„Das Akkordeon ist ein Storyteller!“

Omer Meir Wellber spielt Beethoven

7. Mai 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Omer Meir Wellber gehört zu den führenden Dirigenten für Opern- und Orchesterrepertoire. Seit 2025 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Damit hat der international gefragte Wellber neben Israel und Italien (Palermo) einen weiteren Lebensort hinzubekommen, wo er auch die Schirmherrschaft für das Instrument des Jahres, das Akkordeon übernommen hat. Am 7. Mai gestaltet er als Dirigent und Akkordeonist den Auftakt des Klavier-Festival Ruhr in Dortmund, unter anderem mit dem Tripelkonzert von Ludwig van Beethoven, in einer Fassung für Akkordeon, Piano und Mandoline. Petra Rieß hat ihn in einem Videointerview dazu befragt.

Interview und Text: Petra Rieß

  • Herr Wellber, 2027 jährt sich Beethovens Todestag zum 200sten Mal. Sein Tripelkonzert für Violine, Violoncello und Klavier ist ein populäres Stück der klassischen Musik. Warum haben Sie gerade dieses Stück gewählt?

Das Tripelkonzert ist, sagen wir so, nicht das Beste. Man sieht, dass er das im Prinzip für Amateure geschrieben hat, aber das ist okay. Ich hatte das Gefühl, in diesem Stück gibt es noch Raum etwas zu entwickeln. Das Material selbst bietet viel Raum für Variationen und neue Klänge, für neue Interpretationen. Bei Beethoven haben wir am Anfang einige dogmatische Entscheidungen getroffen: Das heißt, den Geigenpart spielt jetzt die Mandoline (Jakob Reuven), die Cellostimme spielt das Akkordeon (Omer Wellber), und Klavier bleibt Klavier (Guy Mintus). Aber in dieser Besetzung war auch klar, dass das Klavier nicht so bleiben kann, so hundert Prozent, wie Beethoven das geschrieben hat. Mit dem israelischen Jazzpianisten Guy Mintus am Klavier haben wir da schon einen anderen Klang, und gemeinsam mit Mandoline und Akkordeon, mit Improvisation und Kadenzen machen wir wirklich ganz extreme und sehr schöne Sachen. Mit der Musik von Beethoven, aber really all over the place.

  • Was genau heißt das? Wie weit entfernen Sie sich von der ursprünglichen Komposition?

Die ganz große Distanz gibt es nur in der Kadenz. Da haben wir wirklich unglaubliche Sachen entwickelt! Doch das Konzert selbst ist im Prinzip etwa zu 90 Prozent Beethoven und zu 10 Prozent unser eigenes Material. Es gibt Teile in Beethovens Tripelkonzert, die auf unseren Instrumenten nicht funktionieren, da gehen nur kleine Variationen, um diese Musik weiterzuentwickeln. In der Kadenz passiert dann viel mehr, da wird der Horizont erweitert, mit Improvisation und Variation. Wir hatten aber das Gefühl, dass man danach nicht direkt zurück zu Beethoven kommen kann, eben weil der Horizont dann schon sehr groß ist, aber irgendwann kommen wir schon zurück zu Beethoven – nur mit einem etwas anderen Touch (lacht).

Omer Meir Wellber

Foto: Lars Berg

  • Mit dem Mandolinenspieler Jakob Reuven verbindet Sie eine gemeinsame Geschichte…

Ja, wir sind alle aus Beʾer Scheva, einem kleinen Ort in der Wüste, und wir haben schon als Kinder zusammengespielt. Man lacht immer in Beʾer Scheva, weil man Flöte und Geige spielen KANN, aber man MUSS Mandoline oder Akkordeon spielen. Man muss im Orchester spielen, und damals gab es nur Mandolinen- oder Akkordeonorchester. (Lacht!)

  • Warum gibt es so wenige Konzerte für Akkordeon und Orchester?

Naja, die Mandoline hatte es da ein bisschen besser als das Akkordeon. Man muss ehrlich sagen, diese Instrumente waren bis in die 1950er Jahre im Prinzip nur folkloristische Instrumente. Es gab zwar unglaubliche Virtuosen, die ausgezeichnete Dinge auf ihren Instrumenten gemacht haben, doch das geschah immer in irgendeinem Dorf, in irgendeiner Stadt in Russland, in Frankreich und so, aber immer klein und lokal, verstehen Sie? Aber auf der klassischen Bühne war das Instrument quasi „verboten“. Es war unmöglich. Die Mandoline hatte es da ein bisschen besser als das Akkordeon, dafür gibt es auch einen historischen Grund: Zumindest zwei große klassische Komponisten, nämlich Vivaldi und Beethoven, hatten Freunde, die Mandoline gespielt haben. Beethoven hat zwei Stücke original für Mandoline geschrieben, und Vivaldi ganz viele Stücke für Mandoline. Aber das plant man nicht. Man hat Freunde und dann schreibt man für sie.

    • Vivaldi hätte gar keine Chance gehabt für Akkordeon zu komponieren, denn das war zu seiner Zeit noch nicht erfunden.

    Das ist richtig! Aber oft ist es eine persönliche Verbindung. Ich habe schon als Jugendlicher in Israel Akkordeon gelernt. Meine allererste Erfahrung mit dem Akkordeon war im Orchester in Alban Bergs Oper Wozzeck. Dort gibt es ein Akkordeon! Ich war 19 Jahre alt, und das war mein allererster Vertrag in einer Opernproduktion!

      • Jedes Instrument beeinflusst und verändert durch seine spezifische Klangfarbe die Musik. Sie sind Schirmherr für das Jahr des Akkordeons, für den Landesmusikrat Hamburg. Was soll denn das Akkordeon in diesem Jahr alles können und leisten?

      Es geht um eine Botschaft! Es geht darum, unsichtbare Geschichten sichtbar zu machen. Warum? Erstens: Der Klang des Akkordeons geht sofort ins Herz. Das ist unglaublich! Jedes Mal, wenn ich mit dem Akkordeon eine Zugabe gebe, nach einem Konzert, ist das Publikum sofort hingerissen. Die kleinste Note, die ich spiele, geht bis in die letzte Reihe. Es ist extrem schön! Und diese Klanggeschichte kommt aus einer langen Klangtradition, wie zum Beispiel tiefer Tangomusik oder Filmmusik. Ich denke da an Der Pate oder Cinema Paradiso. Dieser Akkordeonklang ist immer sehr romantisch, und natürlich von Land zu Land verschieden. In Frankreich geht es mehr Richtung Chanson und Musette, Deutschland hat die große bayrische und alpine Tradition. Das Akkordeon hat eine große Direktheit, und das meine ich mit Botschaft. Da gibt es sofort eine Erzählung, und das meinte ich mit dem Wort „unsichtbar“.  Das Akkordeon ist ein Geschichtenerzähler – das ist der große Vorteil eines folkloristischen Instrumentes. Je nach Kultur und Hintergrund erzählt dieses Instrument für jeden Menschen eine Geschichte. Für mich muss dieses Storytelling in der klassischen Musikwelt wiederkommen. Das heißt nicht, dass wir immer thematische Musik spielen müssen, das ist unwichtig – eine Erzählung kann auch abstrakt sein. Das Akkordeon aber hat für mich persönlich genau diese Topqualität von Klang und Erzählung, von Dialog. Wenn ein Mann mit einer Geige auf die Bühne kommt, ist das nichts Besonderes, aber ein Akkordeon! Da denkt jeder sofort, jetzt passiert da etwas! Heutzutage ist diese Qualität sehr wichtig. Das Akkordeon hat diese zwei Füße – einen in der folkloristischen Vergangenheit und einen in der zukünftigen Erzählung.

      • Sie werden in Dortmund ja nicht nur spielen, sondern auch dirigieren, vom Akkordeon aus. Welches Instrument haben Sie dabei, wenn Sie auf Reisen sind?

      Ich habe drei Akkordeone in drei Hauptländern. Eines hier in meinem Haus in Italien, ich habe natürlich eines in Hamburg und eines in Israel. Das ist vielleicht sogar mein Lieblingsinstrument, obwohl es recht klein und mittlerweile natürlich sehr alt ist, aber es war das zweite Akkordeon meines Lebens. Es ist ein sehr, sehr schönes altes italienisches Scandalli, Modell Lady, aus den 60er Jahren, und es klingt einfach wundervoll!

      In Italien habe ich ein „utility Akkordeon“, ein Akkordeon zum Üben. Das klingt nicht besonders gut, und da muss ich richtig arbeiten, aber es ist perfekt zum Üben. Und dann habe ich mein Hauptakkordeon, das ist ein Top Level Pigini. Das befindet sich in Hamburg und damit werde ich auch beim Klavierfestival Ruhr spielen.

      Omer Meier Wellber, Guy Mintus und Jakob Reuven bei den Proben des Triple Konzertes für das Eröffnungskonzert des Klavier-Festival Ruhr am 7.5. in Dortmund

      Foto: Klavier-Festival Ruhr

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