Als Dozent hat Frédéric Deschamps schon junge Akkordeonistinnen und Akkordeonisten aus aller Welt auf den Weg gebracht. Dabei sollte er ursprünglich Tierarzt werden. Inspiriert vom Akkordeon und seinen musikalischen Möglichkeiten beendete er bald sein tiermedizinisches Studium und ließ sich am renommierten Centre National et International de Musique et d’Accordéon Jacques Mornet unterrichten. Im Jahr 1992 mischte er als 22-jähriger die Wettbewerbswelt auf und gewann den Coupe Mondiale, die Trophée Mondial und den Klingenthal Wettbewerb. Bevor er anfing, sein Wissen und seine Erfahrung weiterzugeben, stand er selbst oft als Solist und im Ensemble auf der Bühne. Ikonen des Chanson wie Charles Trenet und Francis Lemarque zählten zu seinen sehr unterschiedlichen Kooperationspartnern. Als Juror hat er in allen großen Akkordeonwettbewerben mitgewirkt und ist seit 2005 Präsident der Confédération Mondiale de l’Accordéon (CMA), die jedes Jahr den Trophée Mondial auslobt. Bei aller Liebe zur Musik ist ihm doch die Begeisterung für Pferde geblieben, und so frönt er neben dem Handzuginstrument oft dem Reitsport.
Interview und Text: Christina M. Bauer
Im ländlichen La Selle-sur-le-Bied im französischen Département Loiret findet sich Frédéric Deschamps für ein Videointerview vor seinem Computer ein. Obwohl er für Konzertreisen und Master Classes in aller Welt gewesen ist, bringt er auch sonst oft das Musikalische mit dem Digitalen zusammen. Seit der Covidpandemie finden Teile des wesentlich von ihm als CMA-Präsident verantworteten Wettbewerb Trophée Mondial online statt und schon viele Jahre vorher entdeckte er das Internet als Ort etwa für Master Classes. Zu den unzähligen Teilnehmern seiner Kurse, Workshops und Master Classes zählten Grayson Masefield aus Neuseeland, Petar Marić aus Serbien und der Italiener Pietro Adragna. Im Interview gibt der gefragte Akkordeonist und Dozent Einblicke in seine musikalischen Anfänge, seine Sicht der heutigen Szene und einige essentielle Aspekte von Spieltechnik, Phrasierung und Klanggestaltung am Akkordeon.
- Wie kam das Akkordeon in dein Leben und wie wurde es so ein wichtiger Teil davon?
Es war nicht vorgesehen, dass ich Musiker werde. Das war ein Versehen. Es gibt keine Musiker in meiner Familie. Ich sollte Tierarzt werden und studierte das. Doch dann war da dieses Geschenk meiner Mutter an meine Großmutter. Mein Großvater starb als ich elf war. Er brachte mir bei, zu tanzen zur Musette und wie man mit dieser ganzen Tradition der Musette umging. Er wollte, dass ich Akkordeon spiele. Unglücklicherweise starb er vorher. Nun wollte aber meine Mutter, dass ich Akkordeon lerne und zu Weihnachten etwas für meine Großmutter spiele. Es war allerdings nur ein Hobby für mich und ich war elf, also war das nicht so spannend. Ich entdeckte das Akkordeon wieder, als ich etwa 18, 19 Jahre alt war. Da war der Coupe Mondiale in der Schweiz. Ich hörte Mika Väyrynen spielen und war begeistert von Gubaidulina. Stell dir vor, von der französischen Musette zu Gubaidulina. Ich ging durch den Raum und ich erinnere mich, dass ich weinte, wegen dieses Sounds und dieses Künstlers. Also beschloss ich, meine tiermedizinischen Studien zu beenden und für ein Jahr zur Musik zu wechseln, um das zu versuchen.
„Wenn wir mit dem Akkordeon anfangen, sollten wir uns um die Luft kümmern, nicht um die Tasten.“
- Wohin bist du gegangen, um Musik zu studieren?
Ich war an der Jacques Mornet School. Ich komme aus Nizza, mein Vater arbeitete in Monaco und war gut befreundet mit dem Vater von Christine Rossi. Sie ist eine der Akkordeonistinnen, die eine große internationale Karriere gemacht haben. Mein Vater sprach mit ihrem Vater und der sagte: „Meine Tochter geht dorthin, da ist es gut.“ Ich ging eineinhalb Jahre hin und übte schon wie verrückt, zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden am Tag, sogar am Samstag, nur nicht am Sonntag. Ich gewann 1992 alle Wettbewerbe und fing meine Karriere an. Ich spielte sieben Jahre Konzerte und fing schließlich an, ein wenig zu unterrichten. Da bin ich, aber immer noch mit Pferden.
- Du hast damals den Coupe Mondiale, den Wettbewerb in Klingenthal und weitere große Akkordeonwettbewerbe gewonnen. Was bedeutet das für dich heute?
Ich denke, das war das erste Mal, dass jemand alle drei Wettbewerbe gewonnen hat, die immer noch die wichtigsten Wettbewerbe weltweit sind, also CIA (gemeint ist der Coupe Mondiale der Confédération Internationale des Accordéonistes, Anm. d. Red.), CMA (gemeint ist der Trophée Mondial der Confédération Mondiale de l’Accordéon, Anm. d. Red.) und Klingenthal, den es nun unglücklicherweise nicht mehr gibt. Das brachte mir also eine Menge Aufmerksamkeit ein. Gleichzeitig spielte ich ein Hohner Akkordeon. Sie hatten keine Gewinner an einem Hohner Akkordeon seit Ewigkeiten. Sie fragten mich wegen einem Sponsoring an und luden mich ein, in Frankreich Demos, Konzerte und Master Classes zu machen. Alles fing gleichzeitig an. Einige der Leute waren bei meiner Studioeinspielung und machten mein erstes Album. Im September, Oktober 1992 hatte ich nichts bis November. Dann gab es ein Treffen mit Hohner, und auf einmal hatte ich eine Menge Konzerte, Master Classes, ein Album, die offene Klasse am Konservatorium in Paris. Alles geschah nach diesen Wettbewerben. Deswegen bin ich weiterhin in dieser Wettbewerbswelt.
- Du hast viel unterrichtet an verschiedenen Konservatorien und weltweit Master Classes gegeben. Was sind für dich als Dozent die wichtigsten Aspekte, die du jungen Akkordeonistinnen und Akkordeonisten mitgeben möchtet?
Wir haben eine Menge Glück mit dem Akkordeon, weil es eines der jüngsten Musikinstrumente ist. Es entstand etwa gleichzeitig mit dem Saxofon. Ich rede jetzt nicht von elektronischen Musikinstrumenten, damit kenne ich mich nicht aus. Akkordeon ist also eines der jüngsten Musikinstrumente. Wir haben nicht so etwas wie Einstimmigkeit. Klavier oder Violine gab es so viele hundert Jahre vorher. Sie machten Fehler und über die Zeit wählten sie aus. Sie einigten sich schließlich mehr oder weniger auf diese oder jene Methode. Wir haben das in der Welt des Akkordeons nicht. Es gibt keine Methoden. Es gibt einige Bücher mit Musik, die progressiv ist und in einem Moment hört man auf, weil der Dozent oder man selbst nicht weiterkommt. Dann hört man mit dem Akkordeon auf oder spielt schlecht. Es gibt allerdings keine Bücher, die zeigen, wie man übt. Das ist unglaublich! Wenn wir mit dem Akkordeon anfangen, sollten wir uns um die Luft kümmern, nicht um die Tasten. Ich habe Studierende, die Pianoakkordeon spielen mit einem russischen System links. Einige Leute wie Petar Marić haben ein italienisches System links und ein russisches System rechts. Andere verwenden ein finnisches System. Das ist für uns gleichermaßen okay. Einen Knopf zu drücken heißt einfach nur, den Arm dorthin zu bewegen. Der wesentliche Punkt ist der Luftstrom.
„Die Leute kümmern sich oft nicht um das Wichtigste, das ist das Ende des Klangs, nicht sein Anfang. Der Anfang ist leicht, man drückt und hat einen Klang. Aber Musiker existieren nur zwischen den Klängen.“
- Okay.
Das Problem beim Akkordeon ist, dass es zu leicht zu spielen ist, wie das Klavier. Man drückt eine Taste und hat einen Klang. Wenn man das mit einem Saxofon macht, ist das nicht dasselbe. Bei allen Holzblasinstrumenten ist es so, wenn man einfach versucht, einen Sound zu erreichen, geht das nicht. Was also machen die Leute? Sie lernen einen Sound und danach einen weiteren. Wenn man weiß, wie man einen Sound hervorruft, kann man deswegen noch nicht zwei spielen. Beim Akkordeon drückt man einen Knopf und zieht, schon hat man ein Geräusch. Leute denken, sie machen mit diesem Lärm Musik. Nein, das ist nicht der Punkt! Das ist das Hauptproblem. Die Leute kümmern sich oft nicht um das Wichtigste, das ist das Ende des Klangs, nicht sein Anfang. Der Anfang ist leicht, man drückt und hat einen Klang. Aber Musiker existieren nur zwischen den Klängen. Wenn… ich… so… mit… dir… rede (spricht abgehackt), verstehst du das zwar, aber meine Artikulation ist falsch. Musik ist Artikulation. Das Ende eines Tons ist die Verbindung mit einem Ton, die eine Silbe formt, die wiederum ein Wort formt. Wenn wir reden, vor allem in Frankreich, reden wir so (hebt die Stimme ein wenig) und beenden den Satz so (senkt die Stimme), mit Intonation. Wir… reden… nicht… so… (spricht abgehackt). Das Problem ist, Akkordeonisten machen das, weil sie es können. Sie drücken einen Knopf und aus. Je mehr sie drücken, desto mehr führt die Mechanik zum Stop. Das ist falsch. Denn es ist nicht die Mechanik des Instruments, die den Stop auslösen soll. Wenn man Akkordeon lernt wie man das überall auf der Welt lernt, drückt man den Knopf und lässt los. Der Komponist sagt einem, wann, es gibt Rhythmus und Tempo. Der Komponist sagt, wann man den Knopf drückt, aber wenn man loslässt, beendet die Mechanik des Akkordeons den Ton.
- Du hast eine eigene Methode entwickelt, Akkordeon zu unterrichten. Kannst du etwas darüber sagen, was die Idee dabei ist und was anders ist als bei anderen Lernmethoden?
Ich hatte großes Glück, mit dem klassischen Akkordeon spät anzufangen. Ich studierte vorher Mathematik, Physik, verschiedene Dinge für Veterinärmedizin. Man muss viel Information in wenig Zeit lernen. Das trifft auf Musik genauso zu. Ich dachte über verschiedene Themen nach. Dann entdeckte ich spät und mit meinem Ehrgeiz das Akkordeon. Die einzige Akkordeonistin, die ich auf diesem künstlerischen Niveau in Frankreich kannte, war Christine Rossi. Ich wollte das genauso machen. Ich wusste, dass mir das niemand beibringen konnte. Normalerweise fängt man mit etwas Einfachem an, dann spielt man Scarlatti, anschließend geht man mit 20 über zu Subitzky. Die technische Information konnte mir niemand geben, also musste ich selbst rausfinden, was zu tun wäre. Ich schraubte das Akkordeon auf und sah mir an, wie es funktioniert. Ich sah, wenn ich einen Knopf drücke, geht eine Öffnung auf, wenn man den Finger wegnimmt, geht sie zu. Dahinter ist die schwingende Metallzunge. Wenn man einen tollen Klang haben möchte, braucht man Druck, nicht eine Menge Sound. Je mehr man den Knopf drückt, desto mehr öffnet sich die Öffnung. Ein Beispiel, das ich für meine Master Classes oft verwende: Wenn man den Mund aufmacht, kann man eine Kerzenflamme nicht auspusten. Die Flamme ist die Metallzunge im Akkordeon. Der wesentliche Punkt ist Bewegung. Die Bewegung macht den Sound. Wenn man einen guten Klang haben möchte, sollte man nicht versuchen, einen guten Klang hervorzurufen. Man sollte darüber nachdenken, was die Bewegung ist, die einen guten Klang hervorruft. Man schließt die Lippen und pustet die Kerze aus. Wenn man einen Pianissimo Sound rechts und links gleichzeitig spielen möchte, muss man viel ziehen. Wenn man zieht und drückt, aber ein wenig mehr zieht als drückt, hat man einen großen Klangdruck, dabei trotzdem einen Pianissismosound, weil die Öffnungsgeschwindigkeit langsam ist. Wenn man nur wenig zieht, funktioniert das nicht rechts und links gleichzeitig und der Klang wird „wäh-wäh“ (macht ein quäkendes Geräusch). Es ist ein Blasinstrument. Je weniger man den Knopf drückt, umso mehr Zeit hat man, die Öffnung zu schließen, wenn man das möchte. Man kann langsam Legato spielen, oder eine Resonanz wie ein Bass, pummm und nicht pu. Je weniger man Knöpfe drückt, umso schneller spielt man.
„Die Bewegung macht den Sound. Wenn man einen guten Klang haben möchte, sollte man nicht versuchen, einen guten Klang hervorzurufen. Man sollte darüber nachdenken, was die Bewegung ist, die einen guten Klang hervorruft.“
- An Wettbewerben nehmen viele junge Akkordeonisten teil und wenige Akkordeonistinnen. Warum ist das so?
Erst gestern habe ich mit einem Freund darüber geredet. Am Anfang der Schule haben wir 95 Prozent Mädchen und 5 Prozent Jungen. An der Spitze der Pyramide ist es genau anders herum. Wir haben 95 Prozent Jungen und 5 Prozent Mädchen. Ich sehe aus meinem Unterricht, Mädchen können sich auf viele Dinge gleichzeitig konzentrieren. Jungen nicht. Man sagt einem Jungen: „Mach das“ und er geht und übt das. Wenn man das zu einem Mädchen sagt, geht es und übt das, denkt aber noch an das und probiert das aus. Wenn man etwas nicht zu Ende erklärt hat, hat es bereits eine andere Frage. Ich denke, manchmal können Mädchen dadurch etwas Zeit verlieren. Wenn ich jemanden unterrichte, muss ich etwas aufbauen, von Punkt A zu B und C gehen. Ich kann nicht über Punkt C reden, wenn ich noch nicht bei Punkt B bin. Dann sage ich: „Vergiss alles andere.“ „Aber es sieht nicht aus wie Musik.“ „Es ist eine Konstruktion, so wie beim Haus bauen. Anfangs macht man ein Loch, dann baut man ein Fundament, danach Wände. Da muss man nicht über Dekoration nachdenken.“ Aber wenn Frauen auf diesem Niveau angelangen, sind sie die Besten.

Christina M. Bauer | Redaktionsleiterin
Ich bin Redaktionsleiterin für die Jahresausgabe akkordeon magazin 2026 und akkordeon.online Als freiberufliche Musikjournalistin arbeite ich mit Verlagen, Zeitschriften, Zeitungen und Onlinemedien. (Foto: Fotostudio Belichtungswert)









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