Denken heißt überschreiten

25. Oktober 2021

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Denken heißt überschreiten

Musik ist gewiss ein zentraler Bestandteil des menschlichen Daseins. Sie ist das wohl unmittelbarste Medium im Bereich der Kommunikation – eine Position, die es in Zeiten von Tendenzen, Musik zum ornamentalen Beiwerk des täglichen Lebens zu degradieren, immer wieder aufs Neue aufzuschlüsseln, zu verteidigen, vorzuleben gilt. Ich verstehe es als wesentlichen Grundsatz eine Kunst zu offenbaren, die nicht allein angenehme Unterhaltung, schöne kuschelige Mußestunden, Ablenkung, Freude oder Trost spendet, sondern vielmehr zum Denken inspiriert und neue Wege weisen kann. Die Frage nach dem Wesen der Musik, nach ihrem Sein in Zeit und Raum, nach ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nach ihrer Bedeutung für Komponisten, Interpreten und Zuhörer, nach Wahrheit und universalen Zusammenhängen beschäftigt mich regelmäßig.
Musiker brauchen nicht zuletzt deshalb den fruchtbaren Dialog mit Naturwissenschaftlern, Philosophen und anderen Künstlern, die neue und ungewöhnliche Wege beschritten haben, um das Erkennen der Zeit zu vollziehen und einen richtungsweisenden, klugen Umgang mitzugestalten.
Neben einer bewussten Pflege unserer Traditionen brauchen wir eine vermehrte Überwindung des klassischen linearen Denkens, was in vielen Aspekten auch mit geistigen und religiösen Erfahrungen und Überlieferungen zu verknüpfen ist; z.B. mit den Lehren des Zen-Buddhismus oder etwa dem Alten und Neuen Testament – in ganz ähnlicher Weise aber auch mit dem Wesen und der Struktur musikalischer Kunstwerke.
Beispiele in der Gegenwart sind aus meiner Sicht Musiker wie Heinz Holliger oder Clytus Gottwald. Ein Beispiel in der Historie ist sicherlich Robert Schumann, in dessen Leben mehrfach auffällige Brüche mit dem Gewohnten stattfanden. Er durchwanderte Wendepunkte, die aus der Erfahrung heraus nicht zu erwarten waren. Dazu gehört in mehreren Ebenen nicht zuletzt auch sein musikalisches Denken. Im Zeitalter der industriellen Revolution des logischen Denkens und den Glauben an einen unendlichen Wachstumsprozess versucht Schumann sich vom Rationalen wegzubewegen.
Kultur bedeutet nicht zuletzt auch die Fähigkeit, sich in einem Kunstwerk selbst zu erkennen. Es geht immer darum, die Verbindung zwischen Musik und Leben deutlich zu machen, die den meisten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr bewusst ist. Für mich persönlich bedeutet heutzutage Musiker zu sein, sich stets erneuernd bewusst zu werden, worin die politische Funktion heute bestehen kann, und welche Weise die Interaktion zwischen Musik und Gesellschaft wechselseitig für Vitalität und Erneuerung sorgen kann.

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