Finnland und Akkordeon, das ist eine Kombination, die oft gut funktioniert, bisweilen allerdings auch etwas sperrig und eigentümlich wirkt. Wobei das Land im hohen Norden auf den gemeinen Mitteleuropäer gerne einmal diesen Eindruck macht. Wer aber das neue Album „Tovi“ der Akkordeonistin und Komponistin Teija Niku aus Helsinki anhört, kommt nicht umhin, dieser spröden Eigentümlichkeit mit Herz und Liebe zu begegnen. Das beginnt gleich beim ersten Stück, dem Quasi-Intro „Ohto“, das die Musikerin selbst als eine „riesige Bären-Umarmung“ beschreibt. Das passt, denn groß und mächtig kommen die tiefen Töne des Akkordeons auf einen zu und ummanteln einen. Der Zuhörende hat immer ein wenig Angst, dass die riesigen Arme des Bären etwas zu fest zudrücken könnten, gleichzeitig fühlt man sich wohl und aufgehoben. Und so geht es dann weiter, neun Stücke gibt es zu hören, allesamt 2024 aufgenommen, aber erst jetzt zu Album-Ehren gelangt. Teija Niku gelingt es, mit ihrem Akkordeon den Raum zu füllen, sei es bei der Hommage an die mazedonischen Liebeslieder, dem rhythmisch vertrackten „Seitesemän“, der wilden „Paholaisen polska“, mit der die Finnin Dämonen austreiben will – entgegen dem Gerücht, dass man mit dem Akkordeon Dämonen überhaupt erst heraufbeschwören können soll. Eine knappe halbe Stunde Musik enthält „Tovi“. Es ist ein Zeitrahmen, um sich auf eine große, grüne Wiese zu begeben. Dort kann man die Noten und Töne, welche die Finnin auf ihrem Instrument erstrahlen lässt, etwa im elegischen „Elokuu“ oder dem furiosen „Finsko Dajchovo“, flattern sehen wie die flinken Falter im Frühjahr oder wuseln wie die trägen Fliegen im Herbst. Beim abschließenden „Poloneesi äidille“ singt die Musikerin sogar. Dieses kleine, sehr festliche Stück hat sie ihrer Mutter zum 70. Geburtstag geschrieben. „Tovi“ ist wundervolle Musik, die man, einmal gefunden, lieben wird.
Wolfgang Weitzdörfer
Die vielseitige finnische Künstlerin Teija Niku und ihr Leben mit der Musik waren Thema unsere Coverstory im akkordeon magazin #76 (Oktober/November 2020).
Zur Ausgabe (PDF) geht es hier:






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