Musik, Kunst, Reflexion

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

1. März 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

Andreas Hermeyer

Musik, Kunst, Reflexion

Akkordeonduo mit Thomas Svechla im Jazzclub Lippstadt (Archiv Andreas Hermeyer)

Andreas Hermeyer ist Akkordeonlehrer und steht gern als Künstler auf der Bühne. Er konzertiert als Solist, ist Teil eines Akkordeonduos und verschiedener Ensembles, Chanson- und Liedbegleiter und hat manches Mal in großen Orchestern mitgemischt. Für eine Hommage an Marlene Dietrich spielte er mit dem WDR Rundfunkorchester und Gesangssolisten 2013 den Akkordeonpart ein. Zusammen mit Thomas Eickhoff brachte er 2017 ausgewählte Highlights des Unterhaltungsmusikers Hubert Deuringer heraus. Relativ ruhig geht es dagegen zu, wenn er am Akkordeon Vernissagen und andere Kunstevents um Musik erweitert. Aus einer solchen Vernissage entstand eine Kooperation mit Psychologin Lioba Werth und Filmemacher Holger Künemund, in der sich Musik, Kunst und Anregungen zur Reflexion begegnen. Und: Seine häufigen Besuche in Kiel brachten dem Musiker zuletzt trotz Lockdown ein neues Trio ein, mit Wolfram Nerlich und Kalle Mews.

Einmal mehr ist der Westfale in Kiel wegen seiner Fernbeziehung. Dort hat er vor Kurzem ein noch junges Trio formiert. Über diese und andere neue Kooperationen sowie die schwierige Situation für Kultur und Kulturschaffende im Lockdown sprach er im Videointerview.

 Du hast musiziert in verschiedensten Stilen und Besetzungen. Nun hast du Akkordeonmusik eingespielt in einer Kooperation mit Psychologin Lioba Werth. Musik begegnet dabei Kunstwerken und Anregungen zur Reflexion. Wie seid ihr euch begegnet?

Das war Zufall. Es gibt in Münster, wo ich in der Nähe wohne, eine relativ neue Galerie im Hafenviertel. Dort war ein guter Freund von mir, Thomas Eickhoff, involviert. Durch ihn war ich öfter in der Galerie, und wurde schließlich angefragt, bei Vernissagen zu spielen. Das hab ich getan. Eine solche Vernissage besuchte Lioba, und das hat ihr gut gefallen. Sie sprach mich an, ob wir so etwas zusammen machen könnten, in Kombination mit Texten.

Wann war das?

Das war Ende 2018. Sie dachte, das ist was Besonderes, dass man einen Akkordeonisten in einem solchen Zusammenhang hört. Sie meinte, das könnte man doch ausprobieren. Dann ging es bald auf dieses Vorhaben mit den Filmen zu. Zeitweise hatte sie Thomas mit dabei, er koordinierte das ein wenig mit der Musik. Wir sprachen öfter, ich bekam die Infos zu den Kunstobjekten und die Texte. Es ging darum, welche Musik dazu passt. Ich machte mir Gedanken, spielte etwas ein und sandte es den beiden. Sie fanden das meistens gut, und bei manchen Teilen meinten sie, ob nicht ein anderes Stück ausgewählt werden könnte, damit dieser oder jener Aspekt mit berücksichtigt werden könnte.

Es sind einzelne Kompositionen von dir und solche aus der Klassik oder klassiknahen Bereichen, wie Grieg, Händel oder Piazolla. Wie hast du das ausgesucht?

Ich hab auf Sachen zurückgegriffen, die ich sonst ebenfalls spiele. Außerdem habe ich zu fünfzig Prozent Werke speziell für diese Produktion arrangiert, um sie am Akkordeon zu spielen. Da dachte ich mir etwa: ,Dieses Stück habe ich in dem Zusammenhang schon gehört, das ließe sich hier eventuell einsetzen.‘ Ich höre überall gleich, wie sich etwas für Akkordeon anhört und ob es geeignet ist.

Also hast du einige Stücke komplett neu gespielt. Wie ist es bei Griegs Solveigs Lied?

Das ist eines, das ich vorher nie gespielt habe.

Wie kamst du darauf, dass das passt zu Benno Werths Werk Weibliche Figurine und dem Thema des Textes Fesseln Sprengen?

Von der Stimmung, dem Kunstwerk und dem Text passt das. Franz Liszts Kreuzweg oder Chopins Mazurka habe ich vorher auch nie gespielt.

Wie ist es mit Mussorgsky Das alte Schloss aus Bilder einer Ausstellung?

Das war ebenfalls neu, es waren insgesamt viele.

Es sind Stücke von Hubert Deuringer dabei, zum Beispiel Traum einer Nacht.

Genau. Ich war sein Schüler und mit ihm, so lang er lebte, gut befreundet. Er war ein toller Melodienerfinder, und man hört in dieser Aufnahme, wie schön sich diese Sachen anhören. Sie haben oft, selbst wenn man das sonst mit Deuringer nicht verknüpft, etwas Medidatives.

Jedenfalls so, wie du diese Stücke interpretiert hast.

Genau.

Es ist offenbar Musik, die du heute noch gern spielst.

So ist es. Mit Deuringer wird sonst sofort Tanzmusik und jazzinspirierte Unterhaltungsmusik verknüpft, das hätte hier nicht gepasst. In diesem Fall ging es mehr um Ruhe und Meditation im weitesten Sinn. Es sind entsprechend sehr ruhige Stücke.

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„In diesem Fall ging es mehr um Ruhe und Meditation im weitesten Sinn. Es sind entsprechend sehr ruhige Stücke.“

Die produzierten Kunstfilme laufen unter der Bezeichnung Innehalten. Ist das etwas, das aus deiner Erfahrung heraus heutzutage zu kurz kommt?

Ich denke schon. Das sich Besinnen und Runterfahren ist etwas, das wir hin und wieder alle gut gebrauchen können.

Über welchen Zeitraum ging die Produktion?

Etwa ein Jahr.

Ihr präsentiert das live?

Das haben wir bisher zwei Mal gemacht, coronabedingt hatte das natürlich schnell seine Grenzen. Es ist angedacht, dass eventuell im Zusammenhang mit Ausstellungen eine Auswahl des Gesamten live präsentiert werden soll.

Bist du selbst ein kunstnaher Mensch und gehst in Ausstellungen?

Ja, sehr.

Was sind Dinge, die du gern ansiehst?

Das kann ich gar nicht auf einen Nenner bringen, dass ich sagen würde, eine bestimmte Stilrichtung der Malerei interessiert mich besonders. Ich bleibe auf einmal vor einem Bild stehen und denke: ,Meine Güte, das ist toll!‘ Dann weiß ich gar nicht, warum, aber es fesselt mich. Ich wundere mich manchmal. Das geht es mir wie beim Musikalischen. Oft werde ich gefragt, wer mein Lieblingskomponist ist, oder was ich gern spiele. Es gibt so viel Schönes aus unterschiedlichsten Bereichen. Da kann ich mich nicht festlegen, das ist ganz schwierig. Wenn ich denke, etwas ist musikalisch in dem Moment richtig, dann spiele ich es, egal, was es ist.

„Wenn ich denke, etwas ist musikalisch in dem Moment richtig, dann spiele ich es, egal, was es ist.“

Chansemble 3einhalb mit Andreas Hermeyer, Regina Rothenbusch und Dagmar Weinert (v.l.)(Archiv Andreas Hermeyer)

Du hat in zahlreichen Ensembles gespielt, mit Bigbands und trittst gerne als Solist auf. Welche Besetzungen gibt es momentan?

Ich bin in Kiel, hier habe ich mit meiner Lebenspartnerin seit Jahren eine Fernbeziehung, da ich selbst Westfale bin. Da habe ich ein Trio gegründet vor eineinhalb Jahren, mit dem Kontrabassisten Wolfram Nerlich. Er arbeitet hauptberuflich an der Philharmonie in Kiel und spielt oft Jazz, etwa im Trio Total. Außerdem ist ein guter Freund aus Berlin am Schlagzeug dabei, Kalle Mews, der sonst mit Ulrich Tukur bei den Rhythmus Boys spielt. Der ist ebenfalls wegen seiner Beziehung häufig in Kiel. So ergaben sich immer wieder Begegnungen, und irgendwann sagten wir: ,Jetzt machen wir eine Kooperation, damit wir mal was Vernünftiges machen.‘ Die Band hat eine tolle musikalische Ausrichtung. Wir hatten bisher gar keine Möglichkeit, etwas live zu präsentieren.

Welche Ensembles bestehen sonst?

Weiterhin gibt es das Duo mit Konni Deppe, und ein Trio mit Dagmar Weinert und einer Querflötistin. Dort spielen wir Musik von Hildegard Knef und anderen. Mit Thomas Svechla arbeite ich ebenfalls weiter, wir haben vor vielen Jahren Musik von Grock aufgezeichnet.

Momentan ist die Situation erzwungenermaßen ruhig. Wie nutzt du die Zeit?

Es so, dass ich meinen Lebensunterhalt als Musiklehrer für Akkordeon und Klavier an der Städtischen Musikschule in Lippstadt verdiene. In der Coronazeit konnte ich großenteils weiter Präsenzunterricht anbieten, weil ich meist Einzelunterricht gebe. Da konnten die Abstände und alle sonstigen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. Also konnte ich relativ normal weiterarbeiten. Was ich sonst freiberuflich tue, das konnte ich nicht machen. Die Zeit nutze ich, um kreativ zu sein. Ich habe Videos und Tonaufnahmen gemacht, Stücke arrangiert und geübt.

War für dich der Unterricht durchgängig oder fast durchgängig möglich?

Anfang November, als es losging mit dem leichten Lockdown, durften wir weitermachen. Als kurz vor Weihnachten der harte Lockdown kam, mussten wir schließen. Ich gehe davon aus, dass der Lockdown noch mal verlängert wird. Dann gibt es nur die Möglichkeit, digitalen Unterricht anzubieten, zum Beispiel über Skype oder Zoom.

Machst du das?

Hab ich gemacht, immer in Absprache mit den Schülern. Viele sagen: ,Das ist kein Ersatz für Präsenzunterricht.‘ Die Resonanz ist nicht so besonders, das hält sich in Grenzen. Das kann ich nachvollziehen. Ich bin selbst nicht so überzeugt. Im Gegensatz zu einigen Kollegen, die sagen: ,Das ist eine tolle Möglichkeit.‘ kann ich das aus meiner Erfahrung nicht bestätigen.

Dazu gibt es natürlich sehr unterschiedliche Sichtweisen. Nun können freiberufliche Musiker bestimmte finanzielle Hilfen beantragen, etwa Novemberhilfen und Überbrückungshilfe. Ist das etwas, das dich gar nicht betrifft?

Durch meine Arbeit an der Musikschule betrifft es mich nicht, anders als viele meiner Freunde und Kollegen, die von der freiberuflichen Musik leben müssen. Sie haben teilweise wenig oder keine Unterstützung bekommen. Dieser Situation war ich nie ausgesetzt.

 Wie ist es bei den Menschen in deinem Umfeld, die es betrifft, werden Hilfen beantragt und gezahlt, oder ist es so, dass sich manche im Stich gelassen fühlen?

Das ist ein Thema. Bei einigen kommt es für mich so an, dass es schwierig ist, aber dass es geht. Manche haben eventuell Rücklagen, auf die sie zurückgreifen können. Sie müssen sich zwar einschränken, kommen aber mit der Situation zurecht. Andere sagen: ,Das ist eine Katastrophe.‘ Sie bekommen zwar etwas, nur ist das für sie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Lebensgefährte meiner Tochter hat eine Veranstaltungsfirma, sie organisieren Großveranstaltungen. Da passiert seit einem Dreivierteljahr gar nichts. Sie erhalten ab und an Geld, das ersetzt allerdings in keiner Weise die Ausfälle. Da schluckt man ab und zu, wenn man das hört. Aber bei den meisten geht es weiter. Es ist nicht so, dass man da sitzt, und nicht weiß, wann der nächste Tag kommt.

Gibt es Fälle, wo Menschen ihren Beruf aufgeben, eine Firma oder ein Club zumachen?

Sowas hab ich jetzt noch nicht mitbekommen, dass das jemand tun musste, Gott sei Dank. Oder dass Leute entlassen wurden, weil die Orchester nicht mehr auftreten dürfen, das hab ich bisher nicht gehört.

Ist das etwas, das aus deiner Sicht absehbar ist, wenn der Lockdown noch lang weitergeht?

Was mir Sorgen bereitet, ist vor allem, dass viele große Angst haben. Vor allem die Menschen ab vierzig aufwärts kaufen oft aus Sorge vor Covid keine Tickets mehr und gehen nicht zu Veranstaltungen, selbst wenn diese stattfinden dürften.

Besonders im Zusammenhang mit Covid wird zuletzt öfter über die Systemrelevanz von Berufen diskutiert, und das häufig zu Ungunsten des gesamten Kulturbereichs. Der wird sehr früh im Gegensatz zu anderen Branchen eingeschränkt und hat entsprechende Konsequenzen. Demgegenüber gibt es die Argumentation, dass Kultur ein ganz wichtiger gesellschaftlicher Bereich ist, und es diesen großen Abstand, den manche sehen, so gar nicht gibt. Wie siehst du das?

Mich hat an dieser Diskussion immer gestört, dass im Zusammenhang mit Kultur nur von Freizeit geredet wird. Das hat unter anderem Till Brönner zuletzt nachdrücklich kritisiert. Wir haben als Kulturschaffende auch einen Bildungsauftrag. Damit meine ich nicht nur Lehrberufe, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag. Das unterscheidet uns Menschen, dass wir Wesen sind, die Kultur in sich haben und weitergeben können. Das ist etwas ganz Essenzielles. Hier war es so, als wir Anfang November die Musikschule drei Tage geschlossen hatten wegen des Lockdown light, sprach der Münsteraner Klavierlehrer und Solist Thomas Reckmann mit Ministerpräsident Armin Laschet. Er erklärte ihm, wie in der Musikschule gearbeitet wird, mit Einzelunterricht in großen Räumen, und mit vielen Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen. Nach den drei Tagen wurden die Musikschulen wieder geöffnet. Die Begründung war, dass sie nun als Bildungseinrichtungen eingestuft wurden, nicht mehr wie vorher als Freizeiteinrichtung.

„Das unterscheidet uns Menschen, dass wir Wesen sind, die Kultur in sich haben und weitergeben können. Das ist etwas ganz Essenzielles.“

Wäre eine Gesellschaft wie Deutschland ohne den Kulturbereich überhaupt vorstellbar?

Für mich? Nein, absolut nicht. Das wäre eine Verrohung, die nicht auszudenken wäre.

Selbst die, die behaupten, sie hätten nichts mit Kultur zu tun und interessieren sich nicht dafür, bekommen davon immer etwas mit, jeden Tag. Besonders in dieser Zeit ist das mit das Wichtigste, was wir brauchen, eine Erhebung, durch die wir aus dieser tristen Phase herauskommen. Das ist das, was uns aufbaut.

Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #78
Februar/März 2021

Fotos:

Archiv Andreas Hermeyer

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