Carboneon – leicht gespielt?

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

28. Oktober 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

Carboneon – leicht gespielt?

Ein Standardmodell mit Sichtcarbon. Foto: Carboneon

Carbon als stabiles Basismaterial für leichte und wohlklingende Akkordeons? Daran jedenfalls glauben Srdjan Vukašinovic´ und Christian Mnich von Carboneon. In dem jungen Schweizer Unternehmen tüftelt Akkordeonist Vukašinovic´ mit verschiedenen Kooperationspartnern seit Jahren an Idee, Funktionalität, Design und Fertigung. Nun soll es also losgehen. In vielen Punkten von Chören über Register bis zu Cassotto, Tremolo und Farbe können die Akkordeons nach Wunsch gefertigt werden. Standardmodelle gibt es aber ebenfalls. Eines der ersten ist ein vierchöriges Cassotto-​Akkordeon mit 43 Tönen, 77 Knöpfen und 118 Bässen. Gewicht: 7,8 Kilo. Im Interview mit dem akkordeon magazin gaben Vukašinovic´ und Mnich genauere Einblicke.

Srdjan Vukašinovic´ und Christian Mnich finden sich im September in Winterthur für ein Videointerview vor dem Notebookbildschirm ein. Sie berichten über die Idee und bisherigen Entwicklungen des jungen Unternehmens Carboneon.

  • Sie haben Akkordeons entwickelt, die zu einem großen Anteil aus Carbon gefertigt werden. Wann und wie kam es zu dieser Idee?

Srdjan Vukašinoviic´: Die Idee entstand vor etwa 15 Jahren. Als meine Studien abgeschlossen waren, hatte ich große gesundheitliche Probleme und konnte ganze zwei Jahre quasi nicht spielen. Ich hatte chronische Sehnenentzündungen in beiden Händen und Ellenbögen, Rückenschmerzen und zwei Leistenbrüche.

  • Schwierig.

Srdjan Vukašinovic´: Genau, als ich die Probleme mit den Sehnen hatte, hat mich das wirklich gebremst, Musik zu machen. Es hat sozusagen mein Leben, das ich gerne habe, in dieser Form gefährdet. Ich dachte mir, ich muss etwas machen. Also fing ich an, darüber nachzudenken, was das Problem ist. Da verstand ich, es liegt vor allem am Akkordeongewicht. Die meisten Gurte wirken hier (zeigt auf seinen Schulterbereich), und wenn das nicht okay ist, ist es hier auch nicht okay (zeigt seine Arme entlang bis zu den Händen), irgendwo wirkt es sich immer aus. Ich begann nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich unser Musikinstrument leicht machen kann. Es war von Vorteil, dass ich früher ein Vierteltonakkordeon entwickelt hatte. Durch diese Entwicklung hatte ich mit einer Menge Firmen in Italien Kontakt gehabt, hatte gesehen, wie das alles funktioniert, was gut ist, was fehlt. Nun entschied ich, ich wollte ein eigenes Akkordeon bauen. Da bin ich auf Carbon gekommen, weil es ein leichtes, modernes Material ist. In dieser Zeit hat, soweit ich weiß, noch niemand im Akkordeonbereich etwas aus Carbon gebaut. Es gab Violinen, Celli und andere Musikinstrumente mit diesem Material. Da dachte ich mir, okay, ich mache das in der Schweiz. Da gibt es Hightech-​Forschung und ein gutes Know-​how im Bereich Carbon. Zuerst suchte ich die schwersten Teile aus, also das Gehäuse. Es war ein langer Weg, aber jetzt haben wir ein gutes Team und gute Kooperationspartner.

  • Welche Kooperationspartner haben Sie?

Srdjan Vukašinovic´: Meine rechte Hand sitzt hier auf der linken Seite, das ist Christian (zeigt auf Christian Mnich). Mir war wichtig, einen Arzt dabei zu haben. Wir haben zwei weitere Partner in der Schweiz, die Spezialisten sind für Carbon auf dem höchsten Level. Andere Teile wie Knöpfe oder Balg bestellen wir bei ausgewählten Lieferanten.

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„Ein komplettes Gehäuse, das am Ende sehr stabil sein, gut klingen und insgesamt mindestens so gut sein muss wie ein normales Gehäuse, das ist unseres Wissens nach neu.“ (Srdjan Vukašinović über die Besonderheiten seiner Carbon-Akkordeons)

  • Verstehe, das machen einige. Es gibt inzwischen einige Firmen, die bei einzelnen ihrer Akkordeons mit Carbon arbeiten. Gibt es hier Kooperationen oder macht jedes Unternehmen seine eigene Sache?

Srdjan Vukašinovic´: Bisher haben wir keine Kooperationen mit anderen Akkordeonfirmen benötigt. Was unseres Wissens bisher niemand geschafft hat, ist ein komplett funktionales Carbongehäuse. Ein Verdeck oder eine Platte aus diesem Material, das kann jeder machen. Aber ein komplettes Gehäuse, das am Ende sehr stabil sein, gut klingen und insgesamt mindestens so gut sein muss wie ein normales Gehäuse, das ist unseres Wissens nach neu. Unser Gehäuse ist sogar besser als ein Herkömmliches. Das ist die Zukunft.

Srdjan Vukašinovic´ und Christian Mnich (v. r.). Foto: Carboneon

  • Innenleben, Stimmzungen, Stimmstöcke, Mechanik, Register – das ist wie bei einem normalen Akkordeon?

Christian Mnich: Nicht ganz, Teile des Innenlebens sind ebenfalls aus Carbon. Da wollen wir aber nicht ins Detail gehen.

  • Okay. Haben Sie Patente auf Ihre Entwicklung, oder melden Sie welche an?

Christian Mnich: Ein großer Teil ist bereits patentiert, weitere Patente sind in Vorbereitung. Das ist ein Grund, warum wir nicht alles publizieren können.

  • Verstehe. Können Sie zu Stimmzungen und Mechanik etwas sagen?

Christian Mnich: Das Innenleben hat nur hochwertigste Komponenten, zum Beispiel sind bei uns A-Mano-​Stimmzungen Standard für alle Modelle.

  • Wie sind Sie beim Entwickeln vorgegangen, gab es Musiker in der Szene, die Ihre Modelle ausprobiert haben, oder gab es schon Konzerte damit?

Christian Mnich: Die serienmäßige Produktion läuft erst jetzt an. Mit dem Prototypen gab es 2018 erste Auftritte, die wir online auf unserer Facebook-​Seite geteilt haben. Wir haben immer wieder die Meinungen von Musikern eingeholt. Es ist hier natürlich von Vorteil, dass der CEO selbst Profimusiker ist und immer wieder perfektionieren kann.

  • Spielen Sie jetzt nur noch diese Akkordeons?

Srdjan Vukašinovic´: Ich habe viele Akkordeons, ich hab von früher noch andere, die ich entwickelt habe, ganz kompakte. Im Moment spiele ich natürlich nur mein Carboneon-​Modell. Was dabei wichtig ist, man kann hier das Innenleben sehr genau selbst zusammenstellen, etwa, ob es zwei, drei oder vier Chöre sein sollen. Wir haben einen Online-​Konfigurator dafür entwickelt, der ist bereits ziemlich gut. Er wird detaillierter, so dass man viele Einzelheiten wählen kann und sein personalisiertes Akkordeon bekommt.

  • Wenn sich jemand sein Akkordeon individuell zusammenstellt, wie ist es dann mit dem Probespielen?

Christian Mnich: Wir wollen auf jeden Fall das Probespielen ermöglichen, entweder in einem nahen Akkordeongeschäft, mit dem wir zusammenarbeiten, oder mit Lieferungen nach Hause. Es gibt außerdem bereits fertig zusammengestellte Modelle.
Christian Mnich: Genau, wir haben Standardmodelle wie dieses hier. (Srdjan Vukašinovic´ nimmt ein Modell zur Hand.)

  • Wie viel wiegt das Akkordeon, das Sie jetzt in Händen haben?

Christian Mnich: Das ist ein vierchöriges Cassotto-​Akkordeon mit 43 Tönen, 77 Knöpfen und 118 Bässen. Herkömmliche Akkordeons in dieser Klasse haben ein Gewicht von 12 bis 13 Kilo. Dieses wiegt 8,6 Kilo, das ist eine Reduktion um bis zu 40 Prozent.

  • Das klingt angenehm, und es macht natürlich einen enormen Unterschied. Nun wäre es interessant zu wissen, wie es klingt. Zeigen Sie das gern mal.

Srdjan Vukašinovic´: Gern, hier können Sie das mit Cassotto hören.
(Spielt eine Musettemelodie)

  • Klingt gut.

Srdjan Vukašinovic´: Ein sehr ­schöner, warmer Sound, oder? (Spielt einen Jazzstandard)

  • So viel sich nun bei einer Videokommunikation sagen lässt, klingt das wirklich gut. Und Sie sagten, das unmittelbare Probieren im Laden oder zu Hause wird ebenfalls möglich sein. Gibt es dafür derzeit Kooperationen?

Christian Mnich: Wir sind dabei, das aufzubauen.

  • In welchen Ländern möchten Sie die Akkordeons anbieten?

Christian Mnich: Wir sind in der Schweiz und fangen erst einmal in der Umgebung an, im deutschsprachigen Bereich. Aber wir werden sicher schnell einen Weg finden, das auch zum Beispiel nach Schweden oder in die USA zu liefern, sobald von dort die erste Bestellung kommt.

  • Dieses Exemplar, das Sie in Händen haben, was kostet das?

Christian Mnich: Der Preis für dieses Standardmodell beträgt 13.500 Schweizer Franken, das sind etwa 12.500 Euro.

  • Okay, das lässt sich einordnen, das Spektrum im Akkordeonbereich ist breit. Was Sie spielen, ist sicher die Variante Konzertakkordeon. Gibt es kleinere Modelle ebenfalls, wenn jemandem beispielsweise 72 Bässe reichen?

Christian Mnich: Das gibt es bald. Man kann das bereits bestellen, muss aber noch ein wenig warten auf die Lieferung. Die Variationen werden das gesamte Spektrum konventioneller Modelle abdecken.

  • Die Stimmung und Register können sich Interessierte ebenfalls aussuchen?

Srdjan Vukašinovic´: Sie können die Anzahl Diskant-, Kinn-, und Bassregister und deren Belegung wählen, die Stimmung, mehr oder weniger Tremolo, alles!
Christian Mnich: Wenn jemand sagt, das soll klingen wie ein schottisches Akkordeon, machen wir das. Hängt jemand am speziellen Klang seines bisherigen Akkordeons, hören wir uns dies gerne an und passen die Stimmung des neuen Modells möglichst exakt daran an.

Srdjan Vukašinovic´: Und auf der Website kann jede Farbnuance ausgewählt werden. Wir bekommen dazu exakte RAL-​Codes, und diese Farben verwenden wir. Aber wir haben schon oft gemerkt, zuerst wollen alle irgendwelche Farben. Nachher kommen sie hierher und sehen das schwarze Original-​Carboneon mit Sichtcarbon, dann wollen sie dasselbe. Denn wenn man es überlackiert, dann sieht man diese natürliche Carbon-​Struktur nicht mehr.

  • Gibt es eine Variante mit Melodiebass, oder wird es das geben?

Christian Mnich: Eine Version mit Melodiebass ist in Vorbereitung.

  • Sie sagten, es gab wissenschaftliche Forschung im Rahmen der Entwicklung. Was wurde gemacht?

Christian Mnich: Da muss man zuerst etwas zu Carbon sagen. Carbon ist nicht gleich Carbon. Es sind Polycarbonate, also Kohlenstofffasern, die in eine Matrix eingebettet sind, welche die Fasern umschliesst und zusammenhält, das sind meist Epoxidharze. Es gibt theoretisch unendlich viele Varianten, da man ganz verschiedene Mischungsverhältnisse, Dicken und Fertigungstechniken anwenden kann. Je nach Anordnung der Fasern und Auswahl der Matrixkomponenten resultiert eine ganz spezifische Art von Carbon. Man kann nicht mit jedem Carbon alles bauen. Gerade ein Musikinstrument hat viele verschiedene Anforderungen: es muss gut klingen, leicht, stabil und flexibel sein. Es ist schwierig, damit ein Musikinstrument zu bauen, weil man extrem hohe Präzision braucht. Man kann nicht nachher noch ein bisschen was verschieben oder abfeilen, damit es passt. Dutzende von Teilen müssen jeweils aus Gussformen exakt passfertig hergestellt werden, damit man sie zusammenfügen kann. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum das bisher niemand geschafft hat. Es ist nicht so einfach, mit Carbon einen so komplexen Körper zu bauen.
Srdjan Vukašinovic´: Es ist außerdem sehr teuer.
Christian Mnich: Bis man ein Teil aus Carbon fertigen kann, müssen zuerst sehr teure Werkzeuge hergestellt werden. Wir haben für die nächsten Jahre einige Produkte in Vorbereitung. Die Forschung ist der ganzen Sache vorangegangen, und jetzt kommt die Umsetzung. Eventuell können wir in ein bis zwei Jahren über weitere Innovationen reden.

  • Gerne, wir sind gespannt. An welchen Hochschulen wurde bisher geforscht?

Srdjan Vukašinovic´: Das allererste Akkordeon, das Sie gehört haben, ist ohne Hochschulen entstanden, in Kooperation mit verschiedenen Firmen, die Spezialisten sind im Bereich Carbon. Die neuen Entwicklungen, die derzeit in Vorbereitung sind, brauchen noch Zeit. Da beziehen wir Hochschulen und andere Partner mit ein.

  • Seit wann sind Sie im Unternehmen dabei?

Christian Mnich: Ich bin erst dieses Jahr dazugekommen. Ich war als Hobbyakkordeonist auf der Suche nach einem guten Akkordeon, und ich glaube, ich habe das beste gefunden. Von dieser Idee, der Firma und dem Produkt war ich sofort überzeugt. Ich bin Arzt mit eigener Praxis, und nun arbeite ich auch noch in einer Akkordeonfirma mit (lacht).

  • Spielen Sie jetzt ebenfalls ein solches Modell?

Christian Mnich: Ich werde mir baldmöglichst eines bestellen, erst müssen wir die Vorbestellungen abarbeiten.

  • Für welche Musikstile sind die Akkordeons gedacht, für bestimmte oder für alle gleichermaßen?

Christian Mnich: Sie eignen sich tatsächlich schon in der Standardkonfiguration für alle Musikstile hervorragend. Im Video zeigen wir das. Zusätzlich können wir den Klangcharakter jedes einzelnen Modells auf einen bestimmten Stil anpassen, wenn das gewünscht ist.

  • An wen richtet sich das Angebot vor allem, Profis, Studierende, Hobbymusiker oder alle?

Christian Mnich: Es richtet sich an alle, die ein viel leichteres, kompakteres, langlebigeres und umwerfend klingendes Akkordeon haben möchten, und an alle, die Rücken- und Gelenksprobleme vermeiden möchten. Carboneons sind Swiss made und erfüllen technisch-​qualitativ höchste Profi-​Ansprüche. Wir verwenden nur die besten Komponenten und legen bei der Produktion sehr viel Wert auf extrem präzise abgestimmte Mechanik. Aber auch für Hobbymusizierende, Schülerinnen und Schüler ist ein so leichtes Instrument sehr vorteilhaft. Viele kämpfen mit ihrem schweren Instrument, dabei sollen die Musiker das Akkordeon beherrschen, nicht andersherum. All die Transporte zum Akkordeonorchester und zur Unterrichtsstunde werden einfacher.

  • Wie sind die Lieferzeiten?

Christian Mnich: Derzeit sind das etwa drei Monate.

Akkordeonist Srdjan Vukašinovic´ (1983*) stammt aus Serbien und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Er absolvierte Studien in Zürich, Bern und Trossingen, mit Masterabschlüssen in Musikpädagogik und Konzertperfomance. Seit 2005 unterrichtet er Balkanmusik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Er spielt klassisches und zeitgenössisches Repertoire, Jazz und Weltmusik. Der Musiker trat europaweit bei vielen Festivals auf und gestaltet als Initiator und künstlerischer Leiter selbst Veranstaltungen in der Schweiz mit. In den vergangenen Jahren trat er unter anderem mit Gilles Apap, Aleksey Igudesman und Charles Benavent auf, konzertierte mit Orchestern wie dem Klassik Nuevo Orchestra, Zürcher Kammerorchester, Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz, und spielte im Duo Meduoteran mit Taylan Arikan. Aus der Idee, ein besonders leichtes, stabiles und wohlklingendes Akkordeon zu bauen entstand das junge Unternehmen Carboneon. Seit diesem Jahr arbeitet Mediziner und Hobbyakkordeonist Christian Mnich beratend mit.
www.carboneon.com

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