Ksenija Sidorova

Die Frau, die das Akkordeon neu erfand

ao+

24. März 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Wer bei Akkordeon an Seemannslieder oder staubige Volksmusik denkt, hat Ksenija Sidorova noch nicht erlebt. Die Presse feiert sie als „musikalische Offenbarung“ (The Telegraph) und als eine der „anziehendsten Solistinnen unserer Zeit“. Auf ihrem Instagramprofil stapelt sie tief: „Classical accordionist, Mum, Wife“. Doch hinter dieser bescheidenen Beschreibung verbirgt sich eine der weltweit führenden Botschafterinnen eines Instruments, das durch sie eine radikale Renaissance erlebt hat.

Text: Klaus Härtel; Fotos: Benne Ochs

Von Riga nach London: Eine ungewöhnliche Reise

Alles begann in Riga. Inspiriert von ihrer Großmutter griff Ksenija Sidorova im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal zum Akkordeon. Was als kindliche Neugier begann, führte sie über den Unterricht bei Marija Gasele bis an die renommierte Royal Academy of Music in London. Dass sie sich dabei in einer vermeintlichen Männerdomäne bewegte, focht sie nie an: „Manche behaupten, das Akkordeon sei ein ‚männliches‘ Instrument. Das ist Quatsch! So wie viele Männer wundervoll Flöte spielen, ist das Akkordeon genauso gut für Frauen geeignet.“ Unter der Anleitung von Owen Murray räumte sie so ziemlich jeden Preis ab, den man als Ausnahmetalent gewinnen kann, von der Silbermedaille der Worshipful Company of Musicians bis hin zur Ernennung zum Fellow der Akademie im Jahr 2021. Die größten Auszeichnungen dürften die Konzerte etwa in der Carnegie Hall oder im Amsterdamer Concertgebouw sein.

„So wie viele Männer wundervoll Flöte spielen, ist das Akkordeon genauso gut für Frauen geeignet.“

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„Prophecy“: Eine baltische Offenbarung

Nun ist ihr neuestes Album „Prophecy“ beim Label Alpha Classics erschienen. Es ist eine Hommage an ihre Wurzeln und ein Gipfeltreffen der baltischen Elite. Gemeinsam mit dem Stardirigenten Paavo Järvi und dem Estonian Festival Orchestra hat sie in Pärnu in Estland ein Programm eingespielt, das die Grenzen des Machbaren verschiebt. Erkki-Sven Tüürs 2007 komponiertes Konzert mit dem Titel „Prophecy“ beschäftigt sich mit dem Konzept des Sehers, einer Person, welche die Zukunft sehen kann, aber oft von der Gesellschaft, in der sie lebt, verachtet wird. Es ist eine kraftvolle Metapher für eine Künstlerin, die Visionen klanglich Realität werden lässt. Das Konzert nutzt die gesamte Kraft und Bandbreite des Sinfonieorchesters in intensiver Verbindung mit der Solistin. „Es ist das technisch komplizierteste Werk, das ich je gespielt habe!”, sagt sie darüber. Das Konzert „Dances” hat ein weiterer estnischer Komponist, Tõnu Kõrvits, eigens für sie geschrieben. Es wurde 2024 in Pärnu uraufgeführt. Der Komponist wollte sich für das Werk ganz in die Akkordeonmusik vertiefen und lernte sogar, dieses Instrument zu spielen. Er vermochte ihm einige noch nie dagewesene Klänge zu entlocken. Mit „The Fruit of Silence“ von Pēteris Vasks wiederum bringt Sidorova die Musik eines lettischen Landsmanns zum Leuchten. Das Werk basiert auf Worten von Mutter Teresa und zeigt die meditative Seite ihres Instruments.

    Artist in Residence und Weltstar-Alltag

    Für die Akkordeonistin ist 2026 ein Jahr der Superlative. Als Artist in Residence beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) wird sie sich im Norden Deutschlands präsentieren. Als SHMF-Porträtkünstlerin kann sie in 18 Konzerten die gesamte Bandbreite ihres Könnens zeigen. Sie spielt dort Solorezitale, intime Kammermusikprogramme sowie große Orchesterprojekte. Das Highlight: Im Juli 2026 gelangt ein neues Konzert von Fazıl Say zur Weltpremiere, das der Musiker für sie komponiert hat. Ihre stilistische Vielfalt offenbart sich gleichermaßen beim Liederabend mit Bariton Benjamin Appl, der unter dem Motto „Lieder eines Lebens“ Stücke von Beethoven über Schubert bis zu Simon & Garfunkel verknüpft. Sidorova sprengt bewusst Genregrenzen: „Ich stehe voll und ganz zur doppelten Natur des Akkordeons und finde es großartig, dass es einerseits Wurzeln in der Volksmusik hat – die Tangos von Astor Piazzolla zählen beispielsweise unumstößlich zu meinem Repertoire –, man andererseits darauf aber auch Bach und Zeitgenössisches spielen kann.“ In Pietro Roffis Bearbeitung von Bachs Goldberg-Variationen für zwei Akkordeons zeigt sie die grenzenlose Ausdruckskraft ihres Instruments. Als weitere musikalische Partnerinnen und Partner hat sie etwa den Mandolinisten Avi Avital, das Goldmund Quartett, den Gitarristen Miloš und das SIGNUM saxophone quartet eingeladen, mit denen sie das Akkordeon immer wieder neu erfindet und ihm den Platz im Rampenlicht gibt, der seinem einzigartigen Klang gerecht wird. 

      „Musik bereichert unser Leben, sie erdet uns und schenkt Momente des Friedens in unserer instabilen Welt.“

      Kooperationen und innerer Kompass

      Sidorova beschränkt sich nie auf eine Nische. Ihr Terminkalender liest sich wie ein globales Who is Who der Klassik: Nach Auftritten mit den Münchner Philharmonikern und bei der Last Night of the Proms tourt sie mit dem Chicago Symphony Orchestra und dem Toronto Symphony Orchestra. Und ob mit Avi Avital oder Sängern wie Thomas Hampson, mit dem sie 2026 Schuberts Winterreise in London und Zürich neu interpretiert, die Akkordeonistin ist eine Teamplayerin par excellence. Der unmittelbare Austausch mit dem Publikum ist ihr eine Herzensangelegenheit: „Ich freue mich sehr darauf, bei Konzerten Akkordeonliebhaber zu treffen, und zwar nicht nur die Profis, sondern auch diejenigen, die vielleicht sagen: ‚Du hast mich inspiriert, mein Instrument nach 30 Jahren wieder hervorzuholen.‘ Musik bereichert unser Leben, sie erdet uns und schenkt Momente des Friedens in unserer instabilen Welt.“ Trotz der Erfolge in der Carnegie Hall oder im Amsterdamer Concertgebouw bleibt der Kern ihrer Arbeit das „Atmen“ mit dem Instrument. Sie entscheidet nach einem inneren Kompass, der sie von Bach über Piazzolla bis hin zu zeitgenössischen Uraufführungen lotst. Ist es Zufall, dass einem bei den Rollen „Mum, Wife, Musician“ sofort das Wort „Liebe“ einfällt? Wahrscheinlich nicht. Denn wer die Akkordeonistin spielen hört, spürt, dass hier nicht nur Tasten gedrückt werden, sondern ein Herzschlag in Töne übersetzt wird. Das Akkordeon ist endlich angekommen, wo es hingehört, in der ersten Reihe der Weltbühne.

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      Aufmacher:
      Ksenija Sidorova

      Foto: Benne Ochs

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