Tango Workshop II

Melodische Aspekte

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18. Januar 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Der Autor Joaquín Alem ist ein argentinischer Komponist und Bandoneonist mit Wohnsitz in Deutschland.

Foto: Anton Giese

 

  • Im vorangegangenen Artikel (akkordeon magazin, Ausgabe #84) haben wir die wesentliche Bedeutung der Arrangements im Tango herausgestellt und auch die rhythmischen Grundformen des Tangos präsentiert.

Als nächsten Schritt halte ich es für angebracht, den melodischen Aspekt des argentinischen Tangos zu untersuchen.
Eines der wesentlichen Merkmale der melodischen Ästhetik dieser Gattung ist das Nebeneinander zweier gegensätzlicher Verhaltensweisen, nämlich einer extrem rhythmischen und einer extrem rubato-​kantablen. Obwohl diese zwei Formen manchmal gleichzeitig auftreten, ist es wichtig, die genauen Muster und Strukturen in beiden Fällen zu kennen.
Beim rhythmisch-​melodischen Verhalten müssen im Allgemeinen die Artikulationen und der Rhythmus präzise ausgeführt werden, während sich beim melodischen, gebundenen und kantablen Verhalten die Notation und die Spielweise stark voneinander unterscheiden, d. h., es wird auf eine Weise notiert, aber auf eine ganz andere Weise gespielt.
Dieser zweite Aspekt, auf den wir bei dieser Gelegenheit eingehen werden, ist eng mit der Kultur und der Ausdrucksweise der Menschen in Buenos Aires verbunden. Es gibt einen Akzent und eine Intonation in der Sprechweise der Porteños, die einen bestimmten Ton erzeugen und die sich in der Phrasierung des Tangos widerspiegeln.
Dieses Phänomen ist musikalisch universell erkennbar, auch wenn wir die Sprache nicht verstehen. Um sich zu konzentrieren und die Ähnlichkeit der Beugungen in der Tango-​Sprache und -Phrasierung zu erleben, empfehle ich euch, auf YouTube nach Anibal Troilo – Nocturno a mi barrio en „Rolando Rivas Taxista“ zu suchen.
Wenn ihr Anibal Triolo beim Sprechen und beim Spielen genau zuhört, könnt ihr (hoffentlich) das Phänomen erkennen.

Abb. 1

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Phrasierung

In Abb. 1 sehen wir die ersten vier Takte des Tangoliedes Volver von Carlos Gardel, mit der Melodie in ihrer ursprünglichen Form oben und darunter, in vier weiteren Systemen, in unterschiedlichen Figurationen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Notation das Ergebnis des Singens oder des Ausdrucks einer frei gebundenen Melodie ist, aber mit bestimmten Mustern, die sie wie Tango klingen lassen.
Im Prinzip kann man bei allen Phrasierungen erkennen, dass bei einer ursprünglichen Gruppe von vier Achtelnoten in den phrasierten Versionen die zweite Achtelnote verlängert wird. Phrasierung 1 wird meist als etwas hart oder starr angesehen; im Allgemeinen sollen die letzten beiden Noten nicht zu fest klingen. Wenn in diesem Fall schnelle Notenfiguren auftreten, handelt es sich in der Regel um Verzierungen, aber nicht um die Hauptmelodie. Deshalb sind die Phrasierungen 2 und 3 näher an der Realität, sie klingen etwas besser, etwas freier und mit mehr Luft.
Phrasierung 4 enthält eine vollständigere Tango-​Phrasierung, bei der man Kombinationen verschiedener Figurationen, bereits mit Pausen, sowie einige typische Bandoneón-​Verzierungen wie Oktavierung, Mordents, Appoggiaturen und Chromatizismen beobachten kann. Diese Form der Phrasierung und Verzierung erfolgt in der Regel spontan, sie ist eine der Formen der Improvisation im Tango.

 

Einige weitere Beispiele für Figuren, die sich aus der Grundformel ergeben, zeigt Abb. 2.
Darüber hinaus gibt es einige noch freiere Phrasierungen, die Figuren mit unregelmäßigen Werten erzeugen, wie z. B. Quintillos oder die sogenannte Pelotita-​Phrasierung. Diese simuliert den Effekt eines kleinen Balls, der aus der Höhe auf den Boden fällt und dann mit immer höherer Geschwindigkeit abspringt.

Abb. 2

Praxis

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Phrasierung einer Melodie auch eine ganz persönliche Angelegenheit ist. Ich lade euch also ein, mit eurer eigenen Version der nächsten vier Takte von Volver zu experimentieren, egal ob ihr schreibt oder improvisiert – wichtig ist nur, dass ihr euch auf die Art und Weise konzentriert, wie ihr mit eurem Instrument „singt“ (siehe Abb. 3).

 

Abb. 3

Phrasierungen auf höchstem Niveau

Es gibt mehrere wichtige Persönlichkeiten in der Geschichte des Tangos in Argentinien, zwei davon sind zweifellos Anibal Troilo und Astor Piazzolla. Während Troilo für die Tradition steht, repräsentiert Piazzolla die Avantgarde.

Piazzolla war in den 1940er-​Jahren als Bandoneonist und Arrangeur fünf Jahre lang Mitglied in Troilos Tango-​Orchester und erkannte Troilo als einen seiner großen Tangomeister an.
Zum ersten und einzigen Mal nahmen Troilo und Piazzolla als Bandoneon-​Duo im Jahr 1970 zwei Tangos für das Label RCA Victor auf: Volver (von Gardel und Le Pera) und El Motivo (von Cobián und Contursi).
Da die Aufnahmen aus dem Stegreif/spontan entstanden sind („a la parrilla“), gibt es bisher keine Aufzeichnungen einer Notation.
Das Spielen „a la parrilla“ impliziert eine bestimmte Form der Improvisation im Tango, bei der die Musiker ohne Arrangement spielen, bei der Phrasen, Rhythmen, plötzliche Neuharmonisierungen vorkommen; die einzige angenommene Leitlinie ist die Melodie des gespielten Tangos.
Die Parrilla hingegen ist ein Eisengerät in Form eines Gitters, das zum Grillen von Fleisch verwendet wird.
Ich freue mich, mit euch die Partitur meiner eigenen Transkription des Tangos Volver aus diesem Juwel des argentinischen Tangos zu teilen. Mit ihr können wir die oben genannten Inhalte, und vor allem die Magie der Phrasierung dieser beiden großen Meister genießen.
Du kannst die Aufnahme von Troilo und Piazolla auf YouTube finden (Volver – Anibal Troilo und Astor Piazzolla). Eine gute Übung wird darin bestehen, die Melodie, die im Allgemeinen von Troilo interpretiert wird, mit dem einfachsten möglichen Wert zu schreiben, das heißt, ohne Sechzehntelnoten zu verwenden und ohne die Ornamente.

Viel Spaß!

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