Viele Knöpfe und vier Saiten

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

15. Februar 2021

Lesezeit: 15 Minute(n)

Viele Knöpfe und vier Saiten

Marie Spaemann und Christian Bakanic

Foto: Julia Wesely

Wenn diese beiden sich eine Playlist erstellen, begegnen sich dort Anderson Paak, Liann La Havas, Janine Jansen, Astor Piazolla, Mozart, Bach, Kurt Elling, Esperanza Spalding, Keith Jarrett, Klaus Paier, Frank Marocco und unzählige mehr. Die klassisch ausgebildeten Musiker Christian Bakanic und Marie Spaemann haben über Jahre verschiedenste Wege auch außerhalb der Konzertsäle ausgelotet, als Solisten und mit Ensembles. Jetzt ergänzen sie die Szene der Akkordeon-Cello-Duos um eine sehr moderne, groovende Variante. Im Interview sprechen sie über musikalische Vielfalt, das nicht immer einfache Doppelleben zwischen Club und Konzertsaal, individuelle Sichtweisen auf Musik und gemeinsames Komponieren.

An diesem Ort haben sie oft geprobt: In Wien bei Marie Spaemann ist Anfang Januar Christian Bakanic zu Besuch. Sie haben einiges von ihrem Repertoire gespielt und sitzen jetzt gemeinsam für unser Videointerview vor dem Bildschirm. In lockerer Atmosphäre geben beide facettenreiche Einblicke in ihr Duoleben – und befragen sich gelegentlich gleich gegenseitig.

 

Ihr seid derzeit in Wien?

Marie Spaemann: Im achten Bezirk, das ist ein schöner Stadtteil.

Probt ihr immer dort bei dir, Marie?

Marie Spaemann: Meistens proben wir bei mir.
Christian Bakanic: Bei mir zu Hause sind die Kinder, die würden sonst ständig reinplatzen, und außerdem wohne ich etwas außerhalb von Wien. Da kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut hin. Ich fahre immer mit meinem E-Lastenrad in den achten Bezirk. Da kann ich vorn das Akkordeon reinpacken. Mit dem fahre ich gern durch Wien.
Marie Spaemann: Wir haben früher beide hier gewohnt, in derselben Straße. Da hat es sich so eingespielt, dass er zu mir kommt. Damals ist er einfach rübergekommen.

Wann habt ihr euch kennengelernt?

Christian Bakanic: Vor vier Jahren hatten wir unser erstes gemeinsames Konzert. Kennengelernt haben wir uns vor etwa fünf Jahren in einer Band von Pepe Auer. Ihn kenne ich seit zwanzig Jahren, seit ich in Graz studiert habe. Er hat mich eingeladen, in seiner Jazzband zu spielen. Ich spielte da Akkordeon und Keyboard. Er suchte eine Cellistin und eine Sängerin. Da musste er nicht lange suchen, er fand mit Marie eine Cellistin und Sängerin in einer Person. Einige Monate danach gab es einen Auftritt von Marie, die schon oft Solokonzerte gegeben hatte. An dem Abend wollte sie nicht unbedingt solo auftreten.
Marie Spaemann: Genau, da wollte ich einfach mal ausprobieren, wie das klingt, wenn wir zusammen was machen, und einige meiner Lieder im Duo spielen. Eines unserer ersten Stücke war eines von Astor Piazolla.
Christian Bakanic: Es war eine Tangoetüde, die zunächst für Querflöte geschrieben wurde und öfter für Violine arrangiert wird. Marie hat das als Solostück bereits gespielt, und ich ergänzte am Akkordeon zuerst akkordisch etwas. Dann haben wir es für uns arrangiert. Jetzt ist es ein gutes Duostück, das wollen wir jetzt aufzeichnen.

Veröffentlicht ihr es auf einem neuen Album?

Christian Bakanic: Eventuell.
Marie Spaemann: Oder als einzelne Single im Lauf des Astor Piazolla-Jahres.

Das passt wegen des 100-jährigen Jubiläums. Nun habt ihr euer aktuelles Repertoire Metamorphosis, das im Herbst als Album veröffentlicht wurde, wegen Covid gar nicht so oft spielen können. Immerhin gab es einige Konzerte zwischen den Lockdowns.

Christian Bakanic: Glücklicherweise haben wir trotzdem etwa 20 Konzerte machen können im letzten Jahr.

Wie viele wären es ohne Lockdowns gewesen?

Christian Bakanic: Etwa 30 oder 40. Der Sommer war super, da kamen sogar wegen Covid Konzerte dazu. Denn manche Festivals haben umstrukturiert und mehr einheimische Künstler eingeladen. Die CD-Präsentation im Gläsernen Saal im Wiener Musikverein im November wurde leider abgesagt, und weitere Konzerte ebenfalls. Jetzt für Februar kommen schon wieder Absagen. Langsam wird’s ein wenig zäh.

Wird das Konzert im Musikverein nachgeholt?

Christian Bakanic: Voraussichtlich im Mai. Jetzt müssen wir erst mal sehen, was wirklich stattfinden wird in nächster Zeit.

Für euer Duo-Debüt habt ihr ein interessantes Repertoire zusammengestellt. Das Titelstück Metamorphosis ist eine eigene Mischung mit Einflüssen von Klassik, Jazz, Soul und mehr, und sehr rhythmusbetont sowohl am Cello als auch am Akkordeon. Hat das in deinem Fall etwas zu tun mit deiner Tango-Sozialisation, Christian?

Marie Spaemann: Musik treibt uns an, wir sind beide begeistert von Grooves. Wenn wir auf Tour sind, hören wir Barockmusik, aber auch Hip-Hop.

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„Musik treibt uns an, wir sind beide begeistert von Grooves. Wenn wir auf Tour sind, hören wir Barockmusik, aber auch Hip-Hop.“

(Marie Spaemann)

Ok, gibt es Beispiele für solche Hip-Hop-Musiker?

Christian Bakanic: Anderson Paak. Wir hören außerdem Popmusiker wie Sting und Jazzsänger wie Kurt Elling. Heutzutage ist es einfach, etwa über Spotify. Der einzige Vorteil dieses Angebots ist die endlose Auswahl von Musik zur Verschönerung des Autofahrens. So viele Alben könnten wir gar nicht mitnehmen. Wenn wir vier oder fünf Stunden fahren, erstellen wir uns eine bunt gemischte Playlist.

Marie Spaemann: Das verbindet uns, dass wir zahlreiche Einflüsse mitbringen, und uns vieles an Musik gefällt. Das denke ich hört man wohl in unserem Repertoire.

Auf jeden Fall.

Christian Bakanic: Marie beschäftigt sich am Cello intensiv mit Groove. Wenn sie Solo spielt, muss sie ja alles selbst machen. Bereits eine Solobegleitung zu spielen und dazu zu singen, ist rhythmisch anspruchsvoll. Das ist ähnlich wie beim Schlagzeug, sie muss dazu auf mehreren Ebenen agieren. Ich selbst hab zu Hause ein Schlagzeug und eine Cajon. Bei manchen unserer Stücke, wie Metamorphosis, setze ich Cajon ein. Ich übe oft zu Hause Hip-Hop- oder Funk-Grooves. Das mache ich seit meinem Studium so. Meist ist meine Überoutine so, dass ich zuerst Barock oder klassische Musik am Akkordeon übe, dann meine eigene Musik, zu der ich improvisiere, und schließlich eine halbe Stunde Schlagzeug. Das beeinflusst unsere Musik.
Marie Spaemann: Wir üben im Duo manchmal eine halbe Stunde mit dem Metronom.

„Bei manchen unserer Stücke, wie Metamorphosis, setze ich Cajon ein. Ich übe oft zu Hause Hip-Hop- oder Funk-Grooves.“ (Christian Bakanic)

Wirklich?
Christian Bakanic: Das Metronom ist ein guter Freund für uns.

In vielen eurer Duo-Songs gibt es eine Menge Drive oder Groove. Marie, du kannst so etwas in deinem vorhin angesprochenen Solo-Repertoire sogar allein realisieren, mit Cello, Stimme und Looper. Wie ist das entstanden, hast du alles allein entwickelt?

Marie Spaemann: Das kam aus einer Spielfreude heraus. Ich brachte 2015 eine erste EP raus, etwa ein Jahr vorher habe ich in dieser Richtung angefangen. Die Anregung ist das Musikinstrument, seine Vielseitigkeit, und das Texte schreiben. Dazu kommt, dass ich nie vorhatte, nur das zu machen. Ich mache außerdem weiter Kammermusik oder trete eben im Duo auf. So bleibt das frisch, ich muss nicht anfangen, Inspiration zu suchen, sie kommt einfach. Das beeinflusst sich gegenseitig. Wenn wir im Duo auf Tour waren, sind meine Loops nachher knackiger. Andererseits ist es positiv für das Duo, dass ich vorher eine Menge am Cello auschecken musste für mein Solo-Repertoire.
Christian Bakanic: Absolut. Im Duo gibt es Komponenten, bei denen Marie spielt und singt, die sie solistisch entwickelt hat. Da ist es für mich als Akkordeonist eine völlig andere Aufgabe, mich dazuzufügen. Da mache ich teilweise wenig, eine kleine Melodie oder einige Akkorde. Manchmal bin ich sozusagen nur eine Farbe, was mich gar nicht stört. Es gibt Passagen, wo ich mehr mache. Bei manchen Stücken von mir hat das Cello eine andere Funktion, übernimmt etwa Melodien in hohen Lagen, fast klassisch.
Marie Spaemann: Es gibt den Improvisationsaspekt, wo ich mich zurücknehme, und einen Bassgroove mache, zu dem er seine tollen Improvisationen spielt. Das mache ich auch gern.

„Im Duo gibt es Komponenten, bei denen Marie spielt und singt, die sie solistisch entwickelt hat. Da ist es für mich als Akkordeonist eine völlig andere Aufgabe, mich dazuzufügen.“ (Christian Bakanic)

So ergänzt ihr euch, wenn jeder mal im Vordergrund steht, das ergibt Sinn. Christian, du hast deinerseits abgesehen von mehreren Ensembles ein Tango-Solorepertoire eingespielt. Siehst du es ähnlich, dass sich solche Solo-Erfahrungen ins Duo einbringen lassen?

Tangobegeistert: Christian Bakanic, Foto: Julia Wesely

Christian Bakanic: Ich denke, dass jede Art des Musizierens hilft, andere Musik zu kreieren. Solo spielen ist mit jedem Musikinstrument eine gute Erfahrung, allein auf der Bühne zu stehen und für alles verantwortlich zu sein. Ich mache das in Ansätzen seit meiner Kindheit. Meine ersten Schritte waren auf der Steirischen Harmonika, ich habe angefangen mit Volksmusik. In den ersten fünf Jahren habe ich in Schänken und Gasthäusern solo musiziert. Ich mache immer noch gern Soloauftritte.
(Marie Spaemann hat eine Musikkassette geholt und hält sie in die Kamera)

Ist das eine richtige Kassette?

Christian Bakanic: Das war meine erste Kassette, mit elf.

Die ist originalverpackt.

Christian Bakanic (zu Marie Spaemann): Wo hast du die her?

Marie Spaemann: Bei deinem vierzigsten Geburtstag hat die jemand verteilt.

Christian Bakanic: Mein Bruder, der Arsch (lacht). Nein, ich bin schon stolz drauf, das waren meine Harmonikaklänge. Jedenfalls bringt das Solospielen etwas fürs Duo. Die Tangos, die wir auf dem Duoalbum haben, sind als Solostücke entstanden, Pentango und Milonga Lenta. Da hab ich eine Cellostimme dazugeschrieben.
Marie Spaemann: Bei einem Soloprogramm hat man manchmal das Gefühl, das muss man jetzt stemmen. Ich spiele klassische Musik bei meinen Solokonzerten, gelegentlich Barock. (Zu Christian Bakanic): Du spielst alles Mögliche bei deinen Solokonzerten.
Christian Bakanic: Ich mische das Tangorepertoire mit Jazz und teilweise Klassik.

Marie Spaemann: Das Solospielen ist sehr empowering. Die Situation im Duo, wo man sich den Ball sozusagen immer wieder gegenseitig zuspielt, das ist ebenfalls schön.
Christian Bakanic: Ich denke, es ist etwas weniger anstrengend im Duo.

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Marie Spaemann: Wobei, wenn wir länger nicht gespielt haben und dann proben, sagen wir: ,Woah, unser Programm ist anspruchsvoll!‘

Christian Bakanic: Stimmt, allerdings hat man ab und zu Zeit, sich ein wenig zu erholen. Bei einem Solorepertoire geht das nicht.

Ich könnte mir vorstellen, dass im Duo ein Austausch da ist bei euch, von Ideen und Inspiration, der euch Energie gibt.

Marie Spaemann: Total, und es macht Spaß, dass jeder von uns zwei Musikinstrumente mitbringt. Ich singe und spiele Cello, und Christian sitzt auf der Cajon und spielt Akkordeon.

Stimmt, da habt ihr zu zweit fast eine kleine Ensemblebesetzung. Christian, dein Pentango war bei uns im akkordeon magazin vor wenigen Monaten Gastkomposition. Das ist eine gelungene Komposition. Hast du von Akkordeonspielenden dazu Rückmeldungen erhalten?

Christian Bkanic: Schon. Was reizvoll ist, ist denke ich, dass es ein Tango im 5/4-Takt ist, nicht so der klassische drei-drei-zwo-Tango. Wo viele Schwierigkeiten haben, ist die Kadenz in der Mitte. Die habe ich nicht aufgeschrieben, da muss man halt was finden. Oder man lässt es einfach leer, lässt vor der Kadenz das E7 ausklingen und beginnt von vorn. Wenn ich mit diesem Stück Schülerinnen oder Schüler unterrichte, sage ich, sie sollen was finden. Ansonsten ist es sowieso klar notiert und gut spielbar, für Tasten- und für Knopfmodelle.

Es gibt einen besonderen Song in eurem neuen Repertoire, Mellow D’s. Das Stück ist wegen der Integration verschiedener kultureller Quellen interessant. Marie, wie ist es entstanden?

Marie Spaemann: Beide Melodien habe ich oft gehört, und sie am Cello in d-moll gespielt, obwohl es freie Volkslieder sind, die man in allen Tonarten interpretieren könnte. Ich dachte, womöglich wird das eine Ansammlung schöner Melodien in d-moll, weil es eine so intensive, melancholische Tonart ist. Am Ende blieb es bei den beiden Volksliedern, einem arabischen Liebeslied und einem hebräischen Friedenslied. Mir gefiel diese Utopie, diese zwei Lieder in einem Musikstück zu integrieren. Es wurde schnell ein Duostück.

Gab es von Zuhörern aus diesen Kulturkreisen Rückmeldungen?

Marie Spaemann: Aus dem arabischen Kulturkreis gab es welche. Das Gute, wenn man sich daran wagt, etwas auf Arabisch zu singen, ist, dass es dort so viele Dialekte gibt.

Christian Bakanic: Das habe ich miterlebt, da kam nach einem Konzert jemand zu uns, der war total begeistert, und fragte: ,Was ist das denn für ein Dialekt?‘

Marie Spaemann: Ja (lacht).

Wie hast du das gelernt, selbst rausgehört?

Marie Spaemann: Genau. Das Stück heißt Chahlet layani und wurde öfter gecovert. Zu Beginn meiner Singer-Songwriter-Zeit war ich mit dem DJ dunkelbunt auf Tour. Er hat dieses Lied verwendet. Es ist alt und kann deswegen frei verwendet werden.

Es wird den Vorteil haben, dass es eine Menge Zuhörer kennen.

Marie Spaemann: Stimmt, und mindestens genau so viele kennen Shalom Chaverim, das hebräische Lied.

Akkordeon und Cello ist eine interessante Kombination. In den letzten Jahren haben beispielsweise Klaus Paier und Asja Valcic in einem solchen Duo viel gemacht. Gab es Inspiration durch solche Vorbilder?

Marie Spaemann: Wir haben das relativ wenig ausgecheckt, aber wir kennen die Musiker.

Christian Bakanic: Ich hab das eventuell etwas mehr ausgecheckt am Akkordeon, ich kenne Klaus Paier ewig, war in Kursen bei ihm. Sein Duo gibt es schon lang.

Marie Spaemann: Asja ist aus Kroatien und ich habe dort ebenfalls studiert, wir waren beim selben Professor.

Christian Bakanic: Von Klaus Paier und dem Duo war ich jedenfalls beeinflusst. Vor allem, wenn es in Richtung Tango geht, denke ich oft in Farben, Stimmungen und Texturen, da war ich inspiriert von Duos. Es gibt natürlich immer was Eigenes, das man nicht kopieren muss oder kann, weil es komplett neu ist, zum Beispiel unsere Kombination mit Cello, Stimme und Akkordeon.

Mit der Integration von Einflüssen aus Klassik, Tango, Jazz, Weltmusik bis hin zu Soul und Pop ist das ebenfalls etwas völlig Eigenes. Christian, wer waren für dich als Akkordeonist eventuell sonst Mentoren oder Vorbilder?

Christian Bakanic: Als ich anfing mit dem Akkordeon, war mein Vorbild zunächst Astor Piazolla, gar nicht wegen des Bandoneons, sondern wegen des Stils, dem Tango Nuevo. Richard Galliano war der erste Jazzakkordeonist, den ich gehört habe – und Frank Marocco, von ihm gibt es tolle Arrangements. Davon abgesehen gab es besonders Einflüsse von Jazzern mit anderen Musikinstrumenten. Ich hab mir eine Menge Bläser angehört, etwa Miles Davis und John Coltrane, Klavierkünstler wie Herbie Hancock, Keith Jarrett, Brad Mehldau und Tigran Hamasyan, Gitarristen wie Wolfgang Muthspiel oder Pat Metheny – und Popsänger, wie Sting. Wir haben von ihm eine Coverversion im neuen Repertoire.

Marie Spaemann: Wir haben im Lockdown selbst einen Song geschrieben, der von Sting beeinflusst ist.

Christian Bakanic: Ich suche dauernd nach neuen Einflüssen, zuletzt habe ich Anderson Paak entdeckt. Dann gibt es die alten klassischen Komponisten wie Bach oder Mozart. Ich übe zu Hause fast jeden Tag Stücke von Bach.

Marie, sind es ähnlich unterschiedliche Einflüsse bei dir?

Marie Spaemann: Ich glaube, was die Vielseitigkeit betrifft, ist es ähnlich. Ich habe ebenfalls eine Menge Jazz gehört. Als 16-jährige habe ich Wolfgang Muthspiel entdeckt, dann Brad Mehldau. Richard Bona habe ich mir angehört, ihn hab ich auch live gehört. Lauryn Hill habe ich oft gehört, und Esperanza Spalding. Es ging bei mir mehr in die Soulrichtung. Jetzt Liann La Havas oder Jamie Cullum, die näher am Pop sind. Ich freue mich über Leute wie Giovanni Sollima, die vor 30 Jahren großartige Dinge am Cello gemacht haben. Eine der besten Streicherinnen ist für mich die Violinistin Janine Jansen. Am Cello ist es natürlich toll, wenn man studiert und Jacqueline du Pré entdeckt. Steven Isserlis finde ich großartig, es gibt viele.

Ihr beide seid klassisch ausgebildet und habt einen anderen Weg gewählt. War es leicht, den zu finden, oder gab es Hürden?

Christian Bakanic: Für mich war früh klar, dass ich was eigenes mache. Schon in der Volksmusikszene, wo ich aufgewachsen bin, war es so, dass Stücke vorhanden waren, aber man machte etwas Eigenes daraus. Das Arrangieren war damals bereits da. Als ich Klassik studierte, habe ich zusätzlich immer in verschiedenen Bands gespielt – Klezmerband, Balkanband, Jazzband. Für mich war immer klar, das ist es, was ich machen will. Ich merkte, mit klassischem Akkordeon, davon kann man nicht leben. Es gibt nicht wirklich ein Orchester, mit dem man arbeiten kann. Ich wollte auf der Bühne stehen. Kammermusik hat mich zwar interessiert, es gab allerdings nur wenige spannende Kompositionen, die mich richtig gepackt haben, besonders in der Neuen Musik. Ältere Musik am Akkordeon interpretieren, etwa Barockstücke von Bach, ist zwar super, nur ist es kaum präsent im Konzertbetrieb. Man spielt eventuell zwei, drei Solokonzerte im Jahr, das wars. Ehrlich gesagt war ich nicht motiviert genug, das so intensiv zu üben, dass ich oder jemand anderes damit zufrieden gewesen wäre. Und man muss das realistisch sehen. Ich lebe seit 15 Jahren vom freischaffenden Musizieren. Das wenige, was ich unterrichte, mache ich nicht wegen dem Geld. Das wäre mit einer klassischen Karriere nie möglich gewesen. Hürden hat es trotzdem gegeben. Ich hatte meine Krise nach dem Studium. Als klar war, das muss ich jetzt wirklich durchziehen, da gab es eine Orientierungs- und Selbstfindungsphase. Das ist wahrscheinlich gut, dass man alles mal hinterfragt. Es hat funktioniert.

 

 

„Ich merkte schnell, ich möchte nicht Jazzcellistin werden, und genauso nicht die Klassik komplett verlassen. Mein kreatives Schaffen fand ich am Ende beim Songschreiben.“ (Marie Spaemann)

Okay, verstehe.

Marie Spaemann: Es hat lange gedauert, bis ich so das Gefühl hatte, ich habe jetzt meine musikalische Welt gefunden und bin gleichzeitig fit genug, um jederzeit in der Klassik was zu machen.

Wie lang hat das gedauert?

Marie Spaemann: Im Endeffekt würde ich sagen, das ist nie abgeschlossen. Ende des Monats spiele ich ein Schubert-Streichsextett mit den Solisten der Dresdner Staatskapelle. Das finde ich super.

Christian Bakanic: Ich glaube, das ist ein moderner Zugang, das klassische Musiker nicht nur in der klassischen Richtung was machen. Das ist gut. Es wäre etwas absurd in unserer Zeit, wenn jemand speziell nur in einer Richtung etwas macht. Es gibt Musiker, die nur Barock spielen, oder nur Neue Musik, ich finde das schön. Für mich wäre es allerdings nicht das Richtige.

Marie Spaemann: Wir leben in einer Welt, in der so viel möglich ist, und es gibt tausend Stile, die alle vermischt werden. Da finde ich es wichtig, sich irgendwann zu entscheiden. Das war für unser Duo ebenfalls wichtig, uns zu entscheiden, dass wir nur – oder fast nur – noch eigene Sachen spielen. Dass ich für mich weiß, ich bin im klassischen Cello zu Hause und schreibe Songs, aber ich werde keine Jazzcellistin.

Die Bereiche werden sich gegenseitig wohl positiv beeinflussen.

Christian Bakanic: Absolut, wenn man komponiert, so wie wir, muss man sowieso immer ein offenes Ohr haben für alle möglichen Musikrichtungen. Und dann ist es wichtig, sich zu entscheiden. Inspiration gibt es genug heutzutage. Wenn man sucht, wird man alles finden, was es an Musik gibt. Das Schwierigere ist womöglich wirklich, zu entscheiden, was sind unsere Stärken, was sind die Farben, die wir verwenden, was wollen wir rüberbringen.

„Eine tolle Kombination ist die mit Streichquartett und Akkordeon. Da kann man als Akkordeonist wesentlich melodiöser denken.“ (Christian Bakanic)

Du bekommst eine solistische Funktion.

Christian Bakanic: Genau. Bei K+K ist das sogar noch mehr so, denn da gibt es Streichtrio, Kontrabass und Klavier. Mit der Zeit habe ich gelernt, dafür Musik zu schreiben. Ein Musikprogramm erleichtert das, muss ich sagen. Den Violaschlüssel könnte ich jetzt gar nicht so. In einem Musikprogramm kann man damit schnell arbeiten. Ich frage Kolleginnen und Kollegen, wie das so funktioniert, denn Streichinstrumente sind speziell, mit Doppelgriffen und solchen Sachen. Inzwischen kann ich damit umgehen.

Marie Spaemann (zu Christian Bakanic): Du kennst wirklich gut die Ranges, jedenfalls beim Cello.

Christian Bakanic: Und das macht Spaß.

Gibt es Besetzungen, die du dir oft angehört hast?

Christian Bakanic: Die Five Tango Sensations von Astor Piazolla habe ich früh entdeckt, und allgemein sein Quintett, wie er Violine einsetzt und Bass. Damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Die Violine spielt erste Stimme, die lässt sich am Akkordeon doppeln. Dann gibt es den Bass, das ist die Basis.

Marie Spaemann (zu Christian Bakanic): Das hast dein Schreiben beeinflusst.

Christian Bakanic: Absolut. Wenn man sich Barock- oder klassische Konzerte anschaut, sind das oft aufgemotzte Streichquartette. Bei den Brandenburgischen Konzerten zum Beispiel gibt es vier Stimmen, das Cembalo spielt die Akkorde dazu, eventuell den Bass mit, Bass und Cello spielen die Bässe gemeinsam. Sinfonien basieren von der Harmonik her ebenfalls häufig auf Streichquartetten.

Es ist natürlich verschieden von Komponist zu Komponist.

Christian Bakanic: Vor allem in der Neuen Musik gibt es völlig andere Varianten. Die Tradition ist meist ein wenig so, dass das harmonische Gerüst im Streichquartett ist.

Du könntest inzwischen wahrscheinlich für Orchester schreiben.

Christian Bakanic: Rein theoretisch schon, und ich würde es machen, wenn das jemand wirklich möchte. Es ist meist eine Frage von Zeit und Geld. Ich hab darüber nachgedacht, es gäbe so zwei, drei Kompositionen, die ich arrangieren könnte für Streichorchester. Das würde ohne Akkordeon funktionieren. Meistens komponiere ich für meine Ensembles, und da spiele ich selbst mit.

Du hast jetzt nach einigen Kooperationen mit Streichern endlich eine Streicherin gefunden.

Christian Bakanic: Mit Sängerinnen habe ich öfter gearbeitet, aber bei den Streichern stimmt das, das waren bisher alles Männer. Es ist überaus angenehm, mit Marie zusammenzuarbeiten. Wir sind ein gutes Team.

Wenn die Covidsituation sich endlich entspannt, gehts sicher wieder auf die Bühne, mit eurem jetzigen Repertoire, und ganz neuen Stücken.

Marie Spaemann: Wir waren im ersten Lockdown sehr experimentierfreudig…

Christian Bakanic: … und produktiv …

Marie Spaemann: Genau, und wir beginnen jetzt, etwas anders zu schreiben, mehr gemeinsam. Da sind einige Stücke entstanden, und das ist ein cooler, spannender Prozess.

Ist es für dich aus Streichersicht eine besondere Anforderung, für Akkordeon zu schreiben, oder kennst du inzwischen die Möglichkeiten?

Marie Spaemann: Christian ist so frei und harmonisch so zu Hause beim Akkordeon, dass ich zwar harmonische Ideen bringe und einen Rahmen, aber was er genau spielt, das kommt von ihm. Christian Bakanic: Marie schreibt manchmal, wenn sie einen Song hat, Akkordsymbole. Ich spreche mehr von Farben oder so.

Christian Bakanic: Sowas wie „Das ist jetzt zu jazzig, dünn das ein wenig aus.“

Marie Spaemann: Genau, oder „Das sind mir zu viele Tensions.“ Wir wissen jetzt ganz gut, wie wir funktionieren. Dass er mir ein Raster von Akkordeon gibt und ich einen Text und eine Melodie dazu schreibe, oder andersrum, das ist etwas, das jetzt öfter vorkommt. Das ist gut, weil man im Schreiben zwar auf eine Art etwas eingeschränkt ist, das befreit andererseits.

Was ist bei euch derzeit sonst aktuell?

Christian Bakanic: Folksmilch präsentiert dieses Jahr eine Art Best Of, mit einem Klarinettisten. Ich habe ein ganz neues Quartett mit dem Gypsy Gitarristen Diknu Schneeberger. Ich hab mir vorgenommen, öfter Steirische Harmonika zu spielen. Da arbeite ich an Solostücken, das geht in Richtung Neue Volksmusik. Der Harmonikastimmer von Schmidt hat ein Modell gebaut und mir geliehen – auf Lebenszeit, hoffe ich (lacht). Es klingt hervorragend. Da hat sich insgesamt einiges getan bei den Harmonikas in den letzten Jahren. Früher hatte ich die Halbtöne nicht auf der Steirischen, die sind jetzt bei jedem Standardmodell dabei. Da kann man wesentlich mehr machen, auch in Moll. Es gibt außerdem zusätzliche Bässe.

Wie ist es bei dir, Marie? Du hast vorhin ein klassisches Konzert erwähnt, das hoffentlich stattfinden kann.

Marie Spaemann: Das ist als Streaming Konzert organisiert über Hamburg Stream, das funktioniert. Ansonsten bin ich im Stadtsaal im April mit einem Solorepertoire. Eventuell mache ich eine neue EP. Jedenfalls ist das Klassikthema dieses Jahr für mich mehr dran. Es gibt eine Menge Stücke, von denen ich mir seit Jahren denke: „Wenn es das nur für Cello gäbe!“ Die werde ich jetzt eben arrangieren.

Christian Bakanic (zu Marie Spaemann): Mit Klavier?

Marie Spaemann: Genau, und bei einem Stück ist meine Lieblingsviolinistin Sara Domjanic dabei. Sie ist ganz jung und hat eben erst ein Probespiel gewonnen. Bei K+K ist ein ausgezeichneter Klarinettist dabei, Christoph Zimper, er hat eine moderne Messe geschrieben, bei der ich Cello spiele und singe. Mit der werden wir in diesem Jahr einige Male auftreten. Seit zwei Jahren bin ich als Solistin in einer großen Show mit Hans Zimmer. Da wurde jetzt vieles auf Herbst verschoben. Wir konzertieren vor 10.000 Leuten und es ist nicht klar, wann das wieder geht.

Das ist ein krasses Kontrastprogramm zu den weiteren Ensembles.

Marie Spaemann: Absolut. Mir macht es sehr Spaß, dadurch, dass es nicht dauernd ist. Es ist ab und zu, das sind einige Touren im Jahr.

Christian Bakanic (zu Marie Spaemann): Wir waren im Duo auf Tour, als du die Anfrage von Hans Zimmer bekommen hast. Ich glaub, zuerst warst du gar nicht sicher, ob du das machen sollst.

Marie Spaemann: Stimmt, anfangs war ich nicht sicher.

Christian Bakanic (zu Marie Spaemann): Jetzt bist du froh, dass du es gemacht hast.

Marie Spaemann: Stimmt, jetzt ist das gut.

Was war die Unsicherheit am Anfang?

Marie Spaemann: Das ist eine völlig eigene Szene. Es ist sehr Mainstream, und es geht um Dinge, die mir sonst nicht so wichtig sind. Aber es macht richtig Spaß, mit einem 100-Mann-Orchester und einem Chor solistisch aufzutreten und zu reisen. Es ist eine coole internationale Band, und eine tolle Erfahrung. 

Aktuelles Album: Metamorphosis (Preiser Records, 2020)

Websites:

www.christianbakanic.de

www.mariespaemann.com

Erstmals veröffentlicht in:

akkordeon magazin #78
Februar/März 2021
Seite 12 – 15

Fotos:

Andrej Grilc

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