Maurizio Minardi

Zwischen Architektur und Atem

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24. März 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

akkordeon.online präsentiert Akkordeonale 2026

Wenn die Akkordeonale zur Tournee lädt, verwandeln sich die Bühnen in ein Labor der kulturellen Schmelzprozesse. Es ist ein Festival, welches das Akkordeon aus der „Volksmusik-Ecke“ herausholt und als globales, hochgradig sensibles Instrument feiert. Einer der markantesten Köpfe der diesjährigen Tournee ist der Italiener Maurizio Minardi.

Interview und Text: Klaus Härtel

Maurizio Minardi ist ein Wanderer zwischen den Welten. Geboren im tiefen Süden Italiens in Kalabrien ist sein musikalischer Werdegang so eklektisch wie seine Wahlheimaten London und Paris. Er ist nicht nur ein virtuoser Pianist, der die strukturelle Strenge der Klassik und die Freiheit des Jazz beherrscht, sondern gleichermaßen ein Komponist, dessen Werke oft wie Filme für die Ohren wirken. Das Besondere an Minardi ist seine späte, fast schicksalhafte Rückkehr zum Akkordeon. Während das Klavier für ihn ein Instrument der Architektur und Konstruktion ist, fungiert das Akkordeon als ein Instrument der Respiration, eine Art atmendes Gegenüber, das er direkt am Herzen trägt. In seinen Händen wird der Balg zur Lunge und die Tasten zum Werkzeug einer tiefen, emotionalen Ehrlichkeit. Im Gespräch gibt der Musiker Einblicke in seine Philosophie. Er spricht über die physische Intimität des Spiels, die Überwindung künstlicher Hierarchien in der Kunst und darüber, wie man eine gemeinsame Sprache findet, wenn Worte allein nicht ausreichen.

  • Die Akkordeonale bringt Musiker aus sehr unterschiedlichen Kulturen zusammen. Wie gehst du als jemand, der Jazz, Klassik und filmische Elemente verbindet, vor, um während dieser Tournee eine gemeinsame Sprache mit Interpreten aus so verschiedenen Traditionen zu finden?

Ich bin in Kalabrien geboren, einer Region in Süditalien, in der Musik eng mit der Gemeinschaft und der mündlichen Überlieferung verbunden ist. Interessanterweise war mein erster Klavierlehrer nicht nur Pianist, sondern auch ein sehr bekannter Akkordeonist in der kalabrischen Folkszene. Obwohl ich also offiziell Klavier studiert habe, war der Klang des Akkordeons von Anfang an in meinem Leben präsent. Er war mir vertraut. Er gehörte zur Luft, die mich umgab. Später bewegte ich mich durch verschiedene Welten, klassisches Studium, Jazz, zeitgenössische Komposition und schließlich Paris, wo ich heute lebe. Diese Reise hat mich gelehrt, dass Identität in der Musik niemals starr ist. Und genau darin liegt für mich der Geist der Akkordeonale. Es geht nicht darum, Unterschiede zwischen den Kulturen auszulöschen, sondern darum, sie miteinander schwingen zu lassen. Ich versuche nicht, im Voraus eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich höre zuerst zu. Atem, Puls, Stille, diese Elemente existieren in jeder Tradition. Das wird zum eigentlichen Treffpunkt. Jedes Konzert auf der Tour fühlt sich an wie eine temporäre Heimat, die aus Klang gebaut ist.

„Jedes Konzert auf der Tour fühlt sich an wie eine temporäre Heimat, die aus Klang gebaut ist.“

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Maurizio Minardi

Foto: Stefano Candito

  • Du bist ein Meister sowohl am Klavier als auch am Akkordeon. Da das Klavier im Wesentlichen ein Perkussionsinstrument ist und das Akkordeon durch den Balg „atmet“, wie verändert dieses „Atmen“ deine musikalische Philosophie, wenn du zwischen den beiden Instrumenten wechselst?

Das Klavier hat mein Verständnis von musikalischer Architektur geprägt. Es hat mir beigebracht, wie man Form konstruiert, wie man Gewicht kontrolliert, wie man durch Harmonie und Anschlag Spannung erzeugt. Das Klavier ist geerdet, man schlägt die Taste an und der Klang verlässt einen. Das Akkordeon trat erst viel später in mein künstlerisches Leben. Ich begann erst ernsthaft damit zu spielen, nachdem ich 40 geworden war und nach London zog. Zu dieser Zeit verspürte ich das Bedürfnis, mich wieder mit etwas Mediterranem, etwas Verwurzeltem zu verbinden und diese Farbe in die eklektische englische Jazzszene einzubringen. Was mich sofort beeindruckte, war die Verantwortung des Atems. Beim Akkordeon kann man sich nicht hinter dem Anschlag verstecken. Man muss den Ton aufrechterhalten. Der Balg verlangt Achtsamkeit, er ist wie eine Lunge. Jede Phrase hat ein physisches Leben. Wenn ich vom Klavier zum Akkordeon wechsle, bewege ich mich von der Architektur zur Atmung, vom Aufprall zur Kontinuität. Die Philosophie ändert sich komplett.

    „In der heutigen Musiklandschaft, in der Genres ständig verschmelzen, wirkt das Akkordeon unglaublich zeitgemäß!“

    • Deine Musik wirkt oft wie der Soundtrack zu einem ungeschriebenen Film. Wie entscheidest du beim Komponieren, ob eine Geschichte am besten durch die strukturierte, architektonische Welt des Klaviers oder die eher nostalgischere, „menschlichere“ Textur des Akkordeons erzählt wird?

    Meine Musik hat oft eine erzählerische Qualität, vielleicht, weil ich in Bildern denke. Selbst in meinen neoklassischen Klavierwerken oder Jazzkompositionen stelle ich mir Räume, Landschaften und emotionale Szenen vor. Das Klavier ist ideal, wenn ich Struktur und Perspektive brauche. Es erlaubt mir, Spannung mit Klarheit aufzubauen, fast wie beim Entwerfen eines Gebäudes. Das Akkordeon hingegen bringt Erinnerung in den Raum. Vielleicht wegen meiner Kindheitsassoziationen, vielleicht wegen seiner Klangfarbe und seines Atems, es schafft sofort Intimität. Es fühlt sich näher an der menschlichen Stimme an. Wenn ich mich zwischen den beiden entscheiden muss, frage ich mich: Braucht diese Geschichte Distanz oder Nähe? Wenn sie Architektur braucht, spricht das Klavier. Wenn sie Verletzlichkeit und Wärme braucht, wird das Akkordeon zum Erzähler.

    „Selbst in meinen neoklassischen Klavierwerken oder Jazzkompositionen stelle ich mir Räume, Landschaften und emotionale Szenen vor.“

    • Es gibt einen starken Kontrast in der körperlichen Beziehung zu diesen Instrumenten: An dem einen sitzt man, das andere umarmt man. Ändert die Tatsache, dass das Akkordeon direkt an deiner Brust vibriert, die emotionale Ehrlichkeit oder die Verletzlichkeit deines Auftritts?

    Es gibt einen tiefgreifenden Unterschied in der körperlichen Beziehung zu den Instrumenten. Am Klavier herrscht eine gewisse Formalität. Man sitzt davor. Selbst in intensiven Momenten gibt es einen Rahmen, die Tastatur als eine Landschaft, durch die man navigiert. Beim Akkordeon umarmt man das Instrument. Es vibriert direkt an der Brust. Der Klang dehnt sich mit dem Körper aus und zieht sich mit ihm zusammen. Diese körperliche Nähe verändert alles. Man kann keine Ruhe vortäuschen und man kann keine Anspannung verbergen. Das Instrument reagiert sofort auf die eigene Atmung. In diesem Sinne verlangt es eine andere Art von Ehrlichkeit. Manchmal fühlt es sich exponierter an, aber auch direkter, fast wie eine Beichte. Dieser physische Kontakt entfernt eine Schutzschicht. Das Instrument reagiert auf deine Atmung, deine Spannung, sogar auf dein Zögern. Man kann Entspannung nicht vortäuschen, sie wird sich im Klang zeigen. In diesem Sinne fühlt sich das Akkordeon exponierter an. Es verlangt emotionale Ehrlichkeit, weil es den inneren Rhythmus verstärkt.

      Foto: Stefano Candito

      • Das Akkordeon wird oft als Volksmusikinstrument abgestempelt, während das Klavier als Inbegriff der hohen Kunst gilt. Wie definierst du durch deine Arbeit die philosophische Identität des Akkordeons in der Welt des modernen Jazz und der zeitgenössischen Musik?

      Ich bin mir der traditionellen Hierarchie sehr bewusst, die das Klavier ins Zentrum der hohen Kunst stellt, während das Akkordeon oft als Volksmusikinstrument bezeichnet wird. Aber mein eigener Weg lässt diese Unterscheidung künstlich erscheinen. Das Akkordeon war Teil meiner frühesten Klangerinnerung, noch bevor ich es bewusst wählte. Später begegnete ich ihm bewusst und brachte es in Jazz- und zeitgenössische Kontexte ein. Ich bin nicht daran interessiert, das Akkordeon aufzuwerten, indem ich seine Wurzeln entferne. Sein folkloristisches Erbe ist keine Einschränkung, es ist eine Quelle der Tiefe. Es trägt Migration, Feierlichkeit, Melancholie und Widerstandsfähigkeit in sich. In der heutigen Musiklandschaft, in der Genres ständig verschmelzen, wirkt das Akkordeon unglaublich zeitgemäß! Es ist harmonisch, melodisch, rhythmisch, und vor allem menschlich. Wenn das Klavier für Institution und Tradition steht, dann steht das Akkordeon für Bewegung und Erinnerung. Und für mich entsteht moderne Identität genau zwischen diesen beiden Kräften.

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      Aufmacher:

      Foto: Ottavia Castellina

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