Lorin Sklamberg

The Klezmatics feiern 40 Bühnenjahre

ao+

27. Februar 2026

Lesezeit: 8 Minute(n)

Ein neues Album, eine Tour durch Deutschland und weitere europäische Länder und der drängende Wille eine künstlerische Antwort auf das zu geben, was derzeit in der Welt passiert: Auch nach vierzig Jahren sind der Kreativität und Spielfreude der legendären Klezmatics, die in den 1980ern als Teil des sogenannten Klezmer-Revivals gegründet wurden, im wahrsten Sinne des Wortes keine Grenzen gesetzt. Die Dringlichkeit sicht- und hörbar zu bleiben und dabei immer wieder in den Austausch mit anderen Musiker:innen zu gehen, scheint sogar noch größer zu sein als zuvor.

Im Videointerview blickt Lorin Sklamberg, der Sänger und Akkordeonist der Band, zurück auf die Anfänge, berichtet von persönlichen Erlebnissen sowie Erfahrungen als Ensemble und schmiedet Pläne für die Zukunft.

Interview und Text: Ramona Kozma
  • Ihr feiert dieses Jahr das 40-jährige Jubiläum der Klezmatics. Was ist das Geheimnis eures langjährigen Bestehens?

Geheimnis? Ich weiß nicht, ob es ein Geheimnis ist, aber ich glaube, wir spüren das Bedürfnis und die Verantwortung, das weiter zu machen, was wir tun. Das ist eine Kombination daraus, neue Musik zu machen und dem Wunsch, durch unsere Musik etwas zu sagen zu haben. Leider bedeutet das meistens, dass es in der Welt nicht so gut läuft, und deshalb müssen wir weitermachen. Außerdem mache ich das jetzt schon seit vierzig Jahren und entwickle mich als Musiker, Sänger und Kommunikator ständig weiter. Ich denke, das ist es, was mich motiviert.

„Ich glaube, wir spüren das Bedürfnis und die Verantwortung, das weiter zu machen, was wir tun.“

  • Du hast eine Menge verschiedene Projekte gemacht. Hast du Soloprojekte realisiert?

Ich persönlich mache auch außerhalb der Band Dinge. Das war nicht immer so. Nachdem ich mich entschieden hatte, mich auf jiddische Musik zu konzentrieren, habe ich mich zunächst hauptsächlich auf die Klezmatics konzentriert. Dann ergaben sich Möglichkeiten, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, und das hat mir gut gefallen. Ich fühlte mich in meiner Rolle bei den Klezmatics angekommen und sicher genug, um mit anderen zusammenzuarbeiten und etwas beizutragen. Ich konnte mich mit weiteren Musikern austauschen, nicht nur mit solchen, die jiddische Musik spielen, wobei das anfangs eine Rolle spielte. Ich habe zum Beispiel Aufnahmen mit Susan McKeown gemacht, „Saints and Tzadiks“ mit jiddischen und irischen Liedern, auf die ich sehr stolz bin. Ich hoffe, dass wir die Gelegenheit haben ein Volume Two aufzunehmen, denn das war wundervoll.

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The Klezmatics (erste Reihe v.l., zweite Reihe v.r.): Richie Barshay (Percussion), Matt Darriau (Kaval, Klarinette, Saxofon), Lisa Gutkin (Violine, Gesang), Frank London (Trompete, Keyboard), Paul Morrissett (Bass, Tsimbl) und Lorin Sklamberg (Leadgesang, Akkordeon, Gitarre, Klavier)

Foto: Adrian Buckmaster / Design-Ann Nikolaenko

  • Du und die Band, ihr wart Teil des sogenannten Klezmer-Revivals. Hat sich eure Herangehensweise an jiddische Musik seitdem verändert? Und wenn ja, wie würdest du die Unterschiede beschreiben?

Ich weiß nicht, ob sich unsere Herangehensweise so sehr verändert hat. Wie gesagt, ich fühle mich persönlich viel wohler im Umgang mit Musikern. Zum Beispiel bei unserer neuen Aufnahme, diese Zusammenarbeit mit anderen Künstlern in New York, die aus unterschiedlichen Genres kommen. Das hat die Band zwar schon immer gemacht, aber ich denke, jetzt steckt etwas mehr Reife dahinter. Und ich finde es inspirierend, mit diesen Menschen zu kooperieren. Auf dem Album haben wir einige Lieder mit dem Lavender Light Gospel Choir aufgenommen, einem LGBTQ-Chor, der übrigens ebenfalls sein 40-jähriges Jubiläum feiert. Wir planten wieder mit Joshua Nelson zu arbeiten, einem schwarzen jüdischen Gospelsänger, und dachten dabei auch an einen Chor. Ich kannte diesen Chor noch nicht, traf zufällig die Leitung und jetzt sind sie ein großer Teil des Projekts geworden.

Eines der Privilegien daran, in dieser Band zu sein, ist die Möglichkeit, Menschen, die man bewundert, anzusprechen und zu fragen, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Und das erfordert, wie man auf Jiddisch sagen würde, ein bisschen Chuzpe. Aber ich fühle mich viel wohler, da ich weiß, dass mir unsere bisherige Erfahrung in der Kooperation mit Itzhak Perlman, Chava Alberstein und solchen Ikonen jetzt die Möglichkeit gibt, mit Leuten wie dem LLG Choir oder Janis Siegel von Manhattan Transfer, die auf dieser Aufnahme zu hören ist, zusammenzuarbeiten, ohne mich verlegen oder arrogant zu fühlen. Denn die Dinge, die wir über die Jahre erreicht haben, weißt du, erstens bin ich stolz darauf und zweitens haben sie einen Wert und eine Wirkung, und das entsteht, wenn man vierzig Jahre lang zusammen gespielt hat.

The Klezmatics mit dem Lavender Light Gospel Choir

Foto: Janet M. Takayama

  • Was können wir bei den Konzerten zum 40-jährigen Jubiläum erwarten? Werdet ihr Lieder aus den letzten 40 Jahren spielen oder nur die Lieder, an denen ihr gerade arbeitet?

Es werden einige alte „Survivor“ dabei sein, aber der Hauptteil des Konzerts wird aus Material vom neuen Album bestehen, so der Plan. Wir haben eine Platte aufgenommen, die “We were made for these times” heißt und die in Amerika bei  Asphalt Tango erscheint. Ich hoffe, dass sie im März erhältlich ist.

  • Du bist ja schon oft in Deutschland aufgetreten…

Häufiger als an irgendeinem anderen Ort.

      • Gibt es etwas Besonderes an den Deutschen? Etwas, das du magst?

      Das erste Mal, dass wir außerhalb der Vereinigten Staaten aufgetreten sind, war in Deutschland und ich würde sagen, das war der erste Ort, an dem wir ein ernsthaftes Konzert gespielt haben. Es gab die Band seit zwei Jahren. Wir spielten bei “Heimatklänge” in Berlin 1988. Es war unser Start und wir machten unsere ersten Aufnahmen. Unser Record Label Piranha hatte damals eine Booking Agentur als Teil seiner Organisation und am Anfang war Deutschland viele Jahre der einzige Ort, an dem wir auftraten. Dann fuhren wir nach Österreich und in die Niederlande und an andere Orte, die man gut von dort erreichen konnte. Die Deutschen nahmen uns tatsächlich viel wichtiger als die Menschen in unserem eigenen Land. Für uns in der jüdischen Community gab es noch keine besonders große Nachfrage nach jiddischer Musik als Konzertmusik.

      „Eines der Privilegien daran, in dieser Band zu sein, ist die Möglichkeit, Menschen, die man bewundert, anzusprechen und zu fragen, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Und das erfordert, wie man auf Jiddisch sagen würde, ein bisschen Chuzpe.“

      Die Leute begannen, die Tradition dieser Art von Musik auf ihren  Lifecycle Events, wie Hochzeiten und Bar Mitzvahs wiederzubeleben, aber bis es möglich wurde in den Vereinigten Staaten mit dieser Musik eine Konzertkarriere zu starten, dauerte es etwas. Für uns war die Zusammenarbeit mit Itzhak Perlman und der Sendung In the Fiddler’s House, die für das öffentlich-rechtliche Fernsehen produziert wurde, ein Wendepunkt. Die Sendung begann etwa 1996. Wir pflegen diese Verbindung immer noch, und sie war wirklich wichtig, um die Leute mit unserer Band und unserer Musik bekannt zu machen.

      Die Band kooperiert gerne mit Musiker:innen anderer Genres oder Musiktraditionen

      Foto: Juan Cuadros

      • Wie denkst Du über heute nach? Gibt es Unterschiede in der Yiddish Music Szene in Deutschland und den USA ? Was denkst Du über die neue Generation, die an dieser Musik interessiert ist?

      Ich denke, sowohl in den USA als auch anderswo haben Menschen nun die Möglichkeit, mit dieser Musik und dem Zugang zu ihr aufzuwachsen. Da die Menschen Zugang zu neu erstellten Aufnahmen und Noten haben und all diese verschiedenen Sammlungen online verfügbar sind, steht ihnen eine riesige Menge an Informationen und Material zur Verfügung, aus der sie schöpfen können, Menschen, mit denen sie lernen können, und Dinge, die sie sich anhören können. Das ist eine enorme Veränderung für diese Kultur.

      „Die Deutschen nahmen uns tatsächlich viel wichtiger als die Menschen in unserem eigenen Land.“

      Und jetzt gibt es Dinge wie Shtetl Berlin mit einer fortlaufenden Reihe von Konzerten, Vorträgen und Veranstaltungen, und den Yiddish Summer Weimar, der das Klezcamp, bei dem ich vierzehn Jahre lang in New York als Koordinator gearbeitet habe, aufgegriffen, erweitert und viel ernsthafter gestaltet hat, mehr auf den lehrenden Aspekt der Verbreitung dieser Kultur ausgerichtet. Heute gibt es Menschen, die Jiddisch sprechen, schreiben und über ein modernes jiddisches Leben nachdenken. Das gab es nicht, als wir mit den Klezmatics begannen.

      Sklamberg wuchs im Osten von Los Angeles auf und singt auf Jiddisch, Englisch und Spanisch

      Foto: Juan Cuadros

      • Es war wesentlich schwieriger, an Informationen über Lieder und Material zu kommen, denke ich.

      Ja.

      • Vielleicht arbeitest du deshalb im YIVO-Archiv?

      Ich bin insgesamt schon über 30 Jahre hier. Es ist für mich ein absoluter Traumjob, und es ist unglaublich spannend, das Material, das wir hier haben, zugänglich zu machen, es anderen zu erklären, sie zu beraten und ihnen beim Zugang zu unseren Sammlungen zu helfen. Das ist wirklich etwas Besonderes.

      • Krisen und Spannungen bestimmen derzeit die politische Lage in den USA.

      Ja, auf jeden Fall.

      • Hat das Auswirkungen auf deine Arbeit als Künstler oder auf das YIVO Institut als Organisation?

      Für die Klezmatics dreht sich unser gesamtes neues Album um die aktuelle Weltlage. Der Titelsong basiert auf einem Essay der Schriftstellerin Clarissa Pinkola Estés mit dem Titel „Letter to a young activist during troubled times“. Angela Gabriel hat daraufhin ein Lied geschrieben. Es ist ein Lied über Inspiration und Hoffnung: “Verliert nicht den Mut, wir sind für diese Zeiten geschaffen. Zeigt eure Seele, sie leuchtet wie Gold in diesen dunklen Zeiten. Erhebt eure Stimme!“ Das Instrumentalstück „Elegie for the Innocents“ wurde von den schrecklichen Ereignissen in der Ukraine, in Israel und Palästina inspiriert. Wir fühlen uns verpflichtet, diese Themen anzusprechen, aber auch den Menschen Inspiration und Trost zu spenden und dabei menschlich zu bleiben, Freude, Frustration, Wut und all unsere Emotionen durch diese Lieder auszudrücken.

      „Wir fühlen uns verpflichtet, diese Themen anzusprechen, aber auch den Menschen Inspiration und Trost zu spenden und dabei menschlich zu bleiben, Freude, Frustration, Wut und all unsere Emotionen  durch diese Lieder auszudrücken.“

      Dies ist unsere künstlerische Antwort auf die aktuellen Geschehnisse. Wir singen auch Woody Guthries Lied „Deportee“, das 1948 geschrieben wurde. Angesichts der aktuellen Situation mit der Einwanderungsbehörde ICE und der Tatsache, dass Migranten in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden, klingt es so hart. Nur findet diese Entwicklung in verschiedenen Formen schon lange statt. Und selbst als Woodie Guthrie das Lied 1948 schrieb, hätte wohl niemand ahnen können, dass man es heute singen könnte und es so aktuell klingt.

      • Welche Hoffnungen oder Wünsche hast du für die Zukunft?

      Ich möchte unbedingt an all die Orte zurückkehren, an denen ich lange nicht mehr war. Ich wünsche mir, dass die Entwicklung weitergeht, dass die Leute stolz darauf sind, diese Musik zu spielen und sie mit anderen zu teilen. Ich denke, es ist eine großartige Möglichkeit zu zeigen, dass wir alle Menschen sind. Mir gefällt diese Kontinuität, und ich bin froh, dass sie wiederhergestellt wurde. Ich genieße es sehr, ein Teil davon zu sein, diese Musik zu entdecken und sie mit allen zu teilen. Es ist wirklich wichtig, dass das so weitergeht. Es wäre schön, an einige Orte zu reisen, an denen ich noch nicht war. Ich war nie in Alaska oder Japan. Ich würde gerne mit der Band dorthin reisen.

      • Gibt es eine Veranstaltung oder ein Festival, auf das du dich besonders freust?

      Ich freue mich darauf, im Juli nach Krakau zurückzukehren. Das Touren ist zwar eine Herausforderung, aber ich will weitermachen, solange ich kann.

      Website: https://www.klezmatics.com/

      (Ein Video präsentiert dort Stimmen zum Jubiläum)

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      Ramona Kozma | Akkordeonistin · Pädagogin · Autorin

      In ihren Beiträgen auf akkordeon.online verbindet sie praktische Spielpraxis mit didaktischer Erfahrung und einem besonderen Blick für musikalische Ausdrucksformen. Ihr Schwerpunkt liegt auf verständlichen Zugängen zum Instrument, musikalischer Vielseitigkeit und der Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen.

      Beiträge von Ramona Kozma | Ramonas Website

      Aufmacher:
      Lorin Sklamberg mit seinem eigens für ihn angefertigten Petosa-Akkordeon

      Foto: Ilya Sokolov

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