Rita di Tizio

"Ich möchte mich von Kategorisierungen lösen"

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27. Oktober 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Wenn sie spielt, rasen ihre Finger so schnell über die Tasten und Knöpfe ihres weißen Akkordeons, dass die Augen kaum folgen können. Von ihrem Gesicht ist kaum etwas zu sehen, denn meist ist es durch die blonde Lockenmähne verdeckt. Eine Aufnahme aus dem März dieses Jahres zeigt sie während einer schwungvollen Darbietung, bei der das Publikum mitklatscht. Rita di Tizio ist eine der wenigen renommierten Konzertakkordeonistinnen Italiens, und dabei eine der expressivsten. Die aus der Toskana stammende Künstlerin fing als Vorschülerin an, Musik zu machen und etablierte sich nach ihren Studien in Bologna und La Spezia als Multiinstrumentalistin in der Szene. Das US-Magazin Accordion Stars Illustrated wählte sie als eine von zwölf Akkordeonistinnen des Jahres 2020 aus, im selben Jahr übernahm sie als musikalische Direktorin die Abteilung für Musik und Chor bei International Action Art Italia. Davon abgesehen leitet sie das Crossover Guitar Orchestra, ein italienisches Jugendgitarrenorchester. Sie reist viel, besonders in ihrer Heimat, tritt als Solistin auf, aber gleichermaßen in Formationen wie dem Duo Spleen mit dem Pianisten Alessio Buccella oder als Begleiterin von Sängerinnen wie Lorenza Baudo.
Interview und Text: Imke Staats; Fotos: Ivano Santini, Valerio Franceschini, Maurizio Panerati

  • Wer oder was ist Schuld an ihrer Leidenschaft für das Akkordeon?

Meine Leidenschaft für das Akkordeon verdanke ich meinem Vater. Als Kind hörte ich ihn nämlich hin und wieder auf einer wunderschönen roten Paolo Soprani spielen – ganz hobbymäßig, wohlgemerkt –, die nur zwei Register hatte. Der Klang dieses Instruments faszinierte mich. Er war es auch, der mir die ersten Stücke beibrachte, darunter die Titelmelodie der deutschen Krimiserie Derrick. Zudem hörten sowohl meine Mutter als auch mein Vater sehr viel Tanzmusik. Sie nahmen mich oft mit, um sich Orchester anzuhören, die Liscio spielten, ein italienisches Genre der Tanzmusik, bei dem das Akkordeon natürlich das wichtigste Instrument war.

„Ich liebe es, Stücke neu zu harmonisieren oder ihnen ein neues rhythmisches Gewand zu verleihen.“

  • Sie spielen die klassischen Konzertrepertoires wie Klassik, Tango Nuevo oder Jazz. Warum haben Sie sich dafür und nicht für Richtung Pop oder Chanson entschieden?

Im Alter von sechs Jahren begann ich, Akkordeon mit Standardbass zu lernen, und wechselte später zum Instrument mit Melodiebass. Im Zuge meiner klassischen Ausbildung kam die klassische Gitarre hinzu, wobei ich das Akkordeon nie aufgab. Später wandte ich mich anderen Musikstilen zu, etwa dem Tango Nuevo. Generell suche ich nach einem Interpretationsstil, den ich nicht als „Jazz“ im strengen Sinne bezeichnen würde; vielmehr verstehe ich ihn als eine Ausdrucksform, die es mir ermöglicht, durch Improvisation zu kommunizieren – unabhängig davon, welchem Genre das jeweilige Stück ursprünglich zuzuordnen ist. Ich war und bin in verschiedene musikalische Projekte eingebunden, die ein breites Spektrum abdecken – von Popmusik über osteuropäische Klänge und klassische Musik bis hin zum Tango. Dabei interpretiere ich die Stücke stets in einer modernen Tonsprache. Ich liebe es, Stücke neu zu harmonisieren oder ihnen ein neues rhythmisches Gewand zu verleihen. Für mich hat die Improvisation verschiedene ausführungstechnische Dimensionen – nicht nur melodische und harmonische. Dazu gehört beispielsweise das Timing: Oft interpretiere ich sanftere Melodien mit einem „laid-back“-Ansatz, oder ich verlangsame Themen, die ursprünglich in einem zügigeren Tempo konzipiert waren, um ihnen einen eher introspektiven und intimen Charakter zu verleihen. Auch innerhalb eines ternären Metrums variiere ich gerne – etwa durch einen Wechsel vom Walzer zum Swing oder zu anderen Stilen. So habe ich die Freiheit, unter verschiedenen Aspekten zu interpretieren.

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Foto: Maurizio Panerati

  • Wer oder was hat Sie beeinflusst oder inspiriert?

Während meiner klassischen Ausbildung begann ich, zahlreiche Noten zu sammeln – darunter Bearbeitungen klassischer Werke, aber auch andere Stücke, wie etwa jene von Wolmer Beltrami und Peppino Principe. Im Alter von etwa 13 Jahren erwarb ich eine Sammlung von Tangos von Astor Piazzolla. Ich war sofort völlig fasziniert und fühlte mich unmittelbar mit dem Charakter dieser Kompositionen verbunden, die melodisch perfekt und rhythmisch fesselnd sind. Ein weiteres, tiefgreifendes Schlüsselerlebnis war für mich Richard Galliano – ein Künstler, den ich in jeder Hinsicht bewundere: als Interpret, Improvisator und Komponist.

      Foto: Valerio Franceschini

      • Sie sind eine der wenigen italienischen Konzertakkordeonistinnen.
        Wie erleben Sie die durch Männer dominierte klassische Akkordeonszene Italiens?

      Da das Akkordeon spielen einen beträchtlichen körperlichen Einsatz erfordert, ist es für Männer zweifellos leichter zu handhaben als für Frauen, weshalb ich – da ich selbst eher zierlich gebaut bin – immer sage, dass ich im nächsten Leben Piccolo-Flöte spielen werde. Dies ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, dass es unter Akkordeonisten einen wesentlich höheren Anteil an Männern gibt als an Frauen. Meiner Ansicht nach zeigt sich der größte Unterschied jedoch, wenn man sich das jeweilige Musikgenre ansieht: So ist der Anteil an Akkordeonistinnen, die sich der Improvisation widmen, besonders gering – ein Phänomen, das man übrigens genauso bei anderen Instrumenten beobachten kann. Oft wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass eine Frau in einer Musikgruppe die Sängerin sein muss. Wenn mich jemand fragt, ob ich die Sängerin der Band sei, und ich antworte, dass ich die Akkordeonistin bin, bemerke ich oft eine Mischung aus Erstaunen, Anerkennung und vielleicht sogar Skepsis. Doch all das – selbst angesichts meiner alles andere als üppigen Statur – erfüllt mich mit Stolz und amüsiert mich. Aber ein ganz kleines bisschen nervt es mich auch.

        „Wenn mich jemand fragt, ob ich die Sängerin der Band sei, und ich antworte, dass ich die Akkordeonistin bin, bemerke ich oft eine Mischung aus Erstaunen, Anerkennung und vielleicht sogar Skepsis.“

        • Welche drei Kompositionen sind ihre Favoriten? Und warum?

        Es ist schwierig, sich auf nur drei Titel zu beschränken. Ich liebe „Oblivion“ von Piazzolla – ein Stück, das in meinen Konzerten nie fehlen darf, weshalb mich die Musiker, mit denen ich auf der Bühne stehe, auch immer wieder aufziehen. Außerdem mag ich so gut wie alle neapolitanischen Lieder, die zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. In einigen meiner Musikprojekte habe ich selbst solche Lieder gesungen; so nahm ich beispielsweise mit dem Titel „Passione“ an einem Wettbewerb in Griechenland für die Organisation International Action Art-Italia teil. Zudem liebe ich spanische Musik oder Musik spanischen Ursprungs, daher wähle ich als dritten Titel „El Concierto de Aranjuez“. Generell habe ich eine Vorliebe für schöne Melodien – meist in Moll –, ganz gleich, welchem ​​Musikgenre sie angehören.

        • Gitarre spielen Sie ebenfalls. Wie kam es dazu? Wann kommt welches Instrument zum Einsatz?

        Ich habe einen Abschluss in klassischer Gitarre – ein Instrument, das ich auch viele Jahre lang unterrichtet habe. Zudem befasste ich mich in meiner Abschlussarbeit im Studiengang Kunst-, Musik- und Theaterwissenschaften mit dem Vergleich verschiedener Interpretationen ausgewählter Kompositionen, dargeboten von den bedeutendsten Interpreten dieses wundervollen Instruments. Meine Leidenschaft für die Gitarre entstand, als ich mein Studium am Konservatorium fortsetzen wollte und vor der Wahl stand: Akkordeon – das damals neu in den Lehrplan aufgenommen worden war, weshalb meine damalige Lehrerin den Ausbildungsweg als eher unsicher einschätzte – oder Gitarre, was sie mir empfahl.

          Foto: Maurizio Panerati

          • Was beschäftigt Sie aktuell?

          Da ich es vorziehe, in festen statt in nur gelegentlich zusammenkommenden Formationen zu spielen, verfolge ich nicht allzu viele Projekte. Das Projekt, das mir derzeit am meisten am Herzen liegt, umfasst eine Besetzung, die vom Duo mit Klavier bis zum Quartett mit Klavier, Gitarre und Perkussion reicht; der Schwerpunkt liegt dabei auf Stücken von Piazzolla und Galliano, umfasst aber auch darüber hinausgehendes Material. In einem weiteren musikalischen Vorhaben, bei dem ich von einer Sängerin und einem Gitarristen begleitet werde, spiele ich selbst Klavier und Gitarre. Das Repertoire ist hier recht vielfältig und reicht von Pop über neapolitanische Lieder, Tango Nuevo und Jazzstandards bis hin zu französischen Chansons und weiteren musikalischen Welten.

              „Generell habe ich eine Vorliebe für schöne Melodien – meist in Moll –, ganz gleich, welchem ​​Musikgenre sie angehören.“

              • Was sind ihre weiteren Pläne?

              Ich möchte meine Konzerttätigkeit neben dem Unterrichten fortsetzen – und zwar mit Vorhaben, die mir besonders am Herzen liegen. Glücklicherweise habe ich die Freiheit zu wählen, was und mit wem ich spiele; es ist ein wundervolles Gefühl, das spielen zu können, was einem gefällt – und zwar mit Menschen, mit denen man gerne zusammenarbeitet. Ich möchte mich von jeglichen Kategorisierungen lösen und Konzerte mit der Musik gestalten, die ich liebe – ungeachtet von Genre, Komponist, Epoche oder geografischem Ursprung –, stets geprägt durch meinen eigenen improvisatorischen und interpretatorischen Stil.

                Rita Di Tizio

                Foto: Ivano Santini

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