„Musizieren ist eine tolle Gesundheitsressource“

Der Hirnforscher Eckart Altenmüller über seine Arbeit als Mediziner, Wissenschaftler und Musiker.

1. Dezember 2021

Lesezeit: 11 Minute(n)

Der Hirnforscher Eckart Altenmüller über seine Arbeit als Mediziner, Wissenschaftler und Musiker

„Musizieren ist eine tolle Gesundheitsressource“

Interview und Fotos: Norbert Balzer

Eckart Altenmüller (66) gilt als einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Neurophysiologie und Neuropsychologie von Musikern, ist ausgebildeter klassischer Musiker und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema Gehirn und Musik. Über seine Arbeit sprach er mit Norbert Balzer.

Herr Professor Altenmüller, Sie haben 1974 in Tübingen, Paris und Freiburg Medizin studiert und fast zeitgleich an der Musikhochschule Freiburg Musik im Hauptfach Querflöte. Sie promovierten 1983 an der Universität Freiburg im Fach Neurophysiologie und schlossen Ihr Musikstudium mit der künstlerischen Reifeprüfung ab. Es folgten 1994 die Habilitation an der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen und die Berufung als Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Seit 2005 sind Sie Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und seit 2011 wissenschaftlicher Vizepräsident des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-​Medizin an der HMTMH mit dem Forschungsschwerpunkt der zentralnervösen Verarbeitung von Musik und der Sensomotorik des Musizierens. Außerdem haben Sie eine Spezialambulanz für Musiker-​Erkrankungen in Hannover gegründet. 2013 wurden Sie mit dem Wissenschaftspreis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet. Und als wäre das nicht schon genug, sind Sie auch noch als Musiker aktiv unterwegs. Ein beeindruckender Lebenslauf! Da fragt sich der Normalsterbliche: Wie schafft man das alles, und das auch noch gleichzeitig?

Ich bin Schwabe und die Schwaben sind bekanntermaßen sehr fleißig. Die beiden Studien Musik und Medizin haben sich wunderbar ergänzt, sodass ich das nie als Last empfunden habe. Früher war das Studieren noch anders als heute. Wir mussten ja nicht jede Woche soundso viele Credit-​Points in irgendwelchen Seminaren einfahren und Anwesenheitslisten ausfüllen, sondern es war bei uns in der Medizin sehr frei. Es gab die Praktika, und da ist man sehr gerne hingegangen, und für die Examina hat man dann eben monatelang intensiv gearbeitet.

Die Freiheit, wie es sie früher noch gab, bevor die Studiengänge so verschult wurden, habe ich natürlich dazu nutzen können, zu üben und das Musikstudium zu machen. Heute wäre das nicht mehr so ohne Weiteres möglich – leider!

  • Was war eher da, der Wunsch Musiker zu werden oder Mediziner?

Also eigentlich war der Wunsch Musiker zu werden eher da. In meiner Familie hatte ich sieben ältere Geschwister, die alle Musik machten. Wir alle lernten mit sechs Jahren Klavier, mit elf Jahren durften wir uns ein zweites Instrument aussuchen. Ich habe mit 14 Jahren den Entschluss gefasst, Pianist zu werden. Aber meine Eltern hatten andere Pläne mit mir. Sie hatten den Krieg überlebt und wussten, wie unsicher die Existenz eines freiberuflichen Pianisten sein kann. Meine Klavierlehrerin meinte zwar auch, ich könnte Musik studieren, aber ich müsste mir darüber im Klaren sein, dass ich dann auch unterrichten müsste. Ich aber träumte von rauschenden Konzerten. Ich habe dann mit Medizin angefangen und mich erst etwas später getraut, Musik zu studieren.

  • Ahnten Sie schon zu Beginn Ihrer Studien, dass Medizin und Musik einmal eine so enge Verbindung eingehen würden?

Eigentlich nicht. Diese Verbindung ist erst allmählich gewachsen, und zwar aus meinem eigenen Forschungsinteresse. Das war ein Thema, das mich schon damals sehr interessiert hat, nämlich die Hirnaktivitäten während des Musikhörens bzw. der Musikwahrnehmung. Dieses Forschungsprojekt hatte ich selbst entwickelt. Dass sich dieses Thema aber einmal in einem solchen Institut manifestieren würde, wie wir es heute hier haben, das konnte ich damals nicht ahnen. Es war eine Verkettung von ganz glücklichen Umständen. Vor allem war es die Entscheidung, nicht Orchestermusiker zu werden, sondern in der Medizin zu bleiben, nebenher aber trotzdem Musik zu machen. 1994 kam dann eine Ausschreibung, dass die Leitung des Instituts für Musikphysiologie, das es schon hier in Hannover gab, neu zu besetzen war. Ich bewarb mich also und konnte mir sogar aussuchen, was ich dort machen wollte. Damit konnte ich die drei großen Themen, um die es heute hier geht, etablieren, nämlich die Wirkung von aktiver Musikausübung auf das Nervensystem bzw. Gehirn, die Behandlung berufskranker Musiker und die Wirkung von Musik in der Medizin.

  • Täuscht der Eindruck, dass das Thema Musiker-​Medizin in früheren Jahrzehnten, je nach Krankheitsbild, allenfalls in den verschiedenen medizinischen Disziplinen behandelt wurde, z. B. in der Orthopädie, der Allgemeinmedizin oder in der Psychosomatik?

Es finden sich schon 1760 in einem arbeitsmedizinischen Fachbuch von Ramazzini Hinweise auf Berufserkrankungen von Musikern, z. B. Leistenbrüche bei Trompetern. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Virtuosentum auf die Spitze getrieben wurde, gab es Bücher über „Berufskrankeiten des Musikers“. In Amerika wurde dann später schon die erste Gesellschaft für Musiker-​Medizin gegründet.

  • Wie würden Sie die Fachrichtung Musiker-​Medizin heute beschreiben, welche Zielrichtung verfolgt diese Disziplin und an wen richtet sich das Angebot Ihres Instituts?

Das ist eine gute Frage! Wir arbeiten heute vor allem in der Prävention, d. h., wir wollen gesundes Musizieren für alle ermöglichen, also auch für Laienmusizierende, wir wollen nachhaltig Gesundheit fördern und die Arbeitsbedingungen in den Orchestern und bei den freiberuflich Tätigen verbessern. Im Studium geht es darum, die musikphysiologischen Erkenntnisse zu vermitteln, z. B. Übetechniken. Das Angebot richtet sich also an alle Menschen, die gern Musik machen oder gerne singen.

  • Es gibt ja fast für jedes Instrument ein spezifisches Krankheitsbild. Das Handelsblatt spricht davon, dass 70 Prozent aller Musiker irgendwann gesundheitliche Probleme bekommen. Sehen Sie das auch so?

Solche Zahlen entstehen, wenn man Umfragen macht nach dem Motto: Haben Sie irgendwann mal gesundheitliche Probleme mit Ihrem Instrument gehabt? Darunter fallen dann auch vorübergehende Schmerzen – etwa durch falsche Haltungen oder Überbeanspruchung, z. B. Sehnenscheideentzündungen. Solche Beeinträchtigungen kommen aber in allen Berufen vor. Ich sehe nicht die Musiker-​Existenz generell als ein krankmachendes Dasein. Musizieren ist im Gegenteil eine unglaublich tolle Gesundheitsressource.

  • Das Thema Auftrittsangst und Lampenfieber ist ja auch ein vielbeachtetes Thema. Wenn ein junger Musiker sich auf eine Orchesterstelle bewirbt und zum Vorspiel geladen wird, dann steht er vor einem schwarzen Vorhang und dahinter sitzen einige Orchestermitglieder, die nun sein Vorspiel bewerten. Das ist doch eine enorme nervliche Belastung, oder?

Also diese Vorspielsituation hinter dem Vorhang ist für mich das Schlimmste, was es gibt. Sie treten nicht in Kontakt mit den Zuhörern, Sie bekommen kein Feedback und im Grunde ist Musizieren auch immer Kommunikation. Und das Einzige, was man tun kann, wenn man in so eine Situation kommt, ist, dass man das vorher geübt hat. Man muss sich einfach gnadenlos vorbereiten, und das machen wir ja auch hier an der Hochschule, indem wir die ganzen Probespiel-​Trainings machen. Vorspielangst selber wird ebenfalls bei uns im Studium systematisch angegangen. Es werden Strategien im Umgang damit vermittelt. Insgesamt nimmt diese Angstproblematik bei den Berufsmusikerinnen und Berufsmusikern aber ab, weil wir heute viel strengere Selektionskriterien haben. Früher hat man bei der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, wenn jemand große Angst hatte oder eingebrochen war und den Faden verloren hatte, gesagt: „Na ja, der war eben aufgeregt.“ Heute wird der- oder diejenige nicht mehr aufgenommen. Da haben wir ganz andere Standards.

  • Wenn ich den Beruf des Musikers mit anderen Berufen vergleiche, dann nötigt mir der Musiker höchsten Respekt ab, denn in keinem anderen Beruf, und sei er akademisch auch noch so hoch angesiedelt, muss die Leistung auf dem Punkt in Echtzeit und fehlerlos erbracht werden.

Das ist richtig. Wenn ich als Solist Probleme habe und während des Spiels herausfliege, dann werde ich nicht mehr gebucht. Im Orchester ist es dann nicht mehr ganz so schlimm. Wenn Sie als zweite Geige im Notfall mal einige Takte auslassen, dann passiert nicht so viel. Aber es ist schon richtig, dass beim Musizieren das, was ich mache, in Echtzeit kontrolliert werden kann.

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„Ich aber träumte von rauschenden Konzerten.“

Ein anderes Thema, mit dem Sie in den Medien auf große Resonanz gestoßen sind, ist der Einfluss aktiver Musikausübung auf das menschliche Gehirn, also die Neurophysiologie des Musizierens, Ihr hauptsächliches Fachgebiet, auf dem Sie ja intensiv geforscht haben. Vor einigen Jahren haben Sie ein Experiment mit Senioren begonnen, die zuvor keinerlei Musikerfahrungen haben durften, aber nun Klavierunterricht bekamen, mit der Maßgabe, dass sie zwischendurch ihr Gehirn scannen lassen mussten. Was macht Musik mit uns, wenn wir musizieren oder ein Instrument lernen?

Wir sind gerade dabei, diese Studie auszuwerten. Es war weltweit die größte und längste Studie für Senioren-​Musizieren. Wir haben zusammen mit der Universität in Genf 136 Probandinnen und Probanden im Alter zwischen 65 und 76 Jahren entweder ein Jahr lang wöchentlich Klavierunterricht gegeben plus zwei Stunden Übepflicht oder ein Jahr lang Unterricht in „Musik erleben und verstehen“, was im Grunde bedeutete, über Musik nachzudenken, zu sprechen und Musik zu hören und dies auch zu Hause zu üben. Die Probanden wurden also in zwei Gruppen geteilt und wir haben vor dem Experiment und dann nach jeweils nach 6, 12 und 18 Monaten Messungen gemacht. Herausgekommen ist dabei, dass tatsächlich Menschen auch noch mit 70 ein Instrument erlernen können – das steht gar nicht zur Debatte. Die Probanden konnten dann schon einfache Klavierstücke spielen. Bei einigen ging es besser, bei anderen etwas weniger gut, und bei allen natürlich nicht mehr so schnell wie mit 15 oder 8 Jahren. Woran das gelegen hat, wissen wir noch nicht so genau. Fazit ist jedenfalls: Man kann auch noch mit 70 ein Instrument gut lernen, man hat Freude dabei – was wir auch abgefragt haben. Es hat den meisten unglaublich Spaß gemacht und es hat sogar Auswirkungen auf das Gehör. Beispielsweise hörten die Senioren und Seniorinnen, die Musikunterricht hatten, nach einem Jahr besser, und zwar hatte sich vor allem eine Fähigkeit verbessert, nämlich Sprache unter erschwerten Raumbedingungen zu identifizieren, sogenanntes „Speech in noise“. Wir konnten da sehr schön und überzeugend zeigen, dass man besser hört, obwohl man älter wird. Und das geht einher mit einer Veränderung der Gehirnstruktur, was wir mit Kernspin-​Aufnahmen zeigen konnten. Auf denen war zu sehen, dass in der Hörrinde – dort, wo unsere Hör-​Analyse stattfindet – mehr und dickere Nervenzellen zu finden sind als bei Menschen, die keine Musik machen. Insgesamt ist es so, dass die musikalische Aktivierung dazu führt, dass die normale Alterung des Gehirns hinausgezögert wird, das Gehirn wird also durch das Musizieren biologisch gewissermaßen jünger.

  • Eine sehr Mut machende Perspektive für das Alter! Allerdings wird, nach einer Studie der WHO, die Zahl der Demenzerkrankungen bis 2030 weltweit um bis zu 40 Prozent steigen. Demenz ist für viele Menschen eine Horrorvorstellung. Was können Sie aus Ihrer Sicht als Wissenschaftler dazu sagen?

Wir haben schon relativ viele Musikprojekte mit Demenzkranken durchgeführt, wobei interessant ist, dass das musikalische Gedächtnis selbst bei schwerer Demenz noch relativ gut erhalten bleibt. Selbst Menschen, die gar nicht mehr kommunizieren können, lassen sich durch Musik aktivieren, indem sie Musik aus ihrer Jugendzeit hören.

Damit lassen sich dann sogar „biografische Filme“ bei diesen Menschen auslösen, indem sie sich wieder an ihre Jugendzeit erinnern. Musik jedenfalls bleibt im Gedächtnis.
Und wir wissen heute, dass, wenn man regelmäßig Musik macht und damit auch schon in jungen Jahren beginnt, die „kognitive Reserve“ erhöht wird. Sie fühlen das Instrument, hören die Töne, bewegen die Finger, planen die nächsten Takte, bewerten, was Sie gespielt haben, und erinnern die Melodie. Dadurch, dass Musik so komplex ist und alles miteinander verknüpft ist, wird im Gehirn ein dichtes Netzwerk von Nervenzellen gebildet, das im Falle, dass im Alter einige Nervenzellen absterben, andere Nervenbahnen den Verlust ersetzen können, wodurch der eventuelle Eintritt einer Demenz weiter hinausgeschoben werden kann. Musik ist auch mit sozialer Aktivität verbunden, was ebenfalls die Entwicklung einer kognitiven Reserve sehr begünstigt.

  • Sie haben 2018 ein Buch geschrieben mit dem Titel Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Der Mensch hat ja offenbar schon in vorgeschichtlicher Zeit den Drang verspürt, sich musikalisch zu betätigen, was wir aus Funden von Knochenflöten wissen, die über 40.000 Jahre alt sind. Sind wir zur Musikalität geboren, oder anders gefragt: Ist das Gehirn musikalisch?

Ja, das ist tatsächlich so. 97 Prozent aller Menschen sind mehr oder weniger musikalisch.

  • Eine weitere Frage, die oft diskutiert wird, ist das Thema Begabung. Ihr Fachkollege Lutz Jäncke, der in Zürich lehrt, hält Begabung für überbewertet. Es bedürfe immer des intensiven Übens. Es gibt z. B. viele Klavierstücke, die so schwierig sind, dass sie lange Zeit als unspielbar galten, bis sie dann doch irgendwann ein Pianist gespielt hat. Zu nennen wäre hier beispielsweise die Fantasie Islamej des russischen Komponisten Balakirew. Die Komposition gilt unter Pianisten als das technisch schwierigste Klavierstück überhaupt. Oder nehmen wir die Passacaglia on DSCH (Dimitri Schostakowitsch) von Ronald Stevenson, von der der Pianist Igor Levit sagte, nichts in seinem Pianistenleben sei mit diesem Stück vergleichbar. Eine Musikkritikerin beschrieb das Stück als „80 Min. Dauerlauf für die Hände“. Wo ist die Grenze des Möglichen für das menschliche Gehirn, oder gibt es sie gar nicht?

Es ist nicht so, dass irgendwann unser Gehirn voll ist. Vielmehr zeigt die Erfahrung: Je mehr wir lernen, desto mehr Platz entsteht im Gehirn. Deswegen können manche Menschen zehn Sprachen fließend sprechen. Und auch hier spielt die Begabung eine Rolle, wobei 50 Prozent Begabung und 50 Prozent Üben oder Lernen sich wohl die Waage halten. Ein möglichst frühzeitiger Beginn ist dabei von Vorteil. Indem nämlich das Gehirn gelernt hat, die Gesetzmäßigkeiten z. B. des Klavierspiels zu erfassen, kann es sich lebenslang auch besser weiterentwickeln. Fachlich wird das als „Metaplastizität“ bezeichnet. Wenn jemand mit vier Jahren mit dem Klavierspielen angefangen hat, dann ist er auch später besser in der Lage, solche schwierigen Stücke zu lernen.

Eine Grenze wird es aber trotzdem geben, genauso wie auch im Leistungssport. Wahrscheinlich wird niemand jemals die 100 Meter unter acht Sekunden laufen können. Für das Musizieren ist das aber unerheblich, denn Musik ist etwas anderes als athletische Höchstleistung. Musik ist Kommunikation, und so großartige ältere Musiker wie z. B. András Schiff spielen auch nicht mehr die Hammerklaviersonate oder die Fantasie Islamei, aber sie haben dafür einen emotionalen Raum und ein kulturelles Wissen akkumuliert, das unvergleichbar ist. Ich finde, Virtuosentum wird überschätzt.

  • Ihr Fachkollege Lutz Jäncke hat ein Buch geschrieben mit dem plakativen Titel Macht Musik schlau?. Dazu haben Sie ja ein Vorwort geschrieben. Würden Sie unterschreiben, dass musikalisch gebildete Kinder auch in anderen Disziplinen insgesamt bessere Leistungen zeigen?

Ja, das würde ich alles unterschreiben, und es gibt auch sehr überzeugende Studien, die zeigen, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen Musikmachen und der exekutiven Kontrolle, d. h., die Handlungssteuerung ist bei diesen Kindern besser, weil sie beim Musizieren die Handlungssteuerung maximal üben. Sie können sich dadurch besser konzentrieren und die Aufmerksamkeit besser aufrechterhalten. Musizieren hilft auch beim Spracherwerb, einfach dadurch, dass die auditive Mustererkennung extrem geübt wird. Dafür gibt es gesicherte und belegbare Hinweise. Hingegen ist der Intelligenzquotient allein nicht so entscheidend. Es gibt viele Beispiele von Menschen mit einem IQ von 130 und weit darüber, die im Leben gescheitert sind. Entscheidend ist vielmehr die Beziehungsfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit, die Wahrnehmungsfähigkeit – das wird durch das Musizieren natürlich sehr gefördert.

  • Wie sieht es aus mit den Kontakten zu Ihren anderen Fachkollegen, neben Lutz Jäncke z. B. Gerald Hüther oder Manfred Spitzer? Gibt es da einen Austausch? Und wie unterscheiden sich die Forschungsansätze?

Hüther kenne ich natürlich. Mit Manfred Spitzer verstehe ich mich sehr gut, wir kennen uns seit Jahrzehnten und er ist auch sehr musikinteressiert. Er arbeitet vor allem daran, welche Auswirkungen die digitalen Medien auf das Gehirn von Kindern haben. Obwohl er mit seinen Thesen oft provoziert und deshalb auch kritisiert wird, denke ich, dass er in den meisten Aspekten vollkommen recht hat. Und wenn er fordert, dass Kinder unter 14 Jahren kein Smartphone haben sollten, würde ich das sofort unterschreiben. Bei uns haben wir allerdings andere Schwerpunkte und Methoden. Bei mir ist es das Hirnstrombild, das EEG, Spitzer arbeitet mehr mit dem Kernspintomogramm, Lutz Jäncke wiederum ist mehr Psychologe. Was aber bei mir noch ein besonderes Segment ist, das ist meine musikermedizinische Expertise.

  • Sie sind ja nun in einem Alter, wo man schon das Ende der beruflichen Lebensphase sehen kann. Wenn Sie zurückschauen, was war die wichtigste Entscheidung oder was sehen Sie als die Essenz Ihres beruflichen Wirkens?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man das tun soll, wozu man sich berufen fühlt, und dass man Mut haben muss, Entscheidungen zu treffen. Als ich 1994 nach Hannover ging, da wusste niemand, was sich daraus einmal entwickeln würde. Mein alter Chef, Professor Dichgans, sagte zu mir: „Herr Altenmüller, Sie müssen sich entscheiden, was Sie daraus machen wollen. Das kann was ganz Großartiges werden“ – was es ja auch geworden ist – „oder auch nicht, wenn Sie nicht mutig sind.“ Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt: mutig sein und auf sich vertrauen.

  • Ich habe draußen im Vorraum zu Ihrem Büro einen Flyer von einem Orchester gesehen. Darauf habe ich Sie wiedererkannt. Sie sind also noch musikalisch aktiv.

Ja, ich spiele wieder viel im Hinblick auf das Ende meiner Tätigkeit hier im Institut. Ich habe ein Bläser-​Nonett und ein Flöten-​Quartett und wir spielen tatsächlich im Oktober zweimal mit dem Nonett und einmal mit dem Quartett.

  • Was können Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, gleich, ob sie eine professionelle Karriere als Musiker anstreben oder Musik als Liebhaberei betreiben wollen?

Was ich den jungen Menschen mitgeben möchte, ist vor allem, dass sie Mut fassen, auf sich selbst vertrauen und auf ihre innere Stimme hören sollen. Und wenn sie gerne Musik machen, dann ist das wunderbar. Alle jungen Menschen brauchen Unterstützung. Und dadurch, dass sie heute von so vielen Informationen überschüttet und von normsetzenden Vorbildern beeinflusst werden, wissen viele heute überhaupt nicht mehr, wo sie stehen. Und da muss man sie darin unterstützen, diesen Einflüssen zu widerstehen.

  • Und was sagen Sie den Älteren, die Familiengründung und Beruf hinter sich haben? Vielen aus dieser Altersgruppe fällt es ja schwer, sich neuen Herausforderungen zu stellen, auch weil die Lernkurven in diesem Alter flacher verlaufen.

Den Älteren rate ich, den Mut zu haben etwas Neues anzufangen, z. B. ein Instrument zu lernen. Das Akkordeon beispielsweise ist ein wunderbares Instrument für Seniorinnen und Senioren. Mit dem Akkordeon kann man schon in einem sehr frühen Stadium tolle Klänge produzieren. In jedem Fall aber sollten sie die Herausforderung annehmen.

  • Das war ein gutes Schlusswort. Herr Professor Altenmüller, vielen Dank für das Gespräch.
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