Akkordeonist Enrique Ugarte hat an mehr als 60 Filmen mitgewirkt. Nicht als Schauspieler, sondern als akustischer Zauberer, als Orchestrator, Arrangeur, Komponist, Dirigent oder ab und zu selbst an dem Instrument, das er beim Dirigieren gelegentlich vor dem Bauch trägt, um auch seinen Teil zum Gesamtwerk beizutragen. An den Musiken zu Kinofilmen wie Das Wunder von Bern oder Die Päpstin sowie verschiedenen Fernsehproduktionen war er beteiligt, jeweils mit großen Orchestern. Er orchestrierte und dirigierte für das City of Prague Philharmonic Orchestra die Musik für den Film Die Einsamkeit der Krokodile, für die Komponist Dieter Schleip 2001 den Bayerischen Filmpreis und den Preis der Deutschen Filmkritik für die beste Filmmusik erhielt. Fern der Welt des Films komponiert, arrangiert und dirigiert der Künstler in ganz unterschiedlichen stilistischen Bereichen von Klassik über Jazz bis Pop.
Interview und Text: Imke Staats; Fotos: Andreas Baethe, Jörg Schirner
Das Akkordeon spielt eine ganz besondere Rolle in seinem Leben. Enrique Ugarte wurde in der kleinen Stadt Tolosa im Baskenland geboren. Durch seine frühe Begeisterung für Musik und Instrumente,Talent sowie die Unterstützung seiner Eltern fing er schon bald eine Musikerkarriere an, die bis heute andauert. Als gefragter Dirigent kam er in der Welt weit herum, die Liste der Orchester und Musikstars, mit denen er bisher zusammengearbeitet hat, ist lang. Heute lebt er in München. In einem Telefoninterview gab er Einblicke in einige Aspekte seiner vielseitigen Karriere.
- Sie stammen nicht aus einer Musikerfamilie. Wie kamen Sie bereits mit vier Jahren ans Akkordeon ?
Ich komme nicht aus einer musikalischen Familie, aber aus einem Ort im Baskenland (Tolosa, Anm. d. Autorin), in dem es viele Chöre und Akkordeonisten gibt. Tasten faszinierten mich, und ich übte das Spiel auf dem Tisch auf einer imaginierten Tastatur. Als ich etwa vier Jahre alt war, sah ich um die Weihnachtszeit in einem Schaufenster ein kleines Akkordeon, das wollte ich haben. Meine Mutter ging mit mir zum Geschäft. Der Verkäufer war skeptisch, weil ich noch so klein war, aber sie setzte sich durch und besorgte es, damit ich es am 6. Januar von den Heiligen Drei Königen erhielt, wie in Spanien üblich. Ich freute mich sehr und fragte zunächst: „Ist das so wie auf dem Tisch?“ Ich spielte zuerst nach Gehör und übte begeistert. Damals habe ich die Bässe noch nicht verstanden. Mit sechs bekam ich den ersten Unterricht. Mein Vater hatte einen gastronomischen Betrieb, wo ich immer wieder vor Gästen auftrat. Ich machte das gern, meine einzige Forderung war: „Erst essen, dann spielen!“ Und dann konnte ich nicht mehr aufhören.
„Ich liebe das Orchester. Ich liebe die Improvisation. Und wenn das Akkordeon einsetzt, ist es für mich das Beste.“
- Sie spielen nicht nur Akkordeon. Wie verlief ihr Weg durch die Welt der Instrumente, und wie entwickelte sich Ihre Karriere am Anfang?
Mit elf Jahren lernte ich Oboe an der Musikakademie in meinem Heimatort, dann Klavier, denn das brauchte ich für die Aufnahmeprüfung. So kam ich mit zwölf an das Musikkonservatorium in San Sebastian, wo ich Harmonielehre und Komposition hatte. Ich lernte auch Klavier, denn das brauchte ich für die Aufnahmeprüfung in München. Mit 17 gründete ich eine Tanzband, als ich 18 war, brachten wir eine LP heraus mit baskischer Tanzmusik. Die LP hieß Zutik, das heißt „Auf geht’s!“ (1978) Mit 22 wurde ich in München angenommen. Die nächste Station war Gütersloh.
- Fällt es Ihnen schwer, Musik zu orchestrieren oder zu komponieren, in der gar kein Akkordeon vorkommt?
Nein. Ich mag den Klang, aber es geht um die Musik insgesamt, nicht um das Instrument als solches. Ich liebe das Orchester. Ich liebe die Improvisation. Und wenn das Akkordeon einsetzt, ist es für mich das Beste.
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Wofür steht das Akkordeon in der Filmmusik? Welche Rolle hat es?
In der Filmmusik steht es für bestimmte Regionen und das damit verbundene Lebensgefühl, zum Beispiel Italien, Osteuropa oder Ungarn, wie beim Csardas, oder Paris, wie beim Valse Musette. Das Akkordeon hat immer was zu sagen. Es ist sehr individualistisch, hat einen Solocharakter, aber es harmoniert auch mit Streichern und Bläsern. Allerdings braucht man ein gutes Instrument.
„Das Akkordeon hat immer was zu sagen. Es ist sehr individualistisch, hat einen Solocharakter, aber es harmoniert auch mit Streichern und Bläsern.“
- Was sind die Besonderheiten, wenn Akkordeon für Film eingespielt wird, zum Beispiel technisch, beim Arrangieren oder vom Sound her?
Es hat eine ungewöhnliche Farbe, es sticht sofort heraus. Es braucht ein Solo, das die anderen begleiten. Das muss man beim Komponieren und Arrangieren beachten. Wenn man es wie ein normales Instrument behandelt, ist es verschenkte Mühe. Ich spiele ein handgemachtes Instrument. Wenn es mit Geigen zusammen kommt, verstärkt es den Ausdruck.
- Gibt es Konstellationen, in denen das Akkordeon gar nicht passt?
Es passt immer! Auch in der Barockmusik zusammen mit dem Cembalo!
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Als Dirigent, Arrangeur und in der Orchestrierung waren sie an mehr als 60 Filmmusiken beteiligt. Wo haben Sie selbst als Akkordeonist Filmmusik mit eingespielt ?
In der Fernsehserie Palermo, die vom ZDF produziert wurde. Orchestriert habe ich viele Kompositionen für Film und Fernsehen von Dieter Schleip (z.B. Die Einsamkeit der Krokodile, Anm. d. Autorin) und Marcel Barsotti (z.B. Das Wunder von Bern, Die Päpstin, Anm. d. Autorin).
- Haben Sie selbst ein Lieblingsakkordeonstück in der Filmmusik?
Besonders mag ich die Musik bei Il Padrino (auf Deutsch: Der Pate, Musik von Nino Rota, Anm. d. Autorin), Il Postino (auf Deutsch: Der Postmann, Anm. d. Autorin) und Sous le Ciel de Paris (auf Deutsch: Unter dem Himmel von Paris, gleichnamiger Titelsong von Hubert Giraud, Anm. d. Autorin).
- Welche Filmmusikkomponisten bewundern Sie? Haben Sie ein Vorbild?
Ich bewundere John Williams, der unter anderem die Musik zu Star Wars komponiert hat. Er ist jetzt etwa 90.
Website: https://www.enriqueugarte.de/







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