Weltreise mit Geburtstagslied (Folge 1)

Peter M. Haas

Hallo liebe Musikfans aller Geschlechter! Ich lebe in Berlin, spiele und unterrichte Klavier, Akkordeon, Bandoneon, habe viele beliebte Musikbücher veröffentlicht und mit meiner website eine wichtige Info-Zentrale für Fragen zum Akkordeon geschaffen. Dem akkordeon magazin bin ich seit dem Gründungsjahr (vor jetzt bald 80 Ausgaben – Glückwunsch!) freundschaftlich verbunden.

29. Juli 2020

Lesezeit: 5 Minute(n)

Weltreise mit dem Geburtstagslied (Folge 1)

Musette zum Geburtstag

Unsere Ausgangsmelodie

Es ist nicht ganz einfach, eine passende Grundmelodie für diese spielerische Reise zu finden. Sie soll bekannt sein und nicht zu kompliziert. Außerdem muss sie so flexibel sein, dass ihr die verschiedensten Verkleidungen gut zu Gesicht stehen, und gleichzeitig so charakteristisch, dass man sie durch alle Verkleidungen hindurch wiedererkennen kann.

Ich habe mich für die Melodie „Zum Geburtstag viel Glück“ („Happy Birthday To You“) entschieden. Sie mag Ihnen jetzt ein wenig banal und abgenudelt erscheinen. Aber gerade wegen ihrer Einfachheit hat diese Melodie die Chance, in ihren verschiedenen Variationen umso charmanter zu wirken. Einen Hintergedanken habe ich auch noch dabei: Die einzelnen Folgen dieser Workshop-Reise werden zum Schluss ein zusammenhängendes Potpourri ergeben. Vielleicht haben manche von euch Lust, es einzuüben und auf einer Geburtstagsfeier aufzuführen. Ich selbst habe ein solches Ständchen auf einigen Geburtstagsfeiern erfolgreich zum Besten gegeben.

Happy Birthday To You

Aus reiner Langeweile habe ich mal nachgeschaut, was Wikipedia zu diesem Stück mitzuteilen hat. Interessant zu erfahren: Das Stück wurde um 1890 von zwei Kindergärtnerinnen in Kentucky (USA) komponiert. Der ursprüngliche Text ergab ein Begrüßungslied und lautete einfach „Good Morning To All“. Um den Geburtstagstext, den heute jeder kennt, und um die Aufführungsrechte des Stückes gab es lange Zeit Rechtsstreitigkeiten. Noch bis vor Kurzem forderte der Verlag Warner/Chappell immer wieder Lizenzen und verdiente offenbar Millionenbeträge damit. Diese Rechte sind erst 2016 abgelaufen, sodass wir jetzt diesen Workshop veröffentlichen können, ohne urheberrechtliche Schwierigkeiten zu bekommen: Glück gehabt!

Schauen wir das Lied näher an. Es gibt wohl kaum jemanden, der die Melodie nicht kennt. Ihr findet sie als Teil 1 auf unserem Notenblatt, ich habe sie dort in F-Dur aufgeschrieben, und natürlich können wir sie zu Beginn auf diese Weise spielen, zur Einleitung der Reise. Gerade mal acht Takte lang ist diese Walzermelodie, und die Akkordfolge eine ganz schlichte Kadenz:

¾  F        | C     | C     | F      | F7    | Bb   | F     C7     |F         ||

Wie werden wir das Stück auf unserer Reise verändern? Je nach Stil können wir mit dem Tongeschlecht spielen (Dur/Moll) oder auch spezielle Skalen einsetzen (z. B. Balkan-Moll). Wir können probieren, aus dem Dreiertakt einen Viervierteltakt zu machen und können um die Töne der Melodie – gut, dass sie so schlicht ist und Platz dafür lässt – allerhand Verzierungen ranken lassen. Fangen wir gleich an mit der ersten Variation – auf nach Frankreich!

Musette-Walzer

Musette und Akkordeon – das passt, ruft ein jeder. Das war aber nicht immer so! Ich fand es spannend zu erfahren, dass zum Bal Musette der Pariser Vorstädte ursprünglich auf Dudelsäcken gespielt wurde. Musette hießen die Instrumente, auf denen die aus der Bretagne zugewanderten Musiker die Walzermelodien zum Tanz spielten. Als um 1850 italienische Gastarbeiter ihre Akkordeons mitbrachten, gab es einige Jahrzehnte lang heftige Revierkämpfe um die musikalische Vorherrschaft. Die Italiener gewannen – und mit ihnen das Akkordeon.

Wir verändern unsere Melodie

Die Melodie ist einprägsam, aber viel zu kurz. Mit ihren zweitaktigen Motiven huscht sie vorbei, noch ehe es richtig angefangen hat: Nicht viel Platz für Läufe und Girlanden (Bild 1). Aber man kann das Motiv auf zwei Takte auseinanderziehen (Bild 2, hier in G-Dur notiert).

Jetzt kann der nach Läufen hungernde Musette-Spieler sich austoben (Bild 3).

Auf diese Art habe ich für die folgenden Takte weitergearbeitet. Zunächst habe ich übrigens vor lauter Begeisterung allzu viele Achtel komponiert und musste einiges wieder streichen, damit die Melodie auch mal zum Atmen kommt und damit die „Wiedererkennungs-Töne“ nicht vertuscht werden. Das Resultat macht hoffentlich auch euch Spaß. Ich selbst habe diese Läufe anschließend für drei Tage immer wieder innerlich vor mich hingesungen, obwohl ich das gar nicht wollte – ein regelrechter Ohrwurm.

Ein Seitenteil

Walzer wie dieser haben immer auch einen Seitenteil (meist sogar zwei), oft in einer kontrastierenden Tonart. Der Hauptteil ist in Dur und ich wollte auch einen Dur-Seitenteil. Welche Tonart bot sich an? Manchmal wird einfach eine Nachbartonart (im Quintenzirkel betrachtet) genommen, von G-Dur hätte ich also nach C-Dur oder nach D-Dur gehen und später dann mit einer effektvollen Wendung wieder zurück nach Hause (nach G-Dur) führen können. Ich wollte aber einen deutlicheren Farbwechsel. Dafür taugen großartig die entfernten Terzverwandten, die sogenannten Medianten, zu G-Dur sind das die Akkorde Eb oder Bb. Ich habe mich für einen Seitenteil in Bb-Dur entschieden.

Gerade dann, wenn ein Walzer ein bewegtes Hauptthema hat, ist es ein guter Effekt, das Seitenthema schlicht, gewissermaßen erdig und fast ein bisschen „bäurisch“ zu komponieren. Ich zitiere im Bb-Dur-Teil wieder das „Happy Birthday“-Motiv, aber diesmal in Vierteln, in gemütlicher Wiederholung (Bild 4) und verstärke den Effekt noch durch behäbig liegende Doppelgriffe (Bild 5).

Damit ist, wie ich meine, ein guter Kontrast gelungen.

Alles zusammen findet ihr auf dem Notenblatt. Viel Spaß!

Liebe Freundinnen und Freunde des Akkordeons,

Ihr wisst es: In den Musikkulturen rund um die Welt hat das Akkordeon seinen wichtigen Platz. Viele von euch werden – wie ich selbst – einige dieser Musikkulturen kennen- und lieben gelernt haben.

Der neue Workshop soll euch die wichtigsten musikalischen Kulturen unserer Weltnachbarn vorstellen, im Rahmen einer ganz besonderen Weltreise: Ich werde ein und dieselbe Grundmelodie rund um die Welt schicken und gewissermaßen immer neu „verkleiden“, sodass sie im Gewand anderer Musikstile daherkommt.

Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß wie ich an diesem Reiseabenteuer! Es gehört ein bisschen Komponistengeschick dazu, unsere Melodie jeweils passend zu verändern, und ich werde euch, liebe Leserinnen und Leser, dabei über die Schulter schauen lassen, welche Tricks ich anwende.

Dieser Artikel erschien ursprünglich als Teil einer Workshop-Kolumne im akkordeon_magazin.

Der vollständige Workshop – mit einigen Ergänzungen – wurde inzwischen von Peter M. Haas als  prächtig ausgestattete Geburtstagslied-Broschüre herausgegeben:

HAPPY BIRTHDAY – Mit dem Geburtstagslied rund um den Globus

44 Seiten, Paperback im professionellen Digitaldruck, teilweise 4farbig
18,80 EUR
Verlagsnr. PMH 1011

Hier zu bestellen

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