Text, Interview und Fotos: Norbert Balzer
Margit Kern (*1967) studierte Akkordeon bei Hugo Noth an der Hochschule für Musik Trossingen und bei Matti Rantanen an der Sibelius-Akademie Helsinki. Sie startete ihre internationale Karriere als Akkordeonistin mit dem Gewinn des 1. Preises des Gaudeamus Wettbewerbes für Interpretation von Neuer Musik und konzertiert international, auch in den USA, in Kanada, China und Südkorea mit zahlreichen Uraufführungen. Festivals wie ZAMUS Köln, Forum Neue Musik DLF, Movimentos Wolfsburg oder Ultraschall Berlin laden sie ein, viele ihrer Projekte initiiert sie selbst von der Idee bis zur Verwirklichung. Die Künstlerin arbeitet seit vielen Jahren im Spannungsfeld von Alter und Neuer Musik zusammen mit der international führenden Schalmei-Spezialistin Katharina Bäuml. Mit ihr gemeinsam gründete sie das in diesem Bereich wegweisende Ensemble Mixtura. Drei Solo-CDs, vier weitere mit Ensemble Mixtura und darüber hinaus mit anderen Künstlern entstanden allesamt als Rundfunkproduktionen mit Radio Bremen, RBB, Deutschlandfunk und BR. Weitere enge Zusammenarbeiten pflegt sie mit dem Schlagzeuger Olaf Tzschoppe im gemeinsam gegründeten Ensemble Etendis. Mit Axel Porath, einem der führenden Bratschisten für Neue Musik in Deutschland, verbindet sie ebenfalls eine langjährige Zusammenarbeit. Margit Kern lehrt als Honorarprofessorin an der Hochschule für Künste Bremen im Fachbereich Musik. Über ihre Arbeit sprach sie mit Norbert Balzer.
Prof. Alfred Melichar
Foto: Reinhard Winkler
Bei YouTube kann man das in dem Video Miniatures sehen, wo Sie beide Stücke aus der Renaissance mit zeitgenössischen Kompositionen verbinden – speziell die Alta Capella, eine Formation aus Schalmei, Zugtrompete und Posaune, die zu Tanz und Unterhaltung an den Höfen Europas gespielt wurde. Katharina Bäuml zeigte sich überrascht, dass das Akkordeon die Funktionen der zwei begleitenden Blechblasinstrumente übernehmen kann, was tatsächlich klanglich überraschend ist, weil es dabei kaum einen Zweifel an der Authentizität der Interpretation gibt.
Ja, das liegt daran, dass das Akkordeon im Grunde auch ein Aerophon, also ein Luftblasinstrument ist, und da trifft sich der Klang sehr gut mit der Schalmei und auch mit allen alten Blasinstrumenten. Und mein Erlebnis in dieser Besetzung ist: Ich agiere wie ein Blasinstrument. Der andere Aspekt ist, dass die Transskriptionen, die wir machen, extrem durchgearbeitet sind, und zwar hinsichtlich der Stimmung, also stimmtragende Töne, in welchem Zusammenhang sie stehen müssen, damit das gut funktioniert.
Noch mal zurück zur Neuen Musik. Wie weit reicht der Begriff „Neue Musik“, bis sich die Klänge in pure Geräusche auflösen? Gibt es da irgendwo eine Grenze oder ist diese Grenze fließend?
Den Begriff „Neue Musik“ gab es schon einmal, nämlich als „Musica Nova“ im 16. Jahrhundert im Übergang zum Barock. Auch damals hat man schon von der „Neuen Musik“ gesprochen. Interessant ist ja dabei, dass wir immer noch in einer Zeit leben, wo das Neue den Bezug zum Alten impliziert, weil es noch keinen besseren Begriff gibt. In der Neuen Musik bilden sich aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ab; es zeigt sich eine gewisse Milieubildung, wo ganz unterschiedliche Weisen, über Musik zu denken, parallel nebeneinander existieren, ohne dass wir sagen könnten, da wäre der rote Faden, an dem entlang sich die Entwicklung vollzieht. Vielleicht wird dieser rote Faden auch erst in vielen Jahren im Nachhinein konstruiert werden.
Gibt es überhaupt Qualitätskriterien für Neue Musik? Ist alles gut, was neu ist? Nach welchen Kriterien wählen Sie Kompositionen aus, die Sie aufführen wollen?
Nein, nein, es gibt auf jeden Fall Qualitätskriterien (lacht). Wenn ich etwas einspiele oder im Konzert aufführe, dann ist das schon durch einen Filter gegangen, und es kommt auch nicht alles auf die Bühne. Natürlich ist das ausgesucht. Wir initiieren die Aufträge selbst oder schauen: Mit wem kann man was in die Wege leiten? Das ist ein Prozess, der sich selbstverständlich an Qualität orientiert.
Müssen Komponisten etwas vom Akkordeon verstehen, oder komponieren sie etwas, was Sie dann interpretieren? Mit anderen Worten: Ist das Akkordeon Bestandteil der Komposition?
Vom Akkordeon müssen sie schon Ahnung haben, weil es tatsächlich ziemlich kompliziert ist, für Akkordeon zu schreiben. Der Komponist muss eine Vorstellung von den koordinativen Fähigkeiten haben, die man als Akkordeonist mitbringen muss, davon, dass es – anders als beim Klavier – beim Akkordeon zwei Manuale sind, dass ich z. B. ein e1 mit 33 verschiedenen Klangfarben spielen kann; weil ich in meinem Instrument noch eine Quintmixtur habe und in der linken Hand dreichörig bin, ist die größte Klangvielfalt zwischen e1 und c3. Und der Komponist muss wissen, dass die viergestrichene Lage des Akkordeons ganz zart klingt und nicht wie eine Pikkoloflöte, sondern ein ganz zarter, zerbrechlicher Klang ist. Dafür muss Sensibilität da sein, wenn jemand für Akkordeon schreiben möchte.
Wie schätzen Sie die beruflichen Aussichten für junge Absolventen im Fach Akkordeon ein? Kann man als Akkordeonist oder Akkordeonistin seinen Lebensunterhalt bestreiten?
Im Grunde genommen müsste man Voraussagen treffen können, welchen Stellenwert Musik in den nächsten 30 Jahren in unserer Gesellschaft haben wird. Das weiß ich nicht. Wir leben in so vielen Unwägbarkeiten, dass darüber niemand eine Aussage treffen kann. Was ich sagen kann ist, dass gegenwärtig ein großer Umbruch in der Lehre stattfindet. Viele Lehrerstellen müssen neu besetzt werden, weil ein Generationenwechsel stattfindet und viele Lehrende in den Ruhestand gehen. Da wird man plötzlich händeringend gefragt, ob man in der Klasse nicht jemanden hätte, den man empfehlen könnte. Ich habe ja meinen eigenen Berufsweg gefunden, als es keine offenen Stellen mehr gab und viele städtische Musikschulen privatisiert wurden. Es gab die Möglichkeit, seinen Weg als freiberufliche Akkordeonistin zu finden. In der aktuellen Situation denke ich gern an Absolvent*innen aus meiner Klasse, die tolle Projekte gestartet haben und sich damit ihr Leben als Profis gebaut haben. Dafür braucht man einen starken Motor, Kreativität in sich selbst, um künstlerische Ideen zu formulieren und in die Realität um zu setzen. Im Endeffekt glaube ich, dass man eine tiefe Liebe zu dem Instrument braucht, um mit dem Akkordeon professionell tätig zu sein. Letztlich ist die Frage, wie und wohin man aus seiner persönlichen Stärke wachsen kann. Diesen Weg muss man finden, weil er nicht notwendigerweise von anderen vorgezeichnet ist. Das ist die Herausforderung. Sie birgt viele Freiräume. Viele streben sehr erfolgreich nach einem Patchwork von künstlerischer Tätigkeit und Lehre; Managementfähigkeiten sind auch von großem Nutzen. Ich persönlich habe mein Berufsleben in dieser Weise gestaltet, und das, was ich tue, wie ich lebe und arbeite, das befriedigt mich sehr. Unter anderen Bedingungen hätte ich möglicherweise nicht so viele innovative Projekte gestartet.
Was geben Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg in eine Zukunft als selbstständige Musiker?
Ich gebe meinen Studierenden mit, dass sie unbedingt an sich selbst angedockt sein müssen. Sie müssen ein gutes Gefühl für die eigenen Stärken haben, dafür, wo die eigene Liebe zur Musik liegt, und dies in die Gesellschaft transportieren. Das muss eine ganz starke Motivation sein. Wenn jemand mit 25 oder 30 Jahren seine musikalische Karriere plant und ins Konzertleben startet, ist es die Herausforderung, den künstlerischen Platz zu finden und zu klären: Was passt zu mir als Person und als Musiker oder Musikerin?
Das bedeutet, dass man für seine Ziele intensiv arbeitet – und dass man eine gute, körpergerechte Technik beim Spielen haben muss, damit man sein ganzes Leben lang mit dem Akkordeon Musik machen kann, denn das ist sehr anspruchsvoll.
Frau Professor Kern, vielen Dank für das Gespräch!
Aufmacher-Foto:
Margit Kern
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