Andreas Nebl: Domenico Scarlatti 20 Sonatas

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

14. Februar 2021

Lesezeit: 2 Minute(n)

Castigo, 2020

Andreas Nebl: Domenico Scarlatti 20 Sonatas

Komponist Domenico Scarlatti hat im Lauf seines Lebens drei Sinfonien verfasst, 14 Opern, einige andere Werke – und ein einzigartiges Spektrum von 555 Cembalosonaten. Einige davon sind in den vergangenen Jahren von Akkordeonistinnen und Akkordeonisten interpretiert worden. So haben Viviane Chassot, Nancy Laufer, Claudio Jacomucci und andere Protagonisten der klassischen Akkordeonszene diesen Werken einen neuen Klang verliehen. Nun hat sich Andreas Nebl 20 der Sonaten herausgesucht, um sie an seiner Hohner Gola zu interpretieren. Der Dozent des Hohner-Konservatoriums Trossingen zeigt mit dem ausgewählten Repertoire, wie gut sich diese immerhin drei Jahrhunderte alten Stücke fürs Akkordeon eignen. Ob er nun links die Melodie spielt und rechts am Bass eine Akkordeonbegleitung dazu, oder ineinandergreifende Melodieverläufe in Diskant und Bass, beides kann sich hören lassen. Von den 20 ausgewählten Sonaten sind 12 in Dur und acht in Moll geschrieben. Sie repräsentieren ein breites Spektrum an musikalischen Stimmungen, die Nebl am Akkordeon bestens zur Geltung bringt. Was für das gesamte Repertoire gilt, zeigen beispielhaft die ersten fünf eingespielten Stücke. Die K162 E-Dur Sonate setzt für die Aufzeichnung gleich einen großenteils verspielten, heiteren und leichten Beginn. Kontrastierend wirkt die zweite Sonate in D-Dur K491, die festlich und vornehm einherschreitet. Die K546 Sonate in g-Moll bringt wieder einen anderen Aspekt dazu. Sie wirkt zwar nicht schwer oder düster, aber sehr wohl reflektiert und melancholisch. Das vierte Stück, die Sonate K423 in C-Dur ist erstaunlich modern gestaltet. In der Melodieführung und Harmonik gibt es Passagen, die ohne Weiteres sogar Teil junger, populärer von heute Musik sein könnten, wenn sie beispielsweise an einem Synthesizer gespielt würden. Eine völlig andere Gestaltung schließlich hat Sonate K384, die ebenfalls in C-Dur geschrieben ist. Sie hat etwas zeitloses, erinnert an ein traditionelles, altes Volkslied oder einen Choral. Aus dem weiteren Repertoire heben sich besonders die Sonate K322 in A-Dur ab (Track 11), die reduziert wirkt, aber mit relativ wenig Tönen in interagierenden Melodieverläufen eine interessante Musik erschafft. Dramatisch, um nicht zu sagen, fast theatralisch zeigt sich Sonate K141 in d-Moll (Track 19). Die 20 Sonaten sind gut ausgewählt und ihre feinsinnige Interpretation am Akkordeon zeigt in den diesem Musikinstrument eigenen Möglichkeiten sehr hörenswert die Vielseitigkeit und Zeitlosigkeit von Scarlattis Sonaten.

 

Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #78
Februar/März 2021

Fotos:

Anita Heinemann

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