Heinrich Band, die Stadt Krefeld … und der Streit ums Buch

Peter M. Haas

Hallo liebe Musikfans aller Geschlechter! Ich lebe in Berlin, spiele und unterrichte Klavier, Akkordeon, Bandoneon, habe viele beliebte Musikbücher veröffentlicht und mit meiner website eine wichtige Info-Zentrale für Fragen zum Akkordeon geschaffen. Dem akkordeon magazin bin ich seit dem Gründungsjahr (vor jetzt bald 80 Ausgaben – Glückwunsch!) freundschaftlich verbunden.

24. Mai 2021

Lesezeit: 5 Minute(n)

Heinrich Band: Bandoneon

Heinrich Band, die Stadt Krefeld … und der Streit ums Buch

Im vergangenen Jahr gab es in der sonst so friedlichen Bandoneon-Szene einen handfesten Krach. Ein Bildband über das Bandoneon war erschienen, an dem es wütende Kritik gab. Ist das Buch wirklich so schlecht, wie die zornige Kritikerfraktion es vorgibt? Zwar ist die Aufregung vorüber, aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Ich finde, damit sollte aufgeräumt werden.

Eine Festschrift aus Krefeld

Da hat sich ein eigenartiger Streit um ein Buch entzündet. Was ist passiert?

Das Kulturbüro der Stadt Krefeld hat einen wunderschönen Bildband herausgeben lassen und als Autorin die Musikwissenschaftlerin Janine Krueger beauftragt. Es ist fast eine Art Festschrift. Wer wird gefeiert? Erstens die Stadt Krefeld selbst, zweitens ihr berühmter Sohn, der Musikalienhändler Heinrich Band, und drittens das Instrument, dem Heinrich Band vor nunmehr reichlich 160 Jahren seinen Namen gab. Der Band, reich bebildert auf über 360 Seiten, ist wunderschön geworden; es ist ein seltenes Lesevergnügen, hier zu blättern und zu stöbern. (Tangodanza hat ihm in der vergangenen Ausgabe eine Kritik gewidmet; hätte ich sie verfasst, wäre sie noch viel enthusiastischer ausgefallen). Soweit, so gut – und gar nicht gut.

Es hat an diesem Buch sehr heftige Kritik gegeben, in zwei Wellen.

Die Kritik: erste Welle

Zunächst gab es eine Rezension des Musikers und Autors Norbert Seidel. Seidel hält seine Kritik recht sachlich im Ton. Seine Kritik bezieht sich auf die Frage, wie viel am Griffplan des Bandoneons tatsächlich auf Heinrich Band zurückzuführen ist. Hat nicht doch der Chemnitzer Erfinder und Instrumentenbauer Zimmermann viel mehr Anteil an diesem Griffplan, als ihm bisher zugestanden wird? Will ihm Frau Krueger sein Verdienst absprechen? Die Beweisführung dreht sich unter anderem um die Schreibweise des Zeichens für eine ganz bestimmte Taste, der sogenannten Kreuztaste. Die Mehrzahl der Leserinnen und Leser wird mit mir übereinstimmen: Das ist eine Fachfrage, die die Musikwissenschaft intern ausmachen muss. Egal, wie diese Frage entschieden werden sollte – das Krefelder Bandoneonbuch wird dadurch sicherlich nicht schlechter und nicht besser.

Seidels Kritik

… ist nachzulesen auf der website des Bandonionvereins Carlsfeld e.V. unter diesem Link: https://www.bandonionverein-carlsfeld.de/index.php/2-uncategorised/22-heinrich-band

Die Kritik: zweite Welle

Die zweite Welle der Kritik war heftiger. Ein fünfköpfiges Autorenteam entlud seinen Zorn in einem Thesenpapier, das im Sommer 2020 an zahlreiche Redaktionen und Protagonisten aus der Bandoneonszene verschickt wurde. 

Seite 1 des Papers

… kann eingesehen werden unter www.tangoes.de. Leider konnte ich nicht ermitteln, ob das vollständige, 15seitige Thesenpapier irgendwo zur vollständigen Einsichtnahme bereit steht. Meine Anfrage bei einem der Unterzeichner blieb unbeantwortet.

In den Redaktionen der Fachblätter sorgte es für etwas Ratlosigkeit – das Papier ist zu lang, um es zu veröffentlichen, aber vor allem irritiert es durch den Grundton tiefer, beleidigter Gegnerschaft. Es ist keine dankbare Aufgabe, darauf einzugehen.

Einer der beiden Kernsätze ist der folgende:
„Nein, es ist falsch, Heinrich Band mit dem Wort „Bandoneón“ gleichsam in Verbindung zu bringen.“

Was hat „Band“ mit „Bandoneón“ zu tun?

Wie das? frage ich mich als verblüffter Leser. So wie der Erfinder Adolphe Sax dem Saxophon den Namen gab, ist das Wort „Bandoneon“ wohl ohne Zweifel mit dem namensgebenden Krefelder Musikalienhändler Heinrich Band verbunden? Oder nicht? Erst dann entdeckt man den Akzent über dem „o“. Der Gedankengang, der sich dann auftut, ist durchaus bedenkenswert: Zwar prägte Band den Namen und sorgte für Popularität. Mit dem großen Export nach Übersee aber, vor allem nach Argentinien, hat das Krefelder Unternehmen wohl nur wenig zu tun. Zur Legende in der argentinischen Tango-Szene wurden nicht die Instrumente aus Krefeld, sondern die Bandonions mit dem „doble A“, die Instrumente, die der große Alfred Arnold im sächsischen Carsfeld seit 1911 herstellte. Denn in Argentinien wurde das Instrument dann mit dem Titel „El Bandoneón“ gleichsam geadelt.

Aus Krefeld in alle Welt?

Tatsächlich ist das ein gewisser Mangel des Buches: Die Scheinwerfer sind so aufgestellt, dass Krefeld im Hauptlicht steht, die sächsischen Stätten der Erfindung und der Produktion deutlich weniger Licht abbekommen.

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Aber genau so steht es ja auch im Vorwort des Buches, denn die Autorin hat nie behauptet, hier ein allgemeines „Standardwerk“ vorzulegen: „Das vorrangige Anliegen der Herausgeber war es, die Verbindung zwischen Band, seinem Instrumentenentwurf und Krefelder Stadtgeschichte herauszuarbeiten.“

Wenn aber die Autorengruppe die Hauptthese ableitet: „Nein, es ist falsch, die Erfindung des Instrumentes BAND zuzuschreiben.“ mutet das eindeutig verstiegen an, denn

– erstens weiß längst jeder, der die Bandoneongeschichte auch nur ein wenig kennt, dass Band nicht der Erfinder, sondern nur Namensgeber und (Mit-)Entwickler des Griffplanes ist – das ist und bleibt völlig außer Frage!

– zweitens wird aber diese Zuschreibung auch nirgendwo im Buch von Janine Krüger vorgenommen. Stets schreibt sie korrekt vom „Instrumentenentwurf“ Bands, nirgendwo wird suggeriert, Band hätte das Instrument „erfunden“ oder auch nur ein einziges Exemplar selbst produziert. Seitenweise werden die sächsischen Lieferanten besprochen und diskutiert. (Wie oben schon gesagt – wenn Einzelheiten dieser Recherche unstimmig sein mögen, ist das eine Fachfrage, die Musikhistoriker kühlen Blutes unter sich austragen sollen.)

Die einzige Instanz

… , die das offenbar bis heute nicht weiß, ist der DUDEN. Dort heißt es bei den beiden Stichworten „Bandonion“ und „Bandoneon“ : HERKUNFT – nach dem deutschen Erfinder H. Band (1821 – 1860)

Von kühlem Blut keine Rede…

So aber konnte im vergangenem Herbst von kühlem Blut keine Rede sein. Offenbar steckt eine viele Jahre alte Fehde zwischen Krefeld und den sächsischen Regionen dahinter, und beide Seiten zogen mächtig vom Leder:

Der Bandonionverein Crefeld postet die Behauptung, dass die Autorin Janine Krüger „die Urheberschaft dieses Instrumentes ausschließlich dem Krefelder Heinrich Band zuzuschreiben versucht.“ Nein, liebe Kollegen, das tut sie nicht!

Freilich ist auch die rheinische Lokalpresse fleißig in der Verdrehung der Tatsachen gewesen, wenn sie schreibt: „Die Stimme des Tangos stammt aus Krefeld“ (WAZ vom 9.7.2020) oder sogar, völlig falsch: „Das Bandoneon – ein Krefelder hat’s erfunden“ (Neue Ruhr Zeitung vom 7.6.2020). Nein, liebe NRZ, hat er nicht!

Der Streit schlug noch eine Weile lang Wellen – dem Vernehmen nach soll sogar der Bürgermeister von Carlsfeld-Eibenstock einen bitterbösen Brief an seinen Amtskollegen in Krefeld geschrieben haben. Inzwischen scheint die Erregung abgeklungen; schade finde ich aber das Folgende: dass nämlich das Bewusstsein übrigbleibt, „mit diesem Buch sei doch wohl irgendetwas nicht in Ordnung“ – so etwas könnte dauerhaft hängen bleiben, und das hat dieser schöne, liebevoll durchkomponierte Bildband nicht verdient.

Lasst doch die Waffen ruhen!

Mit mehreren Bandoneonkenner:innen habe ich mich über das Buch ausgetauscht. Bei allen herrscht die Übereinstimmung vor: Lasst doch bloß die Waffen ruhen. Bei allem, was man dem Buch an Pro-Krefeld-Tendenz vielleicht anlasten möchte – „Heinrich Band.Bandoneon“ ist kein Standardwerk, aber ein wunderschönes, mit sehr viel Liebe komponiertes Buch über das geliebte Instrument. Ein Buch, das hilft, das Instrument, das wir lieben, zu feiern und im Gespräch zu halten.

Also, Tangofreundinnen und -freunde: Lasst uns gute Musik hören, gute Musik machen und dieses wunderbare Instrument preisen – egal in welcher Sprache und in welcher Schreibweise: Das Bandonion! Das Bandoneon! El Bandoneón!

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in Heft 2/2021 der Zeitschrift tangodanza. Wir danken der Redaktion von Tangodanza fur die Genehmigung zum Abdruck!

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