Vorsicht Falle

E-mails von der Mafia?

21. Mai 2024

Lesezeit: 4 Minute(n)

Es fing alles ganz einfach an: vorgestern bekam ich eine E-Mail von Bruno. Er schrieb mir:

Hallo

Ich bin daran interessiert, dass du meinen Sohn unterrichtest (Akkordeon Unterricht)
Lassen Sie mich wissen, ob Sie noch verfügbar sind

Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören

Danke

Bruno

Naja, wenn jemand nicht richtig Deutsch kann, antworte ich nicht so gerne – aber ich will ja auch niemanden diskriminieren. Also antworte ich, was man eben so antwortet: wie alt denn der Sohn sei, und ob er schon ein eigenes Akkordeon hat. Prompt kam die nächste E-Mail von Bruno, diesmal (teilweise!) In etwas soliderem Deutsch verfasst:

Hallo Peter M. Haas.

Mein Name ist Bruno Genesio, aus Frankreich. Mein Sohn ist gebürtiger Deutscher und wird in Ihrer Gegend Urlaub machen. Ich brauche einen Akkordeonunterricht ( LEHRER).. Ich möchte wissen, ob du dich gut um ihn kümmern und ihm tolle Dinge auf AkkordeonUnterricht beibringen kannst  

Ich möchte, dass Sie sich mit den Kosten Ihres Gehalts für einen MONAT (Juni) bei mir melden

Er wird jeden Tag für 1 oder 2 Stunden zu Ihnen nach Hause kommen, Sein Name ist Mark, er ist 14 Jahre alt…. Ich habe einen Fahrer, der ihn immer zu dir nach Hause fährt und zurückkommt, um ihn abzuholen, wenn du mit ihm fertig bist. Ich hoffe, so schnell wie möglich von Ihnen zu hören.

Danke

Bruno Genesio

 

Ich dachte bei mir: Das hättest du gerne, du reicher Pinkel, dass dein Goldjunge sich mit dem Chauffeur bei mir täglich vorbeifahren lässt – Nee, nee, nicht mit mir! Nun kenne ich zwar diesen Bruno Genesio nicht, aber ich hatte gleich irgendwie das Bild von einer Art (Mafia-?) Boss, der gewohnt ist, anderen Menschen Angebote zu machen (wie es so schön heißt), die man nicht ablehnen kann. Natürlich hatte ich nicht vor, auf diese E-Mail zu antworten.

Ich erzählte meiner Freundin Beate davon – die ließ gleich das Stichwort „pig butchering“ fallen. Naja, das fand ein bisschen zu hoch gegriffen: Bruno wollte mich ja nicht über Monate hinweg verliebt und hörig machen, damit er mich dann ausnehmen kann.  Aber dann fiel Beate auch ein, dass der Akkordeonlehrer ihrer Freundin aktuell einen gut dotierten Job ganz gut brauchen könnte. Also leiteten wir die Anfrage an den Akkordeonisten Franz in Stralsund weiter.

Die Überraschung war groß: obwohl Franz am anderen Ende der Republik wohnt, hatte er vor wenigen Tagen dieselbe Post von Bruno erhalten. Geht es da also um ein sehr flexibles Söhnchen, dass sowohl in Berlin als auch an der Ostsee im Urlaub residiert und vom Chauffeur immer hin und her gefahren wird – oder wie? Natürlich nicht, und damit war klar: Das ist irgendeine Betrugsmasche.

Franz schrieb mir noch dazu: „Ich habe dem Menschen auf französisch ein paar Details zu seinem Sohn nachgefragt: keine Antwort. Offenbar können die kein Französisch. … Wahrscheinlich handelt es sich um Mafias, die – leider Gottes – mit entführen Menschen arbeiten sollen.“

Na holla – das mit der Mafia sollte ja nur ein Scherz von mir sein. Aber was uns nach wie vor nicht ganz klar war: um welche Art von Betrug es sich denn dabei handeln sollte. Und wie weit gestreut war denn diese E-Mail schon verbreitet worden?

Da bewährt es sich, wenn man ein solides Netzwerk hat. Ich schrieb alle befreundeten Akkordeon- und Klavierlehrer an und bekam innerhalb von wenigen Stunden sieben Antworten – aus der ganzen Bundesrepublik und sogar aus Österreich.

So erfuhr ich zunächst einmal, wie der nächste Schritt aussieht. Jutta, eine Lehrerin aus Norddeutschland machte einen kleinen Kostenvoranschlag für Bruno und bekam dann diese Post von Bruno (der sich inzwischen in Mauro Gambino umbenannt hatte):

Danke für die Nachricht, ich bin froh, dass Sie mich in Bezug auf den Akkordeonunterricht auf dem Laufenden gehalten haben und mehr noch, dass Sie das Angebot angenommen haben und es von mir in Ordnung ist, ich habe Kontakt mit meinem Sohn MARK bezüglich der Organisation des Akkordeonunterrichts 600 € aufgenommen, was er mir gesagt hat, ist ok.

Ich habe vor, monatlich 700 Euro zu zahlen und ich nehme an, dass er in der Lage sein sollte, ernsthaften Akkordeonunterricht zu lernen, da er noch ein Anfänger ist.

Ich werde Ihnen meine Gehaltszahlung schicken, von der ich möchte, dass Sie wissen, dass der Rest des Geldes für die Unterkunft und alle anderen Vorkehrungen für den Akkordeonunterricht verwendet wird.

Deshalb möchte ich euch mitteilen, dass ich euch einen Bankscheck für die Bezahlung des Akkordeonunterrichts schicken werde. Der Restbetrag der Zahlung wird an das Kindermädchen gesendet, das ihn abnimmt.

Ich benötige Ihren vollständigen Namen und Ihre Adresse, um den Bankscheck zu erhalten, damit die Zahlung pünktlich erfolgen kann.

Grüße.

Mauro Gambino

Aha: jetzt ist es zwar – hinter der wirren Ausdrucksweise – noch nicht ganz deutlich, aber man riecht da irgendetwas Eigenartiges mit dem Scheck und dem Restbetrag und dem Kindermädchen (der Chauffeur scheint inzwischen davongefahren zu sein).

Wie es genau weitergeht? Ein anderer befreundeter Musiker aus Süddeutschland war – bereits vor längerer Zeit, wie er mir jetzt schrieb – so neugierig, das Spiel weiterzuspielen. Er forderte ein sattes, vierstelliges Honorar (so etwa 3000€), gab dem ominösen Bruno/Mauro seine Adressdaten und – sieh mal an – er bekam auch sofort per Post einen Barscheck über 4000 €. Und damit kam dann auch die Katze aus dem Sack: Er sollte sein Honorar von diesem Betrag abziehen und den verbleibenden Rest an die “Nanny“ des Sohnemannes überweisen.

Selbstverständlich überwies unser Freund keinen Cent. Der Scheck war nicht gedeckt, und die Anzeige bei der Polizei konnte nur gegen “unbekannt“ erfolgen. Das war in diesem Fall schon eine Weile her, und das Verfahren wurde inzwischen eingestellt.

Es bleibt eigenartig: Wer einen Scheckbetrug einleiten will, sollte es eigentlich nicht so plump versuchen. Aber es gibt ja eine ganze Reihe von gut bekannten ähnlichen Fakes, die unentwegt seit Jahren auf die Reise geschickt werden – ihr kennt Sie ja: Zum Beispiel der Rechtsanwalt, der einen Erben für das afrikanische Millionenvermögen sucht, oder die dauernden, plumpen Hinweise, „Hallo Herr Kunde, Ihr STRATO Akkaunt ist erloschen und muss aktualisiert werden…“

Aktuell scheint wieder eine Welle solcher Briefe zu kursieren – wundert euch also nicht lange, was dahinter stecken könnte, sondern werft die Post einfach dorthin, wo sie hingehört – in den Müll!

Ach so – hier noch ein Nachtrag, was den Hintermann dieser Rundbriefe betrifft: Den Namen Bruno Génésio gibt es tatsächlich. Er trainierte jahrelang die französischen Fußballmannschaften Olympique Lyon und Stade Rennes. Wir können sicher sein, dass dieser Original-Bruno anderes zu tun hat, als seinen ewig jungen Sohn zusammen mit dem Chauffeur und der Nanny jahrelang quer durch Mitteleuropa zu schicken, im ewigen Urlaub auf der ewigen Suche nach Klavier- oder Akkordeonunterricht für Anfänger.

Peter M. Haas

1 Kommentar

  1. Benjamin

    Danke für diesen Hinweis. Da sieht man, dass selbst die Akkordeonszene von der Mafia nicht verschont bleibt.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L