Ein seltener Sound

11. November 2020

Lesezeit: 5 Minute(n)

Hohner Imperator VS

Ein seltener Sound

Die Imperator VS überzeugt auch heute noch durch ihre ungewöhnliche ­Klangvielfalt.

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Zur Person

Norbert Balzer, *1949, studierte an den Universitäten Dortmund und Bochum Kommunikations-​Design, Fotografie, Film, Medienwissenschaft und Kunstgeschichte. Als freischaffender Dipl.-Designer arbeitete er für Unternehmen im Bereich Werbung und Marketing. Er war Lehrbeauftragter für Unternehmenskommunikation an der Hochschule Bremerhaven und hielt Vorträge über kunstgeschichtliche, philosophische und kommunikationswissenschaftliche Themen. Heute ist er als Verleger und Buchautor tätig. Als begeisterter Hobbymusiker ist er seit Kindheitstagen mit dem Akkordeon verbunden.

Ein Meisterwerk des Akkordeonbaus: Als einer von wenigen nennt der Designer und engagierte Hobbyakkordeonist Norbert Balzer ein Hohner Imperator VS Akkordeon sein Eigen. In seinem Artikel stellt er das ungewöhnliche Musikinstrument und seine Besonderheiten vor.

In der Kategorie der sogenannten Handzuginstrumente findet sich eine schier unübersehbare Vielfalt von Modellen, wie bei kaum einer anderen Instrumentenklasse. Allein in der Hohner-​Liste der Akkordeons und Harmonikas von 1928 bis 2006 stehen fast 500 Modelle in verschiedenen Größen, Typen und Ausstattungen. Rechnet man die Modelle aller Hersteller weltweit zusammen, darf man von mehreren tausend ausgehen.

In der Hohner-​Liste steht ein Name, der wie kein anderer für die Begeisterung der dortigen Techniker stand, ein Akkordeon zu bauen, das es bis dahin noch nie und seitdem auch nie wieder gab: Imperator VS (= 5 Spezial). Der Name war dabei sozusagen Programm und keineswegs zu hoch gegriffen.
Die technischen Daten sind zunächst mal nicht besonders aufregend: 41 Tasten, 120 Bässe, 5-​chörig, Cassotto, 29 + 1 Diskant-​Register, 7 Bass-​Register. Nur die Zahl der Diskant-​Register lässt aufhorchen und macht neugierig auf das, was sich im Inneren des Instruments verbirgt.
Und das ist nicht wenig! Nicht nur, dass es ein 32′-Register hat, mit dem sich im Orchester auch eine Bassbegleitung realisieren lässt. Zusätzlich weist es die 2 3⁄4 (!) Quintmixtur als eine Art Exoten aus, der sich von anderen Akkordeons grundsätzlich unterscheidet.

Ein Akkordeon mit Orgelsound

Wolfgang Fachmann, Akkordeonbaumeister in Vindorf bei Lüneburg, schreibt dazu in einer Expertise: „Ziel der besonderen Konstruktion war es, dem Klang einer Kirchenorgelmixtur nahe zu kommen. Dafür wurden Stimmzungen außerhalb der regulären Serienproduktion angefertigt, die in keinem anderen Instrument verwendet wurden. Sie wären bei Verlust oder Schaden nur von Fachleuten herstellbar.“

Nun könnte man denken, das Modell sei deshalb nur für sakrale Zwecke zu gebrauchen. Aber: Ich selbst habe es sehr erfolgreich in Akkordeon-​Orchestern eingesetzt, vor allem dort, wo es um solche Stimmen ging, die sonst meist von Keyboards gespielt werden. Von den Registrierungsmöglichkeiten und vom Klang her setzte sich dieses Akkordeon dabei von anderen ab, ohne als akustischer Fremdkörper zu wirken.

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Die Imperator trägt ihren Namen zu Recht. Das „V“ steht für den 5. Chor (Quintmixtur), das „S“ für „Spezial“.

Der Diskantteil von innen. Links befinden sich die Stimmstöcke in der Planfüllung, rechts sieht man die Ventile der Stimmzungen, die im ­Cassotto liegen.

Als besonders gelungenes Beispiel für den sinnvollen Einsatz kann der Bolero von Maurice Ravel gelten. Von der Oboe bis zur tiefen Posaune konnte das Akkordeon die verschiedensten Solo-​Stimmen bedienen, nicht mit der Absicht einer hundertprozentigen Imitation, sondern als authentische Bereicherung des Orchesterklangs. Es überzeugte mit einem Sound, der sich harmonisch in den Orchesterklang einfügte, aber trotzdem im Sinne des Stückes akustisch wahrnehmbar wahr. Keyboards wirken im Akkordeon-​Orchester oft weniger passend, sozusagen wesensfremd. Weitere Stücke, in denen das Akkordeon erfolgreich eingesetzt werden konnte, waren u. a. Teufelstanz von Hellmesberger, ­Säbeltanz von Khatchaturian, Märsche, Polkas, die Toccata und Fuge d-​Moll von Bach und die Orgel-​Toccata von Charles-​­Marie Widor. Vor allem in den letzteren Stücken konnte das Akkordeon dank seiner „Orgelstimmung“ überzeugen.
Was hat die Firma Hohner überhaupt bewogen, so ein Instrument zu bauen, das ohne Tremoloregister so gar nicht in die damalige Akkordeonwelt passen wollte? Alfred Dörfler aus Trossingen, ein stupender Kenner der Unternehmenshistorie, hat dazu interessante Informationen.
So soll es bei den Verantwortlichen in den Jahren von 1950 bis 1970 Diskussionen darüber gegeben haben, wie ein modernes Akkordeon auszusehen hat. Dabei stand die „Metall-“ gegen die „Holz-​Fraktion“. 1953 wurde mit der Atlantik erstmalig die Metallbauweise eingeführt, in der danach auch noch andere Modelle gebaut wurden. Trotzdem wurden weiter Akkordeons aus Holz gebaut, vor allem die Morinos und Golas, sowie weitere Modelle. Letztlich blieb es dann doch beim Holz, und bis heute schwören namhafte Akkordeon-​Manufakturen auf die Holzbauweise. Es werden teilweise sogar gezielt Holzarten mit spezifischen Klangeigenschaften genutzt, z. B. bei der Firma Victoria.

Im Vergleich: Imperator V und Imperator VS

Das Vorhaben, etwas Besonderes zu schaffen, führte bei Hohner schließlich 1961 zur Konstruktion der Imperator V (1961 – 1973, 21 + 1 Register mit Tremolo) und der Imperator VS (ab 1961), beide in Metallbauweise. Das hier vorgestellte Exemplar hat die Nr. 472366 und stammt aus dem Jahr 1967.

Wie viele Instrumente dieses Modells hergestellt wurden, darüber gehen die Meinungen auseinander. Zahlen von bis zu 1000 Stück kursieren in der Akkordeonszene. Selbst die Firma Hohner konnte dazu keine verlässliche Zahl nennen. Viele Fachleute gehen aber davon aus, dass es etwa um die 50 bis 200 Stück waren, auch wenn diese Zahl immer wieder angezweifelt wird. Viel mehr dürften es vermutlich schon deswegen nicht gewesen sein, weil der Charakter dieses Akkordeons etwas für Spezialisten war.
Anders war das bei der Imperator V. Die hatte Merkmale wie das 2- und 3-​fach Tremolo und ein Cassotto. Durch prominente Musiker wie Hubert Deuringer und Will Glahé wurde sie populär und erzielte nicht zuletzt auch deswegen wesentlich höhere Stückzahlen.
Der Verzicht auf ein Tremolo-​Register zugunsten des 32′-Chores und der Quintmixtur bei der Imperator VS deutet darauf hin, dass man damit eine spezielle Spielerklientel ansprechen wollte: ernsthafte Akkordeonisten und Kirchenmusiker. In den Akkordeon-​Kompositionen der 1950er- und 1960er-Jahre war nämlich das Tremolo oft noch ein wichtiges Element. Erst spätere Komponisten verzichteten dann bewusst auf den damit verknüpften, vermeintlich akkordeontypischen Klang.

Im Inneren macht die Imperator durch die Metallbauweise einen ­sauberen und auf aufgeräumten Eindruck. Mit den beiden Hebeln oben lässt sich der Diskantteil ganz einfach vom Balg lösen.

Mithin könnte man die Imperator VS als besonders für Kammermusik geeignet ansehen. Solo-​Stücke aus dem Barock klingen sehr authentisch und überzeugend, sofern sie ohne Manual III spielbar sind. Denn zum vollkommenen Barock-​Akkordeon“ fehlt der VS leider das Freebass-​Manual. Soweit ich zuletzt lesen konnte, hat sich ein Pastor ein solches Akkordeon gekauft, um kleinere Gottesdienste musikalisch zu gestalten, an Orten, wo es keine Orgel gab.
An der Bauqualität gibt es jedenfalls, selbst nach heutigen Maßstäben, nichts zu mäkeln. Das Akkordeon glänzt durch handwerkliche Präzision. Von den Spezialstimmplatten war schon die Rede, die zudem eine besondere Maßhaltigkeit und Stimm-​Stabilität aufweisen. Im Inneren zeigt sich, dass alle Bauteile detailgenau umgesetzt sind.
Wer moderne Akkordeons gewohnt ist, die teilweise kleiner und leichter sind, wird die 13,5 Kilo der Imperator womöglich zu schwer finden. Allerdings zählen zumindest große Konzertakkordeons von heute ebenfalls oft nicht zu den Leichtgewichten, zumal mit Konverter.
Das Volumen der Imperator VS ist zunächst respekteinflößend. Dafür ist es ein Akkordeon für Fans des besonderen Klanges und für Enthusiasten, die sich abseits des Gewohnten mit einem schon historisch zu nennenden Instrument beschäftigen möchten, das mehr bietet, als man ihm ansieht. Die Vielfalt, die dieses Akkordeon eingebaut hat, bringt es mit sich, dass man einige Zeit braucht, um alle klanglichen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Wolfgang Fachmann hat das in seiner Einschätzung so formuliert: „Es handelt sich um ein musikalisch und instrumentenbaulich einmaliges Werk, das auch musikgeschichtlich einen besonderen Wert besitzt … (und) … sowohl als Soloinstrument als auch in jedem Orchester verwendbar ist.“

Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #76
Oktober/November 2020

Fotos:

Norbert Balzer

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