„Ein volles Herz“

Akkordeonale gestartet

21. April 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Eines der ersten Konzerte der derzeit bundesweit tourenden Akkordeonale ging am 11. April in Altenkirchen über die Bühne. Festivalmacher Servais Haanen und die eingeladenen Musikerinnen und Musiker sorgten dort solistisch und im Ensemble für so manches Highlight.
Text und Fotos: Michael A. Schmiedel

„Es ist ihr ein großes Bedürfnis, Menschen zusammenzubringen, Unterschiede als Stärke zu sehen, Räume für Feste und Freude zu schaffen und sich gegenseitig zu stärken.“ Dieser Satz könnte der Akkordeonale gelten, denn genau das ist es, was dort seit 18 Jahren geschieht: Musiker, meist mit Akkordeons, aber auch mit anderem, begegnen sich, lernen einander kennen, musizieren miteinander, bringen ihre jeweiligen Eigenarten ein, schätzen diese Vielfalt und bringen sie einem wachsenden Publikum zu Gehör, welches genau das anerkennt: Vielfalt rund um eine Instrumentenfamilie, die zusammenklingt. Dabei ist dieser Satz gar nicht der Akkordeonale gewidmet, sondern der westfranzösischen Akkordeonistin Zabou Guérin. Formuliert wird er vom niederländischen Akkordeonisten und Festivalmacher Servais Haanen, als er Guérin am Samstagabend, dem 11. April 2026 in der Stadthalle Altenkirchen vorstellt. Diese Anmoderation zeigt aber zugleich, welche Stimmung bei diesem ungewöhnlichen, tourenden Festival herrscht: Wertschätzung nicht nur der musikalischen Leistung, sondern gleichermaßen der Menschen, die dort mitwirken. Und diese Wertschätzung umfasst alle von den Musikern über die Tontechniker bis zu Gastgeber und Publikum.

Festivalmacher Servais Haanen

Die Stadthalle Altenkirchen im Westerwald lag von 2021 bis 2025 in einem Dornröschenschlaf. Inzwischen haben Helmut Nöllgen und sein Team vom Kulturbüro Felsenkeller sie renoviert, wobei derzeit noch nicht sicher ist, was ab 2027 daraus wird. Derzeit jedenfalls findet dort ein vielseitiges Kulturprogramm statt, darunter nun die zum siebten Mal in dem Ort gastierende Akkordeonale. Dieses Jahr ist für das Festival aus zwei Gründen besonders. Erstens kündigt Haanen an, dass es sein letztes Jahr als Leiter sei und er künftig selbst mit im Publikum sitzen werde. Mit 18 Jahren sei seine Akkordeonale alt genug, neue Wege zu gehen. Und zweitens spielen aus diesem Anlass erstmals nicht nur neue Musiker mit, sondern fast nur wiedereingeladene.

Maurizio Minardi, Dimos Vougioukas, Diogo Picão (v.l.)

Sie eröffnen das Konzert im Ensemble. Mit dabei: Der in Paris lebende Italiener Maurizio Minardi am chromatischen Akkordeon, der Grieche Dimos Vougioukas am Bandoneon, der Portugiese Diogo Picão am Sopransaxofon, Adriana de Los Santos aus Südbrasilien am chromatischen Akkordeon, Johanna Stein am Cello und Zabou Guérin am Bayan, „das fetteste und komplizierteste Teil aus der Akkordeonfamilie“, wie Haanen freimütig kommentiert. Er selbst mischt am diatonischen Akkordeon mit. „Ein volles Herz“ heißt das erste der insgesamt 18 Stücke des Abends und ist dem Publikum gewidmet. Es zeigt, worauf es hier ankommt: Akkordeons, Saxofon und Cello klingen nicht wie ein Instrument, sondern wie viele, jedes mit seiner eigenen Stimme, aber so, dass sie elegant harmonieren und einander auf vielfältige Art ergänzen. Im Lauf des Abends steht darüber hinaus jede Musikerin und jeder Musiker einzeln im Rampenlicht, präsentiert Stücke aus der jeweiligen traditionellen Musikkultur und aus dem individuellen Repertoire.

Johanna Stein, Zabou Guérin (v.l.)

So entführt Adriana de Los Santos in die ländliche Kultur der Gauchos in der südbrasilianischen Provinz Rio Grande do Sul an der Grenze zu Uruguay und Argentinien. In dieser traditionell männerdominierten Kultur wusste sie sich schon als kleines Mädchen durchzusetzen. Man kann sich vorstellen, wie die rustikalen Herdentreiber auf die wilde Musik tanzen. Dagegen erinnert „Agapemu“ („Liebe mich“) von Dimos Vougioukas an das Kirchenlied „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, als beschreibe es eine grundlegende spirituelle Liebe. Nach Haanens Anmoderation des Griechen hätte man womöglich etwas Wilderes erwarten können. Seine musikalische Tradition ist die des Rembetiko, also die der pontischen Griechen, die in den 1920ern aus der Türkei vertrieben wurden. Sie ist voller Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, hat aber auch fröhlichere Seiten vor allem aus der Zeit vor der Vertreibung. Da ist etwa das Stück über die Feste der Metzgergilde in Konstantinopel, das Vougioukas auf einer Schellackplatte von 1933 fand. Der studierte Pianist, Organist und Komponist Maurizio Minardi, der laut Moderation nur Akkordeon spielt, weil er vergeblich versucht habe, sein Klavier zu umarmen, spielt ein sehr wildes Stück namens „Anastasia“. Er hat es einem Menschen gewidmet, den er sehr liebt. Das muss eine wilde Liebe sein! Und: Laut Haanen hat er es schon fünf Mal umbenannt, weil er immer wieder einen neuen Menschen sehr liebt.

Adriana de Los Santos, Johanna Stein (v.l.)

Ein wundervoller Satz stammt von Diogo Picão: „Eile zu haben bedeutet, nicht ankommen zu können“. Haanen erklärt, dass sich Picão selbst nie beeile, damit er dort ankommt, wo er dann ist. Er ist Saxofonist, aber auch Singer-Songwriter und trägt ein schönes, etwas elegisches portugiesisches Lied vor, später eines, bei dem er sich perkussiv mit einer sandgefüllten Plastikflasche begleitet. Mit Perkussionsinstrumenten von Trommel bis Triangel hantieren auch Guérin und Haanen zwischendurch. Der Festivalmacher singt ebenfalls ein Lied, und zwar „Kilimandjaro“ von Pascal Danel aus dem Jahr 1966, das sein Vater einst in einem Second-Hand-Plattenladen in Ostende fand. Das erinnert ein wenig an Manfred Pohlmann, wenn dieser die Schlager seiner Kindheit singt. Für Akkordeonistin Guérin sind laut Haanen Freundschaft, Einfachheit und Solidarität wichtige Werte, außerdem das Meistern von Herausforderungen. Eine solche war es, auf Haanens und Kristine Talamo-Spiegels Wunsch ein Stück für die Akkordeonale zu komponieren. So skizzierte sie Harmonien, ersetzte sie, ergänzte Rhythmen, ersetzte die Harmonien erneut, bis am Ende von der ersten Idee nichts mehr übrig war. Übrig blieb Widerstandsfähigkeit, und so heißt das Stück „Résilience“.

Seine letzte Akkordeonale: Servais Haanen

Guérin und Cellistin Stein sorgen als Duo mit ihrem spannungsgeladenen und zugleich sehr harmonischen Zusammenspiel für einige Highlights. Stein war schon so oft beim Festival, dass dem Leiter kaum noch etwas Neues einfällt, was er bei der Anmoderation über sie sagen kann. Es war schon immer Teil des Programms, ein oder zwei Nicht-Akkordeonisten dabei zu haben. Bis auf wenige Ausnahmejahre war eine davon Johanna Stein aus der Eifel, nicht weit von Köln. Dort hat sie drei Eichhörnchen namens Hinz, Kunz und Friedolin im Garten, denen sie eines der Stücke des Abends widmet: „Crunchy Nut“. Sie spielt es mit Zabou Guérin. Seit sich die beiden Musikerinnen bei einer früheren Akkordeonale angefreundet haben, spielen sie auch sonst öfter in ihrem Duo Garlic Melon zusammen. Den Schriftzug „Diterili“ wiederum entdeckte Haanen einst in Italien auf eine Betonwand gesprüht und dachte, das sei doch ein geeigneter Name für ein Stück, das er an diesem Abend ebenfalls präsentiert.

Helmut Nöllgen, Kristine Talamo-Spiegel, Servais Haanen (v.l.): Abschied mit einem Quiz

So finden 18 Jahre einen würdigen Abschluss. Helmut Nöllgen blickt auf sieben Jahre in Altenkirchen zurück und erinnert angesichts der vollen Halle an das kleine zweistellige Publikum beim ersten dortigen Konzert. Er verabschiedet Haanen und Talamo-Spiegel mit einem Quiz. Für jede richtig beantwortete Frage gibt es eine Flasche Moselwein, die an die Musikerinnen und Musiker verteilt wird. Eine Frage ist etwa, wo das Bandoneon erfunden worden sei. Haanen kennt die Antwort: In Deutschland, nicht etwa in Argentinien. Insgesamt ist das Akkordeon eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, machte damals Instrumenten wie Drehleier, Sackpfeife und Geige Konkurrenz und teilt heute mit diesen das Schicksal, für viele etwas altmodisch zu klingen. Dass das nicht so sein muss, beweist die Akkordeonale seit 18 Jahren und wird das weiterhin tun, dann geleitet von Brasilianer Alex de Almeida. Haanen ist überzeugt, dass dieser sein Festival in seinem Sinne fortsetzen wird. Er werde es aber anders machen, ergänzt Talamo-Spiegel, denn Servais sei natürlich unersetzbar. Seine Kompositionen und Moderationen, aber auch Talamo-Spiegels herzliche Art mit Musikern, Publikum und Journalisten umzugehen, waren sozusagen das Sahnehäubchen beim Festival. Sie hinterlassen große Fußstapfen.     

Website mit weiteren Tourdaten:

www.akkordeonale.de

Das diesjährige Ensemble: Maurizio Minardi, Dimos Vougioukas, Diogo Picão, Adriana de Los Santos, Johanna Stein, Zabou Guérin, Servais Haanen (v.l.)

Foto: Michael A. Schmiedel

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L