Vorschau Notenbild Berlin Nightlight

1. März 2022

Lesezeit: 9 Minute(n)

Die fünf Säulen der Kommunikation in der Musik: „Die Kunst der Balgführung“

Wie kommt das Gefühl in die Musik? (Teil 3)

Eine fünf​teilige philosophische Betrachtung mit praktischen Übungen für das atmende Akkordeon von Carmen Hey (Akkordeonpoetin, Autorin & Creative Coach). — Musik ist internationale Kommunikation ohne Worte. Jeder kann sie verstehen. Die Sprache der Musik ist das Gefühl. Es erzeugt die Tiefe in den Melodien und bringt sie in entsprechende Schwingung. Die Ausdrucksweise des Interpreten ist vergleichbar mit der eines Erzählers, dessen Kunstfertigkeit darin besteht, Ohren und Herzen zu öffnen.

Workshopübersicht

Teil 1: Gefühlvolle Stimm(z)ungen
Teil 2: Das atmende Akkordeon
Teil 3: Klang – geheimnisvolles Gütesiegel
Teil 4: Über die Schönheit des persönlichen Stils
Teil 5: Innen Gefühl – außen Musik

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Teil 1

Klang – geheimnisvolles Güte-​Siegel

Ich gestalte! Emotion
Ausdruck, Dynamik, Akzente, Tonfarbe, Begeisterung

 

Die 7 leuchtenden Klangfarben
Klangfarbe „Schöpfergeist & Bewusstsein“

Musiker zu sein, ein Instrument zu spielen oder es zu erlernen, das ist schon ein großartiges Privileg! Nicht nur, weil es eine der größten Freuden für die Seele ist, sondern auch, weil es die reinste Form der nonverbalen Kommunikation zwischen Lebewesen ist. Musik schafft Momente der Berührung, Innigkeit, Dialog, Erzählung und warmer Ausdruck von Lebensfreude. Musik ist international verständlich und gesellschaftsübergreifend.
Selber zu musizieren ist so schön! Zunächst und immer wieder für für sich selbst, später potenziell auch zum Genuss für eine kleinere private oder große öffentliche Zuhörerschaft. Auch die Vögel zwitschern sich einander zu, Bienen summen über Blumenwiesen, Blätter rascheln in den Baumkronen, Feuer knistert im Kamin oder draußen vor dem Zelt. Wasser in den Bächen plätschert, Regentropfen hüpfen auf einem Ton, Wind pfeift durch Türen und Fenster, Schnee knirscht unter den Füßen, Menschenkinder singen auf Höfen oder früher auf Feldern, allein im Wald oder unter der Dusche, im Chor oder auf der Bühne. Man sagt, selbst das Universum tönt und sogar die Planeten hätten ihren eigenen Klang.

Musik ist Klang, erfüllt und durchdringt, dehnt sich aus und strömt hinein in das Ohr, gelangt in den Körperkreislauf, erwärmt das Herz, berührt das Wesen, betört die Sinne und durchflutet den Geist. Es (was?) beginnt mit nichts als einer guten Idee. Einem Gedanken, einem kreativen Moment, der inspiriert und einlädt, etwas Herausragendes zu tun. Vielleicht, weil darin der würzige Geschmack einer Erfüllung schlummert, vielleicht, weil es sich nicht mehr zurückhalten lässt, vielleicht, weil eine Aufforderung von anderen Menschen kommt, die voller Bewunderung sind oder den Klang einer besonderen Seele einmal hören möchten?

Tipp: Achte auf deine Gedanken – sie können schaffen und zerstören!

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Klangfarbe „Schall & Widerhall“

Das Prinzip von Ursache und Wirkung: Jede Ursache hat eine Wirkung, jede Wirkung hat eine Ursache. Jede Aktion erzeugt eine bestimmte Energie, die mit gleicher Intensität zum Ausgangspunkt bzw. zum Erzeuger zurückkehrt. Was bedeutet das konkret für dich als Musiker? Es bedeutet, dass dein Gefühl während des Spielens wesentlich darüber entscheidet, ob und wie ein Publikum deine Musik aufnehmen kann. Bist du beispielsweise schwer verständlich, unsicher oder verzettelt in deiner Tonwahl? Ist die von dir gewählte Frequenz angenehm oder dominiert sie den Raum? Baust du in deiner Dynamik Vertrauen und Kontakt zu deinen Zuhörern auf? Bist du achtsam und gut verbunden mit dir selbst? Oder beeilst du dich, damit du schnell wieder wegkommst, und schüttest du dein Füllhorn viel zu rasch über den Zuhörern aus? Genießt du deine musikalischen Geschenke, während du sie liebevoll an deine Zuhörerschaft übergibst? Wie viel von dir selbst wagst du zu zeigen? Welches Risiko kannst du eingehen, um geliebt und bejubelt zu werden?
„Glück“ und „Zufall“ sind nur Bezeichnungen für das nicht erkannte Naturgesetz. Die Wirkung entspricht der Ursache in Qualität und Quantität. Gleiches muss Gleiches erzeugen, Aktion ist Auslöser für Reaktion!

 

Tipp: Lasse deine Angst los und öffne dich dem unbedingten Vertrauen!

Klangfarbe „Sound & Klang“

Man kann das Große im Kleinen und das Kleine im Großen erkennen. Welche Betrachtungsebene du auch immer einnimmst, das Gleiche ist immer auch in seinem Gegenüber enthalten. Man nennt dies in der Philosophie das Phänomen der Entsprechung: Wie oben so unten, wie unten so oben, wie innen so außen, wie außen so innen. Das bedeutet also auch: Wie du innerlich bist, so erlebst du deine Außenwelt.
Vielen meiner Schüler ist wenig bewusst, wie so ganz besonders sie sind – ohne etwas Besonderes zu tun oder zu unterlassen. Sie sind es einfach, auch wenn es anfangs im Unterricht ja „nur“ Fünf-​Ton-​Stückchen sind, die ich zu hören bekomme. Jedoch erkenne ich auch in diesen schlichten Melodien das Große im Kleinen. Weil ich mehr darin erkenne, weil ich es liebe, tiefer hineinzublicken und dies in meiner Arbeit ganz selbstverständlich mit einfließen zu lassen.
Wie schön ist es doch, Kinder bei ihren kleinen und großen Erfolgen zu begleiten! Als Eltern, Geschwister, Tante, Onkel oder als Großeltern machen wir keinen Unterschied, ob sie ein kleines Bausteinchen auf ein anderes setzen können oder einen Bachelor mit anschließendem Master gemacht haben. Stimmt’s? Die Freude darüber, die uns ein frohes Lächeln ins Gesicht zaubert, ist genau die gleiche!
Wieso also sollte man sich selbst Auftrittsstress machen, Angst beim Vorspiel aufbauen, werten und urteilen, noch bevor man wohlwollenden Applaus bekommt? Lassen wir das doch einfach einmal sein und erleben den Moment und das Jetzt – nicht das Davor, nicht das Danach, einfach den Augenblick, ohne zu bewerten, mit einer neu erworbenen, wertschätzenden Achtsamkeit dem Kleinen und Großen gegenüber, wegen des individuellen Sounds und der Besonderheit! Und wenn du dies beim Musizieren tust – dich frei machst von eigenen und fremden Erwartungen und Anspruchsgedanken, dich für einen Augenblick davon deutlich distanzierst, dich bewusst verabschiedest von gesellschaftlichen oder familiären Konditionierungen oder einfach nur schlechten Erinnerungen – umso besser kommst du an und umso schöner ist dein Klang.

 

Tipp: Je mehr du dein Spiel genießt, desto mehr überträgt sich davon!

Klangfarbe „Frequenz & Echo“

Sicherlich hast du schon gehört: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück!“ Es geht um Resonanz und Anziehung. Hier ist das persönliche Verhalten angesprochen, welches die Lebensumstände und persönlichen Verhältnisse bestimmt. Also überprüfe und frage dich regelmäßig: „Wie geht es mir und warum? Und wie kann ich mich ganz schnell wieder in Kontakt mit mir selbst bringen?“ Am allerbesten noch bevor du deine Mitmenschen, Mitmusiker, Bandleader, Lehrer oder Dirigenten deines Chors verdächtigst, dein momentanes Ergebnis beeinflusst zu haben.
Gleiches zieht Gleiches an und wird durch Gleiches verstärkt. Ungleiches stößt sich gegenseitig ab. Negativität zieht Negativität an, Angst zieht Angst an, Wut zieht Wut an. So ist das in der Natur und so ist es in den Beziehungen. Wenn du bemerkst, dass dir ein wenig die Galle hochkommt – okay, in Ordnung; lass los, ordne die emotionale Überreizung tolerant deiner Amygdala zu (Mandelkern im Gehirn), aber überlass ihr nicht gleich das Leaderpult oder das Lenkrad. Bemerke aus einem beobachtenden, gütigen Abstand heraus, dass es eben nur eine kurze, feurige Fehlzündung war, die nach und nach abklingt, und dass es alsbald fließend weitergeht – auf deiner Reise ins Glück.

Tipp: Verbinde dich so oft es geht mit dem Klang deines Herzens!

Klangfarbe „Harmonie & Fülle“

Musiker und Künstler mit einem besonders tiefen Ausdruck haben immer eine sehr starke Verbindung nach innen, zu ihrem Wesenskern. Dadurch haben sie die Fähigkeit, sich völlig selbstbestimmt zu orientieren, sich klar, unbeirrt und geradlinig auszudrücken. Sie agieren selbstbewusst aus ihrer Mitte heraus. Sie sind stark, mutig, selbstständig und unerschrocken, und werden genau dafür bewundert. Sie geben großzügig von sich, denn sie sind im Besitz innerer Fülle. Das ist kein Privileg für wenige! Jeder kann schenken, kann von sich geben. Es ist nicht Quantität, die Zahl der Referenzen oder Auszeichnungen, die einen Musiker herausragend machen. Es ist immer die Qualität des Ausdrucks, die Tiefe, die Ehrlichkeit, eine liebevolle, hingebende Verbindung mit Kunst, Musik und auch mit dem Wesen eines Musikstücks.
Das Leben ist ständiges Geben und Nehmen. Indem wir das geben, was wir suchen, lassen wir es auch von außen in unser Leben einströmenIndem wir Harmonie, Freude und Liebe geben, schaffen wir in unserem Leben Glück, Erfolg und Fülle. Wer Fülle nicht lebt, dem bleibt sie versagt. Von der Fülle des Lebens bekommt man genau so viel, wie man sich selbst der Fülle gegenüber öffnen kann.

Tipp: Gib, um zu bekommen!

 

Klangfarbe „Rhythmus & Schwingung“

Die Schönheit der Musik drückt sich aus durch Schwingung und Rhythmus. Die Melodie schwingt, der Rhythmus bewegt und umgekehrt. Dazwischen Klang, Stille, Atem und der liebevolle Hauch der Unendlichkeit.
Musik ist die hochschwingendnste der Kunstformen, denn sie ist frei und ungebunden wie der Wind. Sie berührt zart deine Wangen und tröstet dein Gemüt, wenn du es benötigst. Musik streift sanft dein Herz oder beflügelt deine Gedanken. Sie lädt dich ein mit ihr zu tanzen, sie kann dich verführen und erfrischen. Musik ist wie Wasser, hat bewegende Tiefe und kann jede Form annehmen. Musik ist wie Feuer, sie macht dich heißblütig, wild und leidenschaftlich. Musik ist allgegenwärtig, sie schwingt durch die Welt, lebendig, froh und nährend. Alles ist Musik, alles ist Schwingung. Alles hat seine Grenzen. Alles steigt und fällt. Nichts bleibt stehen, alles bewegt sich. Der Pendelschlag nach rechts entspricht dem Ausmaß des Schwungs nach links. Rhythmus ist ausgleichend.

Tipp: Sei wie der Wind, lebe Flexibilität! Alles Starre bricht.

Klangfarbe „Gegensätzliches & Einklang“

In der gelebten Liebe verbindet sich scheinbar Gegensätzliches und wird eins. Was bedeutet das genau? Es ist die genaue Anleitung für ein gemeinschaftliches Fundament, eine neue, gütige Ethik, eine verbindende Einheit von Vielfalt, die Wertschätzung und Würde eingeladen haben, um gemeinsam eine wundervolle Klangfarbe anzustimmen. 

Musik hat die Fähigkeit, Gegensätze zu vereinen, sie kann Gleichklang und Dissonanz gleichberechtigt nebeneinanderstellen. Gegensätze sind ihrem Wesen nach identisch. Gleich und Ungleich sind dasselbe. Wir können Wahrheit nicht mit dem Kopf verstehen, aber mit dem Herzen erfassen.
Musik ist ein wahrhaftiges Geschenk, durch das wir wachsen und uns selbst besser kennenlernen.

Tipp: Von innen nach außen – geheimnisvolles Gütesiegel!

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Aus: Carmen Heys Workbook »Die Kunst der Balgführung«. Download hier als PDF.

Mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht in:

akkordeon magazin #82
Februar 2022

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Die Autorin

Carmen Hey: Expertin für Ausdruckskraft und Gefühl in der Musik

Ihr Motto: „ … sich spielend entfalten!“
Ort: lebt und arbeitet in Berlin

Instrumente: Martinelli und Gadji

Das Besondere: Kunst der Balgführung und ­Entwicklung von Lernprogrammen

Beruf und Berufung: Seit vielen Jahren hilft Carmen Hey Menschen dabei, ihren Fähigkeiten zu vertrauen und dem inneren Ruf des Herzens zu folgen. Für sie ist es wesentlich und ganz selbstverständlich, zu wachsen und flexibel zu sein. Zuerst den Blick auf das Eigene zu richten und sich fortwährend weiterzuentwickeln, gehört aus ihrer Sicht zum Besten, was man für sich und andere tun kann. Carmen Hey arbeitet als Akkordeonistin in der internationalen Musik-, Studio-, Film- und Eventbranche. Sie gründete 2001 in Berlin ihre eigene Akkordeonschule „Creative Atelier für Musik und Lebenskunst“. Hier bietet sie Kurse, Creative Coaching und Workshops an. Sie ist als Komponistin (Weltmusik/Jazz) tätig und schreibt Akkordeon-​Workbooks sowie Essays zum Thema Kreativität und Inspiration in der Musik.

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