akkordeon.online präsentiert Akkordeonale 2026
Die französische Akkordeonistin Zabou Guérin spielt ihr Instrument schon seit sie ein Mädchen war. In einem schriftlichen Interview berichtet sie von ihren Anfängen, ihrem bisherigen künstlerischen Weg und ihrer Begeisterung für das Bayan, das sie ebenfalls seit Jahren spielt.
Interview und Text: Wolfgang Weitzdörfer
- Zabou, bitte erzählen Sie ein wenig über sich!
Ich bin in der kleinen, mittelalterlichen Stadt Parthenay in Westfrankreich aufgewachsen. Bereits als Kind habe ich dort eine Menge unterschiedliche Festivals erlebt, Theater, traditionelle Musik, Jazz, Spiele, Tanz und viele mehr. Ich war also immer schon von Kultur umgeben. Heute lebe ich in Poitiers, das ist ebenfalls eine mittelalterliche Stadt, nicht zu groß und bekannt für Eleonore von Aquitanien. Hier kann ich alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Poitiers ist eine ziemlich grüne Stadt, ich liebe es hier, vor allem auch mit den Wäldern in der Umgebung. Und die Energie der Menschen hier ist toll! Es gibt jede Menge Musiker, Amateure und Profis, die sich oft einfach so zum Spielen in einer Bar oder bei jemandem zu Hause treffen. Einfach so aus Spaß! Es gibt ganz intime Konzerte in La Grotte à Pineau (Anm. d. Red.: eine Felshöhle), außerdem haben wir regelmäßige Tanzveranstaltungen in unserer Kletterhalle. Natürlich finden auch große Konzerte statt. Ich liebe diese Vielfalt hier!
„Ich habe immer gewusst, dass Musik nicht aus dem Radio kommt, sondern von Menschen gemacht wird.“
- Sie haben sich mal als „geborene Akkordeonspielerin“ bezeichnet. Was ist Ihre erste Erinnerung an das Instrument?
Oh, daran kann ich mich kaum erinnern. Aber es gibt ein Foto von mir, auf dem ich das Akkordeon mit Michel Godard spiele, einem französischen Klassik- und Jazzmusiker, der gerade die Tuba bläst. Damals muss ich wohl sieben oder acht Jahre gewesen sein und habe hinter dem Instrument so klein gewirkt… Das war im Restaurant meiner Eltern. Ich schaue ganz konzentriert auf meine Noten, Michel Godard ist hinter mir und liest mit, um mich mit der Tuba zu begleiten. Das Foto ist ein liebgewonnenes Souvenir für mich, selbst wenn ich mich daran nicht wirklich erinnern kann. Wie ich überhaupt wenige Erinnerungen an meine Kindheit habe.
- Kommen Sie aus einer musikalischen Familie?
Nicht wirklich. Nur meine Mutter spielte als Hobby Akkordeon. Das hat sich durch ihr Leben gezogen. Als Teenagerin hat sie mit anderen bei Akkordeonveranstaltungen mit Tanz gespielt, später, als sie in Paris lebte, zusammen mit Musikern aus der Auvergne deren Folklore. Als sie in Parthenay ein Restaurant gekauft hat, spielte sie immer wieder am Ende des langen Tages, um die Gäste dazu zu bringen, zu singen und zu tanzen. Ich bin mit den ganzen Festivals in meiner Heimatstadt aufgewachsen. Es gab so viele und ganz unterschiedliche Musiker, die ihre Abende im Restaurant meiner Eltern haben ausklingen lassen. Dann wurde gemeinsam bis in die Nacht hinein musiziert. Insofern habe ich immer gewusst, dass Musik nicht aus dem Radio kommt, sondern von Menschen gemacht wird.
- Das Akkordeon ist ein typisch französisches Instrument. Stimmt das oder ist es ein Klischee? Oder ein wahres Klischee?
Nicht unbedingt das Akkordeon selbst ist typisch französisch, aber die Akkordeonmusette. Besonders typisch ist diese Musik für Paris. Die Leute aus der Auvergne, die in Paris auf Italiener trafen, haben sie erfunden. Die Auvergnats de Paris, wie sie genannt wurden, hatten ein traditionelles Intrument aus ihrer Region mit in die Hauptstadt gebracht: die Cabrette, eine Art kleinen, gelben Dudelsack, den sie als „la musette“ bezeichneten. Damit schafften sie es sehr erfolgreich, die Menschen zum Tanzen zu bringen. Dann kamen zum Ende des 19. Jahrhunderts viele Italiener nach Paris und brachten das Akkordeon mit. Die beiden Gruppen fanden zusammen und musizierten gemeinsam. Die Musette entstand, genauso wie die Akkordeonmusette. Das Instrument und der Stil waren so etwas wie ein Symbol für das Paris der 1920er bis 1950er Jahre. Und später hat sich das ein wenig verselbstständigt, das Akkordeon war gleichzusetzen mit Musette. Letztlich ist das Akkordeon so typisch für ganz viele unterschiedliche Weltregionen und Musikstile. Ich bin mit der Akkordeonmusette aufgewachsen, aber heute spiele ich ein Bayan, ein typisch russisches Akkordeon.
„Manchmal komponiere ich gerne, ich mag das Arrangieren sehr. Aber was ich wirklich liebe, ist das Spielen!“
- Haben Sie sich das Akkordeon ausgesucht oder war es andersrum?
Weder noch, es war keine wirkliche Wahl. Ich mochte das Akkordeon damals gar nicht so, allerdings wollte ich Musik machen. Meine Eltern haben mir das Instrument gegeben und das war’s… Ich habe mir das Bayan ausgesucht, als ich es fand. Es war eine Art Akkordeon, also war es für meine Eltern in Ordnung.
- Was fasziniert Sie so am Bayan?
Es ist groß, stark, eindrucksvoll! Es hat einen sehr warmen Klang, der Bass ist enorm tief und es hat viele Register. Dass man auf der linken Seite mit nur einem Knopfdruck vom Standardbass zum frei spielbaren Bass wechseln kann, ist unglaublich. Das Instrument ist voller sehr präziser Mechanismen. Ich frage mich oft, wie man so etwas erfinden konnte.
- Wie wichtig ist Ihnen Kreativität?
Nicht wirklich wichtig, ehrlich gesagt. Manchmal komponiere ich gerne, ich mag das Arrangieren sehr. Aber was ich wirklich liebe, ist das Spielen!
- Wie wichtig ist es für Sie, international auftreten zu können?
Gar nicht mal so sehr. Ich meine, es ist toll, eine große Chance für mich. Und es ist immer belohnend, vor neuen Menschen zu spielen und andere Spielweisen kennenzulernen. Ich lerne auf diese Art andere Genres und Kulturen kennen. Dafür werde ich immer dankbar sein. Doch genauso wichtig ist es für mich, in der Nähe meiner Heimat zu spielen, in den kleinen Clubs, nahe an den Menschen. Es gibt eine Sache, die mir besonders wichtig ist: Ich will besondere Momente teilen.
- Spielen Sie lieber alleine oder im Ensemble?
Beides, das hält sich die Waage. Man spielt unterschiedlich, man fühlt sich anders. Solo zu spielen ist sehr introspektiv, man hat alles in der Hand, den Kontakt mit dem Publikum, mit dem man „spielen“ kann, aber genauso das Tempo, die Spannung, die Stille. Man hat die vollständige Kontrolle. Im Ensemble ist man Teil von etwas Größerem, was ebenfalls belohnend ist. Man hört vielleicht nicht immer jeden Musiker heraus, doch würde einer fehlen, wäre es nicht das Gleiche. Manchmal ist das wie ein Teamsport: Du fokussierst dich auf deinen eigenen Part, aber die anderen sind ja auch da, spielen, sind bereit auf dich zu reagieren, dir zu folgen, dir zu antworten…
Website: https://zabouguerin.wixsite.com/site








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