Alexander Tulinov

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

8. Juni 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

„Sich selbst finden in der Musik“

Alexander Tulinov

Instrumental, Klassik, Rock, im Mittelpunkt das Akkordeon, im musikalischen Dialog mit Streichquintett und Percussion. Ein gelungenes Debüt hat Komponist und Akkordeonist Alexander Tulinov mit „Freedom“ präsentiert, und arbeitet bereits am nächsten Repertoire. Der junge Ukrainer stand als Solist auf der Bühne, mit Orchestern, in Musikshows, mit Rockcovers und bei Wettbewerben. Ein Traum des Kinofans: Filmmusik. Wo seine Kompositionen in einigen Jahren zu hören sein werden? Man darf gespannt sein.

(Foto: Aleksandr Kalinchenko)

„Viele Konzerte wurden abgesagt. Aber ich arbeite an einem neuen Song und verwende die Zeit und Energie dafür.“

 

Alexander Tulinov über seinen Umgang mit der Coronapandemie

Das Akkordeon kann innovative Ideen vertragen. Zumal, wenn es um junge, populäre Musik geht, die auf eine entsprechende Bühne oder sogar in einen Club passt. In der Ukraine hat derzeit ein Akkordeonist Ideen, die es sich auf jeden Fall lohnt, genauer anzuhören. Anfang April spricht Alexander Tulinov von Kharkov aus im Videointerview mit dem akkordeon magazin. Ein Freund von ihm ist aus Nürnberg zugeschaltet und übersetzt aus dem Deutschen ins Russische und umgekehrt. Wie zu dieser Zeit weltweit fast überall gibt es wegen der Coronapandemie in der Ukraine Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens. Clubs, Konzerthäuser, Lokale und Cafés sind geschlossen, es gilt, überall Abstand zu halten. Für Musiker und alle anderen Künstler ist das nicht erfreulich. Alexander kann es trotzdem gut nachvollziehen, die Vorsicht hält er für angebracht. Denn sein Land könnte es schwerer haben als manche andere, wenn dort viele Menschen an dem Virus erkranken. „Das ist ein bisschen kompliziert“, stellt der Musiker fest. „Es liegt daran, dass die Medizin eventuell nicht auf dem Niveau ist wie zum Beispiel in Deutschland.“ Es ist also besonders ruhig zur Zeit in Kharkov. Nach der Hauptstadt Kiew ist es die zweitgrößte Stadt der Ukraine, mit etwa 1,5 Millionen Einwohnern. Das macht das Abstand halten schwieriger und umso wichtiger. Alexander ist in Kharkov aufgewachsen und hat dort studiert, seit 2010 lebt er die meiste Zeit in Kiew. Momentan verändert die Pandemie seinen Alltag als Musiker. „Viele Konzerte wurden abgesagt“, berichtet er. „Aber ich arbeite an einem neuen Song und verwende die Zeit und Energie dafür.“ Wo Möglichkeiten wegfallen, müssen eben andere genutzt werden. Durch Alexanders Ideen von Kompositionen zwischen Rockmusik und Klassik ist in den letzten Jahren schon sehr hörenswerte Musik entstanden. Das Akkordeon steht dabei mit dem Bandleader unmittelbar im Rampenlicht. Es ist gleichzeitig in dauerndem Austausch mit den Streichern und dem Percussionisten in seinem Ensemble. Es gibt in der Ukraine, wie in den Nachbarländern, eine langjährige Akkordeonkultur. Der 35-​jährige Alexander Tulinov erschließt jetzt vor dem Hintergrund seiner musikalischen Sozialisation neue Wege.

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Inspiration aus konträren Welten

Angefangen am Akkordeon hat der heute 35-​jährige mit sieben Jahren. Sein Vater konnte selbst ein wenig spielen und organisierte für seinen Sohn bald Musikunterricht. Es war dann mehr noch die Mutter, die darauf achtete, dass es mit den Unterrichtsstunden und dem Üben wirklich klappte. „Es war natürlich ein Reiz, rauszugehen und zu spielen, aber man musste lernen und fleißig bleiben“, erinnert sich der Musiker. Da ging es ihm nicht anders als Musikschülern damals und heute, ganz ohne Üben geht nichts voran. Es hat sich am Ende gelohnt. Bald zeigte sich, dass der angehende Akkordeonist begabt war. Seine Lehrer nahmen das wahr, und sie förderten ihn entsprechend. Nicht zuletzt schickten sie ihn immer wieder zu Wettbewerben, erst in der Region, dann im Ausland. So kam der Ukrainer frühzeitig in der Welt herum. Er hatte bald einige Erfolge bei New names of Ukraine 2003 und beim Kryvbas Cup 2006. In Polen erreichte er den ersten Platz beim International Competition Festival in Przemysl. Ein Jahr darauf, 2007, wurde er beim Festival Harmonica – the soul of Russia ausgezeichnet und erhielt den Golden Nick. Im Jahr 2013 reiste er nach Kanada und nahm dort am Coupe Mondiale der Confédération Internationale des Accordéonistes teil. Im Lauf der Jahre war er außerdem zwei Mal im sächsischen Klingenthal und nahm dort am Internationalen Akkordeonwettbewerb teil. Zuletzt war er öfter in China, um dort in Musikshows zu spielen und sich etwas vom Land anzuschauen. Die alte Kultur und die Bauwerke dort faszinieren ihn, unter anderem deshalb wollte er dorthin. Mit den Menschen kam er ganz unbefangen ins Gespräch, ins sprachliche und musikalische. Alexander hat eine Schwester, die einen anderen Berufsweg wählte. Sie ist heute Journalistin und arbeitet bei einem ukrainischen Fernsehsender. Abgesehen von den traditionelleren Wettbewerben hatte Alexander selbst ebenfalls schon mit einigen Fernsehformaten zu tun. In der Ukraine gibt es TV-​Talentshows wie in anderen Ländern. Der Akkordeonist machte 2010 bei der Sendung Ukraine’s Got Talent mit und erreichte dort das Halbfinale.

Konzert mit Ensemble im Planetarium in Kiew 2017 (Foto: Alexander Tulinov)

Er hatte in seiner Jugend einige Vorbilder am Akkordeon, deren Einspielungen er sich besonders oft anhörte. Dazu zählten seine Landsleute Valeriy Kovtun und Yan Tabachnik. Mit ihnen entwickelte sich schließlich ein unmittelbarer Austausch, sie gaben ihm manchen Rat in musikalischen Fragen. Der inzwischen verstorbene Ukrainer Valeriy Kovtun, der viele Jahre in Moskau lebte, holte den jüngeren Musiker für Konzerte in den Kreml. Dass es ausgezeichnete Akkordeonisten in seiner Heimat gibt, steht für Alexander außer Frage. Was die Anerkennung von Akkordeonmusik betrifft, könnte sich trotzdem noch einiges tun. „Das muss man ein bisschen rüberbringen“, stellt der Künstler fest. Seine Kompositionen gehen außerdem stilistisch in eine moderne Richtung, die in der Form bisher nicht so oft gehört wurde. Er hatte früher immer wieder Phasen, wo er die meiste Zeit Akkordeonmusik hörte. „Ich hörte mir viele so herausragende Musiker an wie Astor Piazzolla, Richard Galliano, Art Van Damme, Frank Marocco und Zoltán Orosz“, erinnert er sich. Was er an gelungenen Aufzeichnungen in die Hände bekam, wurde zu einem Teil seiner künstlerischen Sozialisation. Ansonsten ist er für verschiedene Stile aufgeschlossen, begeistert sich für Rockbands, Klaviermusik und klassische Komponisten. So hat er einerseits Songs von Queen, Michael Jackson und Steve Wynn gehört, andererseits Kompositionen von Bach, Brahms, Chopin, Tchaikovsky, Wagner, und anderen. Tulinov hat selbst bereits Auftritte als Akkordeonist mit Symphonieorchester gespielt. Seine Nähe zur Rockmusik wiederum macht sich bis heute durch entsprechende Akkordeoncovers bemerkbar. Songs wie Californication von den Red Hot Chili Peppers oder Smells Like Teen Spirit von Nirvana am Akkordeon zu interpretieren, das ist ebenfalls ein Teil von Tulinovs Musik.

„Ich suche nach neuen Wegen und Ausdrucksmöglichkeiten in der Musik.“

Für ihn war relativ früh klar, dass er Berufsmusiker werden und dabei eigene Ideen entwickeln wollte. „Ich suche nach neuen Wegen und Ausdrucksmöglichkeiten in der Musik“, formuliert er das. „Die Musik ist mein Leben.“ Bis heute hält der Künstler große Stücke auf seine erste Akkordeonlehrerin, bei der er die Basics lernte. Das war Olga Nikolaevna Sokolov. In seiner Heimatstadt Kharkov konnte er schließlich ein Music College besuchen, schließlich die National University of Arts I.P. Kotlyarevsky. Dort lernte er bei Igor Ivanovich Snedkov. Er unterrichtete seinerseits Akkordeon an der Kharkov Humanitarian Pedagogical Academy und arbeitete mit der Kharkiv Regional Philharmonic zusammen. Neben Yan Tabachnik und Valeriy Kovtun wurde schließlich der Franzose Frédéric Deschamps zu einem wichtigen Mentor. Für Master Classes bei ihm besuchte der Ukrainer Frankreich und Portugal. Der bekannte Musiker und Akkordeondozent Deschamps ist Präsident der Confédération Mondiale de l’Accordéon, eines der großen internationalen Akkordeonverbände. Er zeigt sich, nach seinem Studenten gefragt, sehr angetan, und stellt fest: „Er ist ein wahrer Künstler, ein Erschaffender, und – wie es für seine Heimat typisch ist – ein starkes Temperament, verknüpft mit einer außergewöhnlichen Sensibilität. Er weiß alle klanglichen Facetten seines Musikinstruments auszuschöpfen, ihm ein populäres und zugleich klassisches Image zu verleihen. Er weiß in Bezug auf das Akkordeon Beziehungen zwischen Generationen herzustellen, mit einer beständigen Sorgfalt fürs Detail. Ein Künstler, den wir im Blick behalten sollten. Er hat uns sicher nicht zum letzten Mal zum Staunen gebracht!“

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Kompositionen zwischen Rockmusik und Klassik

Alexander hat vor einigen Jahren angefangen, seine eigene Musik zu schreiben. Als Besetzung wählte er Akkordeon, Streichquartett und Percussion. Ihren ersten Konzertauftritt spielten sie im Planetarium in Kiew im Oktober 2017. Dort finden öfter Konzerte und ähnliche Veranstaltungen statt. Das erste vollständige Repertoire erhielt den Titel Freedom, unter dem es 2019 schließlich als CD veröffentlicht wurde. „Es ist entstanden in der Zeit, als es in der Ukraine nicht so ruhig war, 2013 und 2014“, erklärt der Musiker. „Diese Gefühle haben mich dazu bewegt, das zu schreiben. Die Stücke sind eins nach dem anderen entstanden.“ Die Besetzung im Ensemble schien ihm dafür genau richtig. „Es geht um die Freiheit der Menschen. Das Akkordeon ist ein bisschen außergewöhnlich, damit lässt sich etwas anders ausdrücken, was uns bewegt.“ Den Komponisten interessiert dabei besonders die wechselseitige Balance zwischen Akkordeon und Streichern. Damit lässt sich eine Menge gestalten. Ein Konzert zusammen mit einem Streichorchester wäre für diese Stücke möglich. Gespielt hat der Musiker sie in einer etwas überschaubareren Besetzung, mit einem Streichquintett. Gleich ein ganzes Orchester auf die Bühne bringen ist schließlich keine einfache Sache. Für Konzerte und Einspielung kooperierte er mit den Kyiv Virtuosi, einem renommierten Ensemble aus Kiew. Immer mit dabei ist außerdem Perkussionist und Schlagzeuger Valentin Bogdanov, der einiges von dem Rockmusikdrive in die Kompositionen bringt.

Gerne hätte die Combo nun nach dem Erscheinen der CD weitere Konzerte gespielt, es waren zunächst wieder Auftritte in Kiew organisiert. Die mussten wegen der Coronapandemie abgesagt werden. Zwischenzeitlich arbeitet der Komponist an seinem nächsten Repertoire. Dieses Mal soll es in Richtung Tango gehen und die Besetzung erweitert werden. Streichquintett und Percussion sollen erneut an Bord sein, zusätzlich Klavier, und eventuell weitere Musiker. Wie sie die Einspielung gestalten, das Management und die Veröffentlichung, wird sich zeigen. Bisher hat die Combo alles selbst gemacht. Sie können sich vorstellen, ihre Stücke bald bei einem Label zu veröffentlichen. Das erste Album haben sie selbst eingespielt, bearbeitet und herausgebracht. Die Basis dafür, für solche Besetzungen zu komponieren, hat Tulinov in seiner musikalischen Ausbildung erhalten. Schließlich, so stellt er fest, kommt es vor allem darauf an, eigene Wege auszuprobieren. „Das Wichtigste ist, sich selbst zu finden in der Musik, weil die Musik so groß ist. Das bietet die Möglichkeit, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.“ Wer das Repertoire anhört, mit der Dynamik, szenischen Bildhaftigkeit und den gelungenen Spannungsbögen, ist wenig erstaunt, dass sich der Ukrainer für Filme begeistert. Er mag das Kino, die große Leinwand. „Ich verbringe gern Zeit damit, mir einen guten Film anzuschauen“, stellt er dazu fest. Es wäre ein Traum für ihn, irgendwann eigene Musik für einen Film einzuspielen. Zuzutrauen wäre es ihm. Zwischenzeitlich tritt er als Solist oder in kleiner Besetzung auf, arrangiert Stücke für Orchester oder Ensembles.
In seiner Heimat ist die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Situation nicht immer einfach. Das gilt zugleich für die Beziehungen des Landes zu Europa, den USA und Russland. Der junge Ukrainer hat dazu eine klare Meinung. Er hat das alles miterlebt, die Proteste auf dem Maidan, die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, die politischen Konflikte. „Die Ukraine als unabhängiger Staat soll ihren eigenen Weg gehen und ein eigenes Modell ihrer Entwicklung als Staat haben, unabhängig und souverän“, so sein Fazit aus heutiger Sicht. Der politische und wirtschaftliche Austausch mit Europa, den USA und Russland gehört dazu, wie Alexander ergänzt. Andererseits sieht er es vor allem als Aufgabe der Ukraine selbst, sich um die eigene Weiterentwicklung und das Wohl der Bürger zu kümmern.

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(Foto: Alexander Tulinov)

Aktuelles Album: „Freedom“ (Self released, 2019)

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Die meiste Zeit beschäftigt den Akkordeonisten das Stücke schreiben, Alben aufzeichnen und Konzerte spielen. Sport, Joggen, solche Dinge hören ebenfalls zu seinem Alltag. Der Künstler begeistert sich für Akkordeons aus dem italienischen Castelfidardo, hat sowohl von Scandalli als auch von Victoria Modelle zu Hause. Er hat dabei eindeutige Favoriten. „Scandalli ist momentan das beste Akkordeon, vom Klang her“, so Tulinov. „Das ist mir musikalisch etwas näher als die anderen.“ Allerdings hat das von ihm gespielte Modell um die 17 Kilo, und die müssen herumgeschleppt werden. Ab und zu wechselt er daher zu einem wesentlich leichteren Exemplar von Victoria. Um den Sound zu verstärken, verwendet er vor allem beim Scandalliakkordeon drei Mikrofone. Zwei sind oben und unten an der Diskantseite angeclippt, es sind beyerdynamic Modelle. Für den Bass verwendet er ein AKG-​Modell, damit die Feinheiten der Musik bei den Zuhörern ankommen.

Akkordeonstück „Spatium“

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Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #74
Juni 2020

Fotos: Aleksandr Kalinchenko, Alexander Tulinov

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