Eine neue Hörtrainer-Software …

Peter M. Haas

Hallo liebe Musikfans aller Geschlechter! Ich lebe in Berlin, spiele und unterrichte Klavier, Akkordeon, Bandoneon, habe viele beliebte Musikbücher veröffentlicht und mit meiner website eine wichtige Info-Zentrale für Fragen zum Akkordeon geschaffen. Dem akkordeon magazin bin ich seit dem Gründungsjahr (vor jetzt bald 80 Ausgaben – Glückwunsch!) freundschaftlich verbunden.

4. Juni 2021

Lesezeit: 6 Minute(n)

… und wie wir sie entwickelt haben

Unser Autor Peter M. Haas hat zusammen mit dem Akkordeonisten der Kultband „17 Hippies“ eine Software zur Gehörbildung entwickelt. Hier berichtet er für unsere Leser(innen), wie es dazu kam und warum er Hörtraining für besonders wichtig hält.

Warum lehren so viele Musiklehrer(innen) nur nach Noten?

Ist das nicht ein eigenartig abstrakter Weg, im Unterricht als allererstes die Notenzeichen zu lehren und sie ablesen zu lassen? Die Umsetzung vom Notenzeichen zum klingenden Ton muss den Umweg über Auge und Verstand nehmen. Wer seine Töne nach Gehör kennt, kann mit viel sichererem Instinkt auf die Musik zugreifen. Mir drängt sich immer der Vergleich zum Neugeborenen auf, das seine Milch erst bekommt, wenn es gelernt hat, seinen Wunsch in Schriftsprache zu äußern. Der berühmte Violinist Yehudi Menuhin bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Das Spielen nach Gehör muss dem Notenlesen vorangehen, genauso wie das Sprechen und Hören einer Sprache normalerweise dem Lesen und Schreiben dieser Sprache vorangeht.“(1)Im Vorwort zu Volker Biesenbender, »Von der unerträglichen Leichtigkeit des Instrumentalspiels«, Aarau 1992. Und schon vor 170 Jahren notierte der romantische Komponist Robert Schumann in seinen „musikalischen Haus- und Lebensregeln“ gleich als erste Regel: „Die Bildung des Gehörs ist das Wichtigste. Bemühe dich frühzeitig, Tonart und Ton zu erkennen. Die Glocke, die Fensterscheibe, der Kuckuck – forsche nach, welche Töne sie angeben.“(2)Mit diesem Satz beginnen die »Musikalischen Haus- und Lebensregeln« von Schumann, Leipzig 1850

Keine Zeit für Spiele?

Einmal war ich zu einem Seminar eingeladen, um einer Gruppe von Musikschullehrer(inne)n meine Methoden des spielerischen Gehörtrainings vorzustellen. „Nein, Herr Haas“, war die einhellige Antwort, „für solche Spiele haben wir keine Zeit. Wir müssen ja das Pensum schaffen, damit unsere Schüler im Akkordeonwettbewerb gut abschneiden.“ Nurmzwei Lehrer waren anderer Ansicht, fanden es ganz selbstverständlich, das Spielen nach Gehör in den Unterricht zu integrieren.

Theorie ohne Praxis

Woher kommt diese Tendenz zur einseitigen Ausrichtung des Unterrichts am Instrument? Noch Johann Sebastian Bach hat seine Inventionen als Improvisationsbeispiele aufgefasst. Im Lauf des 19. Jahrhunderts aber entwickelte sich das Virtuosentum im Konzertbetrieb, und der Musikunterricht folgte diesem Trend: Technische Beherrschung des Instruments und Geläufigkeit rückten in den Vordergrund (3)Sehr engagiert nimmt zu diesem Thema der Violinist V. Biesenbender Stellung in seinem Buch Von der unerträglichen Leichtigkeit des Instrumentalspiels, Aarau 1992. Improvisation wurde außen vor gestellt, die Musiktheorie wurde von der Praxis getrennt und zum ungeliebten Begleitprogramm. Zur Bildung des Gehörs (wenn sie denn überhaupt betrieben wurde) isolierte man die Intervalle säuberlich und etikettierte sie wissenschaftlich: „Große Septime aufwärts“, „verminderte Quinte abwärts“. So wurde „Gehörbildung“ – statt tägliches Brot für die Spieler(innen) zu sein – zum gefürchteten Stoff für die Aufnahmeprüfung an den Musikschulen.

Wer hört, hat es besser

Aber Musiker(innen) hören ja gar nicht so. Sie hören ihre Töne im Zusammenhang, im Kontext der jeweils geltenden Tonalität. Wenn ich das Lied „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ beginne, denke ich nicht „Jetzt soll meine Melodie eine Terz aufwärts springen, und zwar soll es eine kleine Terz sein“, sondern ich gehe einfach vom dritten zum fünften Ton meiner Tonleiter, in C-Dur also von e bis g. Viele Lehrer empfehlen den Lernenden: Singe erst einmal, was du spielen willst! Tatsächlich können beim Musizieren die Finger (die ja selbst nicht einen Funken Musikalität haben) durch das innere Singen geleitet und bestärkt werden. Je besser ich meine Tonleitern vom Gehör her kenne, desto sicherer kann ich mich von meinem inneren Gesang leiten lassen: Wenn ich die Melodie “im Ohr” habe, weiß ich ja, wo ich jeden der Töne auf den Tasten finden kann, und muss mich nicht auf Notenbild und Notennamen verlassen.

Wie die Übungen entstanden sind

Als ich begann, selbst zu unterrichten, baute ich vom Start weg für etwa fünf bis zehn Minuten kleine Gehörbildungseinheiten ein. Beim Unterricht am Klavier diente mir eine Melodica dazu, die Aufgaben vorzuspielen. Das Vorgehen wurde schnell zum gewohnten Konzept: Anfangs Beschränkung auf den Fünftonraum c – d – e – f – g (oder in Moll: d – e – f – g – a) und zu Beginn nur Intervallsprünge – vom Grundton zur Sekunde, Terz, Quarte und Quinte. Wie es weitergeht, hängt davon ab, wie gut die Intervalle erkannt und nachgespielt werden können. Wenn es gut läuft, kommen Motive aus drei, vier oder fünf Tönen dran. Mit Schüler(inne)n, die fit im Hören sind, entwickelt sich möglicherweise eine richtige kleine „Jam-Session“ im rhythmischen Hin und Her von Frage- und Antwortmotiven. Faszinierend ist, wie schnell sich Fortschritte zeigen. Wer bei den ersten Versuchen noch kaum einen Ton auf Anhieb trifft, hat oft schon in der zweiten und dritten Woche eine Menge an Sicherheit gewonnen.

Amadeus – die erste Generation

2009 beauftragte ich einen Programmierer, ein Computerspiel zu entwickeln, das den Regeln meines Hörtrainings folgen sollte. Das Ergebnis war der Melodietrainer Amadeus. Anfangs wurde er als CD verkauft, um auf dem PC gespielt zu werden. Wir gaben ihm das Aussehen eines kleinen Vintage-Keyboards: grau auf grünem Grund wie auf den frühen Digital-Displays leuchteten die Texte des Programms. Die Tasten mussten natürlich jeweils mit der Maus angeklickt werden. Damals wurden solche Spiele bevorzugt in dem Programmiercode flash abgefasst. Mit Jahresbeginn 2021 wurde dieser Code außer Verkehr gezogen. Das gab die Chance, Amadeus erneut zu entwickeln.

So sah die erste Version der Software aus.

Überblick zu einigen Übungen

Amadeus 2021

Ich war sehr froh, als Programmierer für die Neugestaltung einen versierten Musiker auf meiner Wellenlänge zu gewinnen, nämlich Volker Rettmann, genannt Kruisko, seines Zeichens Akkordeonist der Kultband 17 Hippies. In Zusammenarbeit mit ihm konzipierte ich den gesamten Ablauf des Hörtrainings von Grund auf neu. Der jetzige Amadeus imitiert nicht mehr ein altes Keyboard, sondern zeigt ein großes Farbdisplay, wie das Abbild eines iPads. Alle Abläufe konnten wir jetzt klarer und geschmeidiger gestalten und dank der neuen Programmierung kann Amadeus jetzt auf jedem Gerät abgerufen werden: Bequem am Laptop, komfortabel mit dem Tablet und auch überall mit dem Smartphone.

Testphase

Die Entwicklungs- und Testphase war ein kleines Abenteuer für sich. Ich hatte einige befreundete Musiker(innen) zu einer Gemeinschaft von Testpersonen eingeladen, die von den ersten Anfängen an die Entwicklung begleiteten. Sie haben es uns nicht leicht gemacht. Der einen war der (automatische) Fortschritt zum nächsten Übungslevel zu schnell, der anderen zu langsam. Hier klagte jemand, dass einzelne Töne zu kurz nachklingen, dort hatte jemand Schwierigkeiten, die richtige Anzeige aufs Display zu bekommen. Schließlich soll Amadeus auf jedem System einwandfrei laufen – egal ob Apple oder Android, Laptop, Pad oder Handy. Ein besonderes Problem war es, die optimalen Korrekturmöglichkeiten zu finden, wenn jemand einen falschen Ton eingegeben hatte. Nur den letzten Ton korrigieren? Oder die ganze Aufgabe von vorne anhören und lösen? Bis zum Schluss der Testphase blieben manche Anwender etwas irritiert. Die allerbeste Lösung zur Benutzerführung fand ich erst nach dem Release. Halb so wild, denn da das Spiel online läuft, konnte Volker ein entsprechendes Update hochladen (aktuell läuft Version 1.3), von dem sofort alle Anwender(innen) profitieren konnten.

Release

Ende Februar 2021 war es dann soweit, in einem Rundbrief konnte ich meinen Leserinnen und Lesern die Veröffentlichung ankündigen. Die Resonanz war großartig. Das freute mich doppelt. Als Geschäftsmann konnte ich erfreut feststellen, dass ein großer Teil der investierten Programmierkosten in kurzer Zeit eingespielt war. (Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass das Projekt, an dem mir viel liegt, ein Verlustgeschäft bleibt.) Aber ich habe auch eine Art Sendungsbewusstsein, was die Gebiete „Theorie verstehen“, „Akkordgriffe kennen“ und „Spielen nach Gehör“ betrifft. Darum bin ich glücklich, wenn Amadeus weite Verbreitung findet und vielen Freizeitmusiker(inne)n Impulse geben kann, vom ausschließlichen Spiel nach Noten wegzukommen.

Amadeus 2021 am Smartphone

„Free“ oder Premium

Amadeus gibt es in zwei Versionen. Die „Free“-Version erlaubt das Training in zwei Programmen: Hörmaterial sind entweder nur die drei Töne c – e – g oder der Fünftonraum c – d – e – f – g. In jedem Training werden erst nur einzelne Intervallsprünge, dann kleine und später längere Melodiemotive auf dem Keyboard vorgespielt, angepasst daran, wie gut die vorangegangenen Aufgaben gelöst wurden. Das ist ideal für Anfänger, die ihr Gehör testen und dabei die Software ausprobieren wollen. Die kostenpflichtige Premium-Variante schaltet sechs weitere Trainingsmodule frei, mit denen jede(r) gezielt trainieren kann: C-Dur-Tonleiter, C-Moll-Tonleiter, Dur- und Moll-Tonleiter mit wählbarem Grundton, Bluestonleiter und (als besondere Herausforderung für Fortgeschrittene) chromatische Motive.

Ich würde mich freuen, auch unter den Lesern des akkordeon magazins) neue Freunde für Amadeus zu gewinnen. Darum mein Angebot: Wer aus dem Leserkreis die Premium-Version bestellt, spart 25 Prozent und zahlt statt 22,60 nur 16,95 Euro! Gebt bei der Bestellung einfach den Gutscheincode magazin2021 ein! (Das Angebot gilt bis zum 31. Juni). Wer lieber nichts bezahlen will, kann jederzeit kostenlos mit der „Light“-Version beginnen, das eigene Gehör zu testen.

Wie es weitergeht

Ein Akkordeonlehrer aus USA bat mich einige Tage nach der Erstveröffentlichung um eine englische Bedienungsanleitung. Wir haben gemeinsam eine Infoseite erarbeitet, auf der die Grundfunktion des Trainings und die Darstellungen auf dem Schirm in Englisch dargestellt sind. Wenn das internationale Interesse anhält, ist es gut möglich, dass wir demnächst ein Update bereitstellen, in dem Amadeus mehrsprachig funktioniert. Schließlich gibt’s auch Fans, die Niederländisch, Finnisch oder Schwyzerdütsch sprechen. Es bleibt also spannend.

Weitere Infos:

Hier geht es zum kostenfreien Training mit Amadeus Light: 

https://www.petermhaas.de/amadeus/

Hier geht es zu Amadeus Premium:
https://www.petermhaas.de/ausprobieren/

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In diesem YouTube-Video wird der Ablauf des Trainings gezeigt.

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(1) Im Vorwort zu Volker Biesenbender, Von der unerträglichen Leichtigkeit des Instrumentalspiels, Aarau 1992
(2) Mit diesem Satz beginnen die Musikalischen Haus- und Lebensregeln von Schumann, Leipzig 1850
(3) Sehr engagiert nimmt zu diesem Thema der Violinist V. Biesenbender Stellung in seinem Buch Von der unerträglichen Leichtigkeit des Instrumentalspiels, Aarau 1992

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