akkordeon.online präsentiert Akkordeonale 2026
Adriana de los Santos ist eine stolze Gaucha. Sie gehört zu den markantesten Akkordeonstimmen Südbrasiliens. Verwurzelt in der traditionellen Musik des Bundesstaates Rio Grande do Sul, verbindet sie die Kraft der regionalen Rhythmen mit zeitgenössischer Energie, Rockattitüde und einer starken künstlerischen Persönlichkeit. Ihr Instrument ist die Gaita, wie das Akkordeon im Süden Brasiliens genannt wird.
Text: Alex de Almeida; Fotos: Lucas Nunes
Ihre musikalische Laufbahn begann 1991. Auf Anregung ihres Vaters nahm Adriana de los Santos Unterricht bei Professor Sadi Cardoso und entdeckte schon als Kind in der Gaita-ponto, einem diatonischen Knopfakkordeon mit acht Bässen, weit mehr als nur ein Instrument. Für sie war es eine Ausdrucksform, die ihre tiefe Verbindung zur Musik ihrer Heimat nachhaltig prägen sollte. Bereits 1992 nahm sie an Wettbewerben für Gaita-Ponto teil und machte schnell durch Technik, Interpretation und musikalische Sensibilität auf sich aufmerksam. Diese frühen Bühnenerfahrungen legten den Grundstein für eine professionelle Laufbahn und etablierten sie als Gaiteira (deutsch: Akkordeonspielerin) in einer traditionsreichen, allerdings stark männerdominierten Musikszene.
Klang zwischen Tradition und Gegenwart
Rio Grande do Sul ist geprägt von der Gaucho-Kultur, einer südamerikanischen Reiter- und Hirtenkultur, vergleichbar mit den Cowboys Nordamerikas. Sie spiegelt sich nicht nur in Musik und Tanz wider, sondern auch in Kleidung (u.a. Bombacha-Hose, Hut), Lebensstil und einem starken Gemeinschaftsgefühl. Diese kulturelle Identität ist zentral für de los Santos‘ Musik, dabei jedoch nie museal. 2014 erhielt sie den renommierten Prêmio Vitor Mateus Teixeira als Beste Instrumentalistin, verliehen vom Parlament des Bundesstaates. Diese Auszeichnung festigte ihren Platz unter den führenden Musiker:innen der Region.
„Es brauchte Entschlossenheit, Mut und Ausdauer. Jedes Hindernis wurde zu einer Motivation, meinen eigenen Weg zu gehen.“
Ihre musikalische Identität beschreibt de los Santos als energiegeladen, authentisch und offen. Eigenkompositionen treffen auf lateinamerikanische Klassiker. Sie werden getragen von Rhythmen wie Vanera, Chamamé, Milonga und Chamarra aus der Musikkultur Südbrasiliens, Argentiniens und Uruguays. Dazu kommt eine ordentliche Prise Rock. „Ich ehre die Tradition, die mich geprägt hat, und suche gleichzeitig neue Wege, um die Kraft der Gaita lebendig zu halten“, stellt die Musikerin fest. Mit diesem Ansatz erreicht sie nicht nur das klassische Publikum der regionalen Musik, sondern auch ein jüngeres, urbanes und alternatives Publikum.
Herausforderungen und Sichtbarkeit
Der Weg war nicht frei von Widerständen. Die traditionelle Musikszene im Süden Brasiliens ist bis heute überwiegend männlich geprägt. Vorurteile, offen oder subtil, begleiteten ihren Werdegang. „Es brauchte Entschlossenheit, Mut und Ausdauer“, so die Akkordeonistin. „Jedes Hindernis wurde zu einer Motivation, meinen eigenen Weg zu gehen.“ Zu ihren wichtigsten Erfolgen zählen neben nationalen Auszeichnungen auch internationale Auftritte, etwa als Vertreterin Brasiliens bei der Fiesta Nacional del Chamamé in Argentinien und als erste Gaucha, die ihre Kultur mit dem Akkordeonale-Festival 2014 in zahlreiche europäische Städte brachte. Der aus Argentinien stammende traditionelle Musikstil Chamamé, der in Südbrasilien tief verwurzelt ist, wurde 2020 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. De los Santos selbst hat daran auf internationaler Ebene mitgewirkt. Im April und Mai 2026 kehrt sie nun erneut als Botschafterin dieser Musik zur Akkordeonale nach Europa zurück.
Ihre Beziehung zur Bühne beschreibt die Künstlerin als intensiv und emotional. Nervosität gehört für sie bis heute dazu „wie ein erstes Verliebtsein“, wie sie es selbst formuliert. Doch sobald die Musik fließt, entsteht eine besondere Verbindung mit dem Publikum. Anfangs sorgt ihr Auftreten oft für Überraschung: eine Frau, schlank, nicht groß, mit kraftvollem Akkordeonspiel, Rockenergie und traditionellem Gaucho-Outfit. Doch meist folgen darauf schnell Begeisterung, Bewegung und Tanz vor der Bühne. Unvergessen bleiben für de los Santos Auftritte wie im argentinischen Corrientes, wo das Publikum bei der Fiesta Nacional del Chamamé regelrecht mit der Musik vibrierte, oder Konzerte in ihrer Heimatstadt Guaíba, eingerahmt von Nähe, Gesang und Umarmungen.
Kultur über Grenzen tragen
Die internationale Repräsentation der Gaucho-Kultur hat auch de los Santos Arbeit in Brasilien selbst verändert. Begegnungen mit anderen Spielweisen, Kulturen und Publikumsformen, besonders in Europa, erweiterten ihren künstlerischen Horizont. „Die Akkordeonale hat mir gezeigt, wie vielfältig dieses Instrument weltweit gespielt wird“, erinnert sich die Musikerin an ihre erste Teilnahme an dem Festival. Bei jeder Aufführung versteht sie Musik als Brücke zwischen Kulturen, Generationen und Lebenswelten.
„Wir spielen nicht nur Instrumente, wir berühren Menschen.“
Für 2026 plant die Künstlerin neue instrumentale Eigenkompositionen sowie Lieder mit Text für ihre Tanzband Adriana de los Santos & Grupo Dê-lhe Fole. Kollaborationen mit Künstler:innen, die sie bewundert, stehen gleichermaßen im Fokus wie ihr Engagement für Geschlechtergerechtigkeit in der Musikszene. „Viele Vorurteile entstehen eher bei Produzenten und Veranstaltern als unter Musiker:innen“, sagt sie darüber. Gleichzeitig betont sie die Bedeutung respektvoller Zusammenarbeit, unabhängig vom Geschlecht.
Ritual, Balance und Menschlichkeit
Vor jedem Auftritt zieht sich die Musikerin kurz zurück, betet und konzentriert sich. Musik versteht sie als etwas Göttliches, als die Aufgabe, nicht nur die Ohren, sondern die Herzen der Menschen zu erreichen. Dabei bleibt die Balance zwischen Karriere und Privatleben eine Herausforderung. Besonders die Distanz zu ihrer Mutter empfindet sie als schwierig. Umso bewusster genießt sie gemeinsame Zeit, wann immer es möglich ist.
Ein Stück darf in keinem Konzert fehlen: „Asa Branca“, ein Klassiker der brasilianischen Musik von Luiz Gonzaga. Selbst in überwiegend instrumentalen Programmen lädt de los Santos ihr Publikum zum Mitsingen ein. So entsteht ein Moment kollektiver Nähe, der jedes Konzert verbindet. Adriana de los Santos möchte als Künstlerin in Erinnerung bleiben, die ihr Leben dem Akkordeon und der Musik Südbrasiliens gewidmet hat. Als Frau, die Tradition weiterträgt, ohne stehenzubleiben. Und als Inspiration für neue Generationen, besonders für Mädchen, die ihren musikalischen Weg noch vor sich haben. Die Bedeutung der Musik fasst sie so in Worte: „Wir spielen nicht nur Instrumente, wir berühren Menschen.“
Kuriositäten über Adriana de los Santos
Lieblingsessen:
Churrasco, das traditionelle südbrasilianische Grillfleisch. In Rio Grande do Sul ist Churrasco weit mehr als ein Essen: Es ist ein soziales Ritual, bei dem Familie und Freunde zusammenkommen, Fleisch langsam über offenem Feuer gegrillt wird und Gemeinschaft im Mittelpunkt steht.
Lieblingssport:
Spazierengehen. Für Adriana ist es eine einfache, aber essentielle Art, den Kopf frei zu bekommen, den Körper in Bewegung zu halten und neue Energie für die Musik zu sammeln.
Lieblingsfußballmannschaft:
Sport Club Internacional aus Porto Alegre, einer der traditionsreichsten Fußballvereine Südbrasiliens und ein fester Bestandteil der regionalen Identität im Bundesstaat Rio Grande do Sul.
Kindheitstraum:
Schon als Kind wusste Adriana genau, was sie wollte: Musikerin werden. Andere Berufswünsche gab es nie, die Musik war von Anfang an ihr Weg.
Lieblingsfarbe:
Weiß. Eine Farbe, die sie mit Klarheit, Leichtigkeit und Offenheit verbindet, Eigenschaften, die sich auch in ihrer Bühnenpräsenz widerspiegeln.
Lieblingstier:
Der Hund. Für Adriana ein Symbol für Treue, Ehrlichkeit und bedingungslose Nähe. Diese Werte sind ihr im Leben und in der Musik gleichermaßen wichtig.
Aufmacher:
Veröffentlichungen und Mediales:
offizieller You-Tube Kanal mit Live-Auftritten und kompletten Shows (mehrere Uploads aus 2022–2024): https://www.youtube.com/@adrianadelossantos6667
offizielle Facebook- und Instagram-Profile mit Tourdaten und Eventankündigungen: https://www.facebook.com/adrianadelossantosoficial/







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