Balkanspiel auf dem Akkordeon (Teil 1)

Workshop für südosteuropäische Traditionals: Besondere Tonleitern

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2. Oktober 2022

Lesezeit: 5 Minute(n)

Workshop für südosteuropäische Traditionals: Besondere Tonleitern

Balkanspiel auf dem Akkordeon (Teil 1)

Herzlich Willkommen zu „Balkanspiel auf dem Akkordeon“. Hier findest du Tipps zu Übungen und zur Spielweise traditioneller südosteuropäischer Musik von mittelleicht bis mittelschwer. Traditionelle Musik aus Südosteuropa erfreut sich hierzulande großer Beliebtheit. Für Akkordeonisten birgt sie einen reichen Schatz, denn insbesondere Rhythmik, Ornamentik und Tonleitern stellen jeden Spieler vor neue Herausforderungen!

Workshopübersicht

Teil 1) Besondere Tonleitern
Teil 2) Verzierungen
Teil 3) Ungerade Taktarten
Teil 4) Improvisation/Doina

Über die Autorin

Ramona Kozma (Jg. 1982)

  • lebt und arbeitet in Bielefeld;
  • studierte Germanistik, Kunst & Musik sowie Pädagogik an der Universität Bielefeld;
  • ist seit 2008 freiberuflich als Musikerin (Akkordeon und Gesang) und Theaterpädagogin aktiv;
  • beschäftigt sich ebenso lang mit dem Akkordeon und der Musik Osteuropas (Klezmer, jiddische Musik und Balkantraditionals);
  • ist Teil von drei Bandprojekten, dem Kozma Orkestar (Brassbeats), dem Trio Picon (Global Tango) und der Bernardino Street Band (Jazz und Swing), zudem tritt sie solistisch au;f
  • organisiert seit 2019 die Musikveranstaltungen der Jüdischen Kulturtage Bielefeld;
  • gibt Privatunterricht (digital und analog), Workshops und Fortbildungen im Bereich Stimme, Rhythmus und Osteuropamusik.

https://ramonakozma.weebly.com/

Wo liegt der Balkan?

Die geografische Bezeichnung „Balkan“ wird oft synonym mit Südosteuropa verwendet und ist ein nicht ganz eindeutig definierter Begriff. Das Gebiet umfasst die Länder der Balkanhalbinsel, die wiederum ihren Namen vom Balkangebirge ableitet.

Zu seinen Ländern zählt man Bulgarien, Albanien, den Kosovo, Nordmazedonien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien. Darüber hinaus werden Teile Rumäniens, Sloweniens, der Türkei sowie Griechenland geografisch zum Balkan gezählt, wobei ihre Staatsgebiete über die Balkanhalbinsel hinausreichen und manche der Staaten sich selbst politisch wiederum den Balkanländern nicht zugehörig fühlen.


Bekannte Gruppen/Musiker

Zu den bekanntesten Vertretern der Balkanmusik zählen in Deutschland Gruppen wie die rumänische Brassband Fanfare Ciocarlia oder die Bulgarian Voices. Auch der Serbe Goran Bregovic hat mit seinen Soundtracks zu Emir-​Kusturica-​Filmen zur Popularität der Balkanmusik beigetragen. In den 1990er-​Jahren brachten DJs zudem „Balkanbeats“ in die Clubs, indem sie traditionelle Melodien mit Elektromusik verbanden. Man sollte nicht vergessen, dass all diese Vertreter tatsächlich jeweils nur einen kleinen Ausschnitt der Balkanmusik darstellen.

Balkanmusik – was ist das genau?

Streng genommen ist der Begriff „Balkanmusik“ recht ungenau. Wir finden nicht die Musik des Balkan. Sie ist so vielfältig wie seine Kulturen, Sprachen, Menschen und Länder. Von Land zu Land, aber auch regional gibt es stilistische Unterschiede, und diese gelten selbstverständlich auch für das Akkordeonspiel.

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Trotzdem hat sich der Begriff „Balkanmusik“ hierzulande etabliert. Und das nicht ganz zu Unrecht. In Abgrenzung zur westeuropäischen traditionellen Musik finden wir einige spezifische Charakteristika, die für westliche Ohren gleichermaßen fremd klingen und die man durchaus als Gemeinsamkeit der traditionellen Musik Südosteuropas bezeichnen kann. Ihnen zugrunde liegen drei große musikhistorische Einflüsse: die byzantinische Musik des Mittelalters, die griechische Volksmusik und die türkische Musik zu Zeiten des Osmanischen Reiches. Neben einem slawischen „Kern“ finden wir außerdem noch viele andere kulturelle Kräfte wie walachische, sephardische, mediterrane und die der Roma.

Das Akkordeon in der Balkanmusik

Das Akkordeon, das als junges Instrument erst im 19. Jahrhundert Einzug auf dem Balkan hielt, setzte sich bald als das Begleitinstrument in der Volksmusik durch und verdrängte viele traditionelle Instrumente (wie das Zymbal, Flöten und verschiedene Saiteninstrumente). Obwohl es heute wieder einen Aufschwung von traditionellen Besetzungen und Spielweisen gibt, ist das Akkordeon aus vielen Stilrichtungen nicht mehr wegzudenken. Dabei hat sich eine eigene Spielweise entwickelt, die von atemberaubendem Tempo, einer Vielzahl von Verzierungen und einem speziellen Sound geprägt ist und für dessen Beherrschung viele Jahre intensiven Studiums erforderlich sind.

Die folgenden vier Teile sollen einen ersten Einstieg in die Thematik bieten und die Neugierde wecken für dieses breite Musikfeld, dessen gesamte Bandbreite hier natürlich nicht dargestellt werden kann.

Viel Spaß beim Entdecken und Üben!

Teil 1 Besondere Tonleitern

Die phrygisch-​dominante Tonleiter – auch: Freygisch (jiddisch), Ahava Raba (hebräisch) oder Hijaz (türkisch)

Wie der Name schon verrät, lässt sich diese Tonleiter von der phrygischen Tonleiter (einer mittelalterlichen Kirchentonart, deren Ursprung wiederum ins antike Griechenland zurückreicht) herleiten. Dabei wird jedoch die dritte Stufe von der kleinen Mollterz zur großen Durterz erhöht.
(Statt zum Beispiel E, F, G, A, H, c, d, e spielen wir E, F, G#, A, H, c, d, e.)
Wir können die phrygisch-​dominante Tonleiter auch von der fünften Stufe einer Harmonisch-​Moll-​Tonleiter ableiten, doch das kann die funktionale Betrachtung der Akkorde durcheinanderbringen. Die Tonika bilden wir nämlich auf dem Grundton der phrygisch-​dominanten Tonleiter. (Im folgenden Beispiel ist das D-​Dur.) In der Harmonisch-​Moll-​Skala hätte dieser Akkord dagegen die Funktion der Dominanten (fünfte Stufe)!

Die Mi Sheberach-​Tonleiter (auch Mi schebberach oder Misheberakh geschrieben) oder Ukrainische Molltonleiter

Sie ist mit der phrygisch-​dominanten Tonleiter (siebte Stufe) und der Harmonisch-​Moll-​Tonleiter (vierte Stufe) verwandt. Ihre Tonika wird ebenfalls auf dem Grundton gebildet und ist immer in Moll. (Siehe ▶ Notenblatt 1 )

Das folgende Stück stammt aus Mazedonien. Sokol mi leta visoko bedeutet „Mein Falke fliegt hoch“. Im Lied wird die Perspektive eines Falken eingenommen, der hoch über einem Dorf fliegt, hoch über einem Garten, und doch eine winzig kleine Träne erblickt im Auge eines geliebten Mädchens, das dort den Hof fegt.

Das Stück steht in D-​phrygisch-​Dur. Wir sehen sofort, dass Gm und Cm, also die Grundakkorde der verwandten Tonarten, zusammen mit D-​Dur die Harmonien des Stücks bilden. Lasse diesen vielleicht ungewohnten Klangeindruck auf dich wirken!
Eine weitere Besonderheit des Stücks liegt in den eingeschobenen Takten bzw. dem Wechsel von Vierviertel zu Zweiviertel. Dies ist nötig, da im ersten Teil (dem Instrumentalteil) jede Phrase jeweils über 14 Viertelschläge geht (und nicht, wie wir es gewohnt sind, über 8 oder 16 Schläge).
In der Strophe haben wir dann jeweils Phrasen über 16 und 14 Schläge. Achte also auf die rhythmische Begleitung in der linken Hand! (Siehe ▶ Notenblatt 2 )

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