27. Mai 2022

Lesezeit: 20 Minute(n)

Titos Erben

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause kehrt das Rudolstadt Festival dieses Jahr zurück. Seine Geschichte begann bereits 1955. Damals fand in Rudolstadt das 1. Fest des deutschen Volkstanzes statt. Es wurde zu einem DDR-​Tanz- und Folklorefest, zu dem zahlreiche Gruppen aus Osteuropa anreisten. Nach der Wende wagte die Stadt 1991 mit einem veränderten Konzept den Neustart. Die 30. Ausgabe des renommierten Folk-​World-​Roots-​Festivals widmet sich in seinem Länderschwerpunkt „Titos Erben“ und verspricht „eine Klangreise durch die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien“.

Im Interview von Mitte März erklärt Bernhard Hanneken, wie es zu der Wahl dieses Themas kam. Er ist Programmdirektor und arbeitet seit 1991 für das Rudolstadt Festival. Außerdem organisierte er bis 2019 ganze 17 Ausgaben des transnationalen Festivals Transvocale in Frankfurt/Oder – Slubice (PL). Neben seinem Buch Deutschfolk – das Volksliedrevival in der BRDDR hat er jüngst ein weiteres Buch über die Geschichte des Rudolstadt Festivals fertiggestellt. Es soll passend zum Festivalstart erscheinen.

Text und Interviews: Ramona Kozma Fotos: Miki Olabarri Powell, Mare Milin

„Wir nehmen den dritten Anlauf, das 30. Festival zu feiern, und jetzt hoffen wir in diesem Jahr, dass es endlich so wird.“

 

(Bernhard Hanneken, Programmdirektor)

Festival vor malerischer Kulisse. Neben den sechs großen Bühnen, die in der ganzen Stadt verteilt sind, gibt es noch ein buntes Off-Programm mit unzähligen Straßenmusikern. Sie spielen in Gärten, Hinterhöfen oder im Park. Daneben finden sich Marktstände, Kulinarisches und ein Kinderplatz mit Programm für die Kleinsten. Foto: Frank Diehn

  • Ramona Kozma: Der Länderschwerpunkt des diesjährigen Rudolstadt Festivals lautet „Titos Erben“ und umfasst damit, wie ihr auf eurer Homepage schreibt, gleich sieben Länder: Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien. Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen und darauf, diese Länder zusammenzufassen? Brannte euch dieser Schwerpunkt schon länger unter den Nägeln oder gab es einen aktuellen Auslöser für diese Wahl?

Bernhard Hanneken: Wir haben ja jedes Jahr einen Länderschwerpunkt, aber es gibt einige Länder, die von der Größe und Vielfalt nie einen Länderschwerpunkt tragen könnten. Wir könnten einfach keinen über Luxemburg machen, egal ob uns die Musik aus dem Land gefällt oder nicht. Und ein bisschen ist es so mit den Ländern des ehemaligen Jugoslawien.

Nun bot sich der Westbalkan auch an – ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen –, da 1992 doch als das Jahr gilt, in dem Jugoslawien auseinandergebrochen ist. Es gab schon im Dezember 1991 Slowenien und Kroatien, die sich für unabhängig erklärt haben, und es gab dann hinterher die Bundesrepublik Jugoslawien aus Serbien und Montenegro, die erst viel später auseinandergegangen sind. Aber es waren dann diese 30 Jahre, und wir haben gesagt: Angesichts von 30 Jahren „Nicht-​mehr-​Jugoslawien“ kümmern wir uns mal um diese Region.

  • Was bedeutet ein Länderschwerpunkt genau für das Festival?

Das bedeutet eigentlich zweierlei. Das Festival ist ja ziemlich groß – wie du aus eigener Erfahrung weißt – und es ist für viele Leute von außen betrachtet ein ziemlich undurchsichtiger Gemischtwarenladen. Da sind solche Schwerpunkte, wie es früher mal das „Instrumentenprojekt“ war (ein Instrument war schwerpunktmäßig auf dem Festival vertreten, Anm. der Autorin), oder andere Projekte, die wir demnächst machen, und eben auch der Länderschwerpunkt, für das Publikum eine Art Gerüst, an dem sie sich entlanghangeln können. Auch für die Medien, muss ich sagen – denn das ist etwas, was sie dann nach außen stellen können. Das andere ist, dass bei einem Festival die Gefahr besteht, wenn man Länder nicht so gut kennt und dann nur eine Gruppe einlädt, dass das Publikum denkt, das ist die Musik des Landes, und man eigentlich fast bei jedem Land übersieht, dass sich das aus ganz unterschiedlichen Ethnien, unterschiedlichen Traditionen und natürlich ganz unterschiedlichen zeitgenössischen Interpretationsmöglichkeiten zusammensetzt. Das ist eine Chance, die man mit dem Länderschwerpunkt haben kann: die Vielfalt eines Landes zu zeigen. Das sind die beiden Hauptgründe gewesen.

  • Und was bedeutet das ganz praktisch? Gibt es dann mehr Konzerte oder Workshops zu diesem Schwerpunkt?

Wir laden ja üblicherweise aus einem Land nur einen Künstler ein. Das war anfangs umstritten, hat sich aber als sinnvoll herausgestellt. Klar gibt es Ausnahmen: Frankreich ist manchmal mit mehr vertreten, oder die USA und Kanada aufgrund ihrer Größe. Und der Länderschwerpunkt hat einen ganz unterschiedlichen Umfang. Wir hatten kleine Länderschwerpunkte – ich glaube Äthiopien hatte fünf oder sechs Künstler auf dem Festival. Wir hatten einen großen mit den USA, da waren es 17. Aber so zehn ist für mich die Regel. Hier beim ehemaligen Jugoslawien war es von vorneherein klar, dass wir aus jedem Land einen Künstler brauchten. Das waren dann schon mal sieben. Dann brauchten wir ein Tanzensemble. Das war Nummer acht. Dann brauchten wir zwingend einen Vetreter der Roma, das war neun, und etwas aus dem sefardischen Erbe, das war zehn. Und dann haben wir als Eckpunkte Boban und Marko Markovic für die Eröffnung und Goran Bregovic für das Abschlusskonzert, die sozusagen „frei schweben“. Bregovic sagt von sich selbst ja auch, er sei Jugoslawe. Von daher passt das dann auch.

Wir machen in diesem Jahr außerdem eine Fotoausstellung zum Thema „Roma auf dem Balkan“, zu deren Lebenssituation. Wir veranstalten außerdem schon seit mehreren Jahren am Freitag ein Symposium zum Thema, zusammen mit der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Daran arbeiten wir gerade. Es wird ungefähr sechs oder sieben Vorträge in der Bibliothek von Rudolstadt geben.

  • Darf schon verraten werden, ob ein Akkordeonspieler im Programm dabei ist?

Ja, wir haben ein Duo aus Bosnien und Herzegowina: Merima Kljucˇo und Jelena Milušic´. Die haben zwei Programme. Das eine heißt Lume und beinhaltet Lieder mehr oder weniger aus aller Welt, darunter vieles aus dem bosnischen Erbe. Und sie haben ein Programm mit sefardischen Liedern. Merima macht eventuell auch ein Solokonzert. Sie ist ja klassisch geprägt und hat ein größeres Werk für Akkordeon geschrieben, das sie solo oder mit Pianist bzw. mit Orchester aufführt. Für ein Orchester habe ich hier in der Kirche keinen Platz, aber solo oder mit einem Pianisten, das ginge.

Sagt dir der Begriff der „Haggada“ etwas? Das sind Bücher aus der jüdischen Tradition. So etwas wie Handlungsanweisungen für das Fest, das gefeiert wird am Abend vor dem Gedenktag der Befreiung der Juden aus dem ägyptischen Joch („Sederabend“, Anm. d. Autorin). Und es gibt eine ganz alte Handschrift davon aus dem 14. Jahrhundert, die von den spanischen Juden verfasst worden ist. Als diese Ende des 15. Jahrhunderts verfolgt und vertrieben worden sind, haben sie die Schrift nach Sarajevo mitgenommen. Es gibt hunderte von Theorien darüber, wie dieses Buch, das extrem wertvoll ist, den Bosnienkrieg überstanden hat, also darüber, wer es wo versteckt hat. Es ist eine der wertvollsten Schriften des sefardischen Erbes. Merima Kljucˇo hat einen Melodiezyklus als „Soundtrack“ zu dem Buch verfasst.

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Tamara Obrovac aus Kroatien kommt mit ihrem internationalen Transhistria Ensemble, in dem auch der italienische Akkordeonist Fausto Beccalossi mitspielt, nach Rudolstadt. (Foto by Mare Milin) 

 Tito 

Von 1945 bis 1980 war der einstige Partisanengeneral Josip Broz, der sich Tito nannte, Staatschef der Volksrepublik Jugoslawien. Tito galt und gilt als umstritten. Zugleich schaffte er es, den Vielvölkerstaat für 35 Jahre zu einen. Am 7. April 1963 wurde Tito zum Präsidenten auf Lebenszeit berufen. Er starb am 4. Mai 1980.

Als Konflikte (eine komplexe Mischung ethnischer, religiöser und ökonomischer Probleme) zwischen den Teilrepubliken nicht politisch gelöst werden konnten, begann eine Serie von Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, die von 1991 bis 2001 geführt wurden und schließlich zum Zerfall des Staates führten.

 

  • Es gab und gibt ja auch eine jugoslawische Rockszene. Habt ihr auch etwas, was in diese Richtung geht? Eine Fusion von Rock und Folk?

Wir haben versucht, da eine Balance zu finden. Wir haben Zwillinge aus Belgrad, die a cappella traditionelle Lieder singen, und Rambo Amadeus aus Montenegro, der einer der großen Popstars ist. Eine Tamara Obrovac ist mehr in Richtung Jazz unterwegs. Also – wir haben da schon versucht, ein stilistisches Spektrum abzubilden.

Danko Rabrenovic

Mit Danko Rabrenovic´ (Moderator/Autor) und Miroslav Grahovac (Akkordeonist) hat am-​Autorin Ramona Kozma jeweils ein Interview geführt. Sie sprach mit beiden über deren persönliche Erfahrungen und musikalische Sozialisation und wirft auf diesem Wege einen genaueren Blick auf die musikalische Landkarte des Westbalkans.

In den Gesprächen stellte sie auch die Frage nach der Bedeutung jugoslawischer Musik – egal ob traditionell oder Rock – vor und nach dem Zerfall Jugoslawiens sowie nach ihrer Rolle im Kontext von so schwierigen politischen Themen wie Nationalismus und Krieg.

    Danko Rabrenovic´

    Danko Rabrenovic´ wurde 1969 in Zagreb (Kroatien) geboren und ist in Belgrad (Serbien) aufgewachsen. Er floh 1991, um nicht am Krieg teilnehmen zu müssen, nach Deutschland. Im Jahr 2003 gründete er die Band Trovacˇi. Von 2005 bis 2016 moderierte er die Sendung Der Balkanizer beim Rundfunkprogramm Funkhaus Europa (Vorläufer von Cosmo). Sein Buch Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland erschien 2010 und erzählt in humoristischen Anekdoten von seiner Ankunft und seinem Leben in Deutschland. Rabrenovic´ arbeitet als Radiomoderator, Musiker, Schriftsteller und Stand-​up-​Comedian und ist ein Kenner der jugoslawischen Rockmusikszene. Sich selbst beschreibt er als Geschichtenerzähler: „Ich nutze all diese verschiedenen Wege, um Geschichten zu erzählen.“

    https://www.danko-​rabrenovic.de/

    Deutsche Welle: https://www.youtube.com/hashtag/dankodan
    WDR-​Fernsehbeitrag: https://www.youtube.com/watch?v=2yYT_4JNyCE

    „Ich bin in einem Land ­geboren, das es nicht mehr gibt.“

    (aus: Herkunft, Saša Stanišic´)

    • Ramona Kozma: Du bist in Zagreb geboren und in Belgrad aufgewachsen. Eine Zeit lang lebtest du aber in China …

    Danko Rabrenovic: Anfang der 80er war ich drei Jahre mit meinen Eltern und meinem Bruder in China. Meine Eltern waren Korrespondenten in Peking. Ich bin da zur russischen Schule gegangen, und dort habe ich auch meine erste Band gegründet, die richtig international war: Leute aus Chile, Uganda und Guyana.

    • In deinem Buch beschreibst du deine vielfältige musikalische Sozialisation. Welche Gruppe würdest du als besonders prägend für deinen musikalischen Werdegang bezeichnen?

    Im Prinzip gab es mehrere. Das ist die sogenannte „Jugoslawische Neue Welle“, etwas, was Anfang der 80er im Gange war. Bands, die aus dem Underground hochgekommen sind in Zagreb, Ljublijana, Belgrad. Das war der Soundtrack meiner Jugend. Die ganzen Platten, die da rauskamen – das waren Belgrader Bands wie VIS Idoli, Elektricˇni orgazam oder Zagreber Bands wie Houstor, Film, Azra. Das sind Bands, die mich geprägt haben. Etwas später, als ich schon 16, 17 war und Ambitionen hatte, mit meiner eigenen Band irgendwas musikalisch zu erreichen, da war ich großer Fan von der mazedonischen Band Leb i Sol. Das ist die erste Fusionband, die bei uns traditionelle Musik mit Jazz und Rock gemischt hat, und die waren sehr virtuos. Ich hab mir dann alle Platten von denen besorgt und alle Konzerte besucht.

    • Spielte denn traditionelle Musik für dich überhaupt eine Rolle?

    Nein, als Jugendlicher gar nicht. Ich war angezogen von Rock und New Wave. Traditionelle Musik war für mich eher etwas, was man auf Hochzeiten gespielt hat, und dazu hat man dann getanzt. Ich kann bis heute nicht diese traditionellen Kreistänze. Erst später, als ich mit Musikjournalismus angefangen habe und als ich meine Radioshow bei Funkhaus Europa hatte, da habe ich versucht, alle möglichen Genres reinzubringen, damit die Hörer nicht nur das hören, was mir gefällt (grinst), sondern damit sie so ein bisschen einen Überblick bekommen. In den Nullerjahren gab es auch viele Interpreten – junge Interpreten, die versucht haben, die traditionelle Musik wieder aufzupeppen und wiederaufleben zu lassen, indem sie neue Arrangements gemacht haben. Das wurde dann plötzlich als „Worldmusic“ angesehen. Es war für mich spannend, Melodien zu entdecken, die ich als Kind oder Jugendlicher schon gehört hatte, und mich damit mehr zu befassen: Wo kommt das her? Warum wird das so gesungen? Wer hat das alles gesungen und wie kam jetzt diese neue Version zustande? Als Musikjournalist in den Nullerjahren habe ich die traditionelle Musik durch eine andere Brille angeschaut. Aber wie gesagt, als Kind und Jugendlicher war das für mich kein Thema. Wir hatten in den 70er-​Jahren so was, was man „Novokomponovana muzika“ – „Neukomponierte Volksmusik“ – genannt hat. Das erinnert ein bisschen an Volksmusik, weil Instrumente wie Akkordeon, Geige usw. da stattfinden, aber es sind im Prinzip ganz banale und kitschige Texte.

    • War das Akkordeon für dich auch eher etwas Uncooles? War das verbunden mit Volksmusik?

    Ja, das war verbunden mit Volksmusik und hatte jetzt in einer Rockband oder im Rockkontext nichts zu suchen. Insofern war das auch kein besonders „sexy“ Instrument.

    • Kennst du heute eine Band, von der du sagen würdest, die setzen das cool ein?

    Ja, UWAGA! mit Miroslav Nisić. Es gibt da auch ein Duo: Miroslav Tadić und Merima Kljucˇo. Merima Kljucˇo ist eine Akkordeonistin aus Sarajewo, die in den Niederlanden studiert hat. Miroslav Tadić ist ein begnadeter Gittarist, der in Los Angeles lebt. Die haben zusammen traditionelle Musik auf ein anderes Level gebracht. So was gefällt mir natürlich.

    In der Pop- und Rockmusik wird das eher gesampelt oder als Zitat genutzt, nur so als Farbe. Das ist Geschmackssache. Ich mag es nicht; selbst wenn die Leute das sehr geschickt und handwerklich gut machen wie z. B. Dubioza Kolektiv aus Bosnien, finde ich das trotzdem ein bisschen billig, wenn man so einen Crossover-​Ansatz hat: Urbane Texte und urbane Musik – etwas, was eher aus dem Rock kommt –, und dann greift man zu den Folklore-​Elementen, z. B. ein bisschen Akkordeon. Das ist irgendwie nicht meins. Für mich gilt „entweder oder“. Dann lieber so ein Zugang wie Mirosvlav Tadić und Merima Kljucˇo, wo wirklich zwei grandiose Instrumentalisten überlegen: Wie kann man traditionelle Musik anders spielen? Sie nehmen feste Themen, Melodien, und drum herum gibt es dann viel Improvisation. Das geht schon mehr in den Bereich Jazz. Joe Zawinul (österreichischer Jazzmusiker, Anm. d. Autorin) hat mit seinem Syndikat diverse Leute aus Afrika geholt, die virtuos diverse Instrumente spielten, aber plötzlich auch Lelo Nika, einen Akkordeonisten aus Rumänien, der unglaublich spielt. Das ist dann wiederum eine Fusion, die völlig neu und unorthodox ist. So was hatte ich vorher noch nie gehört. Ich habe die beim Leverkusener Jazz-​Festival gesehen, und Lelo Nika spielte da plötzlich unter diesen hauptsächlich schwarzen Musikern, die sehr rhythmusbezogen mit Schlagzeug, Bass und beeinflusst von der afrikanischen Tradition waren – aber das sind natürlich Leute, die das auf einem sehr hohen und virtuosen Level spielen. Das ist dann natürlich interessant.

    • Du schreibst in deinem Buch über Identität: „Egal, was im Pass steht, entscheidend ist die Muttersprache!“ Gilt dies auch für die Musik? Gibt es Musik, die Menschen verschiedener Nationalitäten auf dem Balkan verbindet oder verbinden kann? Welche Musik hat diese Kraft? Traditionelle? Oder Gruppen wie Leb i Sol?

    Ja, hat sie, aber das ist natürlich sehr individuell. Ich weiß nicht, ob man das so soziologisch behaupten kann. Also ich bin zumindest dieser Überzeugung. Aber das trifft weniger auf die traditionelle Musik und Folklore zu, weil Folklore in gewisser Weise immer sehr national und an einen geografischen Kontext gebunden ist. Eher wenn wir zurück auf die 80er-​Jahre Rockmusik kommen und die Jugoslawische Neue Welle. Man muss sich vorstellen: Ein Land von nur 22 Milionen Menschen, wo zwischen 50 und 100 Rockbands aktiv sind – aus Slowenien, Kroation, Bosnien, Serbien – und die in diversen Genres unterwegs sind. Und da gab es dann Schallplatten-​Auflagen von 500 000 oder einer Million verkaufter Platten oder Tourneen von 100, 150 Konzerten in Jugoslawien! Außerhalb des anglosächsischen Raums gibt es keinen anderen kulturellen Raum, wo so etwas möglich war. Das heißt, die Musik hat bei jungen Menschen eine unglaublich große Rolle gespielt. Sie wurde auch im sozialistischen Jugoslawien gefördert, vom System, weil die Kommunisten wahrscheinlich irgendwann festgestellt haben, dass es besser ist, wenn die Jugendlichen in einem Jugendzentrum eine Rockband angucken, als wenn sie irgendwo in Parks mit Drogen dealen oder so.

    • Die Rockmusik wurde gefördert?

    Ja, ja, es gab Jugendzentren, Festivals und Kulturhäuser für junge Bands, die wurden supported. Zumindest in den 80ern war das nicht verboten, im Gegenteil. Das war wirklich etwas, was zum Mainstream geworden ist.

    Es gab z. B. den 25. Mai. Der wurde damals als Titos Geburtstag und zugleich als Tag der Jugend gefeiert. Da gab es so eine DDR- oder Nordkorea-​ähnliche Vorstellung im Stadion, wo man Tito eine Fackel übergeben hat, mit Choreografien und Jugendlichen mit Fahnen. Aber abends fand dann im Zentrum der Stadt ein Rockkonzert mit zwanzig Bands statt, das war umsonst und da waren 100 000 Leute. Das heißt, diese Geschichte im Stadion war etwas fürs Fernsehen, 20 Uhr, aber wir jungen Leute, wir sind zu diesen Konzerten gegangen. Und dadurch, dass viele kroatische Bands größere Erfolge in Serbien und Bosnien gefeiert haben und umgekehrt, bedeutete das, dass die Musik über der Nationalität stand. Als Azra – das ist so eine Kultband aus Zagreb – zum ersten Mal nach Belgrad kam, da waren sofort sechs oder acht Konzerte an acht Tagen ausverkauft, weil die Leute diese Band aus Zagreb sehen wollten. Und in Zagreb hatten sie es schwierig am Anfang. So etwas gab es auch umgekehrt, dass Bands aus Belgrad plötzlich in Zagreb oder Ljubljana große Fangemeinden hatten, die sie zu Hause nicht hatten. Diese Rock’n’Roll-​Geschichte war irgendwie weltoffen und in gewissem Sinne auch jugoslawisch, also im Sinne von: Egal woher wir kommen, wir stehen auf die gleiche Musik. Vielleicht idealisiere ich das. Aber ich behaupte, dass jemand, der EKV, Partibrejkers, Haustor oder Azra gehört hat, nicht in der Lage war, ein paar Jahre später mit einem Gewehr auf jemanden zu schießen, der eine andere Nationalität oder einen anderen Glauben oder wie auch immer hatte. Es gibt ein interessantes Buch von einem kroatischen Journalisten, Ante Perkovic, das heißt Die Siebte Republik. Jugoslawien bestand ja aus sechs Republiken. Seine These ist, dass die jugoslawische Rock ’n’ Roll-​Szene die siebte Republik war, die für sich funktioniert hat.
    Natürlich, für die Nationalisten, die für den Krieg waren, bedeuteten diese Bands nichts, und ein Nationalist hätte Anfang der 90er sofort die Radioanlage in einem Café zerschossen, wenn da die falsche Musik gelaufen wäre. Aber ich rede jetzt von Menschen, die mit dieser Musik groß geworden sind. Plötzlich über Nacht ist der Krieg da, aber diese Musiker, Kultmusiker wie EKV oder Rambo Amadeus, die pazifistisch und humanistisch orientiert waren, die haben Anfang der 90er ganz eindeutige Botschaften geschickt. Zu ihren Fans, zu ihren Freunden in Slowenien, Kroation, Bosnien. Sie haben sich distanziert von Miloševićs Politik und vom Krieg. Und das ist etwas, was bis heute quasi lebt.

    • Das wäre meine nächste Frage: Wie sieht es jetzt dreißig, vierzig Jahre später aus? Gibt es Gruppen, die das Erbe von diesen Bands antreten?

    Nein, also es gibt diese Bands, die damals gespielt haben und groß waren und die heute noch überregional sind. Und dann gibt’s junge Bands, wie Dubioza kolectiv oder S.A.R.S., für die das selbstverständlich ist, weil sie in einer Sprache sprechen, die alle Nachbarrepubliken oder -länder verstehen.

    Mit dem Krieg ist damals aber ein großer Musikmarkt zusammengebrochen. Die Bands aus Kroatien z. B. durften jetzt plötzlich nur noch in Kroatien spielen. Aus diesen Auflagen, die ich erwähnt habe – aus einer Million wurden plötzlich fünf- oder zehntausend Platten. Aus Touren von 100, 150 Gigs wurden plötzlich einzelne Konzerte, so acht bis zehn im Jahr – für große Bands. Ihr Publikum war weg. Irgendwann, zehn Jahre nach dem Krieg, kamen die ersten kroatischen Bands wieder nach Belgrad und die ersten serbischen nach Sarajewo.
    Aber der Nationalismus ist immer noch da. Er hat leider überlebt und ist eine schwierige Krankheit, schwierig auszurotten. Es gibt hin und wieder den Fall, dass plötzlich eine kleine Stadt in Kroatien, die einen serbischen Superstar eingeladen hat, das Konzert absagt, weil die Veranstalter irgendeinen Druck gespürt haben und jemand gesagt hat: „Wenn er kommt, dann …“ Und viele Politiker operieren damit. So halten sie sich seit 30 Jahren an der Macht, indem sie sagen: Unsere Nachbarn sind an allem schuld. In meinem Buch gibt es auch ein Kapitel über Turbofolk, weil für mich Turbofolk der Soundtrack des Krieges war: eine banale, rosarote Welt mit diesen ganzen Sängerinnen. Das lief in Serbien, während überall Bomben fielen. Man hat so versucht, die Leute bei Laune zu halten. Nach dem Motto: Der Krieg spielt irgendwo 500 km weiter. Wir haben damit nichts zu tun.

    • Du bist eine Art Vermittler zwischen den Kulturen. Was treibt dich an? Ich habe den Eindruck, du wolltest den Deutschen auch ein vielfältigeres Bild vermitteln. War das so ein Ding, zu zeigen: Balkan ist nicht nur Brassband? Wolltest du uns den Balkan besser erklären? Auch den musikalischen?

    Ich weiß nicht. Damals mit meiner Band, das war 2003/2004, als die erste CD rausgekommen ist, da ging es um die Jugoslawische Welle. Wir haben einfach die größten Hits aus den 80ern gecovert. Die Idee war: Okay, wenn man hier Balkanmusik sagt, dann kennt man Goran Bregović, ein paar Roma-​Blaskapellen, und darüber hinaus gar nichts. Also das Ganze, worüber wir die letzte halbe Stunde geredet haben, kennt keiner hier.

    Mit der Sendung, die übrigens seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr existiert, hatte ich jetzt keine große Mission im Sinne von: Ich kämpfe für Völkerverständigung und will, dass alle friedlich miteinander leben. Die Idee war, statt negativen Assoziationen mit dem Begriff „Balkanisierung“ positive Themen und gute Musik zu verknüpfen. Das Prinzip war ganz einfach: Jeder, der eine Beziehung zum Balkan hatte, konnte sich bewerben, zu mir ins Studio kommen und seine Lebensgeschichte erzählen. Ich habe den „Balkan“ als einen großen Kulturraum gesehen, der nicht nur Exjugoslawien, sondern auch Griechenland, Bulgarien, Albanien und Rumänien umfasst. Ich hatte heute einen Kosovo-​Albaner, morgen einen Bosnier, übermorgen einen Slowenen, dann nächste Woche einen Rumänen. Das war dann für die Hörer ein Signal: Okay, diesem Balkanizer, diesem Danko Rabrenović – ihm ist es scheißegal …

    • Er spricht mit allen.

    Ja, er spricht mit allen und immer auf Augenhöhe. Die Leute sind herzlich willkommen. Mein Wunsch war einfach, gute Vibes zu senden und interessante Geschichten und Musik aus diesem kulturell sehr reichen Teil Europas zu erzählen – und natürlich zu zeigen: Egal, was wir für einen Background haben, wir können miteinander reden. Die Musik verbindet uns. Ich hab natürlich immer wieder die Gitarre rausgeholt, was für die Leute gesungen, und dann haben sie mitgesungen oder auch nicht …

    • Das machst du jetzt auch bei deiner YouTube-​Serie, dass du diese kleine Gitarre mitbringst …

    Ja, wenn man so will, ist diese YouTube-​Video-​Reihe, die ich jetzt für die Deutsche Welle mache, ein „Mini-​Balkanizer“, komprimiert auf fünf Minuten und als Video.

    • In der Video-​Serie sprecht ihr nicht deutsch, sondern serbokroatisch. An wen richtet sich diese Sendung? Richtet sie sich an die Menschen auf dem Balkan?

    Klar. Die Deutsche Welle versucht, objektiven, inhaltlich fundierten, recherchierten Inhalt in 60 Sprachen für Länder im Ausland zu machen. Das heißt, das Publikum für diese Videoreihe sitzt auf dem Balkan. Das ist dann in der Muttersprache. Deswegen finde ich hier in Deutschland „Exjugos“, Leute, die eine interessante Biografie haben, die hier leben und die auch so ein bisschen kosmopolitisch unterwegs sind und über diese Grenzen hinaus denken und leben.

     

    Miroslav Grahovac

    Miroslav Grahovac

    Miroslav Grahovac wurde 1982 in Rijeka (Kroatien) geboren und lebte ab 1992 in Bosnien, bevor er 2001 zum Studieren nach Deutschland kam. Durch den traditionellen Einfluss der Volksmusik entdeckte er schon in seiner Kindheit das Akkordeon für sich und die Musik als seine große Leidenschaft. Er studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und spielt als Solist, Kammermusiker und als festes Mitglied in verschiedenen Ensembles auf zahlreichen nationalen und internationalen Bühnen. Neben seiner konzertanten Tätigkeit ist er auch als freiberuflicher Akkordeonlehrer und musikalischer Leiter aktiv.

    Musikprojekte:

    https://www.ensemble-​vinorosso.de/ https://balkanologic.com/ http://gorason.eu/ http://www.ayassa.net/

    • Ramona Kozma: Miroslav, du bist 1982 in Rijeka geboren.

    Miroslav Grahovac: Ja, im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien.

    • Erinnerst du dich an ein besonderes Erlebnis oder eine erste Begegnung mit traditioneller Musik?

    Auf jeden Fall. Das kann ich dir sofort sagen. Bei uns auf dem Balkan ist es ganz normal, dass das Akkordeon auch zu einer privaten Feier nach Hause mitkommt. Dabei kommt es nicht auf die Zahl der Gäste an. Es war nur so in einem kleinen Wohnzimmer. Ich glaube, es war der Geburtstag meiner Schwester. Und es gab einen Akkordeonisten. Das ist meine erste Erinnerung.

    • Die traditionelle Musik gehörte zum Alltag dazu?

    Richtig. Jeden Tag lief die traditionelle Musik auch im Radio.

    • Von meinen Eltern, die in Warschau an der Sporthochschule studiert haben, weiß ich, dass es dort Profi-​Folklore-​Tanzgruppen gab, die vom Staat gefördert wurden. Wie war das Verhältnis vom sozialistischen Jugoslawien zur Folklore?

    Im ehemaligen Jugoslawien gab es traditionelle Tanzvereine, wo man das quasi als Hobby gelernt hat. Dazu gab es meistens auch Live-​Musik. Das war vom Staat geprägt, diese Traditionen weiterzugeben, hatte aber mit der Schule und Hochschule nichts zu tun. Ich muss sagen, dass die Musikschulen eine gewisse Scham gegenüber dieser Musik hatten. Wir durften traditionelle Musik, also was man so in Kneipen machte, nicht spielen. Das galt nicht als Kunst. Aber ich glaube, das ändert sich auch langsam. Man kann mittlerweile Ethnomusikology bei uns studieren. Aber so richtig, wie in der Türkei z. B., traditionelle Musik zu studieren, die man dann im Radio hört – das gab und gibt es bei uns nicht. Die Musikschule ist komplett auf Klassik ausgerichtet. Das sind zwei parallele Welten.

    Mein Start war traditionell. Ich wollte erstmal dieses traditionelle Instrument lernen. Ich wollte ein Kneipenmusiker werden, ich wollte eine Band haben. Erst später bin ich in die Musikschule gegangen und habe dann was ganz anderes gemacht.

    • Wann hast du mit dem Akkordeonspielen begonnen?

    Durch den Krieg sind wir von Kroatien nach Bosnien zurückgekehrt, denn meine Eltern stammten ursprünglich aus Bosnien, und dann bin ich in Bosnien zu einem Lehrer gekommen. Ich hatte richtig Bock Akkordeon zu spielen. Mein Onkel hatte so ein kleines Ding, ein rotes Weltmeister mit 40 Bass. Es war Krieg bei uns damals, und ich wollte das lernen, aber meine Eltern sagten immer: „Ja, gucken wir mal, gucken wir mal …“ Aber auf einmal kam mein Vater von der Arbeit und sagte, er habe da von jemandem gehört, nächste Woche solle ich zum Unterricht. Am 4. 4. 94. Meine erste Stunde. Da war ich zwölf Jahre alt.

    • Und dein Lehrer ist jemand gewesen, der selbst Musiker war und der Volksmusik gespielt hat?

    Er war ein Gitarrist.

    • Ein Gitarrist?

    Ja. Er hat selbst nicht Akkordeon gespielt, aber er wusste, wie das funktioniert. Und das war unglaublich toll. Er ist so ein super Lehrer gewesen. Er unterrichtet noch immer. Ich habe mit ihm Noten gelernt, Lieder, habe einfach Volksmusik mit ihm gemacht, aber alles nach Noten. Er hatte einen Deal mit einem anderen Akkordeonisten: Wenn man zwei Jahre bei ihm Grundlagen gelernt hatte, konnte man zu dem Akkordeonisten wechseln.

    Ich habe mich verliebt in diese Sache. Weißt du, wir hatten damals sehr oft Stromausfälle, und ich bin immer mit dem Fahrrad zum Unterricht gefahren, denn ich musste mein Akkordeon nicht mitnehmen. Dann bin ich zurückgekommen und habe sofort geübt. Ich war verrückt nach diesem Instrument und nach dieser Musik. Ich habe echt viel geübt, sofort. Es musste sofort fertig sein. Aber mein Lehrer hat mich auch zusätzlich motiviert. Der Übergang von Kroatien nach Bosnien war für mich nicht so einfach. Ich konnte mit den Kindern und Jugendlichen in meiner neuen Umgebung nicht richtig klarkommen und habe etwas gesucht, wo ich etwas für mich alleine machen konnte. Ich hatte keinen Bock Fußball zu spielen, denn die waren da richtig aggressiv.

    • War das Akkordeonspielen für dich ein Anker, an dem du dich festhalten konntest?

    Richtig, genau.

    • Wie ist es mit deiner Beziehung zur traditionellen Musik weitergegangen?

    Ich bin dann komplett in eine klassische Schiene reingerutscht, deswegen habe ich die traditionelle Musik auch ein bisschen auf die Seite gelegt. Aber ich muss sagen, dass jeder Akkordeonlehrer, den ich hatte, mich gefragt hat, ob ich Volksmusik spiele. Ich habe mich ein bisschen geschämt, etwas zu spielen, habe aber dann so ein kleines Tanzstück gespielt, weil das technisch das Schwierigste ist. Und niemand hat gesagt, ich solle das nicht weiter machen – im Gegenteil, denn das sei unglaublich gut für meine Technik. Erst als ich nach Deutschland kam, habe ich angefangen, ein bisschen mehr Volksmusik zu spielen. Und tatsächlich, es kam Vinorosso, es kam Ayassa aus Hannover, es kam goraSon aus Bremen, nach zehn Jahren, die ich hier lebte, kam die Klezmermusik, kam die osteuropäische Musik, und da dachte ich: Wow, was ist das hier? Hier spielt man solche Konzerte? Bei uns gibt es auch so was wie Ethnojazz, aber eigentlich ist das ein bisschen anders. Man kommt, wenn man so was spielt, sofort in eine Partystimmung: Du musst die Leute unterhalten. Hier gibst du ein Konzert. Du erklärst die Lieder und ihre Hintergründe. Das ist auch interessant.

    • Du spielst Musik mit vielen Musikern aus allen möglichen Nationen (Briten, Deutsche, Rumänen). Kannst du nochmal deine Projekte nennen?

    Balkanologic ist das neueste Projekt in Gelsenkirchen, von einem rumänischen Geiger initiiert. Er komponiert eigene Musik. Was wir aufgenommen haben, das ist alles von ihm. Balkanologic ist etwas, was mich tief bewegt, weil die Musiker unglaublich stark sind – Jazzmusiker, mit einem sehr guten Gehör. Wir haben mit nur ein paar Proben unsere CD gemacht. Ich mag Proben nicht so, muss ich sagen. Man muss natürlich eine Form haben, aber miteinander zu kommunizieren, das ist eigentlich das Wichtigste.

    • Mit dem Projekt Balkanologic verbindet ihr Einflüsse des Jazz, der Klassik und des Balkan. Was reizt dich an dieser Verbindung? Welche besonderen Qualitäten bringt die traditionelle Musik vom Balkan mit hinein?

    Also, bei Balkanologic spielt Rhythmus keine so große Rolle. Der Geiger ist ein Roma-​Geiger mit Abschluss in Bremen. Er hat Klassik gespielt, kann aber auch unglaublich authentisch spielen, also was Ornamentik und Phrasierung betrifft: richtig traditionelle Musik, die die Leute in Rumänien oder in Serbien bewegt. Das betrifft auch die Harmonien.

    Vinorosso hat sich dagegen auf Rhythmik spezialisiert. Das kommt hier im Westen einfach sehr gut an, wenn man Balkanmusik mit diesen ungeraden Takten spielt.

    • Welche Musiker oder Gruppen findest du heute bedeutsam oder innovativ? Sowohl in Exjugo-​Staaten als auch hier?

    Uwaga! (lacht) ist das Beste, was ich hier in der Umgebung gehört habe. Miroslav kenne ich sehr gut, wir sind auch sehr gut befreundet, spielen ab und zu zusammen. Seine Mitmusiker lassen ihn einfach spielen. Das finde ich klasse.

    • Wir haben im Vorgespräch bereits darüber gesprochen, dass es diese Kriege gab und immer noch Nationalisten, die ihre eigene Nation in den Vordergrund stellen wollen. Siehst du in der traditionellen Musik auch die Möglichkeit, dass Musiker und Zuhörer sich über Grenzen hinweg verbinden? Denn es gibt ja eigentlich gemeinsame Wurzeln.

    Auf jeden Fall. Es kommt auch darauf an, wer da sitzt. Also, ich spiele bei Kroaten, Bosniern und Serben und bin selbst in Kroatien geborener Serbe. Ich mag die kroatische Musik. Ich mag Piano und diesen Einfluss aus Italien. Ich muss sagen: Hier in Deutschland, wenn die Leute – egal ob kroatisch, bosnisch oder serbisch – sich treffen, kommt immer jemand und wünscht sich so ein patriotisches Lied. Die Leute mögen das noch immer, über irgendeinen Berg zu singen, der jetzt zu Kroatien gehört oder zu Serbien, vom Stolz usw. In Bosnien gibt es das natürlich auch. Wobei Bosnien da eine eigene Musikstilrichtung hat, die man sofort erkennt, durch die Einflüsse des Osmanischen Reiches, die Sevdalinka. „Sevda“ bedeutet Liebe. Und in Bosnien gibt es eine Liedgattung, die nennt sich Sevdalinka, mit vielen, vielen Liedern. Die Volksmusik, die in Serbien in den 60ern, 70ern und 80ern produziert wurde, die hat sich überall verbreitet. Egal, wer im Publikum sitzt, die wollen immer von einem bestimmten Sänger Musik hören, der damals in Jugoslawien populär war. Und diese Musik verbindet. Ich habe mit kroatischen, serbischen und bosnischen/muslimischen Musikern zusammengearbeitet. Mein Sänger ist gerade aus Bosnien – ein cooler, gebildeter Typ. Ich muss sagen, das ist, worauf es ankommt: Bildung, Bildung, Bildung.

    • Ich habe gesehen, wie die katalonische Barcelona Gypsy Band auf einem Konzert in Bielefeld Makedonsko Devojce singt und im Publikum etliche Menschen, vermutlich vom Balkan, den Text eins zu eins mitsingen konnten. Ich fand das irgendwie eine spannende Mischung und dachte: Was passiert hier eigentlich gerade? Und wie siehst du das, wenn jetzt Leute, die gar nicht aus der Gegend stammen, diese Musik spielen?

    Das ist etwas Fantastisches, dass die anderen Nationalitäten oder Leute traditionelle Musik von einem Land oder von einem Gebiet wie dem Balkan spielen. Das tut unglaublich gut. Unser Volk ist sehr musikalisch. Die Menschen hören ganz viel Musik und jeder kennt hunderte von Liedern und hunderte von Texten. Bei einer Feier kann oft die komplette Festgesellschaft mitsingen. Ich habe die Band noch nicht live erlebt, nur auf YouTube einen Spot gesehen. Sie haben das richtig gut gemacht. Nicht zu traditionell, aber sie treffen das, was auch für „Balkanohren“ gut klingt. Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, versuche ich zu erklären, dass es bei der Musik nicht auf Theorie, auf Harmonien oder richtige Noten ankommt, sondern auf das Gefühl. Es ist wichtig zu verstehen: Was für einen Eindruck hinterlässt dieses Stück und wie erzeugen wir den? Das ist genau diese Energie. Die Leute von Ayassa z. B. haben verstanden, dass ein falscher Ton überhaupt nichts ausmacht. Diese Stimmung, diese Übertragung von Emotionen oder von Energie – also, das ist die stärkste Band, die ich bisher erlebt habe, die diese Umwandlung verstanden hat.

     

    Heute werden die „Konflikte“ nur noch musikalisch ausgetragen. Die zwei beliebten Bands Dubioza kolektiv (Bosnien und Herzegovina) und S.A.R.S. (Serbien) liefern sich eine Art „Battle“. In der „Takeover Round“ spielt eine Band einen Hit, den die andere Band ab der Hälfte des Liedes in ihrem eigenen Stil weiterspielt. Ein amüsantes, nicht ganz ernst gemeintes Spiel!

    https://www.youtube.com/watch?v=tS6Bsd9A29Q

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