Aïcha Touré

„Ich wollte unabhängig sein“

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1. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

In ihren Songs bringt Aïcha Touré afrikanische und lateinamerikanische Traditionen auf elegante Art mit französischem Chanson und modernen Einflüssen zusammen. Auf Französisch, Benga oder Susu reflektiert sie Nachdenkliches, Heiteres und Tragisches. Oft ist dabei das Akkordeon ihr Begleiter.
Text: Christina M. Bauer

    Aïcha Touré ist Künstlerin durch und durch. Aber zur Musik fand sie erst über Umwege. Als ihr vor etwa einem Jahrzehnt das Akkordeon, das Singen und das Schreiben von Songs einen ganz neuen Weg aufzeigten, ging sie ihn beherzt und voller origineller Ideen. Über Jahre hatte sie sich in ihrer langjährigen Heimat Paris der Akrobatik und dem Stepptanz gewidmet, war im Zirkus und im Straßentheater aufgetreten. Von Musik umgeben war sie dabei oft. Nun fing sie an, ihre eigenen Lieder zu schreiben. Zunächst blieb sie dabei noch etwas näher am französischen Chanson, integrierte Elemente vor allem lateinamerikanischer Traditionen, begleitete sich am Akkordeon und spielte mit Musikern in kleinen Ensembles. Dokumentiert ist das auf ihrem Debütalbum „La Vie“, das 2018 erschien. Nach wenigen Jahren war sie dann dabei angelangt, in ihre Songs Rhythmen, gesangliche und melodische Einflüsse afrikanischer und lateinamerikanischer Musiktraditionen und moderne Elemente so elegant zu integrieren, dass ihr individueller künstlerischer Ansatz dadurch noch wesentlich markanter wurde. Reflektiert wird das durch das 2022 veröffentlichte zweite Album „Les Anges“.

    „Ich habe alles neu angefangen. Ich sagte, ich bin nicht mehr dieselbe, seit ich diese sechs Monate in Afrika verbracht habe.“

    Eine besondere Kooperation

    Beide Alben entstanden in Kooperation mit dem kubanischen Multiinstrumentalisten Luis Manresa, auf den die Musikerin große Stücke hält. „Er spielt alles, egal welches Instrument“, berichtet sie im Mai in einem Videointerview von Paris aus. „Er sagt: Bring mir das vorbei, lass mir das drei, vier Tage da. Dann weiß ich, wie das funktioniert. Er spielt hervorragend Bass, Klavier, und die ganzen anderen Instrumente.“ Die beiden freundeten sich vor vielen Jahren an, als Touré im Cabaret Aux Trois Mailletz auftrat und Manresa dort bis fünf Uhr morgens alle Künstler in verschiedensten Stilen begleitete. Als es für die Musikerin daranging, erstmals selbst ein Repertoire einzuspielen, war für sie klar, dass sie das in seinem Aufnahmestudio machen wollte. Sie hat ihre eigenen Vorstellungen und dabei eine manchmal intuitive Herangehensweise. Von allzu starren Festlegungen hält sie nicht viel. Manresa wiederum ist ein gutes Gegenüber dafür und trägt dazu bei, dass sie ihre Ideen umsetzen kann.

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    Aïcha Touré

    Foto: Gaëlle Le Targat

    Inspirierende Musikkulturen

    Dass „Les Anges“ so durchwirkt ist von Einflüssen afrikanischer Musiktraditionen, hat mit Tourés familiären Verbindungen nach Gabun und Guinea zu tun, und mit einer ungewöhnlichen Reise. Sie selbst hat ihre ersten zwölf Lebensjahre in Gabun verbracht, bevor sie nach Paris zur Familie eines Onkels zog. Seitdem wurde die französische Metropole zu ihrem kreativen Entfaltungsort, aber bis heute reist sie regelmäßig nach Gabun zur Familie ihrer Mutter und nach Guinea zur Ursprungsfamilie ihres Vaters. Es war eine solche Reise, die sich auf eine völlig unvorhergesehene Art künstlerisch inspirierend auswirkte. Sie fasst das so in Worte: „Das zweite Album entstand in der Zeit, als alle im Lockdown waren, und ich war damals in Afrika. Ich hatte das Album in Frankreich angefangen, und als ich dorthin zurückkam, habe ich alles gelöscht. Ich habe alles neu angefangen. Ich sagte, ich bin nicht mehr dieselbe, seit ich diese sechs Monate in Afrika verbracht habe.“

    Foto: Jogui Maker

    Es war das Begräbnis ihres Vaters, das sie zunächst nach Guinea reisen ließ. Die unvorhergesehen lange Zeit, die sie dort dann verbrachte, die Trauer und die ungewöhnliche Situation, in der sich die Welt befand, reflektierte sie schließlich auf ihre Art in ihrer Musik. „Ich kam in einem anderen seelischen Zustand zurück, sodass mir die Chansons, die ich vorher geschrieben hatte, gar nicht mehr entsprachen“, resümiert sie, und ergänzt: „Ich kam mit sechs Monaten Guinea im Kopf zurück.“ Den Song „Rendez-vous à Conakry“ widmete sie ihrem verstorbenen Vater. So wurde das Akkordeon für sie zum Begleiter in einem stilistisch außergewöhnlichen Repertoire. Ab und an spielt sie stattdessen auch die Sanza, ein in Gabun und weiteren afrikanischen Ländern verbreitetes Daumenklavier, das auch etwa als Mbira oder Kalimba bekannt ist.

    In den mit dunkler, samtiger Stimme vorgetragenen Lyrics reflektiert Touré die Stärke der Frauen, die Bedeutung kultureller Vielfalt oder das gefährliche Wagnis von Flucht und irregulärer Migration. So verbindet sie sehr unterschiedliche nachdenkliche, heitere und tragische Themen des Lebens. Französisch ist die Sprache, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet, und daher die der meisten ihrer Songs. Manchmal integriert sie Lyrics im sehr selten gesprochenen Benga, einer der etwa 40 in Gabun gesprochenen Bantusprachen, oder in Susu, einer der Sprachen Guineas. Gelernt hat sie diese selbst aber kaum, daher holte sie sich für die Lyrics Rat: „Ich habe meine Cousinen, die Benga gut sprechen, gefragt, ob sie für mich übersetzen, was ich sagen wollte.“

    „Ich hatte vorher nie die Idee, dieses Instrument zu lernen. Aber ich mochte es sofort sehr.“

    Unabhängig als Künstlerin

    Touré hätte über die Jahre unzählige Gelegenheiten, das in der französischen Musiktradition fest verankerte Akkordeon für sich zu entdecken. Am Ende war es eine Freundin, die sie darauf brachte, weil sie selbst es spielen lernen wollte. Das machten sie dann zusammen. „Ich hatte vorher nie die Idee gehabt, dieses Instrument spielen zu lernen“, erinnert sich die Singer-Songwriterin, „aber ich mochte es sofort sehr.“ Es ging ihr immer vor allem um die Möglichkeit, sich beim Singen zu begleiten. Und obwohl sie gern mit Musikern zusammenarbeitet, ging es ihr um noch etwas: „Ich wollte unabhängig sein.“

    Foto: Ela Le Guillerm

    Allein auf der Bühne stehen können, das war ihr ein Anliegen. Zu ihren langjährigen Ensemblemusikern zählen Gitarrist Robin Gentien, Schlagzeuger François Collombon und Bassist Laurent Loit. Wenn es allerdings Soloauftritte gibt, möchte Touré sie genauso wahrnehmen. Die flexiblen Möglichkeiten des Akkordeons hat sie schätzen gelernt, wie sie berichtet. „Man spielt den Bass mit der linken Hand und kann dazu singen. Wenn man eine kleine Melodie ergänzen möchte, ist das etwas besser.“ Oft finden ihre Auftritte in Paris und Umgebung statt oder anderswo in Frankreich. Ihre bisher größte Auslandstournee war die vierwöchige, bundesweit tourende Akkordeonale 2023 in Deutschland, die sie in guter Erinnerung hat. Öfter in anderen Ländern zu konzertieren als in ihrer langjährigen Heimat, wäre ganz in ihrem Sinne. Wenn sie sich nicht mit ihren Songs beschäftigt, unterrichtet sie Stepptanz.

    Aïcha Touré bei der Akkordeonale 2023

    Foto: Imanuel Spiegel

    Christina M. Bauer | Redaktionsleiterin

    Ich bin Redaktionsleiterin für die Jahresausgabe akkordeon magazin 2026 und akkordeon.online Als freiberufliche Musikjournalistin arbeite ich mit Verlagen, Zeitschriften, Zeitungen und Onlinemedien. (Foto: Fotostudio Belichtungswert)

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