Lea Gasser

„Es entstehen musikalische Geschichten“

ao+

29. Juni 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Lea Gasser aus Bern wollte die Musik nach ihrem Studium beinahe wieder drangeben – nach einer Pause hat sie dann den Jazz und das Komponieren für sich entdeckt. Im schriftlichen Interview berichtet sie über ihr Repertoire, stilistische Einflüsse und die Entstehung ihrer Ensembles.
Interview und Text: Wolfgang Weitzdörfer

  • Frau Gasser, bitte erzählen Sie ein bisschen über sich – Sie kommen aus Zürich?

Ich bin in Zürich geboren und aufgewachsen. Meinen Bachelor in klassischer Musik habe ich in Bern gemacht, mit 27 bin ich für meinen Master in Jazz Performance/Composition nach Lausanne in die französischsprachige Schweiz gezogen. Es hat mir sehr gefallen, für einige Zeit in einer anderen Sprachregion zu wohnen. Seit einem Jahr bin ich nun wieder in Bern zu Hause und seit über fünf Jahren als freischaffende Musikerin und Komponistin tätig.

„Ich habe das Gefühl, mir mit meiner Musik eine eigene kleine Welt zu erschaffen, an der ich das Publikum teilhaben lasse.“

  • Wie kamen Sie zur Musik?

Meine Mutter spielte als Hobby Geige und Klavier, mein Vater Geige. Dadurch entstand bei mir schon früh der Wunsch, selbst ein Instrument zu erlernen – zunächst interessierte ich mich besonders für die Geige. Gleichzeitig habe ich als Kind und Jugendliche eine Menge Sport gemacht, ein schöner Ausgleich zur Schule. Mit neun Jahren besuchte ich den Tag der offenen Tür der Musikschule Zürich – und dort war die Geige schnell vergessen. Mich faszinierten Klavier, Trompete und besonders das Akkordeon. Die vielen Knöpfe und die Spielweise haben mich sofort angesprochen, genauso wie der sympathische Lehrer, der das Instrument vorstellte. Zu Hause entschied ich mich dann ganz intuitiv für das Akkordeon. Nach dem Gymnasium konnte ich mir viele berufliche Wege vorstellen – etwa im Bereich Umwelt oder Gesundheit, aber auch in der Musik. Relativ spät entschied ich mich dann doch für ein klassisches Musikstudium an der Hochschule der Künste in Bern.

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Das Lea Gasser 5tet

Foto: Nico Kaiser

  • Sie haben Jazz Performance/Composition und klassische Musik studiert – wofür schlägt ihr Herz mehr?

Für den Jazz – oder genauer gesagt für die improvisierte Musik und eigene Kompositionen. Meine große Entdeckung während des Jazzstudiums war das Komponieren. Denn davor, im klassischen Studium, habe ich meinen Platz nie richtig gefunden. Nach den drei Jahren Bachelorstudium hatte ich sogar die Lust an der Musik verloren. Ich legte das Akkordeon für ein Jahr ganz zur Seite, ging auf eine fünfmonatige Reise und begann ein Studium der Umweltwissenschaften. Erst fünf Jahre nach meinem klassischen Bachelor absolvierte ich einen Master in Jazz in Lausanne an der Haute École de Musique. Das Entdecken meiner eigenen musikalischen Sprache hat mir völlig neue Welten erschlossen. Seit ich selbst Musik schreibe und mit meinen Ensembles unterwegs bin, kann ich mich am persönlichsten ausdrücken – und fühle mich wirklich angekommen.

  • Wofür ist das Akkordeon besser geeignet?

Es ist ein äußerst vielseitiges Instrument, das sich für unterschiedlichste Stilrichtungen eignet. Ein „besser“ oder „schlechter“ gibt es da nicht.

    „Ein wichtiges Anliegen ist mir, dass jedes Vorhaben eine eigene stilistische Ausrichtung und ein eigenes Repertoire hat.“

    • Was zeigt Ihre Musik von Ihnen selbst?

    Meine Musik trägt oft viel Ruhe und Raum in sich – etwas, das ich in unserer schnelllebigen Gesellschaft manchmal vermisse. Viele Stücke haben zudem eine gewisse Melancholie und Tiefe. Ich habe das Gefühl, mir mit meiner Musik eine eigene kleine Welt zu erschaffen, an der ich das Publikum teilhaben lasse. Gleichzeitig verarbeite ich Erlebnisse. Es entstehen musikalische Geschichten. Mein zweites Album, „Circles“, entstanden während einer zweimonatigen Kompositionsresidenz in Island, ist stark von meinen Eindrücken aus dem hohen Norden beeinflusst.

      Foto: Mathilda Olmi

      • Sie spielen vor allem mit Ihrem Lea Gasser 5tet – wie kam es zu dieser Bandkonstellation?

      Im Jazzmaster musste – und durfte – ich bereits im ersten Jahr und zum Abschluss ein eigenes Projekt präsentieren. Da ich zuvor noch nie Originalmusik geschrieben hatte, überlegte ich, welcher Bandsound mich besonders inspiriert. Ich hatte Lust auf eine Art „kleines Orchester“. Da ich im Gymnasium auch klassisches Klavier gespielt hatte, wollte ich dieses Instrument unbedingt integrieren. Ergänzend dazu wählte ich das Saxofon, dessen Klang wundervoll mit dem des Akkordeons verschmilzt. Diese Kombination bietet viele Möglichkeiten für Arrangements, Harmonien und überlagerte Melodien. Schlagzeug und Kontrabass waren für mich ebenfalls gesetzt. Die Band entstand während meines Studiums in Lausanne: Mirko Maio (Klavier), Samuel Urscheler (Saxofon/Flöte), Emilio Giovanoli (Kontrabass) und Romain Ballarini (Schlagzeug). Sie konnten meine musikalischen Ideen von Beginn an mit großer Sensibilität umsetzen. Inzwischen sind wir seit fünf Jahren gemeinsam unterwegs.

      • Welche anderen Ensembles gibt es mit Ihnen, was sind die Unterschiede?

      Ich bin in verschiedenen Ensembles als Sidewoman tätig. Diese Vielfalt empfinde ich als sehr bereichernd, da ich dadurch unterschiedliche Arbeitsweisen und musikalische Ansätze kennenlerne. Im Herbst 2025 erhielt ich vom bee-flat Bern eine Carte-Blanche-Einladung und durfte drei Konzertabende gestalten. Am ersten Abend präsentierte ich mit meinem Quintett das Album „Circles“. Für die beiden anderen Abende initiierte ich neue Projekte, welche ich in den kommenden Jahren weiterentwickeln möchte. Ein wichtiges Anliegen ist mir, dass jedes Vorhaben eine eigene stilistische Ausrichtung und ein eigenes Repertoire hat. So entstand unter anderem ein Soloprojekt, in dem ich den Akkordeonklang mit elektronischen Effekten erweitere und meine Stimme sowie Synthesizerklänge einsetze. Damit bin ich 2026 mehr unterwegs, ein Album ist in Planung. Zudem habe ich das Ensemble Low Drift ins Leben gerufen, mit Kristina Brunner (Cello), Sha (Bassklarinette) und Björn Meyer (E-Bass, Bassmandola). Diese besondere Instrumentierung ermöglicht mir ganz neue kompositorische Ansätze.

      Foto: Verena Sala

      • Wie wichtig ist Ihnen die absolute künstlerische Freiheit?

      Sehr wichtig! Natürlich setze ich mir durch die Wahl der Instrumentierung und der Mitmusikerinnen und -musiker bereits einen gewissen Rahmen. Zudem merke ich immer stärker, dass ich mich am wohlsten fühle, wenn ich in Konzerten meine Musik spielen kann oder in einem sehr freien Rahmen improvisieren darf.

      • Was ist Ihre bislang ambitionierteste Arbeit?

      Das ist schwer zu sagen, da ich meine musikalische Laufbahn noch als relativ jung empfinde. In den letzten fünf Jahren stand vor allem die Arbeit mit meinem Quintett im Zentrum. Deshalb würde ich sagen, dass „Circles“ bislang meine ambitionierteste Arbeit war.

      Lea Gasser

      Foto: Nadine Kägi

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