäre das Virus jemals ausgebrochen, wenn wir achtsamer wären? Nicht so macht- und gewinnbesessen und wenn wir die Beziehung zur Natur  bewahrt hätten?

Ein weiser Mann sagte mir:

„Als ich noch ganz jung war, hatte die Welt 2 Milliarden Menschen, heute sind es ca 8 Milliarden. Die Welt ist aber gleich groß geblieben – das regelt die dann Natur, denn sie ist viel stärker als wir Menschen.“

Ich habe auch das wunderschöne Stück flight beyond time von Petri Makkonen aufgenommen und ein paar Zeilen über ZEIT verfasst.

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Was ist Zeit?

Zeit ist relativ.

Das ist bekannt.

Ein Moment wird zur Ewigkeit.

Jahre vergehen,

und wir sagen ‚als wäre es gestern gewesen‘.


Ein Flug durch die Zeit.

Ein besserer Titel kann das Stück nicht beschreiben.


Ich denke, mit diesem Stück wird deutlich,

wie wirkungsvoll Musik sein kann.

Musik (jede Form von Kunst) hat die Macht,

alte Gewohnheiten aufzulösen,

Naturgesetze zu brechen,

Kraft zu schenken – wenn man denkt, man sei am Ende,

von Hindernissen zu befreien – bei denen man denkt, es gehe nicht mehr weiter.

Sprache zu finden – wo die Worte fehlen.


Deswegen kam die Entscheidung, das Leben dieser Fähigkeit zu widmen.

Seit einigen Monaten habe ich begonnen, meine Lieblingssmusikstücke größtenteils mit dem Akkordeon aufzunehmen und zu bearbeiten. Leider ist mein Aufnahmegerät kaputt gegangen, weshalb dieses und viele andere Projekte pausieren müssen. Zum Glück habe ich noch paar Aufnahmen in Reserve. Ich hoffe, die Reparatur des Aufnahmegeräts dauert nicht allzu lange.

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Manchmal schreibe ich über die Komponisten und die Geschichte des Stückes.
Ein paar politische Aufnahmen habe ich auch gemacht, aber ich weiß noch nicht genau, was ich damit tun werde. Ich halte meine Ohren offen – so habe ich z.B. ein revolutionäres Lied auf einer Demo gehört und es auf Akkordeon übertragen und aufgenommen – für Rojava

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Herzliche Grüße

Eure Dascha

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