Erfahrungen aus Livestream-​Konzerten

20. September 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

„In echt zu spielen ist halt immer noch am schönsten!“

Erfahrungen aus Livestream-​Konzerten

Text: Evi Heigl Fotos: Maria Svidryk, Mark Gunelas, Markus Wangler, Max Saufler, Andreas Keilholz, rechts-​der-​wertach

Die vergangenen Monate haben gezeigt, was passiert, wenn Musik plötzlich verstummt, weil sie nicht mehr live vor echtem Publikum stattfinden darf. Für die gesamte Kulturszene war diese Tatsache ein Schock und man überlegte fieberhaft, welche Möglichkeiten geschaffen werden konnten, um dennoch Konzerte anbieten und an das entsprechende Publikum bringen zu können. Andererseits ging es – ungeschminkt gesagt – ganz einfach darum, Mittel und Wege zu finden, Künstlern beim Überleben zu helfen. Die Suche nach alternativen Formaten begann. Und was lag beim Gebot des Abstandhaltens und sich Nichtbegegnensollens näher als sich eben – wie in vielen anderen Bereichen auch – online zu treffen. Die bisher bei Konzerten eher selten genutzte Technik des Live-​Streamings, also der Echtzeit-​Videoübertragung nach Hause ins Wohnzimmer, war plötzlich in aller Munde und machte auch im Laienbereich Furore. Künstler versuchten auf diese Weise »im Geschäft« zu bleiben und hofften darauf, dass ihnen das Live-​Streaming doch einige Einnahmen beschert. Jetzt, den Sommer über, war der Konzertbesuch per Livestream nicht mehr so gefragt und zum Glück auch nicht mehr so nötig. Womöglich liegt er aber auch bloß vorübergehend auf Eis …

So sahen die Produktionsbedingungen beim Projekt KULTUR im Schaufenster des ProjektRaums ­ Rechts-​der-​Wertach aus, für das Yas¸ar Dog˘an und Thomas „Flonny“ Kluge verantwortlich zeichneten.

Eine Umfrage

Uns hat nun interessiert, wie sich das für die Musikerinnen und Musiker angefühlt hat, als sie plötzlich kein sichtbares Publikum mehr vor sich hatten, sondern nur noch in eine Linse hinein-​performen sollten. Folgende Musikanten haben uns Einblicke in ihre Erfahrungen gewährt:

Petra Küfner und Markus Wangler von Musique in Aspik, Martin und Stefan Hegele von ScheinEilig, ­Aarón Vega von Elephant, David Saam von Boxgalopp und Magdalena Held, Sängerin im Madrigalchor der Hochschule für Musik und Theater, München.
Wir haben aber auch mit einem Mann gesprochen, der auf der anderen Seite der Kamera gestanden hat: Yas¸ar Dog˘an vom Quartiersmanagement Rechts-​der-​Wertach in Augsburg. Er hat Online-​Konzerte organisiert, war bei Streamings für die Technik zuständig und hat die Künstler betreut. Zusammen mit Thomas „Flonny“ Kluge hat er im Rahmen der Augsburger Livestream-​Konzertreihe Kultur im Projektraum an die 70 Künstlerauftritte gemanagt. Finanziert wurde die Reihe erfolgreich über Spendenzuwendungen und eine Startnext-​Kampagne.

»Der Applaus geht mir bei einem Livestream schon sehr ab.«

Zwiespältige Gefühle

Grundsätzlich konnte man als Zuschauer bei den verschiedenen Live-​Übertragungen von Konzerten das bestimmende Gefühl, ja die eigentliche Einstellung der Ausübenden zu der ganzen Aktion ganz gut beobachten: Da gab’s die einen, die froh waren um diese Online-​Auftrittsmöglichkeit, die frisch drauf losmusizierten und sich beherzt der Situation stellten. Da kam dann zu Hause beim »Konzertbesucher« tatsächlich ein wenig Stimmung auf.

Anderen wiederum sah man förmlich an, wie unwohl sie sich in dieser künstlichen Atmosphäre fühlten. Sie spielten eher vor sich hin, so als hätten sie sich nur zu einer Probe getroffen. Da kam dann auf dem Bildschirm natürlich nicht allzu viel rüber und man hatte als Zuschauer eher das Gefühl, eine voyeuristische Rolle einzunehmen. Da bekam man fast ein wenig Mitleid. Im schlimmsten Fall schaltete man vorzeitig ab.

Motivation

Yas¸ar hat beobachtet, dass es für einige Künstler tatsächlich äußerst ungewohnt war, ohne Publikum zu spielen. Wichtig sei demnach gewesen, wie die Minuten vor Beginn des Konzerts abgelaufen sind und dass jemand für Entspannung und gute Stimmung gesorgt hat: »Leo, unser Kameramann, und ich waren bei der Aufführung immer aktiv mit dabei, haben den Künstlern gezeigt, wieviel Freude uns ihre Performance bereitet und haben nach jedem Stück kräftig Applaus gegeben, was die Künstler auch wieder motiviert hat.« Das war aber offensichtlich nicht überall so. Bei manchen Streamings – so haben wir erfahren – befanden sich die Musiker ganz alleine im Raum und waren tatsächlich sich selbst überlassen. Eine große Herausforderung! Nun ist der Applaus alleine natürlich nicht das Brot des Künstlers, wie immer so schön behauptet wird – aber wohl ist er seine seelische Nahrung. Er macht die Atmosphäre des Konzerts aus und ist eine Möglichkeit der Interaktion zwischen Auftretenden und Publikum.

Musique in Aspik beim Livestream von Kultur im ProjektRaum im Rahmen des Quartiersmanagement Rechts-​der-​Wertach in Augsburg

Petra Küfner und Markus Wangler von der Gruppe Musique in Aspik

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Das Interview

Wir haben den Künstlern also konkrete Fragen zu ihren Erfahrungen mit Livestreams gestellt. Hier einige ihrer Antworten:

  • Was machst Du, um Dir vorzustellen, dass ein reelles Publikum vor dir sitzt? Mit welchen Bildern, mit welchen Maßnahmen funktioniert das?

Petra gewährt uns einen Einblick in ihre Taktik: „Da ich in eine Kameralinse schauen muss, stelle ich mir vor, dass dahinter eine wohlwollende Person sitzt, die mich anlächelt und für die ich dann aus vollem Herzen und mit meiner ganzen Aufmerksamkeit singe und spiele.“ Stefan vergleicht die Situation mit einer stark ausgeleuchteten Bühne in einem ansonsten dunklen Konzertsaal: „Hier sieht man das Publikum auch nicht, aber man weiß, dass es da ist.“ Wer diese Konzertsituation schon öfters erlebt hat, konnte mit dem Musizieren und Singen in eine Linse hinein wohl auch leichter umgehen.

  • Wie habt Ihr Euch in Stimmung gebracht?

Magdalena, die ein großes, professionell aufgezogenes Chorkonzert mitgestaltet hat, fand zunächst keinen großen Unterschied: „Allein durch die allgemeine Konzertroutine – die Generalprobe, die Stellprobe, das Zurechtlegen der Konzertklamotten – entsteht ein ähnliches Gefühl, als wenn es ein normales Konzert wäre.“ Trotzdem sei es extrem ungewohnt gewesen, dann doch ohne sichtbares Publikum zu performen. „Ich habe mir während des Konzerts vorgestellt, dass viele meiner Freunde den Livestream mitverfolgen und habe für sie gesungen.“ Ähnlich ging es Aarón, dessen Familie in Mexiko lebt. „Ich hab mich so gefreut, dass die mich zu Hause jetzt alle mal sehen können!“

  • Hattest Du Lampenfieber? Mehr oder weniger als in der Situation mit sichtbarem Publikum?

Diese Frage haben die Musikerinnen und Musiker sehr unterschiedlich beantwortet. Manche waren mehr, manche weniger aufgeregt als vor echtem Publikum. Der Bammel galt hier oft den Unwägbarkeiten, denen man ausgesetzt war. Markus z. B. hatte weniger vor seiner eigenen Kompetenz und Nervenstärke Respekt als vielmehr vor der Streaming-​Technik, die für ihn während des Konzerts unbeeinflussbar war und auf die man sich einfach verlassen musste. Klappt irgendwas in der Live-​Situation nicht und der Sound geht nicht nach draußen, kann das die ganze Performance kippen.

  • Was konkret ist im Live-​Konzert mit Publikum anders als im Streaming-​Konzert?

Für David ist klar: Der größte Unterschied ist die direkte Rückmeldung vom Livepublikum. Der Applaus geht mir bei einem Live­stream schon sehr ab. Am Ende der Stücke herrscht immer eine unangenehme Stille, wo eigentlich Gejohle und Geklatsche hingehört. Livekonzerte leben ja auch von der Interaktion zwischen Auftretenden und Zuschauern. Das Publikum ist in meinen Augen ein immens wichtiger Teil des Konzertes! Es hat Einfluss darauf, wie man spielt. Ähnlich sieht es Markus: Man hat richtige Reaktionen, vielleicht auch Zwischenrufe auf die man reagieren kann. Man sieht die Leute und kriegt mit, ob es ankommt. Das gibt viel Sicherheit. Für Martin hat das echte Publikum einen ganz pragmatischen Vorteil: Es ist leichter zu begeistern und vor allem: Fehler sind verzeihlicher.“
Bei manchen Streaming-​Konzerten gab es für die Zuschauenden die Möglichkeit, Kommentare in einem Chat zu posten. Las jemand während des Konzerts den Musikern die Kommentare und Feedbacks vor, hat das natürlich Laune gemacht und war bisweilen sehr witzig.

  • Was ist im Streaming vielleicht sogar besser als bei sonst üblichen Konzerten mit sichtbarem Publikum?

Bei dieser – zugegeben etwas ketzerischen – Frage waren sich alle dahingehend einig, dass man mit dieser Technik Menschen erreichen kann, die sonst vielleicht nicht in das Konzert gegangen wären. „Man kann ein neues und bisher unerreichbares Publikum bespielen“, meint Stefan, „z. B. weit entfernt wohnende Freunde und Bekannte oder Zuhörer, die einfach ›mal reinhören‹ wollen.“

Wurde das Konzert technisch aufwändig und professionell produziert, also mit verschiedenen Kameras aus unterschiedlichen Blickwinkeln, mit Nahaufnahmen und einem guten Schnitt, so hat die Gruppe, wie Petra feststellt „nach dem Konzert außerdem ein tolles Musikvideo als Demo für zukünftige Veranstalter oder für die eigene Website“

Unter dem Motto Von Leben und Liebe – Poesie für Chor von Renaissance bis Spätromantik fand am 1. Juni 2021 ein Livestream des Madrigalchors der Hochschule für Musik und Theater München aus der Reaktorhalle der Hochschule statt

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  • Hast Du das Streaming-​Konzert Deiner Gruppe im Nachhinein im Netz noch angeschaut?

Einige der Befragten haben es verweigert, die Aufzeichnung anzusehen, andere „kurz reingeschaut und schnell bereut“. Wieder andere sahen sich ihren Auftritt gleich mehrmals an – zum Teil, um daraus zu lernen, zum Teil, um es – wie Magdalena meint – einfach zu genießen: „Ich fand es sehr schön, den Chor, in dem ich selbst singe, mal aus der Sicht einer Zuhörerin zu sehen und der Darbietung zu lauschen.“

Offenbar hatten aber doch alle großen Respekt davor, sich der eigenen Performance zu stellen und vor allem zu wissen, dass diese Aufzeichnung nun theoretisch in alle Ewigkeit im Netz steht. Die meisten waren sich aber darin einig, dass eine Online-​Veröffentlichung im Nachhinein zwar nicht allzu prickelnd, aber – wenn halbwegs gelungen – doch ok ist.

  • Hast Du selbst auch Streamings anderer Gruppen verfolgt?

Alle, die sich im Rahmen ihrer Darbietungen mit dieser Technik befassen mussten, hatten bereits im Vorfeld mehrere Streams gesehen, schon allein aus Neugier wie andere sich dabei „anstellen“ und mit der Situation umgehen. „Es tat gut zu sehen, dass die auch ein bisschen nervös waren, lacht Markus. Andererseits fand er äußerst spannend, welch musikalisch tolle Entdeckungen für ihn dabei waren. Stefan genoss es, in der Lockdown-​Zeit zu Hause ein wenig Live-​Atmosphäre bekommen zu haben. Außerdem konnte man Künstler ganz bequem einschalten, ohne z. B nach München, St. Petersburg oder noch weiter weg reisen zu müssen.

Elephant mit Aarón Vega (Mitte)

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Das Ensemble ScheinEilig mit Stefan und Martin Hegele (links, mitte). Rechte Seite: ScheinEilig lud im April 2021 zur Virtual-​­Djadadam-​Tour ein

ScheinEilig lud im April 2021 zur Virtual-​Djadadam-​Tour ein

Boxgalopp mit Akkordeonist David Saam (rechts)

  • Wie ist Deine grundsätzliche Haltung zu Live-​Streaming-​Konzerten?

Yas¸ar als Organisator konnte nach seiner umfangreichen Konzertreihe feststellen: „Die Freude, endlich mal wieder spielen zu dürfen, war den Künstlern richtig anzusehen. Es war wundervoll die Dankbarkeit und Zufriedenheit zu erleben.“

Dennoch war die einhellige Meinung der Aktiven: Diese Live­streams waren eine gute Möglichkeit, Musiker und Bands in Zeiten der Pandemie nicht aus den Augen zu verlieren und ihnen Möglichkeiten zu bezahlten Auftritten zu verschaffen. Aber es sei eine Notlösung und könne und sollte auf Dauer keine Live-​Konzerte ersetzen.
David zweifelte sogar ein wenig an den kostenlosen Livestreams, die dann für immer im Netz stehen: „Das macht den Livestream an und für sich ja auch ein bisschen wertlos, oder nicht? Ich bin bis heute zwiegespalten, wie ich zu zukünftigen Livestreams stehe. In echt zu spielen ist halt einfach trotzdem immer noch am schönsten.“

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