Dolf de Kinkelder und das Akkordeon – persönliche Erinnerungen

14. Oktober 2021

Lesezeit: 4 Minute(n)

Dolf de Kinkelder und das Akkordeon – persönliche Erinnerungen

Ich lernte das Standard-Bass-Akkordeon als Kind, seitdem ist das Akkordeon in dem Teil meines Gehirns verankert, der für das Komponieren zuständig ist.
Die vielfältigen Möglichkeiten dieses Instruments wurden mir in Gänze bewusst, als ich das Manual 3 kennenlernte. Während ich mich immer mehr mit theatralischer Musik beschäftigte, wurde das Akkordeon zum Instrument der ersten Wahl.

1996 schrieb ich mein erstes, modernes Stück für Akkordeon und Trompete “Als je d’r van houdt…”, welches auf der CD Neue Musik für Akkordeon der Universität Graz veröffentlicht wurde.
Der Titel ist eine Anspielung auf eine  Anwort, die ein Komponist moderner Musik, meiner Erfahrung nach, häufig bekommt, wenn er jemand fragt, ob ihm die Musik gefällt: “Wenn man sowas mag…”

Die Akkordeonistin Ellen Zijm entdeckte das Stück und bat mich, eine Version für Akkordeon und Saxophon zu arrangieren. Sie hat es wunderbar 2009 an ihrem Abschlußkonzert in Enschede gespielt.
Viele Jahre später gründete Ellen zusammen mit der Saxophonistin Marijke Schröer das Duo Saxyon. Ich hörte die Beiden und war fasziniert. Ich fragte, ob sie mein Stück Quasitango, was ursprünglich als Klavierstück konzipert war, aufführen würden. Eine Aufnahme des Quasitango des Amsterdamer Pianisten Marces Worms aus dem 2003 ist auf YouTube zu finden.
Die Übertragung der Klavier-Version auf das Akkordeon eröffnete mir wundervolle neue Möglichkeiten: Alle Arten von Unisono-Klangfarben, welche den speziellen Bandoneon-Klang imitieren, ein Crescendo auf einem gehaltenen Ton, was auf dem Klavier nicht möglich ist, die Chance, unabhängige Stimmen hinzuzufügen und nicht zuletzt Marijke die Möglichkeit zu geben zwischen Sopran- und Bariton-Saxophon zu wechseln. Hören und sehen Sie Quasitango 2 auf YouTube.

 

Wir beschlossen unsere Kooperation zu vertiefen. Getreu meinem Grundsatz “Schreibe Musik, die passt”, diskutierten wir, welche Art von Musik und welche Art von Stücken sich gut in ihr Repertoire einfügen würde.
Wir sprachen über typische Phrasen, über die technischen Möglichkeiten und den Tonumfang der Instrumente, über wirkungsvolle Interaktionen und schauspielerische Elemente. Sollte Virtuosität oder wirkungsvolle Einfachheit im Vordergrund stehen? Sollte es laut und kraftvoll oder lyrisch und medidativ sein?

Ich bemühe mich immer, Stücke speziell auf Interpreten anzupassen. Ich integriere Dinge, die der/die Spieler:in besonders gut kann bzw. etwas, dass er/sie auf der Bühne gerne präsentieren möchte. Meiner Meinung nach ist das der beste Weg, um eine möglichst perfekte Performance zu erreichen.

Man kann einen musikalischen Stil vergleichen mit einer Sprache bzw. mit einer Sprachkultur. Wenn ich eine französische Geschichte erzählen möchte, muss ich zunächst Französisch lernen. Neben Vokabeln und Grammatik sollte man auch die sozio-kulturellen Aspekte nicht außer Acht lassen. Worüber lacht und weint man in Frankreich? Nicht zuletzt sollte man landestypischen Sprichwörter und Redewendungen kennen.
Wenn man also einen Tango schreiben möchte, sollte man die Sprache des Tangos beherrschen. Mein Quasitango wurde hauptsächlich inspiriert von Piazzollas Harmonie-Sprache. So enthält er neben den bekannten, rhythmischen Elementen des Tango-Argentino die für Piazzolla typischen Jazz-Akkorde.

Zu Beginn einer neuen Komposition setzte ich mir stets Ziele und Leitgedanken. Dies kann zum Beispiel eine musikalische Herausforderung sein, mit der ich mich intensiver beschäftigen möchte.

Meine Vorgabe für Joy war es zum Beispiel, ein leicht hörbares, aber nicht notwendigerweise leicht zu spielendes, Stück zu schreiben. Ich fing an mit einer Klischee-Bass-Akkordfigur, dem “Hum-Ta Hum-Ta”, dazu gesellt sich als Kontrast eine außergewöhnliche, enthusiastisch erzählende Melodie. Eine weitere, selbstgesteckte Vorgabe betraf die zweite Stimme. Statt der üblichen Terzen und Sexten verwendete ich u.a. verrückte, chromatische Melodien in Gegenbewegung.

Ich versuche stets, Konzerte zu besuchen, auf denen meine Stücke gespielt werden, um die Reaktionen des Publikums zu erfahren. Speziell bei “Neuer Musik” ist eine einführende Erklärung für das Publikum immer hilfreich. Sinvoll wäre es zum Beispiel einige Passagen, Harmonien und Phrasen  vorzuspielen und diese zu erklären. Meine langjährige Erfahrung sagt mir, dass ein Publikum miteinbezogen werden will: Haben wir als Interpreten Spaß beim Spielen, ist das Stück technisch schwer oder einfach, was “um alles in der Welt” haben all diese Noten für eine Bedeutung, welchen Zweck verfolgt der Schreiber mit dem scharfen und, für ungeübte Ohren, bisweilen unharmonischen Klang?

Accordance’ heisst das dritte Stück, das ich für Saxyon komponiert habe. Darin hört man Elemente, die man auch einer Jazz-Ballade zuordnen könnte. Die Melodie wird vorgestellt und später variiert, als ob das Saxophon improvisieren würde. In der Akkordeonbegleitung  habe ich die Harmonien auf spezielle Art und Weise gesetzt. Da diese auf dem Akkordeon sehr interessant klingen, habe ich versucht, sooft es ging, Quinten und Quarten verwendet.
In späteren Passagen wird es auf dem Akkordeon durch parallele, dissonante Cluster in einem weniger üblichen Rhythmus ein wenig abstrakter, während das Saxophon scheinbar eigene Wege geht.
Nach dem Schreiben von ‘Accordance’ dachte allerdings ernsthaft, ob ich Stranwinskys ‘Sacre du Printemps’ möglicherweise einmal zu oft gehört habe.😉

Saxyon gaben mir die Möglichkeit meine Stücke ausgiebig zu testen, zu überarbeiten und zu proben. Das hat für mich als Komponist folgende Vorteile: Ich bekomme Insider-Wissen über technische Grenzen der Instrumente einerseits und vielfältige Möglichkeiten andererseits. Ich kann Unspielbares mit Hilfe der Musiker:innen sofort verändern und last but not least können sie, wenn der Komponist zu viel verlangt, sich sofort beschweren, was die beiden (Saxyon) glücklicherweise bis jetzt noch nicht getan haben.

Der ‘Musikverlag Manfred Weiß’ (Teil der Notenwunderland-Gruppe) hat bis jetzt vier Kompositionen von mir veröffentlicht.

und

  • Accordance’ für Sopran-Saxophon oder Klarinette

 

Allgemein ist meine Musik eher im oberen Schwierigkeitsgrad anzusiedeln und erfordert ein tieferes, musikalisches Verständnis. Daher bin ich sehr glücklich über die Veröffentlichungen beim Musikverlag Manfred Weiß.
Es scheint, als hätten die Verantwortlichen beim Notenwunderland bzw. bei Jetelina.de keine Scheu vor der Veröffentlichung von ‘Neuer Musik’, schließlich gibt es auch in diesem Genre “Musik, die einfach passt”.

 

Dolf de Kinkelder

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