Forró de KA

Brasilianische Sounds

ao+

20. Dezember 2022

Lesezeit: 5 Minute(n)

Der Boden bebt, Körper schwingen in Ekstase, Menschen voller positiver Energie und tropischer Rhythmen. Hochdosierte, ansteckende Freude – das ist die Band Forró de KA: fünf südamerikanische Musiker mit unterschiedlichen musikalischen Hintergründen, die sich in Deutschland zusammengefunden haben, um gute Laune zu verbreiten. Ihr unverwechselbarer Sound kennt keine Grenzen. In ihrer Musik verschmelzen Kulturen, Sprachen und Rhythmen zu einer einzigartigen Mischung, von traditionellem brasilianischem Forró bis hin zu Reggae, Jazz, Rock, Tango und mehr. Für alle Ohren, Herzen und Hüften.
Interview: Andrea Iven; Fotos Archiv, Aufmacherfoto: Paul Needham

Im Jahr 2017 veröffentlichte die Band ihr erstes Album Revolution, und seitdem tourt sie durch Festivals in ganz Europa – im Herzen brasilianisch und weltoffen. Wir sprachen mit Alex de Almeida, dem Akkordeonisten der Band.

  • Was hat dich zur Musik oder die Musik zu dir gebracht?

Ich war früher immer in Fußball verliebt, und Musik war für mich nur zweite Liga. Mit neun Jahren bekam ich ein Keyboard als Geschenk und erhielt sogar drei Monate lang Keyboard-​Unterricht, aber das Notenlesen und die Unterrichtsmethodik haben für mich das Spielen uninteressant gemacht – am liebsten wollte ich nur improvisieren.

Als ich 14 Jahre alt war, spielte ich Keyboard in der Kirche und musste die Pfarrerin begleiten. Zwei Jahre später gründete ich mit ein paar Mitschülern eine christliche Hardrock-​Band. Ab dem Zeitpunkt spielte ich in vielen Bands, ich tourte in ganz Südamerika als Rock-​Keyboarder und arbeitete mit einem E-​Musik-​Orchester zusammen. Das war ein Genuss!
Kontakt oder Zugang zu einem Akkordeon hatte ich erst mit 23 Jahren. Interesse an diesem Instrument hatte ich zwar schon früher, aber ich konnte es mir nie leisten. Im Jahr 2010 war ich dann auf der Hochzeit von unserem Sänger Caramuru in Deutschland eingeladen. Als ich auf der Hochzeitsfeier in Ittlingen ankam, wartete auf mich eine Überraschung unter dem Bett: ein Akkordeon-​Koffer! Als ich ihn aufmachte, lachte mich ein Hohner Atlantic IV an, was für einen Traum! Auf diesem ausgeliehenen Akkordeon habe ich innerhalb von drei Monaten acht Lieder komponiert. Wie immer musste ich mir aus Geldmangel alles selber beibringen, so gut wie es ging. Nach diesen drei Monaten Erfahrung in Deutschland bin ich wieder in meine Heimat Brasilien zurückgekehrt und hatte dort nichts mehr mit dem Akkordeon zu tun, habe es weder gehört noch gespielt.
Drei lange Jahre später habe ich mich dann dazu entschlossen, endgültig nach Deutschland auszuwandern. Als ich im Januar 2013 nach Karlsruhe gezogen bin, existierte bereits Forró de KA, aber ohne einen Akkordeonisten. Forró ohne Akkordeon – das geht gar nicht! Nun kam endlich der Mann dafür – ich also! So musste ich mit einem ausgeliehenen Akkordeon Forró von Null an lernen, und zwar nicht nur die Musik, sondern auch den Tanz. Ab dann fing ein neues Kapitel in meinem Leben an: Forrozeiro und Akkordeonist in Deutschland!

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  • Wer oder was hat dich als Musiker am nachhaltigsten beziehungsweise deinen individuellen Stil geprägt?

Ich habe ja als Keyboarder und Pianist mit der Musik angefangen, meine größten Inspirationen waren Jordan Rudess von Dream Theater und Jon Lord von Deep Purple. Als Akkordeonist lasse ich mich sehr von Dominguinhos und Oswaldinho inspirieren. Dominguinhos ist meiner Meinung nach die Perfektion als Akkordeonist. Ihn konnte ich leider nie kennenlernen, weil er schon tot war, als ich angefangen habe, Akkordeon zu spielen. Mit Oswaldinho konnte ich schon zusammen spielen, von ihm habe ich auch mein Hohner Akkordeon signieren lassen. Das hat mir viel Kraft gegeben. In meiner Karriere war auch extrem wichtig, dass ich am Hohner Konservatorium war und Hans Günter Kölz als Lehrer hatte. Durch ihn habe ich vieles gelernt. Dafür werde ich für immer dankbar sein.

  • Wie kam es zu Forró de KA? Und wer ist Forró de KA?

Der Sängers Caramuru hatte den großen Wunsch, eine Forró-​Band in Deutschland zu gründen. Durch einen Zufall lernte er den Flötisten Vitor Diniz – ebenso aus dem Nordosten Brasiliens – in Karlsruhe kennen. Damit war alles klar, denn beide teilten die gleiche Leidenschaft für Forró. Mit der Musik konnten sie einen Teil ihrer Heimat nach Deutschland holen. Im Jahr 2013 kam ich dann nach Deutschland, um ein Teil davon zu sein. Ich habe dafür ein neues Instrument lernen müssen, nämlich das Akkordeon, was aber für mich kein Problem war.

Die Band hatte verschiedene Besetzungen im Lauf ihrer Geschichte; erst 2015 wurde dann die Hauptformation festgelegt mit den Musikern Johann Ahl am Bass und Mario Maradei an der Zabumba (Basstrommel). Im Jahr 2022 kam noch der Drummer Michael Mischl dazu, um die Rhythmen noch rockiger zu machen.

  • Was verbindet euch musikalisch und menschlich?

Wir haben etwas, was viele sich wünschen. Wir sind alle eng miteinander befreundet und teilen außerdem die Leidenschaft für die brasilianische Musik, insbesondere Forró. Außerdem haben wir dieselbe Vorstellung, dass die Musik eine Mischung aus Spaß und Arbeit ist. Das bringt uns zusammen und immer weiter auf diesem Weg. Dieselbe Sprache und die gemeinsame Liebe für die Musik macht diesen Knoten noch fester.

  • Wenn ihr euch einen ganz bestimmten Ort für ein Konzert wünschen könntet, welcher wäre das und warum?

Da es niemand von Forró de KA geschafft hat, den Traum jedes Brasilianers zu erfüllen und Fußballprofi zu werden, trösten wir uns mit der Idee, irgendwann in einem Fußballstadion spielen zu dürfen! (Tatsächlich haben wir schon zweimal in Aachen in einem Fußballstadion gespielt, aber nie auf dem Feld …)

  • Woraus schöpft ihr eure Inspiration?

Der Alltag und das Leben bringen selbst schon viel Inspirierendes mit sich. Aber als Zuwanderer denke ich, dass eine große Inspirationsquelle die Sehnsucht ist – nicht so sehr nach dem Heimatland, das man verlassen hat, sondern nach der Familie, die man nur selten besuchen kann. Die Texte handeln hauptsächlich von der Liebe, der Sehnsucht und von Geschichten aus dem Alltag.

  • Welche Rolle spielt das Akkordeon?

Das Akkordeon ist der Mittelpunkt, das Hauptinstrument: Was die E-​Gitarre für eine Rockband ist, ist das Akkordeon für eine Forró-​Band. Der Akkordeonist trägt die größte Verantwortung, da er nicht nur alle Harmonien (Akkorde, Kadenzen) von den Liedern beherrschen muss, sondern auch Rhythmen, Melodien und auch Gesang. Eine harte Arbeit, da der Akkordeonist auch fast nur im Stehen spielen muss. Ohne zu vergessen, dass tanzen auf der Bühne auch manchmal (oder fast immer) gefordert wird!

  • Wohin führt der aktuelle Weg? Was plant ihr für die Zukunft?

Wir haben vor, unser zweites Album aufzunehmen. Die Kompositionen und Arrangements sind so gut wie fertig, leider hat bisher nur die Zeit dafür gefehlt. Alle neuen Lieder haben wir schon live gespielt, und sie kommen gut an. Für die Zukunft planen wir eine Spielpause für das Jahr 2023, damit wir uns auf das neue Album fokussieren können und uns auch neu inspirieren lassen können. In den zehn Jahren, die es uns gibt, sind wir von Lissabon bis Novosibirsk fast überall gewesen – jetzt ist der Moment, unsere Akkus wieder aufzuladen und davon zu träumen, wieder mit ganzem Herzen unsere Musik auf die Bühne zu bringen.

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