Akkordeon und Saiten

Christina M. Bauer

Als Chefredakteurin des akkordeon magazins habe ich mich von Juli 2019 bis Mai 2021 um die inhaltliche Seite unserer Zeitschrift gekümmert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Interessantes und Neues sich in einer speziellen Szene wie der des Akkordeons tut.

24. Februar 2021

Lesezeit: 8 Minute(n)

Elegisch bis energisch

Akkordeon und Saiten

Groovendes Cello, flirrende Violinensaiten, schwelgerische Streichersätze bis hin zum Sinfonieorchester, zarte Harfenmelodien oder voluminöser Basssound: Saiten und Akkordeon vertragen sich ausgezeichnet. Sie sind überall zusammen zu hören, angefangen bei der Folklore über den Jazzclub bis in die klassischen Konzertsäle – und auf die Rockbühnen. Wir haben mit verschiedenen Machern der hiesigen und weltweiten Szene gesprochen und uns ihre Musik angehört. Hier ein Überblick zu einigen der spannendsten musikalischen Kombinationen fürs Akkordeon.

Eine Solistin oder ein Solist am Akkordeon, eingerahmt vom Streichersound eines Orchesters. Oft ist es ein Kammerorchester, und manchmal sogar ein Sinfonieorchester. Okay, Klaviersolisten sind öfter zu hören, aber: Die beschriebene Konzertszene ist so selten trotzdem nicht. Es ist eines der wohl elegantesten Beispiele für die variationsreiche Kombination des Akkordeons mit Saiteninstrumenten. Das betrifft Konzerte, die adaptiert werden für diese Besetzung, obwohl sie vor einigen Jahrhunderten verfasst worden sind, auf dass jemand am Cembalo – später dann an den frühen Varianten des modernen Klaviers – den Solopart spielt.

Die Schweizer Akkordeonistin Viviane Chassot hat in den vergangenen Jahren ausgewählte Klavierkonzerte von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart eingespielt, die ersteren mit dem Kammerorchester Basel, die zweiteren mit der Camerata Bern. Der aus Serbien stammende Künstler Nikola Djoric, der seit Langem in Wien lebt, hat eben erst zwei Cembalokonzerte von Johann Sebastian Bach am Akkordeon für eine Aufzeichnung neu interpretiert. Das Kurpfälzische Kammerorchester übernahm hier die Streicherparts, und natürlich nicht nur diese. Es sind hörenswerte Beispiele für ein Spektrum an Möglichkeiten, dass akkordeonistisch sicher noch eine Menge Möglichkeiten bereit hält.

Gar nicht alt, und trotzdem für ein anderes Soloinstrument geschrieben, sind Astor Piazollas Konzertwerke. Da er diesen März 100 Jahre alt geworden wäre, werden diese derzeit wieder öfter eingespielt. Das Konzert Aconcagua haben eben erst Nikola Djoric mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester und der seinerseits aus Serbien stammende Jovica Ivanović mit dem Ukrainischen Kammerorchester aufgezeichnet. Beide interpretieren das 1979 für Bandoneon, Orchester und Percussion entstandene Werk als Solokünstler am Akkordeon.

Originale für Akkordeon und Streichorchester

Gleichzeitig entstanden und entstehen neue Werke, in denen das Akkordeon von vornherein als Soloinstrument vorgesehen ist. In dieser Hinsicht ist das 20. Jahrhundert und inzwischen das 21. Jahrhundert natürlich mit Abstand das ergiebigste. Das Akkordeon zählt immer noch zu den relativ „jungen“, jedenfalls nicht gar so alten, Musikinstrumenten. Im Spektrum zwischen Jazz, klassischer Musik, Tango und traditioneller Musik hat hier der französische Künstler Richard Galliano das Repertoire erweitert. Er hat abgesehen von weithin bekannten Stücken wie Tango pour Claude, Valse à Margaux oder New York Tango auch Konzertwerke geschrieben. Eines der bekanntesten ist das Opale Concerto von 1998 für Akkordeon und Orchester.

Heute etablierte Solisten und Lehrende wie Stefan Hussong (Professor an der Musikhochschule Würzburg), Claudia Buder (Professorin und Institutsleitende an den Musikhochschulen in Weimar und Münster) und Mie Miki (Professorin an der Musikhochschule in Essen) sind mit ihren eigenen Initiativen daran beteiligt, dass neue Werke entstehen. Sie kooperieren dafür mit Komponierenden weltweit und spielen entsprechend häufig Uraufführungen. Nicht selten werden Kompositionen auf sie als Solisten zugeschnitten. Das führt bei Weitem nicht nur, aber auch, zu Kompositionen für Akkordeon und Streichorchester oder Streichensemble. Da steht Claudia Buder schon mal mit den Wiener Philharmonikern im Konzert als Solistin auf der Bühne, oder Stefan Hussong mit den Berliner Philharmonikern.

Der renommierte Künstler Claudio Jacomucci konzertierte mit dem Sinfonieorchester der Mailänder Scala, dem Haydnorchester Bolzano und einer Menge mehr. Komponierende wie Luciano Berio, Franco Donatoni, György Kurtag zählen zu seinen Kooperationspartnern, und er schreibt zusätzlich selbst Musik. Es ist keine Frage, dass sie dabei alle teilweise an die Arbeit älterer Meister des klassischen Akkordeons und entsprechender Komponisten für solche Besetzungen anknüpfen, gleichzeitig aber selbst unzählige neue Wege erschließen.

Komponierende, die Musik für Akkordeon schreiben – und dann noch für große Besetzungen mit Streichern – gibt es heutzutage weltweit. Für sie ist es Anregung, Inspiration und manchmal der Anfang einer engen Kooperation, wenn Musizierende mit Ideen auf sie zukommen. Gerade im klassischen und zeitgenössischen Bereich sind die Komponierenden oftmals andere als die, die Werke spielen. Wolfgang Jacobi hat bereits in den 1950ern neben anderen Besetzungen für Akkordeon und Orchester geschrieben, Kurt Schwaen in den 1980ern. Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina verfasste ihr Konzert Sieben Worte für Cello, Akkordeon und Streicher im Jahr 1982. Bei der Uraufführung spielte Friedrich Lips, inzwischen ist das Konzert ein oft gespieltes in der Konzertszene. Ebenfalls für eine Besetzung mit Akkordeon, Cello und Streichern komponierte der vielfach mit Musikpreisen ausgezeichnete Künstler Toshio Hosokawa aus Japan sein Stück In die Tiefe der Zeit. Es stammt aus dem Jahr 1994. Im Jahr 2005 entstand das Werk Spiriti des Finnen Jukka Tiensuu für Akkordeon und Orchester.

Ein in diesem Zusammenhang interessantes Festivalformat der Szene ist die Philharmonika in Berlin. Organisiert vom Verein Pantonale mit dem Vorsitzenden Waldemar Fleischhauer sind es hier Musizierende der Berliner Symphoniker, die mit geladenen Akkordeonsolisten ein breites Spektrum an klassischem und modernem Repertoire interpretieren. Mehr als bei anderen Festivalformaten in der Szene zählt also hier die Begegnung von Akkordeon und Streichern zum Programm. Außerdem werden solche Formate bei manchen Wettbewerben gewählt, dann allerdings vor allem im Finale. So kommen junge Finalisten in den Genuss, mit einem Streichorchester zu konzertieren. Unter Normalbedingungen wäre es dieses Jahr im Klingenthal Akkordeonwettbewerb im Mai die Komposition Spiriti von Jukka Tiensuu gewesen. Es ist das covidbedingt gewählte Videoformat für die Teilnahme, das dazu führte, dass das Werk nun statt dessen in Duos mit Klavier gespielt werden wird.

Stilwelten von Duo bis Streichensemble

Die Besetzung von Akkordeonsolisten mit einem Streichensemble bedeutet eine Menge Möglichkeiten, dabei allerdings weniger Aufwand. Sicher nicht nur, aber auch deswegen, wird sie häufiger gewählt als ein Kammer- oder gar Sinfonieorchester. Ein Streichquartett oder Quintett lässt sich leichter auf die Bühne bringen, geschweige denn auf Tour schicken, als ein Orchester. Dieses Format ist im Bereich der klassischen und zeitgenössischen Musik verbreitet, teilweise in Jazz und Weltmusik, und von manchen Künstlern wird es außerdem im Crossoverbereich zu Pop und Rock kreativ eingesetzt. Dass die Vielfalt und die Gestaltungsmöglichkeiten in Stil und Repertoire noch größer sind als bei Streichorchestern hat wohl zumindest teilweise etwas zu tun mit der leichteren Zugänglichkeit einer solchen Besetzung.

Während Viviane Chassot beispielsweise mit dem Vogler Quartett klassisches Repertoire interpretiert, hat sich der österreichische Akkordeonist Klaus Paier mit dem radio.string.quartet.vienna oft in stilintegrierende Bereiche zwischen Klassik, Jazz und weltmusikalischen Einflüssen begeben. Der für seine Kompositionen wiederholt ausgezeichnete Künstler Gorka Hermosa aus Spanien hegt inmitten zahlreicher Kooperationen eine sehr hörenswerte Kombination seines Akkordeonspiels mit den Blanchard Strings. Eine Annäherung von klassischen Strukturen und Elementen moderner Rockmusik lotet der junge ukrainische Musiker Alexander Tulinov seit einigen Jahren mit einem Streichquintett der Kyiv Virtuosi aus Kiew und dem Percussionisten Valentin Bogdanov aus.

Kleinere Formate sind ebenfalls beliebt, und entstehen manches Mal aus Orchestern oder Ensembles heraus. Aus der intensiven musikalischen Begegnung im Duo haben Akkordeonisten in den vergangenen Jahren gerade mit Streichern eine sehr spannende und hörenswerte Musik geschaffen, oft eigene Kompositionen – oder Improvisationen. In der bezaubernden Kombination mit Cello und Akkordeon stehen Klaus Paier und Asja Valcic inzwischen schon seit zehn Jahren auf der Bühne, waren international auf Tour und haben mehrere Alben eingespielt. Der Österreicher und die Kroatin probierten dieses Format im Rahmen ihrer damaligen Kooperation mit dem radio.string.quartet.vienna erstmals aus. Was seitdem an klassischer Eleganz, Jazzharmonien, Tangotemperament, improvisatorischen Ideen und melodischen Inspiration verschiedener Kulturen entstanden ist, zeigt, welche Möglichkeiten in der Kombination dieser Musikinstrumente stecken. Der Kontrabass ist gleichermaßen ein beliebtes Gegenüber in solchen Duos. Klaus Paier hat eben erst eine neue, entsprechende Kooperation mit Florian Dohrmann begonnen.

Gerade in den vergangenen Jahren gäbe es eine Menge weitere Akkordeon-Cello-Duos vorzustellen. Zu den interessantesten dürfen sich sicher zwei weitere, österreichische Duos zählen. Da ist die einfallsreiche Cellistin Marie Spaemann, die zum temperamentvoll und stilintegrierend gespielten Cello gleich noch singt, und Christian Bakanic, der seinerseits mühelos ein breites Spektrum aus dem Akkordeon zaubert. Als Duo Sinfonia de Carnaval bringen Alois Eberl an Akkordeon und Posaune sowie Anna Lang am Cello ein sehr kreatives Repertoire auf Saiten und Tasten, und sind damit zeitweise schon weit gereist.

Ein Duo mit spannenden improvisatorischen Ideen zwischen zeitgenössischen, jazzigen und weltmusikalischen Sphären ist das der Filmkomponistin Martina Eisenreich an der Violine und dem Akkordeonisten Andreas Hinterseher. Stilistisch mehr im zeitgenössischen Bereich spielen Violinistin Helena Winkelmann und Akkordeonistin Viviane Chassot aus der Schweiz. Winkelmann ist Komponistin und hat für andere Duobesetzungen mit Chassot bereits Musik geschrieben, etwa für Akkordeon-Cello-Duo. Im Jahr 2008 verfasste sie das Konzert Tides für Akkordeon und Strreichquartett. In Hamburg loten die Akkordeonistin Lydia Schmidl und Gitarrist Jorge Paz Verástegui die Möglichkeiten ihres Duos Lux Nova aus. Sie sind zu zweit und verschiedentlich mit großen Orchestern aufgetreten und arbeiten mit internationalen Komponisten zusammen, etwa Leo Brouwer, Alejandro Nunez Allauca und Sebastian Sprenger.

Ensemble-Traditionen

Natürlich gibt es abgesehen von den gestrichenen Saiten die gezupften. Die Harfe, der Kontrabass oder Gitarre in der traditionellen Musik. Solche Kombinationen verwenden Akkordeonistinnen und Akkordeonisten vor allem in kleineren Besetzungen gern. Da finden sich abgesehen davon ebenfalls Violine oder Cello als Solo- bzw. Ensembleinstrumente wieder, sei es gestrichen, gezupft oder beides.

Es sind vor allem die kleineren, traditionellen Besetzungen, mit denen das Akkordeon die am weitesten zurückreichende Historie hat. Es war lange bevor es die Konzertsäle erreichte schließlich vor allem in den Stuben, Gasthäusern und auf Festen zu hören. Das war hierzulande so, und in anderen Ländern ähnlich. In der traditionellen Musik in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums sind Akkordeon und „Fiedel“ seit Langem häufig im selben Ensemble anzutreffen, und ebenso die (Volks-)Harfe. Wo in Irland – oder anderswo – Irish Folk gespielt wird, ist die Fiddle kaum wegzudenken – und oft eben auch das Akkordeon mit von der Partie. In Skandinavien sind es wahlweise Violine oder Hardanger Fiddle, die in Ensembles mit dem Akkordeon spielen. In Klezmer und jiddischer Musik begegnen sich weltweit oftmals Akkordeon und Violine. Manchmal stellt sich je nach Repertoire und Gegend nur die Frage, ob es nun ein Akkordeon ist, oder eine diatonische Harmonika.

Heutzutage begegnen die traditionellen Lieder und Stücke anderen Traditionen und Stilen. Ensembles, die das aufgreifen und ein eigenes Repertoire daraus entwickeln, gibt es viele. Das kann in eine weltmusikalische oder Jazzrichtung gehen – und es hat in den letzten Jahrzehnten manche Band auf die Popbühne geführt.

Eine ansprechende Integration skandinavischer Folklore mit jazzigen und Improvisationseinflüssen ist Frode Haltli aus Norwegen mit seinem Ensemble Avant Folk gelungen. Außer seiner Akkordeonstimme sind dort sowohl die Violine als auch die Hardanger Fiddle wichtige Stimmen in der Band. Im Duo Aallotar modernisiert die finnische Akkordeonistin Teija Niku mit Violinistin Sara Pajunen Folkthemen. Eine internationale Karriere im Bereich Weltmusik, Jazz und Tango gelang in den letzten zwei Jahrzehnten der Combo Quadro Nuevo aus Süddeutschland. Abgesehen von der Saxofonstimme Mulo Francels sind hier das Akkordeon von Andreas Hinterseher zu hören, in Kombination mit Evelyn Hubers Konzertharfe und D.D. Lowkas Kontrabass.

In Österreich – und weit darüber hinaus – mischt Herbert Pixner an der Steirischen Harmonika mit einem seinerseits sehr saitenstarken Ensemble die Konzertszene auf, seit nun schon 15 Jahren. Seine Schwester Heidi spielt Harfe, Manuel Randi Gitarren und Werner Unterlercher Kontrabass. Es ist der Band gelungen, traditionell Folkloristisches in einen sehr zeitgemäßen, modernen Sound mit klassischen und jazzigen Einflüssen zu bringen. Es passt ins Bild, dass es im Herbst 2019 sogar eine Tour des Herbert Pixner Projektes mit Orchester gab, die Symponic Alps Tour mit den Berliner Symphonikern.

Johann Zeller am Akkordeon im Trio mit Kiko Pedrozo an der Harfe und Josefine „Finni“ Melchior an der Violine, oder Thomas Gruber als gruberich an der diatonischen Harmonika mit Sabine Gruber-Heberlein an der Harfe und Maria Friedrich am Cello, das Spektrum stilintegrierender Musik im Bereich zwischen Traditionellem, Klassik, Tango und Weltmusik wird von einer Menge Musizierenden kreativ ausgelotet.

The Klezmatics zählen zu den weltweit bekanntesten Bands, die Klezmer, jiddische Musik und weitere Stile integrieren. Lorin Sklamberg singt und spielt Akkordeon, an der Violine ist Lisa Gutkin zu hören. Der renommierte Akkordeonist Alan Bern, der in Weimar das Format Yiddish Summer aufgebaut hat, trat auf dieser Veranstaltung selbst zuletzt mit Violinist Mark Kovnatskiy im Duo auf.

In eine gegensätzliche Richtung gehen die Bands, die ausgehend von traditionellem Repertoire auf die Rockbühne streben. Mit Schlagzeug, Gitarren und Verstärker wird aus der Folkband eine Rockband. Fiddlers Green sind für eine solche Mischung bekannt – und am nächsten klanglich an der Tradition sind hier Akkordeon und Violine. Beides findet sich ebenfalls bei der Band Santiano aus Schleswig-Holstein, die mit ihrer an die dortige Liedtradition anknüpfenden Seefahrer-Rockmusik durch die Stadien zieht. Andere Bands verknüpfen Akkordeon ohne Violine mit verschiedenen Gitarren, so war es beispielsweise bei den Pionieren der Szene The Pogues. Ähnlich zeigt sich das in der Besetzung von The Mahones und weiterer Bands.

 

Inmitten von Harfen, Bass und Gitarren: Herbert Pixner und seine Steirische (Foto: Sepp Pixner)

Komponist und Akkordeonist Gorka Hermosa mit den Blanchard Strings (Foto: Abel Núñez)

Das moderne Folkduo Aallotar von Sara Pajunen und Teija Niku (v.l.) (Foto: Kelly Davidson)

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