Frankreichs digitale Musik-Schatztruhe

18. Mai 2021

Lesezeit: 10 Minute(n)

In Frankreich geht eine junge Generation von Akkordeonistinnen und Akkordeonisten spannende neue Wege

Frankreichs digitale Musik-Schatztruhe

Fanny Vicens (Foto: Jorge Arce)

In Frankreich geht eine junge Generation von Akkordeonistinnen und Akkordeonisten spannende neue Wege und bringt damit das Instrument ins Blickfeld des aktuellen Musiklebens. Fanny Vicens und Vincent Lhermet sind zwei von ihnen. Neben außergewöhnlichen künstlerischen Vorhaben engagieren sie sich mit ihrer Onlinedatenbank „Ricordo al Futuro“ für die Vernetzung der Akkordeonszene und die Verbreitung des Repertoires. Mehr als 10 000 Werke sind dort bereits dokumentiert.

Text: Eva Zöllner Fotos/Screenshot: Eva Zöllner, Jorge Arce, Bernard Martinez, Daniel Cabanzo, Igor Studio

Fanny Vicens und Vincent Lhermet sind bekannte Gesichter der modernen klassischen Akkordeonszene in Frankreich. Nach Studien an den Musikhochschulen in Trossingen bzw. Helsinki sind sie in ihre Heimat zurückgekehrt und widmen sich engagiert der klassischen und zeitgenössischen Musik. Für das Großprojekt Ricordo al Futuro („Erinnerung an die Zukunft“) haben sie sich zusammengetan und im Jahr 2013 mit der Erstellung einer Internetdatenbank begonnen, um Informationen über das Akkordeonrepertoire von 1922 bis in die heutige Zeit in katalogisierter Form zusammenzutragen. Bei dieser immensen Recherchearbeit sind sie auf die Mitarbeit von Akkordeonistinnen und Akkordeonisten aus aller Welt angewiesen, die auf der Internetseite selbst Stücke hochladen können. Mittlerweile umfasst die Sammlung mehr als 10 000 Werke, die nach mehreren Kategorien sortiert und durchsucht werden können. Damit ist sie ein wertvolles Werkzeug, um Informationen über Akkordeonliteratur zu finden und zu teilen. Im Interview berichten die beiden über die Entwicklung dieses einzigartigen Vorhabens und ihre weiteren Aktivitäten in der Szene.

Vincent Lhermet (Foto: Bernard Martinez)

  • Fanny und Vincent, was ist „­Ricordo al Futuro“ und wie ist das Projekt entstanden?

Vincent L.: Ricordo al Futuro ist eine Datenbank, die Kompositionen auflistet, die seit 1922 für oder mit Akkordeon geschrieben wurden. Das Projekt begann 2012, als Fanny und ich beide am Pariser Konservatorium studierten. Die Grundidee war, der Gemeinschaft von Interpret(inn)en, Komponist­(innen) und Konzertveranstalter(inne)n, die auf der Suche nach Repertoire sind, ein Recherchewerkzeug anzubieten. Außerdem wollten wir die Verbreitung des zeitgenössischen Akkordeonrepertoires anregen. Das Vorhaben wurde vom Pariser Konservatorium, der ­Meyer-Stiftung und der Universität Sorbonne finanziert.

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„Die Grundidee war, der Gemeinschaft von Interpret(innen), ­Komponist(innen) und Konzertveranstalter(inne)n, die auf der Suche nach Repertoire sind, ein Recherchewerkzeug anzubieten.“

Vincent Lhermet

Fanny V.: Als wir nach unseren Auslandsstudien 2012 nach Frankreich zurückkehrten, hörten wir immer wieder: „Es gibt ja kein Repertoire für das Akkordeon“. Wir wollten das Gegenteil beweisen. Meine künstlerische Forschung befasste sich mit der klanglichen Identität des Akkordeons, und Vincent schrieb eine Doktorarbeit über das Akkordeonrepertoire. Wir haben beschlossen, diese Arbeit zu bündeln, so entstand Ricordo al Futuro.
Die Website verfügt über ein erweitertes Suchwerkzeug mit unterschiedlichen Kriterien, die eine optimale Suche nach Stücken ermöglicht. Man kann zum Beispiel Stücke für Akkordeon, Viola und Schlagzeug suchen, oder nach Herkunftsland der Komponist(inn)en sortieren. Das ist praktisch, wenn man etwa Konzerte für besondere Besetzungen programmieren will.

  • Ist „Ricordo al Futuro“ auf ein bestimmtest Repertoire beschränkt?

Vincent L.: Bei der Übersicht beschränken wir uns auf die sogenannte „ernste“ Musik. Darüber hinaus gibt keine ästhetischen Einschränkungen: Zeitgenössische Musik ist ein weites Feld. Akkordeonist(inn)en, die selbst Stücke für ihr Instrument schreiben, haben wir nur aufgenommen, wenn ihr Werkverzeichnis eine bedeutende Anzahl von Stücken für andere Instrumente enthält.

Fanny V.: Es geht um Originalkompositionen. Arrangements, die das Akkordeon verwenden, werden nicht berücksichtigt. Ansonsten haben wir keine ästhetischen Kriterien, solange es sich um Konzertwerke handelt: Es gibt Stücke in allen Stilrichtungen, von neotonal bis zur Avantgarde, aber keine Unterhaltungsmusik. Wir haben das Repertoire in Kategorien eingeteilt: Solo, Konzert mit Orchester, Kammermusik, Sinfonieorchester, Oper, Akkordeonorchester usw.

  • Welches ist das älteste Stück, das man in eurer Datenbank findet, und welches ist das neueste?

Vincent L.: Obwohl unsere Datenbank offiziell 1922 beginnt, wollten wir einige Stücke, die im 19. Jahrhundert geschrieben wurden, mit einbeziehen, zum Beispiel die Tschaikowski-Suite Nr. 2 op. 53 (1883) mit vier Akkordeons.

Fanny V.: Oder Fedora von Umberto Giordano aus dem Jahr 1898, eine frühe Oper, in der ein Akkordeon besetzt ist. Wir finden es wichtig, diese Stücke mit aufzunehmen, da die Wurzeln des klassischen Akkordeons schon im 19. Jahrhundert liegen. Das Jahr 1922 haben wir aus verschiedenen Gründen als symbolischen Beginn gewählt: 1922 schrieb Alban Berg die Oper Wozzeck, deren Tavernen-Szene für die Verwendung des Akkordeons berühmt ist. Im selben Jahr wurde die Kammermusik Nr. 1 von Paul Hindemith in Donaueschingen uraufgeführt. Die Originalfassung war zwar mit Harmonium besetzt, aber Hindemith hat die Fassung mit Akkordeon 1952 selbst herausgegeben. Sein Einfluss auf das Repertoire ist sehr wichtig, besonders als Lehrer von Hugo Herrmann, der ja das erste Originalwerk für Soloakkordeon geschrieben hat.

Vincent L: Das neueste Stück in unserem Katalog ist schwer zu bestimmen, das ändert sich ja ständig. Wahrscheinlich eine der jüngsten Uraufführungen: das Konzert für Akkordeon und Orchester von Gérard Pesson, das am 3. April 2021 in Monte Carlo uraufgeführt wurde.

Duo XAMP (Foto: Daniel Cabanzo)

„Alle, die das wünschen, können das ganze Jahr hindurch über das Formular auf der Website zum Bestand der Datenbank beitragen. Wir aktualisieren einmal jährlich, die Aktualisierung 2021 wird bald online sein.“

Fanny Vicens

  • Wer kann Inhalte zu der Datenbank beisteuern?

Fanny V.: Alle, die das wünschen, können das ganze Jahr hindurch über das Formular auf der Website zum Bestand der Datenbank beitragen. Wir aktualisieren einmal jährlich, die Aktualisierung 2021 wird bald online sein.

Vincent L.: Die Beiträge kommen sowohl von Komponist(inn)en als auch von Interpret(inn)en. Wir fügen selbst Stücke hinzu, wenn wir von Werken hören. Das Praktische an einem Onlinekatalog ist, dass es relativ einfach ist, Informationen zu aktualisieren.

  • Welche Anforderungen an die Eintragungen habt ihr?

Vincent L.: Die Anforderungen sind auf der Webseite beschrieben. Wir prüfen jeden einzelnen Beitrag, was eine Menge Zeit in Anspruch nimmt. Natürlich setzt es ein gewisses Vertrauen in die Mitwirkenden voraus, dass sie die Qualität und Relevanz ihrer Beiträge richtig einschätzen.

  • Welches war für euch das ­spannendste Stück, das ihr mit Hilfe von „Ricordo al Futuro“ entdeckt habt?

Fanny V.: Dank der Recherchen für die Datenbank hatte ich das Vergnügen, Alain Abbott zu treffen. Er war in Frankreich in den 1970er-Jahren als Akkordeonist und Komponist sehr aktiv. Er gab mir einen Koffer voller Notenmanuskripte, die er in diesen Jahren geschaffen oder gespielt hatte. Es war eine große Überraschung, das Manuskript eines Duos für Akkordeon und Schlagzeug des bekannten Komponisten Tristan Murail zu entdecken. Ein Werk von 1972, das Murail nicht in seinem Katalog gelistet hatte, das aber voll von innovativer Qualität und Erfindungsreichtum ist.
Vincent L.: Ich bin immer wieder überrascht von der Vielfalt der Instrumente, die mit dem Akkordeon kombiniert werden. Jedes Jahr kommen andere Kammermusikinstrumente in der Datenbank dazu. Dies ist ein Beweis für die Fähigkeit unseres Instruments, mit jeder Art von Klang zu verschmelzen und so eine Quelle der Inspiration für Komponierende zu sein.

  • Wie ist der aktuelle Stand des Projekts und wie sind eure Pläne für die Zukunft?

Fanny V.: In den kommenden Wochen werden wir das nächste Datenbank-​­Update veröffentlichen, das ungefähr 700 neue Werke enthält. Persönlich denke ich, dass es für die Zukunft wichtig ist, thematische Veröffentlichungen anzubieten, und subjektive Bewertungen von Interpret(inn)en, um bestimmte Werke hervorzuheben und diesem Katalog immer mehr Substanz zu verleihen.

Vincent L.: Mein Traum ist es, regelmäßig Beiträge aus der ganzen Welt zu bekommen. Auch wenn ­Ricordo al Futuro versucht, so international wie möglich zu sein, ist es sicherlich unvollständig, wenn es um außereuropäisches Repertoire geht.
Ihr habt kürzlich einen Filter hinzugefügt, der es nicht nur erlaubt, die Daten nach Besetzung, Herkunftsland oder Kompositionsjahr zu sortieren, sondern außerdem nach Gendergesichtspunkten. Ich glaube, das ist ein wichtiger Schritt, um Komponist­(innen) sichtbar zu machen. Was sind eure Erfahrungen mit dem Genderthema in Bezug auf die Datenbank?
Fanny V.: Mir war es ein persönliches Anliegen, dieses Thema in der Datenbank zu berücksichtigen. Ich engagiere mich in weiteren Bereichen ebenfalls für Gleichstellung, unter anderem habe ich einen Beitrag zum Akkordeonrepertoire von Komponistinnen für die Datenbank Demandez à Clara beigesteuert. Nachdem wir die 10 500 Werke in unserer Datenbank gefiltert hatten, stellte ich fest, dass von den 3 317 repräsentierten Komponist(inn)en nur 471 (also 14,2 %) Frauen sind. Frauen haben wichtiges Repertoire geschrieben, sind allerdings aus verschiedenen Gründen oft weniger sichtbar. Der Filter unserer Datensätze zielt darauf ab, die Arbeit dieser Komponistinnen sichtbarer zu machen, indem der Zugang erleichtert wird.
Ich plane eine Publikation, um die Forschungsergebnisse zu diesem Thema vorzustellen: Wer sind die Komponistinnen? Aus welcher Generation und aus welchen Ländern kommen sie? Haben ihre Werke besondere Eigenschaften? Komponistinnen wie Sofia Gubaidulina, Rebecca Saunders oder Adriana Hölszky haben die Sprache des Akkordeons revolutioniert. Viele Kolleginnen haben hervorragende Stücke geschrieben, die bisher kaum bekannt sind.

  • Wie wünscht ihr euch, dass „Ricordo al Futuro“ genutzt wird? Was wäre ein langfristiger Effekt, der durch eine solche Datenbank für die Akkordeongemeinschaft oder darüber hinaus entstehen könnte?

Fanny V.: Wir wünschen uns, dass diese Datenbank über das Interesse von Akkordeonist(inn)en hinausgeht und auch Kurator(inn)en, Festivalmacher(innen) oder Neue-​Musik-Ensembles erreicht, damit noch mehr Konzerte mit Akkordeon geplant werden. Ich hoffe, dass sie dem Repertoire hilft, zwischen den Ländern zu zirkulieren. Dass Spieler(innen) aktuelle Werke entdecken können, die gerade entstehen, so dass es immer mehr differenzierte Literatur für Abschlussprüfungen und Konzerte gibt. Und dass mehr Kammermusikensembles mit Akkordeon angeregt werden.

Die Datenbank ist ein Werkzeug. Es erfordert Kultur und Forschergeist, um sie gut zu verwenden. Wir teilen die Referenzen der Werke, es ist allerdings wichtig, dass die Nutzer(innen) wissen, wie sie die Qualität beurteilen können, indem sie Partituren konsultieren oder die Aufnahmen der Stücke anhören. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir leider keine Auszüge aus Partituren oder Aufnahmen veröffentlichen, aber vieles kann man ja selbst recherchieren.

  • Wir möchten die Menschen hinter „Ricordo al futuro“ hier auch künstlerisch vorstellen. Von den vielen Projekten, mit denen du, Fanny, dich beschäftigst, scheint mir das Duo XAMP für eine „Erinnerung an die Zukunft“ am passendsten: Mit deinem Partner, dem Akkordeonisten Jean-Etienne Sotty, suchst du – so schreibt ihr auf eurer Website – „neue und kreative Wege, den Klang, das Instrumentarium und die technischen Möglichkeiten des Akkordeons zu erweitern“. Wann habt ihr das Duo gegründet und wie ist der Name entstanden?

Fanny V.: Das Duo wurde 2014 gegründet. XAMP heißt: eXtended Accordion and Music Project. Es spielt keine Rolle, die Bedeutung des Namens zu kennen: Wir wollten vor allem einen kurzen, wirkungsvollen Namen, der in einer imaginären Sprache gesprochen zu sein scheint.

  • Im Mittelpunkt steht das mikrotonale Akkordeon, das ihr entwickelt habt. Kannst du uns etwas darüber erzählen?

Fanny V.: Nach Studien in Trossingen, Luzern, Bern und Paris und Kontakten mit verschiedenen Komponist(innen) hatten Jean-Etienne Sotty und ich die Intuition, dass ein mikrotonales Instrument eine wundervolle Möglichkeit wäre, das Potenzial des Akkordeons in der zeitgenössischen Musik zu erweitern. Eine Oktave wird nicht mehr in 12, sondern in 24 Töne eingeteilt. Es entstehen dadurch nicht nur Vierteltöne sondern ganz neue Klangfarben und außergewöhnliche Mixtur-Register. Den Klang und sein Inneres zum Leben zu erwecken ist eine einzigartige Eigenschaft des Akkordeons, die für mich seine klangliche Identität ausmacht. Das mikrotonale Akkordeon verstärkt dieses Potenzial und erweitert es. Wir wollten zwei Anforderungen erfüllen: die grundlegenden Eigenschaften des klassischen Akkordeons beibehalten und Vierteltöne zur Verfügung haben, um Harmonie und Klangfarbe erweitert einsetzen zu können.

  • Was für ein Instrumentarium kommt darüber hinaus bei euren Projekten zum Einsatz?

Fanny V.: Das Herz unseres Projekts sind natürlich unsere Akkordeons, ob klassisch oder mikrotonal. Wir besitzen außerdem Bandoneons, eine Sheng und elektronisches Zubehör, das wir für Performances verwenden.

  • Ihr arbeitet mit Komponist(inn)en zusammen, und mit Künstler(innen) weiterer Sparten. Was findet ihr bei solchen Kollaborationen besonders spannend?

Fanny V.: Eine solche Zusammenarbeit ermöglicht es uns, die Konturen unseres Instruments immer wieder erneut zu definieren und seine Präsenz auf der Bühne zu hinterfragen.

  • Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?

Fanny V.: Im Moment arbeitet Jean-Etienne mit dem IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) an einem Hybrid-Akkordeon-Prototyp: Der elektronische und der akustische Klang des Akkordeons verschmelzen und treten aus dem Inneren des Instruments hervor.

Wir beschäftigen uns außerdem gerade mit dem Werk der Akkordeonistin und Komponistin Pauline Oliveros und werden eines ihrer elektronischen Stücke (The Roots of the Moment) für unser Duo bearbeiten. Die Arbeit an Barockmusik und Transkriptionen interessiert uns neben den Uraufführungen von Auftragskompositionen weiterhin.

  • Vincent, ich bin neugierig, mehr über ein besonderes Duo zu hören, mit dem du dich seit einigen Jahren beschäftigst: deine Zusammenarbeit mit der Gambistin Marianne Muller als Duo „les inAttendus“. Ihr hattet im Jahr 2018 eine erfolgreiche CD-Veröffentlichung mit einem Repertoire, das von der Musik des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht. Wie kam es zu diesem Duo-Projekt?

Vincent L.: Wie so viele Projekte begann dieses mit einer musikalischen Begegnung: Marianne und ich lernten uns in Nizza kennen, wo wir beide an einer Sommerakademie unterrichteten. Ich war bereits von Alter Musik fasziniert und Marianne war auch an zeitgenössischer Musik sehr interessiert. Schnell haben wir gemerkt, dass unsere beiden Instrumente ein besonderes Gefühl der Klangverschmelzung verbindet.

  • Was ist für dich das Faszinierendste an dieser Kombination?

Vincent L.: Die Möglichkeit, mit nur zwei Instrumenten ganz neue Klangfarben und das Gefühlorchestraler Klangfülle zu erzeugen.

  • Hat die Beschäftigung mit dem einzigartigen Gambenklang und der Klangwelt der Alten Musik, die damit verbunden ist, einen Einfluss darauf, wie du das Akkordeon behandelst?

Vincent L.: Absolut! Schon lange interessiere ich mich nicht mehr so für das Akkordeon als „massives“ Instrument, sondern mehr als ein Hilfsmittel, um Poesie zu erzeugen, ein magisches Werkzeug, um sich mit anderen Arten von Klängen zu verbinden. Wenn man mit der Viola da Gamba spielt, muss man seine eigene klangliche Identität neu überdenken.

  • Welche Pläne habt ihr für die ­Zukunft mit dem Duo?

Vincent L.: Eine Einspielung der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach für Barockvioline, Akkordeon und Viola da Gamba wird am 2. Juli 2021 beim Label Harmonia Mundi veröffentlicht. Dieses Vorhaben war ein ziemliches Abenteuer, dauerte fünf Jahre und war ein lange gehegter Traum. Außerdem haben wir gerade unser neues Duoprogramm Una Follia Italiana vorgestellt, mit Musik von Corelli, Frescobaldi, Ortiz, Palestrina, Rognoni und Vivaldi.

  • Und noch eine Frage an euch beide zum Schluss: Aus meiner Perspektive sieht es so aus, als ob sich die Akkordeonszene in Frankreich in den letzten zehn Jahren sehr gewandelt hat. Engagierte Interpret(inn)en wie ihr haben maßgeblich dazu beigetragen. Wie empfindest ihr das? Hat ein Generationenwechsel stattgefunden? Was wünscht ihr euch für das Instrument (und seine Musiker(innen)) in Frankreich oder darüber hinaus in den nächsten zehn Jahren?

Fanny V.: Ich finde ebenfalls, dass sich das Akkordeon in Frankreich in den letzten zehn Jahren sehr positiv entwickelt hat. Es gibt eine junge Generation, die frische Impulse gibt. Die ältere Generation ist immer noch aktiv und vor allem an den Konservatorien tätig. In Frankreich hat sich das Akkordeon, im Gegensatz zu Deutschland, erst in den 1980er-Jahren in Musikschulen und Konservatorien etabliert. Ich glaube, dass wir viel gewinnen können, wenn die Generationen Ideen austauschen und zusammen arbeiten. Das Repertoire hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt, aber wir müssen weiter an den pädagogischen Grundlagen und an der Vermittlung arbeiten, wenn wir wollen, dass sich diese Qualität weiter verbreitet. Außerdem wünsche ich mir, dass wir die Präsenz des Akkordeons in Kammermusikensembles weiter fördern, mit Alter Musik und zeitgenössischer Musik, um ein breiteres Publikum zu erreichen.

Vincent L.: Ich denke, die Musikwelt hat sich in den letzten Jahren insgesamt sehr für Neues geöffnet. Heutzutage kann man, wenn man Energie und Ideen hat, fast alles ausprobieren. Eine junge Generation von Akkordeonist(inn)en ist sehr aktiv, um ihr Instrument in verschiedenen Formen in ganz Europa zu fördern. Ich möchte die Dinge unter dem Gesichtspunkt der Kontinuität sehen: Es ist wichtig, neugierig zu sein, die unglaubliche Arbeit der vergangenen Generationen anzuerkennen und zu unterstützen, ebenso wie die unserer aktuellen ­Kolleg(inn)en.

Herzlichen Dank für das Gespräch, ich wünsche euch alles Gute für eure zukünftigen Projekte.

Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #79
Mai 2021
Fotos: Fotos/Screenshot: Eva Zöllner, Jorge Arce, Bernard Martinez, Daniel Cabanzo, Igor Studio

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