Dorrit Bauerecker: One Woman Band – Experimental Music Circus

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

10. Juni 2021

Lesezeit: 2 Minute(n)

Kaleidos Musikedition, 2021

Dorrit Bauerecker: One Woman Band - Experimental Music Circus

Dorrit Bauerecker im musikalischen Multitasking-Wahn: Zwischen Klavier, Spielzeugklavier, Melodica, Samples und allen möglichen Geräuschgebern vom Wasserkocher bis zur Kaffemaschine spielt sie sich hier durch ein originelles, zeitgenössisches Repertoire. Die ausgewählten Werke stammen fast alle von zeitgenössischen Komponisten und entstanden in den letzten dreißig Jahren. Drei Stücke hat Moritz Eggert komponiert, davon zwei für diese Einspielung. Seine Komposition One Woman Band greift dabei Ansätze auf, die er vor zwölf Jahren bereits für One Man Band II einsetzte: kurze melodische Verläufe und Akkordfolgen am Klavier wechseln mit sanglichen Sequenzen, verschiedensten Soundsamples und Geräuschen und schaffen damit eine zunehmend psychedelisch-wirre Stimmung. Es entsteht eine Art musikalisches Abbild übermäßiger Multitaskinganforderungen und dauernder Störeinflüsse. Neben den humoristischen, fast kabarettartigen Aspekten lässt sich das gleichzeitig gesellschaftskritisch verstehen. Beide Stücke interpretiert Bauerecker einfallsreich, mit der entsprechenden Energie und Dynamik. Bei Dual Band ist sie dann zusammen mit Eggert selbst am Werk, und gemeinschaftlich stürzen sich die beiden an Klaviertasten (Bauerecker), Klaviersaiten (Eggert), mit ihren Stimmen und weiteren Geräuschgebern ins mal mehr, mal weniger melodisch-harmonische Chaos.

Das Repertoire verarbeitet außerdem fünf Werke von anderen Komponierenden. Relativ nah am kreativ-lärmigen Chaos von Eggert bleibt dabei noch East Broadway von US-Komponistin Julia Woolfe. Computerspielartige, rhythmische Samples prallen hier auf rasant-bruchstückhafte Sequenzen am Spielzeugklavier. Die anderen Werke setzen jedes für sich Kontraste. Mirabella von Stephen Montague ist ein melodisch-harmonisches Stück, das Bauerecker samt der zahlreichen munteren Arpeggien am Spielzeugklavier luftig und heiter interpretiert. Das Barockstück La Poule von Jean-Philippe Rameau ist das einzige nicht-zeitgenössische Werk auf dem Album und erhält von Bauerecker eine elegante Interpretation. Die Komposition gfätterle ist eine sehr ruhige, vor allem aus flächigen Akkordeon- und Keyboardsounds entstehende Musik. Geschrieben wurde diese von Oxana Omelchuk 2016. Im selben Jahr entstand Gichtgriffel und Achterbeene des jungen Komponisten Niklas Seidl, das im Repertoire noch einmal einen ganz eigenen Kontrast setzt. Verwoben mit bruchstückhaften, rhythmischen Melodiefetzen, gespielt am Akkordeon, mischen sich Bauereckers Sprechgesang und Sprachsamples. Die Aufzeichnungen stammen von Obdachlosen, die von ihren Sorgen berichten. Oftmals geht es um Krisen, Verluste, Ausbeutung und um alltägliche Bedarfe, denen offensichtlich bei Weitem nicht immer das entsprechende Angebot gegenübersteht. In dieser musikalischen Auseinandersetzung entstehen schwermütige Eindrücke des Lebens von Menschen auf der Straße. Das Stück kann jedenfalls auch als ein kreativer Ansatz der Gesellschaftskritik verstanden werden.

Fazit: Ein ungewöhnliches Repertoire voller Kontraste und origineller Ideen, das die Musizierenden fordert – und die Zuhörer ebenfalls.

Cover: Kaleidos Musikedition

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