Sie gelten als Rockstars der Handzuginstrumente und haben bewiesen, dass ein Akkordeon mühelos zwischen den Welten wandern kann: Seit nunmehr drei Jahrzehnten sprengt das polnische Motion Trio jede Genregrenze, die man dem vermeintlich traditionellen Instrument einmal zugeschrieben hat. Was 1996 als Straßenmusik auf dem historischen Marktplatz von Krakau begann, führte Janusz Wojtarowicz, Paweł Baranek und Marcin Gałażyn in 42 Länder der Welt und auf einige der renommiertesten Konzertbühnen von der Carnegie Hall bis zum Londoner Barbican Centre.
Text: Klaus Härtel, Fotos: Wojciech Kolawa, Jacek Poremba
Zum 30-jährigen Bandjubiläum blickt Gründer und Kopf des Trios, Janusz Wojtarowicz, im Interview auf eine beispiellose Karriere zurück. Ein Gespräch über die „polnische Seele“ in ihrer Musik, die Zusammenarbeit mit visionären Komponisten wie Michael Nyman und das radikale Festhalten an einem rein akustischen, handgemachten Sound in Zeiten von künstlicher Intelligenz. Ein Manifest für die Weiterentwicklung eines unterschätzten Instruments und ein sehr persönlicher Blick zurück zu den eigenen Anfängen.
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Sie haben einmal erwähnt, dass es Ihr Ziel sei, das Akkordeon neu zu definieren. Was ist nach 30 Jahren Ihre wichtigste Erkenntnis: Hat das Instrument seine Grenzen erreicht, oder gibt es noch unentdeckte Klangfarben zu finden?
Nach fast 50 Jahren Akkordeonspiel – davon 30 Jahre mit dem Motion Trio – bin ich nicht mehr der „radikale Akkordeonist“, der ich einmal war. Stattdessen interessiere ich mich für die Evolution des Akkordeons. Ich glaube, dass es noch viele unentdeckte Klangfarben, technische Möglichkeiten und Ausdrucksformen gibt. Es ist faszinierend, dass wir in der Band diese Entdeckungsreise von Jahr zu Jahr noch mehr lieben gelernt haben, und genau das ist der eigentliche Kern von Motion.
„Ich glaube, dass es noch viele unentdeckte Klangfarben, technische Möglichkeiten und Ausdrucksformen gibt.“
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Sie verzichten bewusst auf den Einsatz von Elektronik. Ist dieser „Purismus“ eine Form von künstlerischer Freiheit oder eine selbstauferlegte Einschränkung, um die Kreativität anzukurbeln?
Ich denke, dass Elektronik die wahre Seele der Musik abtötet, weil sie künstlich ist, während unsere Instrumente akustisch und handgemacht sind. Ähnlich verhält es sich mit unserem Bewusstsein – man könnte sagen, es ist ebenfalls „handgemacht“, und das hilft enorm dabei, die innere Kreativität ganz ohne „Hilfsmittel“ zu entfalten. Besonders jetzt, wo KI eine riesige Palette an Sounds und scheinbar interessanten Ideen generieren kann. Wir sind daran jedoch nicht interessiert.
Meiner Meinung nach besitzt das Akkordeon genug wundervolle, natürliche Klänge, die man nur durch Vorstellungskraft und kreatives Schaffen entdecken und zeigen muss. Das ist der Weg, den wir gehen, und deshalb brauchen wir für absolut nichts Elektronik. Ja, wir verstärken unsere Akkordeons oft, um sie bei einem Konzert vor großem Publikum nicht zu beschädigen. Aber wir verwenden keine sogenannten „Klangveränderer“ oder elektronische Soundeffekte. Darauf sind wir sehr stolz und froh, dass wir es geschafft haben, an dieser Entscheidung – so viele Jahre lang ausschließlich akustisch zu spielen – festzuhalten.
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Kritiker sprechen oft von einer „polnischen Seele“ in Ihrer Musik. Wie würden Sie diese Essenz selbst beschreiben?
Wir sind Polen – hier liegen unsere Quellen und Wurzeln: die Musik von Chopin, Kilar, Penderecki, die Lyrik von Szymborska und so weiter. Wir sind stolz auf sie. Unterbewusst nutzen wir eine polnische Denkweise – tief emotional, slawisch, voller Ausdruck und mit Elementen romantischer Ekstase. All das übertragen wir auf das Akkordeon und verleihen unserem Klang so die polnische Seele.
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Ihr Repertoire reicht von Chopin bis hin zu Heavy-Metal-Einflüssen. Welche Kriterien muss ein Musikstück erfüllen, damit es zu einem „Motion-Trio-Stück“ wird?
Es stimmt, dass wir eine große Vielfalt an Musik spielen, und ich glaube, das ist die große Stärke des Motion Trios. Es erlaubt uns, Inspirationen aus den verschiedensten Musikgenres zu ziehen – von der Klassik über Jazz und Rock bis hin zu Heavy Metal. Meiner Meinung nach gibt es ein grundlegendes Kriterium bei der Auswahl der Stücke für das Motion Trio: Ein Stück, egal ob es von Mitgliedern des Trios komponiert oder von anderen Komponisten für uns geschrieben wurde, muss auf drei Akkordeons gut klingen.
„Meiner Meinung nach besitzt das Akkordeon genug wundervolle, natürliche Klänge, die man nur durch Vorstellungskraft und kreatives Schaffen entdecken und zeigen muss. Das ist der Weg, den wir gehen, und deshalb brauchen wir für absolut nichts Elektronik.“
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Wenn Sie von „anderen Komponisten“ sprechen, denken Sie vermutlich die Zusammenarbeit mit Michael Nyman, die als ein Meilenstein gilt. Wie verändert die Arbeit mit solchen Visionären Ihren eigenen Blick auf das Trio?
Die Arbeit mit so herausragenden Künstlern wie Michael Nyman, die nicht nur ihr immenses Talent und ihre Persönlichkeit mit uns teilen, sondern auch ihre Musik – wir haben gemeinsam das Album „Michael Nyman & MotionTrio“ aufgenommen – ist eine tiefgehende Erfahrung. Nach den Konzerten, die wir zusammen gespielt haben, glauben wir, dass es wirklich eine der interessantesten künstlerischen Erfahrungen überhaupt war. Sie hat uns in der Überzeugung bestärkt, dass unsere größte Stärke in unserer Originalität und dem Wunsch liegt, vielfältige Musik zu machen. Michael hat uns gelehrt, keine Angst vor dem Erkunden und Experimentieren zu haben und den Akt des Entdeckens selbst zu genießen, nicht nur die Ergebnisse. Er ist ein großartiger Künstler und eine bemerkenswerte Persönlichkeit.
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Sie komponieren den Großteil der Stücke selbst. Schreiben Sie die Musik gezielt so, dass die individuellen Stärken von Paweł Baranek und Marcin Gałażyn im Vordergrund stehen?
Paweł und Marcin besitzen eine exzellente Technik, was es mir ermöglicht, sehr komplexe und technisch anspruchsvolle Elemente zu komponieren. In unserer Band gibt es jedoch eine ungeschriebene Rollenverteilung: Vereinfacht gesagt spiele ich die Melodielinien, Marcin die Harmonien und Paweł den Bass. Wenn man das mit einem Streichquintett vergleicht, spiele ich die erste und zweite Violine, Marcin die Bratschen und Violoncellos und Paweł die Cellos und Kontrabässe. Ungefähr so funktioniert das bei uns.
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30 Jahre lang in derselben Besetzung zu bleiben, ist in der Musikwelt extrem selten. Was ist das Geheimnis Ihrer internen Chemie? Sind Sie eher wie eine Familie oder wie ein perfekt synchronisiertes Uhrwerk?
Ich denke, der wichtigste Faktor, warum wir schon so viele Jahre zusammen spielen, ist unsere gemeinsame Liebe zur Musik, unsere gemeinsame Liebe zum Akkordeon. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass wir alle versuchen, anständige Menschen zu sein. Wir bemühen uns um Respekt füreinander, für die Menschen, mit denen wir arbeiten, und vor allem für das wundervolle Publikum, das uns seit so vielen Jahren die Möglichkeit gibt, aufzutreten und das zu tun, was wir wirklich lieben.
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Was war in diesen drei Jahrzehnten der konkrete Moment, in dem Sie am deutlichsten gespürt haben, dass Ihre Musik wirklich eine Barriere durchbrochen hat?
Ich bin nicht besonders daran interessiert, Barrieren zu brechen oder sensationelle Revolutionen anzuzetteln. Mich interessiert jedoch die Evolution der Akkordeonmusik sehr. Ich glaube, der größte Erfolg des Motion Trios besteht darin, dass wir es seit 30 Jahren Schritt für Schritt schaffen, zu jenen Akkordeonisten zu gehören, die durch ihre Arbeit das Denken über das Akkordeon verändern. Wir berufen uns zwar auf die Tradition und wir erkennen das große Erbe der Akkordeonmusik an – aber wir versuchen, auf evolutionäre Weise etwas Eigenes hinzuzufügen.
„Wenn man das mit einem Streichquintett vergleicht, spiele ich die erste und zweite Violine, Marcin die Bratschen und Violoncellos und Paweł die Cellos und Kontrabässe.“
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Wenn Sie auf Ihre Anfänge auf dem Krakauer Marktplatz zurückblicken: Welchen Rat würden Sie dem Janusz Wojtarowicz von 1996 heute geben?
Das ist eine sehr überraschende Frage! Es ist schon so lange her… Ich denke, ich würde ihm sagen, er solle geduldiger sein und bewusster wahrnehmen, was um ihn herum passiert. Die Welt so zu schätzen und zu akzeptieren, wie sie ist, und jeden Moment mit seinen Liebsten zu genießen.
Website: https://motiontrio.com/
Meilensteine einer Karriere: Drei wegweisende Alben des Motion Trios
- Pictures from the Street (2000)
Der internationale Durchbruch des Trios. Das Album fängt die rohe Energie und die kreative Aufbruchstimmung ihrer Anfangsjahre ein, in denen sie vom Krakauer Marktplatz aus die Musikwelt eroberten. Es wurde vom renommierten Musikmagazin JAZZIZ (USA) zum Album des Jahres gewählt.
- Michael Nyman & Motion Trio (2009)
Ein Highlight der Diskografie des Trios. Die Zusammenarbeit mit dem britischen Minimal-Music-Komponisten Michael Nyman (u.a. Soundtrack zu „Das Piano“) bewies endgültig, dass das Trio auf Augenhöhe mit Visionären der zeitgenössischen Musik agiert.
- Polonium (2013)
Das musikalische Manifest ihrer Herkunft. Auf diesem Album widmen sich die drei Künstler ausschließlich den Werken bedeutender polnischer Komponisten des 20. Jahrhunderts (darunter Witold Lutosławski, Wojciech Kilar, Krzysztof Penderecki und Henryk Mikołaj Górecki) und verleihen ihnen die ganz eigene, tief emotionale „polnische Seele“.








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