Radu Ratoi

Neue Klangwelten für das Akkordeon

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31. August 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

„Das Akkordeon ist ein Instrument, das atmet, und dieser Atem hat eine unmittelbare Verbindung zur menschlichen Seele.“ Dieses Zitat der Komponistin Sofia Gubaidulina fasst das Phänomen Radu Ratoi wohl am treffendsten zusammen. Wenn der moldauische Virtuose die Bühne betritt, geht es um weit mehr als Perfektion oder spieltechnische Höchstleistungen. Es geht um eine künstlerische Mission: Das Überschreiten von Instrumentengrenzen, das Brechen mit festgefahrenen Klischees und das Erschließen neuer Klangwelten für ein oft immer noch unterschätztes Instrument.
Text: Klaus Härtel; Fotos: Efremoff Studio

Radu Ratoi hat bereits in jungen Jahren Musikgeschichte geschrieben. Mit gerade einmal 18 Jahren gelang ihm das Kunststück, bei den renommiertesten Wettbewerben der Welt – dem Coupe Mondiale und dem Trophée Mondiale – gleichzeitig in den Kategorien Klassik und Virtuoso zu triumphieren. Wenig später komplettierte er seinen historischen Durchmarsch mit den Siegen bei den weltweiten „Big Six“. Doch wo andere unter dem Druck erstarren würden, sieht Ratoi vor allem Verantwortung und Antrieb: „Wettbewerbe waren für mich nie bloßes Gewinnen. Sie waren ein Ort der Begegnung und die Motivation, nach Perfektion zu streben.“ Aus dieser Erfahrung erwuchs der tief empfundene Wunsch, die Wahrnehmung des Akkordeons in der Klassikszene nachhaltig zu verändern.

Mehr als Tango und Musette: Die Befreiung des Klangs

Dass das Akkordeon in den Köpfen vieler Menschen noch immer primär als Volksmusikinstrument, als Kulisse für französische Walzer oder feurigen Tango abgespeichert ist, sieht Ratoi keineswegs als Makel – aber als eine drastische Einschränkung der Realität. „Ja, es ist ein Volksmusikinstrument, und das soll es auch bleiben. Aber es ist eben gleichzeitig ein vollwertiges klassisches Instrument“, betont der Ausnahmekünstler.

In seinen Händen wandelt sich die Ästhetik des Akkordeons verblüffend dynamisch: Je nach Spielweise und Artikulation kann es wie ein sinfonisches Orchester klingen, wie eine barocke Orgel, die feinen Nuancen eines Klaviers imitieren oder den Streicherklang einer Violine nachempfinden. Zusammen mit den erweiterten Spieltechniken des modernen Akkordeons offenbart sich ein Instrument von nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Um das Akkordeon noch mehr als bisher auf den großen klassischen Konzertbühnen zu etablieren, verfolgt Ratoi eine durchdachte zweigleisige Strategie: Einerseits treibt er Kooperationen mit zeitgenössischen Komponisten voran. Andererseits setzt er intensiv auf Transkriptionen großer Meisterwerke, um dem Publikum über vertraute Werke der Klassik die klangliche Faszination des Akkordeons ganz unmittelbar nahezubringen.

„Wettbewerbe waren für mich nie bloßes Gewinnen. Sie waren ein Ort der Begegnung und die Motivation, nach Perfektion zu streben.“

Die Kunst der Transkription: Klangforschung, Physik, Mathematik

Mit mehr als 100 eigenen Bearbeitungen – von Johann Sebastian Bach über Domenico Scarlatti bis Jean-Philippe Rameau – hat Ratoi das Repertoire selbst bereits wesentlich erweitert. Doch wie überträgt man ein Werk, das für Cembalo, Orgel oder Klavier geschrieben wurde, adäquat auf das Akkordeon, ohne damit dem Geist des Originalwerks zu schaden? Dahinter steckt eine akribische Feinarbeit, die fast mathematische Züge annimmt. Bevor Ratoi auch nur eine Note umschreibt, taucht er über Wochen und Monate hinweg tief in die spezifische Klangwelt des jeweiligen Originalinstruments ein. Er hört intensiv verschiedene Einspielungen, um genau zu verstehen, wie Mechanik, Artikulation und Tonerzeugung im Innersten funktionieren.

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Dabei stellt er sich essenzielle Fragen nach der Natur des Klangs: Was bedeutet eine Viertelnote auf dem Cembalo, wo der Ton sofort nach dem Spielen einer Saite verklingt? Was bedeutet sie auf der Orgel, wo der Luftstrom den Ton aufrechterhält, oder auf dem Klavier? Das Akkordeon besitzt durch den Balg die einzigartige Eigenschaft, Töne wie eine Orgel beliebig lange zu halten und dynamisch zu formen, während die Knöpfe zugleich eine präzise, klavierähnliche Perkussivität ermöglichen. Ratoi wägt bei jeder Passage ab: Verklingt der Ton im Original auf dem Klavier, aber können wir ihn auf dem Akkordeon halten – ist es das wert, getan zu werden, oder verliert das Stück dadurch seine Transparenz? Es gibt für ihn kein pauschales Richtig oder Falsch, sondern nur ein unermüdliches Experimentieren nach den stärksten musikalischen Argumenten.

Die absolute Mutprobe dieser Übersetzungskunst ist seine Einspielung von Franz Liszts berüchtigten 12 Études d’exécution transcendante – ein Monumentalwerk der Klavierliteratur, das wegen seiner extremen Anforderungen gefürchtet ist. „Das eigentliche Spielen war tatsächlich nicht der schwerste Teil“, offenbart Ratoi. „Die gigantische Hürde lag im Arrangieren. Es war extrem schwer, die perfekte musikalische Idee zu finden.“ Eine der größten Herausforderungen war das Klavierpedal, das auf dem Flügel weiche Klangflächen und Resonanzräume erzeugt. Da das Akkordeon über kein Pedal verfügt, musste Ratoi diese Effekte rein manuell über die Spielweise und Registrierung auflösen. Allein für ein und dieselbe Takteinheit probierte er manchmal bis zu 40 verschiedene Wege der Transkription aus, um den vielschichtigen Raumklang des Klaviers abzubilden.

„Es ist wie ein Team, das gemeinsam für die Musik kämpft.“

Vom Orchestergraben bis ins Kammermusik-Trio

Wer glaubt, Ratoi ruhe sich auf diesen Meilensteinen aus, täuscht sich. Die Pläne für die kommende Saison zeugen von unermüdlicher Neugier. Aktuell feilt er an Solo-Fassungen von Tschaikowskis Violinkonzert, Balakirews Orient-Fantasie Islamej und George Enescus Rumänischer Rhapsodie Nr. 1 für Akkordeon und Sinfonieorchester.

Zugleich schlägt sein Herz immer mehr für die Kammermusik. Nach einer mehrjährigen Pause entdeckt er das Ensemblespiel heute völlig neu. Ob im Trio mit Cello und Violine bei Mendelssohns Klaviertrio op. 49 in d-Moll oder Paul Schoenfields Cafe Music – Ratoi sieht im gemeinsamen Musizieren die Chance, neue Publikumsschichten zu erreichen. „Es ist wie ein Team, das gemeinsam für die Musik kämpft“, schwärmt er. Akustische Reibungspunkte, etwa wenn sich die Frequenzbereiche von Cello und Akkordeon überschneiden, löst er durch präzise Vorbereitung und Probenarbeit auf.

Ein Rat an die nächste Generation

Auf die Frage, was er jungen Akkordeonistinnen und Akkordeonisten mit auf den Weg geben möchte, reagiert der Virtuose bescheiden, aber bestimmt: „Akkordeonisten gibt es nicht viele auf den großen Bühnen. Wir müssen doppelt oder dreimal so hart arbeiten wie andere Instrumentalisten, um zu beweisen, dass wir diesen Platz verdienen.“ Sein Rat für eine internationale Karriere lautet daher: Fundiertes Wissen bei vielen verschiedenen Lehrern und in unterschiedlichen Ländern sammeln, nicht überstürzt auf die Bühne drängen, niemanden kopieren – und vor allem den eigenen inneren Klang pflegen. Wer sich von Kunst, Filmen und Musik aller Genres inspirieren lässt, entwickelt genau die Authentizität, die es in den großen Sälen braucht. Radu Ratoi zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn man die Grenzen eines Instruments nicht als Gesetz, sondern als Einladung versteht. Das Akkordeon atmet – und durch Ratoi tut es das tief, frei und mitreißend.

Radu Ratoi

Foto: Efremoff Studio

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