Claudia Buder

"Sich selbst erkennen."

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30. April 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Claudia Buder ist Professorin für Akkordeon an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und leitete dort mehrere Jahre das Institut für Neue Musik und Jazz. An der Musikhochschule Münster hat sie über viele Jahre die Fachrichtung Akkordeon etabliert und repräsentiert. Sie konzertierte als Solistin mit renommierten Orchestern und variierenden Ensembles und brachte bereits zahlreiche Kompositionen der zeitgenössischen Musik zur Uraufführung. Ihr Akkordeonspiel war außerdem in mehreren modernen Opern zu hören. In einem schriftlichen Interview gibt sie Einblicke in ihre Sicht auf die derzeitigen Studienangebote und Möglichkeiten für angehende Akkordeonistinnen und Akkordeonisten.

Interview und Text: Christina M. Bauer; Fotos: Guido Werner, Endrio Figuretti

  • Wie sehen Sie das derzeitige Studienangebot für angehende Akkordeonistinnen und Akkordeonisten hierzulande? Ist das so wie es sein soll oder gäbe es Verbesserungsmöglichkeiten?

In Deutschland bieten 24 Hochschulen eine musikalische Ausbildung an. Elf davon sind mit einem Ausbildungsgang für das Hauptfach Akkordeon ausgestattet. Darüberhinaus gibt es noch diverse Akademien, Konservatorien sowie Fachhochschulen, die eine berufliche Professionalisierung anstreben. Insgesamt gesehen sind wir also für unser Instrument gut aufgestellt. Allerdings sollte meiner Meinung darauf geachtet werden, dass alle Regionen in Deutschland über unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten verfügen, denn in jedem Bundesland schlummern Talente, die geweckt werden wollen. Im Bundesland Bayern gibt es beispielsweise drei Ausbildungsstätten im Hochschulbereich (München, Nürnberg, Würzburg), während in Nordrhein-Westfalen die weitere Entwicklung der Hochschulausbildung teilweise auf der Kippe steht und Berlin mit einer Etablierung im Hochschulbereich kämpft. Es ist also ein Kommen und Gehen. Die stilistische Vielfalt ist bedenkenswert. Mit einer Professur im Bereich der Improvisation könnten neue Impulse gesetzt werden. Klar ist, dass Ausbildungsstätten essentielle Hotspots für eine instrumentale Entwicklung darstellen. Von ihnen hängt auch ab, wie sich unser Instrument in Zukunft entwickeln wird.

„Ich sehe die meisten Möglichkeiten darin, sich selbst zu erkennen und einen Weg für die Verwirklichung des Potentials zu finden.“

  • Stilistisch bekommen im Repertoire für den Konzertsaal Interpretationen klassischer Werke und zeitgenössische Musik viel Platz, teilweise außerdem Tango, Jazz und andere Richtungen. Wo sehen Sie derzeit die meisten Möglichkeiten für angehende Akkordeonistinnen und Akkordeonisten?

Mmh, wie werden diese Möglichkeiten definiert? Sind es die meisten Menschen im Konzertsaal, die meisten Klicks, die größte Aufmerksamkeit? Wird die größte Aufmerksamkeit zum wichtigsten Kriterium? Was wollen wir entwickeln? Natürlich, der Markt hat eine Bedeutung im gesellschaftlichen Leben. Angebot und Nachfrage, ganz simpel. Die Frage für mich ist aber, wie sich der Mensch mit seiner Musik definiert. Die künstlerische Entscheidung sollte an erster Stelle stehen, auch wenn der Markt teils unbarmherzig seinen Tribut einfordert. Die Entscheidung wird jeder Mensch, jede Künstlerin und jeder Künstler individuell treffen. Für die einen ist die Reaktion des Marktes von essentieller Bedeutung, für die anderen ist es essentiell, eine Idee zu verwirklichen, unabhängig davon, ob sie in der Gesellschaft Gefallen findet oder nicht. Ich sehe die meisten Möglichkeiten darin, sich selbst zu erkennen und einen Weg für die Verwirklichung des Potentials zu finden.

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Foto: Guido Werner

  • Soloakkordeon mit Orchester, Solorecitals, Kammermusik, möglicherweise Ensembles mit eigener Originalmusik, oder etwas ganz anderes. In welche Richtungen streben Ihrer Erfahrung nach besonders viele Ihrer Studierenden?

An sich ist eines ganz klar: Die Studierenden wollen spielen!! Ja, gut so! Und vielleicht am liebsten ein Solorecital in einer voll besetzen Carnegie Hall. Ideal und Wirklichkeit? Aber auch wenn uns die Realität immer wieder einholt: Für unser Menschsein haben Ideale einen unschätzbaren Wert! Die größten Stärken des Akkordeons sehe ich im Ensemble mit anderen Instrumenten. Eine eigene, unverkennbare Sprache wird unser Instrument mit der Originalmusik entwickeln.

  • Wie wichtig ist internationaler Austausch für die Studierenden?

Der Mensch wird am Du zum Ich. Dieser schöne Satz von Martin Buber zeigt, dass das Erleben des Anderen für unser Verständnis bedeutsam und bereichernd ist. Das Erasmus-Programm bietet den Studierenden exzellente Möglichkeiten, die genutzt werden wollen. Ob nun als Austausch oder gar mit einem Auslandsaufenthalt: Die gesammelten Erfahrungen werden den Lebensweg prägen. Auf geht’s!

    „Die größten Stärken des Akkordeons sehe ich im Ensemble mit anderen Instrumenten.“

    • Welche Bedeutung messen Sie Wettbewerben bei, etwa dem Coupe Mondiale oder dem Trophée Mondiale?

    Wettbewerbe sind Katalysatoren für Entwicklungen und können richtungsweisend wirken. Die Veranstalter tragen mit der Art der Ausschreibung eine Verantwortung: Welche Pflichtstücke oder Wahl-Pflichtstücke werden gewählt? Die Auswahl trägt dazu bei, dass diese Kompositionen international gespielt werden – was für eine Chance! Des Weiteren wird mit der Zusammensetzung der Jury ein Statement dazu abgegeben, welche Werte und Qualitäten des Spiels von Bedeutung sind. Was hört eine Jury, was hört sie nicht? Natürlich, Subjektivität wird immer im Spiel sein und wir wissen, dass Wettbewerb und Kunst eigentlich nicht Hand in Hand gehen können. Aber die Jugend will sich messen und wächst daran. Mit Wettbewerben lernen wir, Programme auf den Punkt zu bringen.

      Foto: Endrio Figuretti

      • Es fällt auf, dass bei den internationalen Wettbewerben immer wesentlich mehr Akkordeonisten teilnehmen als Akkordeonistinnen. Was denken Sie, woran könnte das liegen?

      Das sollte sich ändern, es wird sich auch ändern! Noch im letzten Jahr sah ich bei einem internationalen Wettbewerb eine große Jury, die ausschließlich männlich besetzt war. Oops! In der Jury-Zusammensetzung sollte sich die Gemeinschaft aller Spielenden wiederfinden: jünger, älter, weiblich, männlich, dazu weitere Kriterien. Im Studium beobachte ich, dass sich die Jahrgänge durchaus unterschiedlich zusammensetzen, deshalb blicke ich erwartungsvoll in die Zukunft!

      • Wenn Sie sich Ihre eigene bisherige Karriere auf der Konzertbühne und an der Hochschule ansehen, was war für Sie dabei besonders wichtig?

      Eigentlich die simplen Dinge des Lebens: Offenheit, Ehrlichkeit, Tiefgründigkeit im Studium, Freiheit des Künstlerischen, Entwicklungsbereitschaft. „Ja, das wissen wir doch schon!“ Stimmt, aber das Wissen ist das Eine, das Erkannte in die Tat umzusetzen das Andere und letztendlich das Entscheidende. Und ansonsten entwickelt sich aus einem Ereignis meist das nächste und manchmal haben wir das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

      • Welche Aspekte würden Sie zum Thema gern noch anmerken?

      „Das Was bedenke, mehr bedenke Wie!“, mit Gruß aus Weimar.

      Claudia Buder

      Foto: Guido Werner

      Christina M. Bauer | Redaktionsleiterin

      Ich bin Redaktionsleiterin für die Jahresausgabe akkordeon magazin 2026 und akkordeon.online Als freiberufliche Musikjournalistin arbeite ich mit Verlagen, Zeitschriften, Zeitungen und Onlinemedien. (Foto: Fotostudio Belichtungswert)

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