Trotz Lockdown: Kultur im Testbetrieb

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

25. Mai 2021

Lesezeit: 7 Minute(n)

Wie geht es weiter für das Kulturleben?

Trotz Lockdown: Kultur im Testbetrieb

Wie geht es weiter für das Kulturleben? Die meisten Künstler(innen), Veranstalter(innen) und die zahlreichen anderen Beteiligten können das ­Hochfahren „ihres“ Betriebs kaum erwarten. Einige Studien und Modelltests zeigen, wie sichere Konzerte aussehen könnten.

Konzerte trotz Pandemie? Das wird jedenfalls erprobt. Seit stattlichen 15 (!) Monaten ist über weite Strecken (fast) alles, was mit Kultur zu tun hat, eingeschränkt oder gar nicht möglich. Damit ist die Kultur im Gegensatz zu so gut wie allen anderen Branchen am meisten beeinträchtigt. Wird finanziell geholfen? Es gibt verschiedene Ausgleichszahlungen. Von Musiker(innen) und anderen aus der Branche ist zu hören, dass das zumindest teilweise funktioniert und hilft. In dieser Hinsicht erweist sich Bayern für Kreative derzeit als günstiger Wohnort. Die dort zusätzlich ermöglichten Zahlungen für Soloselbständige können mit den bundesweit angebotenen kombiniert werden.

Musikszene im Lockdown

Was tut die kreative Szene zwischenzeitlich? Es werden – oft in heimischen Studios einzelner Künstler(innen) – Repertoires eingespielt, Videos aufgezeichnet und in verschiedenen Variationen die allseits bekannten Livestreams gesendet aus Studios, Clubs, Kulturorganisationen oder von zu Hause. Das völlige Fehlen von „echten“ Konzerten vor Ort in Clubs und bei Festivals ist allerdings beruflich, finanziell und persönlich für eine Menge Betroffene trotzdem eine erhebliche Belastung. Angesichts des über lange Zeit erst einmal mäßigen Impftempos, neuer Mutationen und hoher Fallzahlen bleibt die Situation schwierig, bis irgendwann – so hoffen alle – nachhaltige Besserung in Sicht ist.

Wie weiter?

Muss das nun heißen, dass weiterhin der gesamte kulturelle Bereich auf Livestreams und ähnliches beschränkt bleibt? Es kann festgestellt werden, dass es im April leider wieder eine Menge Infektionen gibt und die Kliniken natürlich zu Recht auf die akut viel zu vielen Intensivpatienten aufmerksam machen. Deswegen zeichnen sich Ende April bundesweit zunächst einmal wieder verschärfte Einschränkungen ab. Wie es damit weitergehen wird, muss sich in der nächsten Zeit zeigen. Gleichzeitig ist hier aber offensichtlich: Von all den Menschen, die infiziert sind, hat sich garantiert niemand auf einer Kulturveranstaltung angesteckt. Oder anders gefragt: Sind Konzerte Infektionstreiber? Das ist auf jeden Fall unwahrscheinlich, vor allem in Abgrenzung zu wesentlich alltäglicheren Situationen wie Unternehmen, Großraumbüro, Bus, U-​Bahn, Privatpartys und einer Menge mehr. Es sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die zu wenig beachteten und unkontrollierten Situationen, wo das Ansteckungsrisiko hoch ist. Durch und durch kontrollierte und vorbereitete Situationen, in denen alle verfügbaren Schutzmaßnahmen genutzt werden, sind im Vergleich sicher als wesentlich weniger problematisch zu sehen. Immerhin wurden nach langem Vorlauf mit den am 23. April verabschiedeten Gesetzesänderungen, der sogenannten „Notbremse“, die Verpflichtungen etwa auch für Unternehmen in Sachen Tests und Homeoffice intensiviert.

Die warme Jahreszeit lässt die Kulturbranche demnächst zumindest auf Open-Air-​Veranstaltungen hoffen. Darauf bereiten sich Künstler(innen), Veranstalter(innen) und alle Beteiligten aus verschiedenen Bereichen vor. Das hat in einigen Städten und Gegenden im Sommer vergangenen Jahres gut geklappt, sozusagen „zwischen den Lockdowns“. Allerdings gab es damals keine (bekannten) Virusmutationen, die sich als teilweise ansteckender gezeigt haben. Demgegenüber sind aber auch zusätzliche Gegenmaßnahmen verfügbar, vor allem leicht einsetzbare Schnelltests. Sie könnten den Zugang zu Veranstaltungen steuern in Kombination mit den bisherigen Schutzmaßnahmen. Derzeit, Stand Ende April, ist nicht klar, wann und wo es wieder Kultur vor Ort geben könnte, abgesehen von einzelnen, kleinen Initiativen mit Sondergenehmigungen.
So unzufrieden mit der Misere sind manche Künstler(innen) schon, dass beispielsweise in Bayern eigens ein Eilantrag vor dem Verwaltungsgerichtshof wegen Ungleichbehandlung gegenüber anderen Branchen und überzogener Einschränkung der Kunstfreiheit bemüht wurde vom Bündnis Aufstehen für die Kunst. Dieser wurde allerdings, kaum dass er am 29. März eingereicht war, am 15. April vom Verwaltungsgerichtshof als unbegründet abgelehnt. Die Initiative möchte Medienberichten zufolge weitere juristische Schritte gehen. An Aktionen der Kulturszene in Auseinandersetzung mit den dauernden Einschränkungen mangelt es insgesamt nicht.
Es lohnt sich jedenfalls, die bisher vorhandenen Daten zu diesem intensiv diskutierten Thema genauer anzusehen. Denn inzwischen sind erste lebensnahe Studien durchgeführt worden, die prüfen sollen, in welcher Form sichere Veranstaltungen vorstellbar sein könnten. Sie ermöglichen schon jetzt vielversprechende Schlussfolgerungen.

Bayerische Staatsoper: 500 Besucher(innen)-Test

Der Bericht mit dem bezirzenden Titel Probeweiser Betrieb der Bayerischen Staatsoper mit erhöhter Zuschauerzahl: Evaluation des Testbetriebes mit 500 Besuchern von 01. 09. – 25. 10. 2020 wurde Anfang Dezember 2020 veröffentlicht. Den für September und Oktober gültigen Vorgaben nach hätten zunächst nur 200 Zuschauer eine Vorstellung besuchen können. Für das Pilotprojekt wurden 500 Zuschauer(innen) zugelassen, also mehr als doppelt so viele! Das Covid-​Ansteckungsrisiko für sie wurde unter unterschiedlichen Gesichtspunkten detailliert bewertet. Ein umfassendes Konzept mit Sicherheits- und Hygienemaßnahmen wurde umgesetzt, insbesondere Abstandsvorgaben und Maskenpflicht. Bei der fachlichen Begleitung und Bewertung mischten mit: ein Team von Ärzt(inn)en des Klinikums rechts der Isar (MRI) und der Technischen Universität München (TUM) sowie Mitarbeiter(innen) des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Ebenfalls berücksichtigt wurden Hinweise des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie der TUM zu Aspekten der Lüftung. Während der Testzeit schwankte die Sieben-​Tage-​Inzidenz großenteils zwischen 35 und immerhin 100 Infizierten je 100 000 Einwohner(innen).

Das ist ein interessanter Aspekt, da im April einmal mehr über relevante Inzidenz-​Höchstwerte diskutiert wird. Die Zahl 100 ist dabei erneut als eine Art rote Linie für mögliche (leichte) Lockerungen oder eben (noch mehr) Schließungen definiert worden. Es sei aber dazu gesagt, dass von 35 über 50 bis letztlich sogar 200 immer wieder über sehr unterschiedliche „rote Linien“ debattiert wird.
Die Verfasser(innen) des genannten Berichts zogen im Dezember ein positives Fazit der fast zwei Testmonate September und Oktober. Der wichtigste Aspekt: Es wurde nicht eine einzige Ansteckung bekannt! Hier lässt sich vermuten, dass diese durch und durch kontrollierte Situation eine für die Besucher(innen) wirklich sehr sichere war. Den Befragungen der Gäste nach fiel es außerdem allen leicht, sich an die Hygiene- und Sicherheitsvorgaben zu halten und es gab kein erhöhtes Bedrohungsgefühl, sich womöglich anzustecken.
Die Autor(inn)en empfehlen daher für Veranstaltungsorte individuelle Besucher(innen)obergrenzen festzulegen, die sich nach den vorliegenden Rahmendaten richten, insbesondere raumlufttechnischen Anlagen und vorhandenem Platzangebot vor Ort.

Sie empfehlen für diese Festlegung diese drei Kriterien:

 

Abstandsindikator: max. Zuschauer(innen)zahl bei 1,5 m Radialabstand (Stuhlmitte/Stuhlmitte)

Lüftungsindikator: max. Zuschauer(innen)zahl bei Frischluftaustausch von 60 m3 je Person und Stunde

Umsetzen eines detailliert ausgearbeiteten, individuellen Hygienekonzeptes

 

Diese grundlegenden Anhaltspunkte ließen sich sicher auch gut auf weitere Veranstaltungsorte anwenden.

Berliner Philharmoniker: 1000-​Besucher-​Test

Am 20. März 2021 traten die Berliner Philharmoniker mit Dirigent Kirill Petrenko zu einem noch mutigeren Vorhaben an: 1 000 Konzertbesucher(innen). Das nach den strengen Lockdown-​Wochen äußerst rare Ereignis wurde von Orchester, Publikum, Kulturvertreter(inne)n und Medien entsprechend gewürdigt. Ziel war hier neben der Umsetzung bereits etablierter Sicherheitsmaßnahmen wie Masken und Abstand vor allem, zu prüfen, ob mit den nun verfügbaren, schnellen SARS-​CoV-2-Antigen-Tests sichergestellt werden kann, dass sich niemand ansteckt. Zwischenzeitlich waren einige der teils offenbar infektiöseren Virusmutationen bekannt. Das schraubte die Anforderungen an die Sicherheit weiter in die Höhe. Das zusätzliche Gegenmittel sollten nun eben die Schnelltests sein, die seit einiger Zeit ebenfalls verfügbar sind. Inzwischen können sie problemlos privat gekauft werden, beispielsweise in Apotheke oder Drogerie.

Berichten zufolge konnte im Fall des Probekonzerts ein Großteil der Besucher(innen) bereits beim Betreten des Saales ein negatives Testergebnis vorweisen. Immerhin knapp die Hälfte der Gäste wurden vor Ort getestet von 45 Ärzt(inn)en und medizinischem Fachpersonal der Charité und weiterer medizinischer Einrichtungen. Dafür war vorab eigens ein Testzentrum in der Philharmonie vorbereitet worden. Das bedeutete natürlich Aufwand, hat aber gut funktioniert. Innerhalb von eineinhalb Stunden waren alle Ergebnisse festgestellt. Die Besucher(innen) erhielten ihre Ergebnisse unkompliziert aufs Smartphone. Und: Keine(r) von ihnen wurde positiv getestet, alle konnten das Konzert besuchen. Diese Veranstaltung kann im Ergebnis als eines der ersten Beispiele gelten, wie mit einer effizienten Anwendung neuer Schnelltests ein sicherer Konzertbetrieb ermöglicht werden könnte. Ähnliche Probeveranstaltungen gab es bei anderen Kulturbühnen der Stadt, organisiert etwa vom Konzerthaus, der Clubkommission und der Volksbühne. Genauere Ergebnisse sollen laut Berliner Senat ab April sukzessive ausgewertet und berichtet werden.

Barcelona: 5 000-Besucher(innen)-Test

Den bisherigen Besucher(innen)rekord bei einem Auftritt meldet die spanische Stadt Barcelona. Ende März 2021 besuchten dort ganze 5000 Gäste ein Rockkonzert, und das nicht etwa Open Air, sondern in einem Saal. Organisiert wurde es von Veranstalter(inne)n, Festivals und einem Krankenhaus. Alle Besucher(innen) wurden vorher mit Schnelltests auf eine mögliche Covid-Infektion hin überprüft. Die Besucher(innen) erhielten ihre Ergebnisse aufs Smartphone. Um die Tests zu ermöglichen, waren vorab mehrere Zentren mit entsprechend hohen Kapazitäten am Veranstaltungsort vorbereitet worden. Medienberichten nach gab es nur sehr wenige positive Testergebnisse im einstelligen Bereich. Fast alle konnten das Konzert besuchen. Und: Die positiv Getesteten können in so einem Fall natürlich unmittelbar in Quarantäne bzw. bei Bedarf in Behandlung. Ein solches Vorgehen bietet also als positiven Nebeneffekt eine zusätzliche Möglichkeit, Infizierte überhaupt zu identifizieren.

Zusätzlich wurden bei der Veranstaltung die bereits etablierten Sicherheits- und Hygienevorgaben umgesetzt. Alle Besucher(innen) mussten durchgehend Masken aufsetzen und es wurde im Rahmen des Hygienekonzept sehr auf eine gute Raumbelüftung geachtet. Ein ähnliches Probekonzert fand in Barcelona bereits im Dezember 2020 mit damals 500 Besucher(inne)n statt. Danach wurden keine Infektionen bekannt. Nach der jetzt von zehnmal so vielen Gästen besuchten Großveranstaltung wird im weiteren Verlauf wieder geprüft und dokumentiert, ob es womöglich Ansteckungen gab. Wenn nicht, wie von den Organisator(inn)en vermutet und erhofft, kann das als zusätzliches Argument für Auftritte trotz Pandemie eingeordnet werden.

Und die Musiker(innen)?

Bei Musikerinnen und Musikern haben sich ähnliche Maßnahmen etabliert, um Ansteckungen zu vermeiden. Da die meisten bisher nicht geimpft sind, wird vor (Livestream-)Konzerten und vor Proben allerorten per Schnelltest geprüft. Nur bei negativem Ergebnis ist die Teilnahme möglich. Ebenfalls geachtet wird auf räumlichen Abstand, wobei sowohl in Clubs und Studios als auch Konzertsälen der Abstand aufgrund bisheriger Studien und Tests oft auf 1,5 Meter oder darüber festgelegt wird. Je nach Musikinstrument sind die Vorgaben noch etwas strenger, da beispielsweise in Studien eine etwas weitere „Aerosolstrecke“ unter anderem bei Sänger(inne)n gefunden worden ist.

Häufig genutzt wird von allen außerdem die Maskenpflicht hinter, beim Betreten und Verlassen der Bühne sowie die überall etablierten Hygienevorgaben von Handhygiene bis zur effizienten Lüftung. Bei manchen Auftritten behielten die Musizierenden die Masken, sofern möglich, sogar während (!) des Auftritts auf. Es sind solche Maßnahmen, die große Orchester in der letzten Zeit immerhin für Livestreams in Konzertsäle geführt haben und Bigbands in Clubs. Teils als Aufzeichnung aus den letzten Monaten, teils als unmittelbarer Livestream gab – und gibt – es entsprechende Angebote des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, der Münchner Philharmoniker, der Berliner Philharmoniker, des Jazzclubs Unterfahrt in München und des Jazzclubs Porgy & Bess in Wien, um nur einige Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zu nennen. Organisator(inn)en, Veranstalter(innen), Clubs, Studios und natürlich Künstler(innen) haben eine Menge dafür getan, Musik während der Pandemie zumindest über das Internet zum Publikum zu bringen. Entsprechende Vorsichtsmaßnahmen für alle Beteiligten können – und sollten – baldmöglichst den Weg begleiten von den virtuellen auf die realen Konzertbühnen.

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Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #79
Mai 2021

Fotos: stock..adobe.com/Dragan/Davide Angelini

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