Klezmer-Workshop für Akkordeon (Teil 1)

Phrasierung – Each style has its own swing

22. Dezember 2022

Lesezeit: 7 Minute(n)

Klezmer ist ein faszinierender Musik-​Stil, der sich toll auf dem Akkordeon spielen lässt – sowohl solistisch als auch in der Rolle des Begleitinstruments. Aber wie spielt man Klezmer so, dass es richtig nach Klezmer klingt? Die Noten geben nämlich bei Weitem nicht alles wieder, was diese ausdrucksstarke und facettenreiche Musik wirklich ausmacht. Alle, die jetzt neugierig geworden sind und mehr über Klezmer-​Stilistik auf dem Akkordeon erfahren wollen, finden in diesem Workshop Tipps und Übungen zur ausdrucksvollen Melodiegestaltung im Klezmer-​Stil sowie eine Übersicht aller wichtigen Begleitmuster, die man für das Spielen im Ensemble braucht.

Workshopübersicht

  • Teil 1: Phrasierung – Each style has its own swing
  • Teil 2: Verzierungen – Krekhts & Co
  • Teil 3: Variation – die Kunst, dasselbe immer anders zu spielen
  • Teil 4: Begleitrhythmen – der richtige Klezmer-​Groove

Über die Autorin

Szilvia Csaranko stammt aus einer ungarischen Musikerfamilie und begann im Alter von sechs Jahren ihre Ausbildung zur klassischen Pianistin. Sie studierte angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim.

Ihre Liebe zum Akkordeon entdeckte sie, als sie sich auf der Suche nach ihren eigenen musikalischen Wurzeln intensiv mit osteuropäischer Folklore und Klezmer-​Musik auseinandersetzte.
Szilvia lebt in Hannover und ist als Akkordeonistin, Pianistin und Arrangeurin mit zahlreichen Ensembles und Projekten in ganz Europa unterwegs. Sie ist eine der wenigen Akkordeonistinnen für traditionelle jiddische Musik in Deutschland.

Foto: Nils Brederlow

Mit ihrer Duo-​Partnerin Susi Evans hat sie 2020 das Klezmer Playbook im Selbstverlag veröffentlicht und eine international erfolgreiche Online-​Workshopreihe über Klezmer-​Musik ins Leben gerufen. Sie ist Mitbegründerin und Musikalische Leiterin des 80-​köpfigen Klezmerorchesters Erfurt und gibt regelmäßig Akkordeon- und Klezmerworkshops bei Festivals wie Klezfest London oder dem Yiddish Summer Weimar.

www.szilviacsaranko.de
www.shades-​of-​folk.com

Was ist Klezmer-​Musik?

Klezmer-​Musik ist die traditionelle instrumentale Hochzeits- und Festmusik der aschkenasischen Juden aus Osteuropa. Diese Musikkultur, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, entwickelte sich in einem Gebiet, das das heutige Polen, die Ukraine, Weißrussland, Rumänien, Moldawien und Ungarn umfasst. Jüdische Emigranten brachten diese Musik am Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA, wo sie sich stilistisch weiterentwickelte und aufblühte, bis sie Mitte der 1950er-​Jahre zunehmend in Vergessenheit geriet und schließlich fast vollständig verschwand. Ende der 1970er-​Jahre begann in den USA eine Klezmer-​Revival-​Bewegung, die ab den 1990er-​Jahren auch in Deutschland spürbar wurde. Erst seit dieser Zeit wird der Begriff Klezmer als Bezeichnung für diesen Musikstil verwendet. Ursprünglich war Klezmer (pl. Klezmorim) ein anderes Wort für Musikant.

Das Repertoire wurde hauptsächlich mündlich weitergegeben und umfasst vor allem instrumentale Tanzmusik für Hochzeiten und andere Anlässe, aber auch rituelle Melodien für die traditionelle Hochzeitszeremonie und virtuose Vortragsstücke, die zum Zuhören gespielt wurden.

Wie klingt Klezmer-​Musik?

Alle traditionellen Volksmusikstile haben ihre Eigenheiten und besonderen Spielweisen, die sie ausmachen und einzigartig machen. Volksmusik ist immer eng verbunden mit der jeweiligen regionalen Kultur und mit der Sprache, die die Menschen sprechen. Im Fall von Klezmer spielt der Einfluss der jiddischen Sprache eine große Rolle. Und obwohl sie weltliche Instrumentalmusik ist, liegt der Ursprung von Klezmer-​Musik in der liturgischen Vokalmusik der Synagoge. Die Klezmorim imitieren mit ihrer Spielweise die menschliche Stimme, insbesondere den Gesang des Chasan (Kantors). Neben den Verzierungen, die wir auch aus der klassischen Musik kennen (Triller, Vorschläge etc.), werden auf den Instrumenten Effekte angewendet, die an menschliches Lachen oder Schluchzen erinnern.

Viele finden, dass Klezmer-​Musik einerseits fröhlich und lebensbejahend, aber andererseits auch sehr traurig und melancholisch klingt. Das ergibt Sinn, denn eine osteuropäische jüdische Hochzeit wurde nicht immer nur als ungetrübt fröhlicher Anlass gesehen, sondern auch Abschied und Trauer hatten einen festen Platz in den traditionellen Ritualen und Zeremonien. Den Klezmorim fiel die Aufgabe zu, durch ihr kunstvolles und ausdrucksstarkes Spiel die Zuhörer emotional tief zu bewegen und möglichst zu Tränen zu rühren. 
Der größte Teil des Klezmer-​Repertoires ist Tanzmusik. Viele der Melodien finden sich auch in benachbarten osteuropäischen Musiktraditionen, aber es gibt einen ganz klar jiddischen Charakter in der Art und Weise, wie Klezmer-​Musiker artikulieren, phrasieren und Verzierungen verwenden. Diese Feinheiten lassen sich durch Notation nur unzureichend wiedergeben. Der beste Weg, diese besondere „musikalische Sprache“ zu erlernen, ist deshalb der über das Hören. Die kostbarsten historischen Quellen, die wir dafür haben, sind alte Tonaufnahmen der berühmten Klezmer-​Musiker aus den 1920er-​Jahren (ein toller YouTube-​Kanal ist z. B. classicklezmer).

Über diesen Workshop

In den ersten drei Teilen dieses Workshops geht es um die Interpretation von Melodien und wie man sie im Klezmer-​Stil interessant und spannend gestalten kann. Dafür greife ich jedes Mal einen anderen musikalischen Aspekt heraus, den wir erst separat üben und dann an ausgesuchten Stücken ausprobieren. Der letzte Teil dreht sich um das Thema beidhändige Begleitung für die verschiedenen Rhythmen in der Klezmer-​Musik. Das ist ein sehr wichtiges Thema, denn sobald wir mit anderen zusammen im Ensemble musizieren, fällt dem Akkordeon meistens die Rolle der Begleitung zu, und für den richtigen Klezmer-​Groove gibt es so einiges zu beachten, was euch vielleicht überraschen wird.

Natürlich kann dieser Workshop nur einen ganz kleinen Einblick in die Welt der traditionellen Klezmer-​Musik bieten. Wenn ihr gerne tiefer in die Materie eintauchen möchtet, dann solltet ihr unbedingt Workshops oder Festivals für Klezmer und jiddische Musik besuchen. Ich gebe euch dafür gerne später eine Liste mit Empfehlungen.
Aber jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit dem ersten Teil unseres Klezmer-​Workshops!

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Teil 1: Phrasierung – Each style has its own swing

Freygish – die wichtigste Tonleiter in der Klezmer-​Musik

Klezmer-​Musik klingt so faszinierend und anders für uns, weil sie – ähnlich wie die Balkanmusik – besondere Tonleitern (Modi) verwendet. Der wahrscheinlich bekannteste Modus in der Klezmer-​Musik ist Freygish (jidd.). Der hebräische Name dafür ist Ahava Raba („große Liebe“), auf dem Balkan sowie in türkischer und arabischer Musik nennt man diese Tonleiter Hijaz (Abb. 1).

Abb. 1

Ich spreche übrigens lieber von Modus als von Tonleiter, denn Freygish umfasst weit mehr als nur die Töne einer Skala. Eine Besonderheit ist zum Beispiel, dass sich Freygish im Bereich um den unteren Grundton herum anders verhält als im oberen Bereich: je nach Bewegungsverlauf der Melodie ist die sechste Stufe der Skala erhöht oder nicht. Diese „Kadenz“ erscheint meist am Ende von melodischen Phrasen, die zum Grundton zurückkehren.
Die Akkorde, die man braucht, um ein Stück in Freygish zu begleiten, lassen sich aus den Tönen der Tonleiter bilden: ein Dur-​Akkord auf der I. Stufe, ein Moll-​Akkord auf der IV. Stufe und ein Moll-​Akkord auf der VII. Stufe. Der letztere (VIIm) hat die Funktion einer Dominante, und das ist für unsere westeuropäischen Ohren ziemlich ungewohnt. Spielt doch mal das folgende Beispiel (Abb. 2 ), begleitet euch mit den Akkorden dazu und schaut, wie es auf euch wirkt. – Das hat schon einen ganz speziellen Klang, oder?

Abb. 2

Die richtige Phrasierung

Traditionelle Musik-​Stile sind wie Sprachen oder Dialekte: Jeder Stil hat seine eigenen ungeschriebenen Regeln zur korrekten „musikalischen Aussprache“. Wenn man Musik nach Gehör lernt, dann ist es meist kein Problem, alle stilistischen Feinheiten mitzunehmen. Schwierig wird es, sobald etwas notiert wird.

Eine Reihe ausgeschriebener Sechzehntelnoten z. B. sagt erstmal wenig über deren rhythmische Empfindung aus. Ihr kennt sicher vom Jazz, dass die Swing-​Phrasierung nicht notiert wird, der ausführende Musiker aber genau weiß, wie es klingen muss, und es dann richtig spielt. So etwas Ähnliches gibt es auch in der Klezmer-​Musik.
Ich möchte euch ein paar einfache Grundregeln für klezmertypische Phrasierung vorstellen, die man relativ schnell umsetzen und auf jedes beliebige Klezmer-​Stück anwenden kann. Die oberste Regel lautet: Sechzehntelnoten werden niemals gleichmäßig wie notiert gespielt.

  • Tonrepetitionen gibt es als melodisches Motiv in vielen Klezmer-​Stücken. Ihr habt die Wahl zwischen verschiedenen Arten, sie zu artikulieren und zu gruppieren. Hauptsache, ihr spielt sie nicht so wie notiert. Ideal ist es, wenn ihr es nicht immer auf die exakt gleiche Weise macht, dadurch wirkt die Melodie lebendiger (Abb. 3 ).
  • Sechzehntel, die paarweise auftreten und im Optimalfall sogar durch einen Bindebogen verbunden sind, werden verdichtet und klingen fast wie zwei Sechzehnteltriolen und eine Sechzehntelpause, mit der Betonung auf der ersten Note. Der gewünschte Effekt lässt sich durch einen entsprechenden Fingersatz noch verstärken (Abb.  4).
  • „Echte Triolen“ gibt es im Klezmer so gut wie nicht. Triolen werden gebunden und ebenfalls verdichtet gespielt, sie klingen dann beinahe wie drei Sechzehntel gefolgt von einer Sechzehntelpause. Das gleiche Prinzip lässt sich auch auf Sechzehntel-​Läufe anwenden (Abb. 5 ).

Abb. 3

Abb. 4

Abb. 5

Diese Regeln zur Spielweise von Sechzehntelnoten sind ein erster Schritt auf dem Weg zum authentischen Klezmer-​Sound. Es gäbe zum Thema Phrasierung und Artikulation noch so viel mehr zu sagen, aber leider fehlt hier dafür der Platz!

An Alter Zhok & Jewish Dance

Jetzt wollen wir aber endlich unsere beiden Klezmer-​Stücke in A–Freygish spielen. An Alter Zhok ist ein Khosidl und Jewish Dance ist ein Freylekhs; beides sind jiddische Tänze bzw. Rhythmen, über die wir später noch sprechen werden. Die linke Hand für Jewish Dance habe ich nicht extra ausnotiert, wir brauchen hierfür nur eine ganz simple Wechselbass-​Begleitung. Ich habe beide Melodien auf dem Akkordeon eingespielt, damit ihr einen Eindruck bekommt, wie es klingen kann. Die historische Aufnahme von Jewish Dance solltet ihr euch ebenfalls mal anhören. Achtet dabei vor allem auf die Phrasierung der Melodie.

Download: Alter Zhok MP3 
Download: Jewish Dance MP3 

Hört euch meine Klangbeispiele an und lest dabei die Noten mit – fallen euch ein paar der Dinge auf, über die wir gesprochen haben? Versucht jetzt mal, unsere Phrasierungs-​Regeln auf die Sechzehntelnoten in den beiden Stücken anzuwenden. Das ist am Anfang echt schwierig, denn wir sind normalerweise darauf trainiert, Sechzehntelnoten schön gleichmäßig zu spielen. Die Fingersätze (für Piano-​Akkordeon) werden euch vermutlich auch etwas ungewohnt vorkommen, aber sie unterstützen optimal die beabsichtigte Phrasierung und ihr könnt damit schneller und entspannter spielen. Lasst euch Zeit und übt alles erst ganz langsam. Ihr müsst auch nicht gleich alle Sechzehntel anders spielen, ein paar ausgewählte Passagen reichen für den Anfang völlig. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Spielen und Ausprobieren. Bis zum nächsten Mal!

4 Kommentare

  1. Peter M Haas

    Hallo, was ist da passiert?
    Der Workshop ist super kundig und gut verfasst, ganz großes Kompliment an die Autorin!
    Aber die erklärenden Abbildungen kann ich nicht öffnen bzw den Link dorthin nicht finden.
    Bin ich zu blöd, oder hat da jemand gepennt?
    kollegiale Grüße
    Peter M Haas

    Antworten
    • Stephan Möbius

      Hallo Peter, danke für Deinen Hinweis! Habe die fehlenden Bilder eingebaut. Viele Grüße,
      Stephan

      Antworten
  2. Stephan Möbius

    Hallo AkkoW, danke, habe den Link korrigiert.

    Antworten

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